Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen


Schulporträt: Hellerup Skole, Dänemark

In der Hellerup-Schule gibt es keine Klassenzimmer und auch keine Schulglocke. Im Mittelpunkt steht das eigenständige Lernen der Schüler/-innen. Wir haben die Schule besucht und mit Lasse Reichstein, ihrem Direktor, gesprochen.

Raumelement in der Hellerup-SchuleBildergalerie zur Hellerup-Schule. Klicken Sie auf das Foto, um zur Galerie zu gelangen. Lizenz: cc by-sa/4.0/deed.de (bpb/ Fotograf: Tobias Brecht)

Kaum hat man die Hellerup-Schule betreten, ist man auch schon mittendrin im Unterrichtsgeschehen: An Schuhregalen und einigen Tischtennisplatten vorbei steuert man vom Eingang aus auf eine breite Treppe zu, die die drei Stockwerke der Schule als zentrales Raumelement miteinander verbindet. Schülerinnen und Schüler bleiben hier zwischen den Unterrichtseinheiten stehen und unterhalten sich oder nutzen die geräumigen Treppenstufen für ihre Gruppenarbeiten. Unterricht findet an der Hellerup Skole nicht in geschlossenen Klassenräumen statt, sondern überall in der Schule. Auf drei verschiedenen Ebenen arbeiten Schülerinnen und Schüler zusammen an im Raum verteilten Tischen und Sitzecken, die Lehrenden gehen von einer Gruppe zur nächsten und stehen für Fragen bereit oder unterstützen einzelne Kinder. Einige der jüngeren Schülerinnen und Schüler springen zwischendurch auf und rennen herum, um sich dann aber sofort wieder in ihre Arbeit zu vertiefen. Das Konzept scheint aufzugehen: Obwohl es keine Wände gibt, ist es ruhig, und trotz oder gerade wegen der großen Freiheit, die die Schüler und Schülerinnen genießen, arbeiten sie konzentriert.

Die Hellerup Skole ist eine öffentlich getragene Gesamtschule (folkeskole) bei Kopenhagen, die von rund 630 Schülerinnen und Schülern im Alter von sechs bis 16 Jahren besucht wird. In Dänemark lernen alle Kinder und Jugendlichen mindestens neun Jahre lang gemeinsam. Abschlussprüfungen, die für eine weiterführende Bildung qualifizieren finden nach der 9. bzw. 10. Klasse statt. Einzugsgebiet der Schule ist die wohlhabende Gemeinde Gentofte, ein Vorort von Kopenhagen. Da in Gentofte relativ wenig Kinder leben, besuchen auch Schülerinnen und Schüler aus Kopenhagen die Schule. Die Schule ist inklusiv und nimmt auch Schülerinnen und Schülern mit Lernschwierigkeiten, Aufmerksamkeitsstörungen oder Auffälligkeiten im Autismus-Spektrum auf.

Architektur und Raumkonzept: "Beim Thema Inklusion spielt uns die Architektur in die Hände"

Die Hellerup Skole wurde 2002 gebaut und im Rahmen eines partizipativen Prozesses entworfen. Der Bauphase ging eine zweijährige Konzeptionsphase voran, in der die Architektinnen und Architekten gemeinsam mit Lehrkräften, Eltern, Schülerinnen und Schülern, Berater/-innen sowie Vertreter/-innen der Gemeinde ein pädagogisch-räumliches Konzept entwarfen. Ergebnis ist eine "Schule ohne Klassenräume", in der der Unterricht in kurze Instruktionsphasen und längere Phasen eigenständiger Projektarbeit unterteilt ist. Jeweils drei bis vier Klassen von jeweils etwa 25 Schülerinnen und Schülern sind in einer "home area" zusammengeschlossen, einer Lernzone, zu der jeweils eine Küche sowie ein Raum für das Lehrendenteam gehören. Nach einer Instruktionsphase in hexagonalen, halb geschlossenen Raumelementen arbeiten die Schülerinnen und Schüler projektbezogen in kleinen Gruppen zusammen. Zur Verfügung stehen ihnen hierfür verschiedene Sitzgruppen, Stehtische oder auch informellere Raumelemente wie Sitzkissen und Sofas. Zentrales Element der Schule ist eine große Treppe, die nicht nur der Verbindung der drei Ebenen dient, sondern zugleich Treffpunkt ist.

