Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen


"Die Folgen des Internets sind eine methodische Herausforderung, keine technische."

Die "T(o)uring-Schule" nimmt gemeinsam mit Lehrern und Schülern das Internet der Dinge unter die Lupe. Das Prinzip: eine mobile Pop-Up-Schule, die das Internet und Schule als soziale Räume erfahrbar macht – spielerisch und ganz ohne Hightech.

Ein Spielbrett mit zwei Würfeln.Szene aus der spielerischen Unterrichtspraxis der T(o)uring Schule. (© Thomas Meyer)

werkstatt.bpb.de: Sie haben 2016 gemeinsam mit Kaori Kristensen das Projekt T(o)uring-Schule gegründet. Was verbirgt sich dahinter?

Thomas Meyer: Die T(o)uring-Schule nutzt die vertrauten Lernräume von Lehrenden und Lernenden. Wir wollen neue Beziehungen zwischen der digitalen, globalen Vernetzung durch das Internet und der Schule herstellen. Jedes Fach vermittelt Kompetenzen für den technologischen Wandel. Die Vermittlung dieses Wissens ist nicht abhängig von der technischen Ausstattung, sondern von der (Selbst)befähigung der Lehrerinnen und Lehrer, der Schülerinnen und Schüler sowie der Motivation der Schulleitung, die Zukunftsthemen in den Unterricht zu holen. Deshalb sind wir eine Pop-Up-Schule, die zeigt, mit welchen Methoden (und nicht Geräten) die aktuelle Lernsituation an der Gastgeberschule erweitert werden kann. "Pop-up" bedeutet, dass wir "von außen" zu einer Schule dazu kommen und bestehende Unterrichtsstrukturen um neue Methoden und zukunftsweisende Szenarien erweitern. Die Schulen können und müssen nicht auf die Finanzierung von neuer Ausstattung warten, denn das Internet ist vor allem ein sozialer Raum, dessen Folgen sich auch analog abbilden und erfahren lassen. Da diese Folgen aber weitreichend sind, dürfen wir nicht mehr warten, um den jungen Menschen die entsprechende Kritikfähigkeit zu vermitteln. Alle gesellschaftlichen Bereiche sind betroffen. Deshalb sind wir der Überzeugung, dass auch alle Fächer relevant sind und aktualisiert werden können: Wir brauchen keine neuen Fächer zu Themen der Digitalisierung, sondern einen fächerübergreifenden und -verbindenden Unterricht, der sich die neuen Themen zu eigen macht.

Der inhaltliche Fokus des Projekts liegt auf dem Internet der Dinge, das absehbar weitreichende Folgen haben wird: In der sogenannten digitalen bzw. vernetzten Gesellschaft werden immer neue Kompetenzen für selbstbestimmtes Handeln wichtig. Inwiefern bereiten Sie junge Menschen auf diese Zukunft vor?

Wir verstehen immer weniger von den Systemen, von denen wir gleichzeitig immer abhängiger werden. Zudem werden die Grenzen dieser Systeme zunehmend unsichtbar. Die ersten Formen des Internets erforderten ein Verständnis der dahinterliegenden Technik.
Porträtbild Thomas MeyerThomas Meyer (© Thomas Meyer)
Doch die Systeme werden geschlossener, intransparenter und komplexer – heute und in Zukunft müssen wir umso mehr wissen, wie wir uns im Netz verhalten und welche Konsequenzen unser Handeln haben könnte. Das Internet wird von einer Technologie, die wir benutzen, zu einer Situation, die wir erfahren. Deshalb entwickeln wir mit Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und Schülern spielerische Szenarien, die Aspekte und Folgen des Internets der Dinge erfahrbar machen. Was passiert, wenn alle Dinge mit uns kommunizieren können? Was lernen die Systeme von uns? Können wir sie erziehen? Müssen wir alle Hacker werden? Können Maschinen bessere Entscheidungen als wir treffen? Sollten wir das Leben "hacken"? Das sind Fragen, in die wir uns gemeinsam hineindenken.


