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Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen


"Die physische Umgebung beeinflusst unser Wohlbefinden"

Lernräume müssen neu gedacht werden, findet die Architektin und Designerin Rosan Bosch, die sich auf die Gestaltung von Schulen spezialisiert hat. Im Interview spricht sie darüber, wie der Raum in Schulen genutzt werden kann, um personalisiertes und kollaboratives Lernen zu fördern.

Portrait Rosan BoschSchülerinnen und Schüler sollen ihren Lernraum mitgestalten können. Design: Rosan Bosch Studio (© Kim Wendt)

werkstatt.bpb.de: Frau Bosch, was hat Sie dazu bewegt, sich in ihrer Arbeit der Architektur und dem Design von Schulen zu widmen?

Ehrlich gesagt war meine Motivation eine sehr persönliche: Kinder sind extrem kreativ, sie wollen Dinge entdecken und immerzu lernen. Als meine beiden Söhne in die Schule kamen, hatte ich allerdings den Eindruck, dass sie ihre natürliche Neugierde immer stärker verloren. Die Schule, so kam es mir vor, suggerierte ihnen, bloß nicht zu viele Fragen zu stellen und schränkte ihre Lust am Entdecken und ihre Kreativität eher ein als sie zu fördern. Meine Kinder hatten einfach nicht mehr diese natürliche Freude am Lernen. Sie gingen zur Schule, weil sie mussten, und auch Lernen war nicht mehr etwas, das Spaß bringt, sondern etwas, das man tun musste. Mein älterer Sohn zum Beispiel konnte schon lesen, bevor er in die Schule kam, und er liebte es. Durch die Schule empfand er es aber immer mehr als eine Pflicht und hatte entsprechend in seiner Freizeit keine Lust darauf. Ich habe das sehr bedauert und habe mit der Lehrerin darüber gesprochen. Sie sagte, dass es ihr leid tue und dass sie die Kinder wirklich gerne individueller fördern würde. Es sei aber bei 30 Kindern in einem Klassenraum einfach nicht möglich, jedes Kind einzeln zu betreuen. Alle müssten sich anpassen, zumal es nur einen Raum gäbe. So wurde mir klar, dass die physische Lernumgebung eine große Rolle für ihre Möglichkeiten als Lehrerin spielte und ich als Innenarchitektin dazu beitragen konnte, die Situation zu ändern. Mein ältester Sohn ist inzwischen 20, und es ist schon viel passiert seitdem. Aber es geht trotzdem nicht schnell genug.

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Über unsere Interviewpartnerin:

Rosan Bosch arbeitet seit 20 Jahren an der Schnittstelle von Kunst, Architektur und Design. Sie hat verschiedene Schulen in Schweden, Spanien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und auf den dänischen Färöer Inseln entworfen. Sie ist Gründerin des Rosan Bosch Studios und international für ihren innovativen Ansatz bekannt, wie Schulen Kindern das kreative Denken erhalten können.

Warum müssen wir Lernraum Ihrer Meinung nach neu denken?

Traditionelle Schulgebäude sind darauf ausgerichtet, eine große Gruppe von Schülerinnen und Schülern gleichzeitig in einem Raum zu unterrichten. Alles andere funktioniert nicht. Wenn nur einer laut spricht, stört das alle anderen. Kurz gesagt: Traditionelle Klassenräume unterstützen ein pädagogisches Modell, das die Schülerinnen und Schüler als Gruppe und nicht als Individuen begreift und steht damit dem personalisierten Lernen entgegen. Enge Klassenräume hindern Kinder außerdem daran, Verantwortung für ihr eigenes Lernen zu übernehmen: Wenn ich nicht die Möglichkeit habe, mir eine Lernumgebung zu suchen, die meinen Bedürfnissen entspricht, schränkt das meine Fähigkeit ein herauszufinden, wie ich am besten lerne. Dabei müssen Kinder dringend das Lernen selbst lernen. 65 Prozent der Kinder, die heute in die Grundschule kommen, werden später Berufe haben, die es noch nicht gibt.[1] Schulen müssen daher selbstständiges Lernen ermöglichen, um die Kinder fit für die Zukunft zu machen. Design kann diesen Prozess unterstützen, indem es uns dazu anregt, unser Verhalten zu ändern. Ein weiterer Punkt betrifft die emotionale Ebene: Traditionelle Klassenräume sehen alle gleich aus, sie wirken wenig anregend auf die Kinder und sprechen Kindern ihren individuellen Geschmack ab. .Schafft man dagegen eine physische Umgebung, die die Sinne der Schülerinnen und Schüler anregt, lernen diese schneller und intensiver. In einer langweiligen Umgebung schalten Kinder schnell ab. Dabei weiß jede gute Lehrkraft um die Wirkung, die sich mit überraschenden Elementen im Unterricht erzielen lässt.