Klassenstrukturen können sich in dem offenen Raum teilweise auflösen: Beispielsweise kann ein Lehrer oder eine Lehrerin der einen Klasse auch Schüler und Schülerinnen der anderen Klassen unterstützen. "Lehrerinnen und Lehrer sind bei uns nicht in ihrem Klassenzimmer isoliert. Das bedeutet auch: Sie sind mit ihren Problemen nicht alleine. Die offene Raumstruktur hilft uns dabei, uns gegenseitig zu unterstützen", erklärt Schuldirektor Lasse Reichstein. Ein weiterer Vorteil der offenen Räume: Einzelne Kinder können besser gefördert werden. "Beim Thema Inklusion spielt uns die Architektur in die Hände", so Reichstein. "Wenn ein Kind in einem klassischen Klassenzimmer Probleme hat, stillzusitzen oder sich leise zu verhalten, stört es die anderen. In einer offenen Lernumgebung dagegen kann sich die Lehrkraft einem solchen Kind in einer ruhigeren Ecke widmen oder das Kind kann kurz aufstehen, herumrennen, und danach weiterarbeiten, ohne dabei von seiner Klasse isoliert zu werden."

Lehrkonzept: "Die Kinder müssen das Lernen lernen"

Der Unterricht der Hellerup-Schule orientiert sich an den "21st century skills" von Michael Fullen. Die Schule will ihren Schülerinnen und Schülern problemlösendes und kritisches Denken vermitteln sowie die Fähigkeit zum kollaborativen Arbeiten und zur Selbstevaluation. "Uns ist es wichtig, dass die Kinder wissen, warum sie in die Schule gehen. Sie müssen das Lernen lernen, d.h. ihnen muss klar sein, was sie lernen sollen und sie müssen die richtigen Strategien kennen, wie sie sich dieses Wissen – alleine oder in Kooperation mit anderen – aneignen", betont Reichstein.

Jede Unterrichtseinheit sieht eine kurze Vortragsphase durch die Lehrkraft vor, gefolgt von eigenständiger Projektarbeit. "Wir versuchen, die Instruktionsphase möglichst kurz zu halten, da wir überzeugt sind, dass Kinder am besten lernen, wenn man sie aktiviert", erklärt Reichstein. Einen Schulgong gibt es nicht, dafür aber klare Abmachungen zwischen Lehrenden und Schülerinnen und Schülern. Ziel ist es, dass die Schüler/-innen Verantwortung für ihr eigenes Lernen übernehmen. Um dies zu fördern, arbeiten die Schülerinnen und Schüler ab der Sekundärstufe an 7-8 Tagen im Jahr nach einer kurzen Instruktionsphase sogar völlig eigenständig und ortsungebunden. Je älter die Schülerinnen und Schüler sind, desto offener und komplexer werden dabei die Aufgabenstellungen. Mit den Lehrerinnen und Lehrern können die Schüler/-innen während dieser Projekttage über Skype kommunizieren, wenn sie Hilfe brauchen. Diese "Vertiefungstage" seien eine gute Möglichkeit für die Schülerinnen und Schüler, Selbstevaluation und Selbstkontrolle zu üben, so Reichstein. Auf die Fähigkeit zur Selbstorganisation- und -evaluation der Schüler/-innen wird großer Wert gelegt, doch gleichzeitig werden ihre Lernfortschritte eng überwacht. Etwa zwei Mal pro Jahr wird das Wissen der Schülerinnen und Schüler in Prüfungen abgefragt. Dazu zählen staatlich vorgeschriebene Tests in Mathematik und Dänisch (die die Hellerup-Schule häufiger durchführt als vorgeschrieben) sowie weitere kleinere Tests, die beispielsweise Leseverständnis und -geschwindigkeit der Schüler/-innen überprüfen. Mittlerweile wird außerdem spezielle Lernsoftware eingesetzt, um die Lernfortschritte der einzelnen Schüler/-innen individuell und kontinuierlich überwachen zu können. Noten erhalten Schülerinnen und Schüler in Dänemark erst ab der achten Klasse, davor werden schriftliche Einschätzungen an die Eltern vergeben.

Auch interdisziplinäres Lernen wird gezielt gefördert: In den drei oberen Klassen verlaufen 20 Wochen im Jahr "klassisch" entlang von Schulfächern. Die anderen 20 Schulwochen dagegen wird projektbezogen gelernt und unterrichtet. Ein Projekt zum Thema Nachhaltigkeit berücksichtige dabei zum Beispiel Lernziele aus Fächern wie Mathematik, Physik, aber auch Gesellschaftskunde, erklärt Reichstein.

Vor allem die älteren Schüler/-innen arbeiten mit Laptops. In der gesamten Gemeinde Genthofte gilt das "Bring your own device"-Prinzip. Haben die Schüler/-innen jedoch keinen eigenen Laptop, stellt die Schule Geräte. Ab der ersten Jahrgangsstufe lernen die Kinder programmieren, doch gerade bei den jüngeren Schülerinnen und Schülern wird ebenso viel Wert auf nicht-digitales Lernen gelegt: "Kinder müssen lernen mit ihren Händen umzugehen", findet Reichstein. "Das ist eine andere Art des Lernens."