Und, müssen wir alle Hacker und Hackerinnen werden?

Ja, wir müssen alle lernen, wie wir mit algorithmischer Logik umgehen. Das bedeutet in erster Linie zu verstehen, dass lernende digitale Systeme eine eigene Perspektive auf menschliches Handeln entwickeln. Eine Hackerin oder ein Hacker zu sein bedeutet dann, manipulieren zu können, wie uns diese Systeme beobachten. Die Daten, die wir im Netz hinterlassen, bleiben dort potenziell für immer. Wie sie gelesen und interpretiert werden, hängt von der Gesellschaft ab, in der die Maschinen lernen. Digitale Systeme zu hacken bedeutet in Zukunft, ihnen mit dem eigenen Verhalten und Wissen, das Richtige beizubringen. Wir müssen nicht alle Programmieren lernen, aber wir müssen wissen wie Maschinen denken.

Schaut man sich die deutsche Schullandschaft an, ist noch nicht einmal WLAN ein gesetzter Standard. Wie können insbesondere staatliche Schulen mit geringen Mittel diesen Herausforderungen begegnen?

Es ist vielmehr eine methodische als eine technologische Herausforderung. Jedes Gerät ist nur eine technologische Momentaufnahme, nur ein kleiner Teil der gesellschaftlichen Dimension des Internets. Zwar verspricht die Anschaffung von Geräten eine höhere Attraktivität für die Schule. Sie birgt aber die Gefahr, dass eine noch größere Ungleichheit zwischen den Schulen entsteht. Statt Geräte zu kaufen, sollten die Schulen in ihre Lehrerinnen und Lehrer investieren, indem sie ihnen die zeitlichen Ressourcen zur Verfügung stellen, ihren Unterricht methodisch und inhaltlich zu aktualisieren. Die aktuellsten Geräte bringen zumeist die Schülerinnen und Schüler selbst mit. Für den Umgang muss es klare Regeln geben, und benachteiligte Haushalte können von der Schule unterstützt werden. Sind die Bedürfnisse für den Unterricht klar, können zielgerichtet wenige Geräte angeschafft werden, die sich das Kollegium teilt und für die es klare Verantwortlichkeiten hinsichtlich der Aktualisierung und Wartung gibt.

Wie sieht die Arbeit in einem T(o)uring-Labor konkret aus?

Wir bieten Projektwochen an, in denen die Schülerinnen und Schüler selbst Rollen und Spielregeln für eine digitale Gesellschaft entwickeln. Die Komplexität der Szenarien, die wir mitbringen, hängt dabei von der Klassenstufe ab (Grundschule bis Sekundarstufe II). Mit den Lehrenden haben wir vorher besprochen, welche Kompetenzen der Rahmenlehrplan vermitteln soll und welche Themen sie selber spannend finden. Außerdem bieten wir pädagogische Tage für das ganze oder Teile des Kollegiums an: Dabei vermitteln wir, wie das Internet die Schule verändert und entwickeln zuerst mit den Fachbereichen eine gemeinsame Haltung, die dann fächerübergreifend weiterdiskutiert wird. Am Ende des Tages gibt es neue Konzepte, die Rahmenlehrpläne und zukunftsrelevante Themen miteinander verbinden. Das können konkrete Themen für Projekttage oder -wochen sein, oder neue Methoden für den Unterricht. Daraus ergibt sich schließlich auch ein klares Bild, wie sich die Schule didaktisch weiterentwickeln kann und ob neue Technik angeschafft werden muss.


  • "Die Folgen des Internets sind eine methodische Herausforderung, keine technische."
    Porträtbild Thomas Meyer

    Die Schulen können und müssen nicht auf die Finanzierung von neuer Ausstattung warten, denn das Internet ist vor allem ein sozialer Raum, dessen Folgen sich auch analog abbilden und erfahren lassen.

    Thomas Meyer
  • "Die Folgen des Internets sind eine methodische Herausforderung, keine technische."
    Porträtbild Thomas Meyer

    Letztendlich führt das mobile Internet dazu, dass jeder Ort ein Lernort ist. Dafür entwickeln wir soziale und didaktische Regeln und Konzepte, damit die Schulen ihre Lernräume für andere öffnen und selbst auf "Tour" gehen.