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    Traditionelle Klassenräume unterstützen ein pädagogisches Modell, das Schülerinnen und Schüler als Gruppe und nicht als Individuen begreift.

    Rosan Bosch, Architektin & Designerin
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    Die physische Umgebung beeinflusst Wohlbefinden, Geist und Körper, und wir sind immer noch "Analphabeten", wenn es darum geht, ein Bewusstsein für diesen Zusammenhang zu entwickeln.

    Rosan Bosch, Architektin & Designerin
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    Durch die Digitalisierung wandelt sich die Gesellschaft grundlegend. Schulen sind ein wichtiger Teil der Gesellschaft und sollten sich dem nicht verweigern.

    Rosan Bosch, Architektin & Designerin
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    Die Kinder und Jugendlichen sind Teil der digitalen Generation und Schulen müssen ihnen dabei helfen, sich in dieser digitalen Welt zurechtzufinden.

    Rosan Bosch, Architektin & Designerin
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Wie kann eine solche "neue" Lernumgebung aussehen?

Um eine personalisierte Lernumgebung und Raum für unterschiedliche Lernsituationen zu schaffen, haben wir sechs verschiedene Prinzipien bzw. Design-Prototypen entwickelt: Unser "Mountain Top"-Element (engl., Berggipfel) ermöglicht auch im offenen Raum den traditionellen "Frontalunterricht". Es ist ja nicht so, dass diese Unterrichtsform falsch wäre. Unser Gehirn kann eben nur nicht viel länger als 20 Minuten fokussiert bleiben. Danach geht es darum, die Schülerinnen und Schüler zu aktivieren. Damit in dieser aktiven Phase Aufgaben gemeinsam in Gruppen oder in konzentrierter Einzelarbeit bearbeitet werden können, bedarf es weiterer Raumelemente, die diese Unterrichtsformen möglich machen. Wir haben dazu die Elemente "Camp Fire" (engl., Lagerfeuer) und "Cave" (engl., Höhle) entwickelt. Wie die Namen schon erahnen lassen, geht es bei "Camp Fire" um kreisförmige Arrangements, in denen im Team gearbeitet werden kann. "Caves" dagegen sind Rückzugsorte für eigenständiges Arbeiten. Das Element "Watering Hole" (engl., Wasserstelle) unterstützt wiederum die informelle Interaktion. Das können zum Beispiel Plätze sein, in denen Schülerinnen und Schüler ihre Projektarbeiten ausstellen und damit andere inspirieren, etwa Flurbereiche oder offene Bibliotheken. Als "Hands-on" bezeichnen wir Orte, an denen die Kinder mit ihren Händen arbeiten, also Bereiche für Kunst, Musik oder naturwissenschaftliche Versuche. Zu guter Letzt brauchen wir Raum für Sport, Tanz und Bewegung im Allgemeinen. Mithilfe all dieser Elemente entstehen Lernlandschaften, die differenziertes Lernen möglich machen. Nun ist es nicht so, dass dies nicht auch in traditionellen Lernumgebungen möglich wäre. Aber es ist schwieriger umzusetzen, denn Menschen tun sich schwer mit Veränderungen. Design kann uns dabei unterstützen, indem es beispielsweise kollaborative Arbeitsbereiche schafft, die zu Teamwork einladen. Design ist damit auch Kommunikationsmedium: es suggeriert der gesamten Schulgemeinschaft, dass ein anderes Lernen möglich ist und hilft uns dabei, neue Verhaltensweisen auszuprobieren.

Was können Schulen in wenigen einfachen Schritten und mit geringem Budget tun, um eine solche Lernumgebung zu schaffen?