"Es liegt in der Natur unserer Schule, Neues auszuprobieren"

Eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg von Hellerup: Neues wird ausprobiert und auch wieder verworfen. "Es liegt in der Natur unserer Schule, Neues auszuprobieren. Als die Hellerup Skole 2001 eröffnet wurde, beruhte unser Lehrkonzept noch auf der Lernstiltheorie von Howard Gardner und Kenneth und Rita Dunn. Mittlerweile hat die Forschung jedoch gezeigt, dass die Einteilung in Lerntypen Schülerinnen und Schüler nicht beim Lernen hilft, sondern dass sie dadurch vielmehr stigmatisiert werden", berichtet Reichstein.

Vor einigen Jahren probierte die Schule außerdem ein "Gleitzeitmodell" aus, bei dem Schülerinnen und Schüler zwischen 8.00 und 9.00 in die Schule kommen und entsprechend früher gehen oder länger bleiben konnten. "Das Ganze endete im Chaos", erzählt Reichstein. "Kinder sind noch nicht reif genug, diese Art von Entscheidungen zu treffen. Den Fehler, den wir gemacht haben – und den auch viele Politikerinnen und Politiker machen, wenn sie über Erziehung sprechen – ist, dass wir zu hohe Erwartungen an die Kinder hatten. Wir haben sie mit Erwachsenen gleichgesetzt und nicht berücksichtigt, wie das Gehirn von Kindern arbeitet."

Gemeinschaftssinn im Fokus

Der individuellen Förderung jedes einzelnen Schülers/jeder einzelnen Schülerin wurde über die Jahre hinweg gleichbleibende Priorität beigemessen. Reichstein betont allerdings, dass der gemeinschaftliche Aspekt des Lernens an der Hellerup Skole im Vordergrund stehe. "Wir sind der festen Überzeugung – und die Forschung gibt uns hier Recht –, dass von einem gemeinschaftlichen Lernen, bei dem die einzelnen Schülerinnen und Schüler nicht nur Verantwortung für sich selbst, sondern auch die Gruppe übernehmen, am Ende jeder Einzelne profitiert." Um den Gemeinschaftssinn über die verschiedenen Jahrgangsstufen hinweg zu fördern, gibt es einmal im Jahr eine Projektwoche, deren Thema entweder einem Motto oder einem besonderen Interesse wie Kunst, Musik oder Digitales gilt. Durch die offenen Räume ergibt sich kollaboratives Lernen jedoch auch ganz von allein. Denn dadurch, dass die Klassenstrukturen durch den Unterricht im offenen Raum verschwimmen, können Schüler und Schülerinnen über Klassen hinweg zusammenarbeiten und sich anfreunden. Entsprechend gäbe es auch keinen Konkurrenzkampf zwischen den Klassen, schließt Reichstein. "Die Struktur unserer Schule bringt alle näher zusammen und ermöglicht engere und bessere Beziehungen. Bei uns ist es einfach schwerer, allein zu bleiben."

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-SA 4.0 - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Ihr Kommentar:

(*) Diese Felder sind Pflichtfelder

Ihr Kommentar wird von der Redaktion geprüft und dann freigeschaltet



Interview mit Rainer Schweppe

Wie bauen wir die Schulen für die Zukunft?

Rainer Schweppe berät Politik und Institutionen im Schulbaubereich. Er leitete die FAG Schulraumqualität des Landes Berlin, die das Konzept der Berliner Lern- und Teamhäuser entwickelte, begründete das Münchner Lernhauskonzept und setzte in NRW ein neues Schulbaukonzept um. Er fordert, "anspruchsvoller Schulbau muss zeitgemäßen pädagogischen Kriterien folgen!"

Mehr lesen

Hätten Sie es gewusst?

Quiz: Von Kinderbuch-Apps bis Medienkompetenz

Was bedeutet Pädagogik der Vielfalt und welche Funktionen kann eine Kindersuchmaschine haben? Testen Sie Ihr Wissen zum Thema Smart Kids mit unserem Quiz!

Jetzt spielen

werkstatt.bpb.de in Social Media

Was bedeutet Web 2.0 für die politische Bildung? Das Archiv des Weblogs pb21.de bietet Praxisbeispiele, Anleitungen und Tipps um das Web 2.0 als Werkzeug der politischen Bildung.

Mehr lesen auf pb21.de

Im Archiv von werkstatt.bpb.de finden Interessierte viele informative Artikel, Interviews und Videos zum Thema zeitgemäße Vermittlung von Zeitgeschichte und Politik in Schulen und in der außerschulischen Bildung vor dem Hintergrund aktueller Herausforderungen wie Migration und Digitalisierung.

Mehr lesen auf werkstatt.kooperative-berlin.de

Spezial

OER - Material für alle

Über den Einsatz sogenannter Open Educational Resources (OER) im Unterricht wird schon seit einigen Jahren diskutiert. In den Schulen selbst jedoch führt das Thema noch immer ein Schattendasein. Dieses Spezial soll Abhilfe schaffen: Die Beiträge liefern Grundlagen zum Thema freie Bildungsmaterialien und bieten Hilfestellungen, um OER von der Theorie in die schulische Praxis zu überführen.

Mehr lesen