    Thomas Meyer
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Ihre zentrale Methode ist das Spiel. Worin liegt dabei das Potenzial – für Sie, die Lehrenden, aber auch die Schülerinnen und Schüler?

Das Spiel bringt alle auf eine Ebene. Digitale Medien haben dazu geführt, dass sich die Umgangskompetenzen mit Lernmaterialien umkehren – Schülerinnen und Schüler sind technisch meist weiter als ihre Lehrerinnen und Lehrer. Diese können lernen, die Kompetenzen der Jüngeren zu nutzen und sich auf die Befähigung zur Kritik- und Demokratiefähigkeit konzentrieren. Die spielerischen Szenarien werden von allen gemeinsam gestaltet und gespielt. Die Spielregeln dafür zu entwickeln, stellt die Teilnehmenden vor die Herausforderung, für andere neue Erfahrungsmöglichkeiten zu entwickeln und dabei Themen aus vielen Perspektiven zu betrachten.

Wie funktioniert der Ergebnis- und Erfahrungstransfer aus einem Labor in andere Fächer, Schulen oder auch Bildungsformen?

Schulen stehen gerade in den Städten in Konkurrenz zueinander – sie konkurrieren um Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, Räume und Mittel. Es ist eine Katastrophe für die Auseinandersetzung mit einem so wichtigen Thema wie den Folgen der digitalen Vernetzung, wenn die Schulen selbst keine Kompetenzen zur Vernetzung und Kommunikation miteinander entwickeln. Die T(o)uring-Schule versteht sich als Open-Source-Projekt, alle unsere Materialien sind CC-lizenziert. Jedes Ergebnis wird dokumentiert und soll allen Schulen zur Verfügung stehen. Wir suchen aktuell nach einer Finanzierung für ein didaktisches Expertenteam, das internationale und interdisziplinäre Vermittlungsmethoden evaluiert und für das deutsche Schulsystem anwendbar macht. Es soll ein dynamisches Aktualisierungs- und Vernetzungsmodell für alle Bildungseinrichtungen entstehen.

Welche Bedeutung hat das Internet der Dinge für Lehr- und Lernsettings und wie können Schulen digitalen Strukturen mit Raumgestaltung begegnen?

Gemeinsam mit Florian Sievert und seiner Klasse von der Evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESBZ) haben wir dieses Jahr an der Konferenz "Schools of Tomorrow" am Berliner Haus der Kulturen der Welt teilgenommen. Wir haben uns zukünftige Entwicklungen und aktuelle Bedürfnisse angesehen und festgestellt, dass nur wenige Schulen in absehbarer Zeit volldigitalisierte Klassenzimmer bekommen werden. Andererseits wird sich Lehren und Lernen stark verändern, weil immer mehr Inhalte in neuen digitalen Formaten vorliegen und digitale Medien außerhalb der Schule intensiv genutzt werden – YouTube ist heute die weltweit größte Lernplattform, und in Virtual-Reality-Umgebungen können Inhalte eine immersive Kraft entwickeln, mit der der klassische Frontalunterricht nur schwer konkurrieren kann. Dadurch wird die Schule als sozialer Raum umso bedeutsamer. Die Schülerinnen und Schüler der ESBZ haben deshalb Räume gestaltet, die sich Bedürfnissen wie Ruhe und fächerübergreifendem Austausch anpassen können. Sie haben Regeln für den Umgang mit den digitalen Geräten entwickelt, die sie schon heute mit in die Schule bringen. Aber am wichtigsten war ihnen die Möglichkeit, eigene Themen und Interessen einzubringen und gemeinsam mit Lehrerinnen und Lehrern zu diskutieren. Das Internet der Dinge führt dazu, dass die Vernetzung der Welt noch komplexer wird – deshalb braucht die Schule der Zukunft geschützte Räume, in denen wir uns immer neu sozial vernetzen können. Wir müssen uns in die neuen Beziehungen zwischen Menschen und Maschinen einspielen dürfen, um letztendlich besser für den digitalen Wandel gewappnet zu sein.