Wenn es um reale oder vermeintliche Gründe geht, die gegen eine Umgestaltung des Lernraums sprechen, wird das finanzielle Argument tatsächlich immer an erster Stelle aufgeführt. Dabei braucht man für viele Änderungen kaum Geld. Das zeigt sich sehr deutlich in unserer Arbeit mit Schulen in Südamerika, die mit sehr wenig sehr viel auf die Beine stellen. Natürlich kann man mit knappen Ressourcen nicht alles ändern, aber das sollte kein Grund sein, gar nicht erst damit anzufangen! Der beste Rat, den ich Lehrenden geben kann: Gebt den Schülerinnen und Schülern mehr Verantwortung für ihr eigenes Lernen und erlaubt ihnen, den Raum in der Schule freier zu nutzen. Öffnen Sie die Türen, denken Sie den Raum Ihrer Schule neu, nutzen Sie die Korridore und arbeiten Sie vielleicht sogar über den Flur hinweg mit weiteren Klassen zusammen. Die Schülerinnen und Schüler werden schnell den für sie richtigen Ort zum Lernen finden. An einer Schule, mit der wir zusammengearbeitet haben, haben wir zum Beispiel einen alten Teppich in mehrere kleine Teile geschnitten. Brauchten die Kinder einen Platz zum Sitzen, beispielsweise für Gruppenarbeiten, breiteten sie ihre Teppichstücke einfach neben ihren Tischen aus und das war dann ihr neuer Gruppenarbeitsplatz. Wie dieses Beispiel zeigt, kann man neue Lernsituationen mit ganz einfachen Mitteln herstellen.[2]

Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf das Design von Schulen?

Verwenden Schülerinnen und Schüler Laptops, verändern sich damit ihre Art, Räume zu nutzen und ihre Anforderungen an den Lernraum komplett. Viele Jugendliche arbeiten am liebsten auf einem Sofa liegend mit dem Laptop auf den Knien. Möbel und Innendesign müssen diese neuen Körperpositionen berücksichtigen. Klassische Stühle sind im Übrigen sowieso nicht sehr gesund, das heißt, wir tun gut daran, neue Design-Optionen zu finden. Hierin liegt eine große Chance. Denn der Raum, in dem wir uns bewegen, hat Einfluss auf den Lernerfolg. Ein Schüler fühlt sich zum Beispiel in dem einen Raum wohler, seinen Mitschülerinnen und Mitschülern etwas vorzutragen als in einem anderen. Die physische Umgebung beeinflusst unser Wohlbefinden, unseren Geist und unseren Körper und wir sind immer noch Analphabeten, wenn es darum geht, ein Bewusstsein für diesen Zusammenhang zu entwickeln. Mithilfe von Design können wir verschiedene Optionen anbieten, die uns dazu einladen, unsere Körperposition zu ändern und uns dadurch bewusst zu werden, wie unser Körper und entsprechend auch der Raum unseren Geist beeinflussen.

Und wie verändern digitale Medien den Unterricht an sich?

Die Digitalisierung wird in den Schulen einiges verändern, anderes jedoch auch nicht. Nicht ersetzen lassen sich zum Beispiel physische Treffen und soziale Interaktionen innerhalb einer Gruppe, wie wir sie mit unseren Design-Elementen fördern wollen. Wenn ich von den Auswirkungen der Digitalisierung auf den Unterricht spreche, meine ich damit nicht die Nutzung von Smartboards oder anderer technischer Spielereien, all das ist völlig irrelevant. Den größten Einfluss haben digitale Medien in der Schule dadurch, dass sie die Art, wie wir kommunizieren, wie wir Informationen finden und bewerten, verändern. Durch die Digitalisierung wandelt sich die gesamte Gesellschaft, und zwar grundlegend. Schulen sind ein wichtiger Teil der Gesellschaft und sollten sich dem nicht verweigern. Ein Schuldirektor erzählte mir einmal, dass die Lehrenden an seiner Schule vor dem Einsatz digitaler Medien im Unterricht zurückschreckten, da sie meinten, sich nicht gut genug damit auszukennen. Dabei müssen sie das gar nicht immer sofort. Im Englischunterricht, so der Schuldirektor, könne zum Beispiel die Aufgabenstellung darin bestehen, eine Website zu bauen, auf der sich die Schüler und Schülerinnen vorstellen. Wie sie die Website bauen, müssen sie in Gruppenarbeit selbst herausbekommen, bei Fragen zum Englischen ist dagegen die Lehrkraft Ansprechpartner. Das hat tatsächlich auch funktioniert und zeigt gut: Mit der Digitalisierung verändert die Rolle von Lehrenden, die nicht mehr immer alles wissen müssen, sondern Kinder und Jugendliche darin unterstützen sollen, sich selbst weiterzuentwickeln.

Fußnoten

1.
Vgl. etwa World Economic Forum: The Future of Jobs (2016), S. 1. Link: http://www3.weforum.org/docs/WEF_FOJ_Executive_Summary_Jobs.pdf (LetzterZugriff: 17.12.2019)
2.
Mehr Informationen: Rosan Bosch, Designing for a Better World Starts at School (2018)
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