Inwiefern schafft die T(o)uring-Schule durch den Pop-up-Ansatz neue Lernräume?

Wir wollen nicht die einzigen sein, die sich zwischen den Schulen bewegen. Lehrerinnen und Lehrer und auch Schülerinnen und Schüler sollen in Zukunft andere Schulen und Lernräume besuchen. Letztendlich führt das mobile Internet dazu, dass jeder Ort ein Lernort ist. Dafür entwickeln wir soziale und didaktische Regeln und Konzepte, damit die Schulen ihre Lernräume für andere öffnen und selbst auf "Tour" gehen.

Und das "o" in Klammern?

Unser Name erinnert an den britische Mathematiker Alan Turing, dessen Genialität wir nicht nur einen Großteil der Computerentwicklung zu verdanken haben, sondern auch viele Konzepte zur Wirkung intelligenter digitaler Systeme. Seine Arbeit als Mathematiker und Kryptoanalytiker hat im Zweiten Weltkrieg maßgeblich dazu beigetragen, die Kommunikation des nationalsozialistischen Regimes zu entschlüsseln – der Krieg wurde in der Folge verkürzt und unzählige Leben gerettet. Später wurde er aufgrund seiner Homosexualität zu einer Hormontherapie verurteilt. Die gerichtlich erzwungene Veränderung seines Körpers verursachte Depressionen, vermutlich als Nebenwirkung der medikamentösen Behandlung und mündete in seinem Freitod. Turings Schicksal ist uns deshalb auch eine Mahnung: Fortschritt für das Gemeinwohl kann es in repressiven Gesellschaften nicht geben. Das (o) verweist darauf, dass wir dorthin "touren", wo wir hoffentlich etwas bewegen können.

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Hintergrundinformationen zum Interview:

Thomas Meyer (*1976 in Bad Oeynhausen) studierte Kommunikationsdesign in Düsseldorf und arbeitet seit 2003 als Ausstellungs- und Kommunikationsdesigner. Seit zehn Jahren lehrt er Interaction- und Gamedesign an der Hochschule Düsseldorf und an der Fachhochschule Bielefeld. Seine Lehrtätigkeit und Forschung beschäftigt sich mit der anthropologischen Wirkung digitaler Systeme und in seiner Tätigkeit als Ausstellungsgestalter versucht er, vielschichtige Themen räumlich und interaktiv erfahrbar zu machen. Seit 2017 ist er Mitglied des Konzeptionsteams, der vom Berliner Senat veranstalteten Konferenz "Diskurs.Medien.Bildung".

Die T(o)uring Schule ist ein Projekt von Thomas Meyer und Kaori Kristensen. Sie wurde 2016 als "mobile Schule" gegründet und unterstützt öffentliche Schulen im Rahmen von Projekttagen darin, die Folgen der Digitalisierung zu ermessen und für die Schulentwicklung zu nutzen – insbesondere beim Thema Internet der Dinge. Aktuell gibt es noch keinen Internetauftritt, weil das Projekt sich langsam und ausgehend von persönlichen Kontakten entwickeln möchte. Bei Fragen erreichen Sie Thomas Meyer unter: schule@turingnature.com



Schulporträt: Alemannenschule Wutöschingen


Ein heller Raum mit Holzfußboden, auf dem Boden liegen ein dunkelroter, gemusterter Teppich und zwei rote Sitzkissen.Bildergalerie: Alemannenschule Wutöschingen (bpb/ Fotografin: Theresa Samuelis) Lizenz: cc by-sa/4.0/deed.de

Input-Räume, Marktplatz, Lernatelier – an der Alemannenschule Wutöschingen gibt es kaum noch "normale" Klassenzimmer. So soll Lernen auf vielfältigen Wegen ermöglicht werden. Wir haben uns angeschaut, wie Lernraum hier gedacht und genutzt wird.

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