Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen


Sozialer Lernort: die öffentliche Bibliothek

Lange galten Bibliotheken als Horte des Wissens. In der digitalisierten Gesellschaft werden sie nun zu kulturellen Zentren, in denen öffentliches Leben und Wissensaustausch ineinandergreifen.

Library Monique-Corriveau Bibliothek in Quebec City, KanadaDie Bibliothek als öffentlicher Begegnungsort kann mehr als nur Bücher bereitstellen – hier: Library Monique-Corriveau Bibliothek in Quebec City, Kanada (© Tu Tram Pham / Unsplash / Lizenz)

Geheime Informationen zwischen vergilbten Papierseiten, unzählige Geschichten versteckt in langen, schweigenden Bücherwänden – Bibliotheken als Orte (verborgenen) Wissens, das allein Gelehrten vorbehalten ist, sind nicht nur ein beliebtes Filmsetting, sondern auch Bestandteil unserer kulturell gewachsenen Vorstellungen von Wissenserwerb, Lernen und Lehre. Wer im Jahr 2018 eine Bibliothek besucht, merkt schnell: Es ist Zeit, sich von diesem Bild zu verabschieden.

Heute verfügen Bibliotheken neben Büchern über digitale Angebote und Plattformen im Internet, bieten Workshops an und werden als Treffpunkt und Begegnungsort genutzt. Weil Informationen über das Internet jederzeit abrufbar sind, haben Datenbanken und mobile Endgeräte viele der klassischen Funktionen von Bibliotheken als (Wissens-) Archive übernommen. Stattdessen treten der Austausch und die Vernetzung der Bibliotheken untereinander noch stärker in den Vordergrund.

Wissen teilen statt horten

Laut Barbara Lison (Bundesvorsitzende des Deutsche Bibliothekenverbands) konnten die öffentlichen Bibliotheken in Deutschland 2017 rund 120 Millionen Besuche verzeichnen. Damit sind sie "die am meisten frequentierte Kultur- und Bildungseinrichtung", so Lison in der Studie "Bibliotheken/Digitalisierung/Kulturelle Bildung. Horizont 2018" des Rates für Kulturelle Bildung [1]. Durch ihre Einbindung in die Gemeinde oder Kommune stehen Bibliotheken einem heterogenen Publikum offen und arbeiten dabei nicht nur generationsübergreifend, sondern fördern auch sprachliche und kulturelle Vielfalt. Zu ihren wichtigsten Merkmalen zählt, dass sie nicht-kommerzielle, frei zugängliche Orte sind. Gegen einen geringen Mitgliedsbeitrag steht Nutzerinnen und Nutzern die gesamte Bandbreite des Angebots zur Verfügung – von der Buchleihe über Konzerte und Lesungen bis zu Spezialangeboten wie etwa der Artothek an der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB). Bei der Auswahl der Medienangebote übernimmt das Team einer Bibliothek kuratorische Funktionen und spricht Empfehlungen aus. Daher kann es in den einzelnen Bibliotheken innerhalb einer Stadt stark variieren. Das Angebot richtet sich in erster Linie nach den Bedürfnissen ihrer Besucherinnen und Besucher, aber auch nach Standortfaktoren und möglichen Kooperationspartnern. So arbeitet beispielsweise die Uwe-Johnson-Bibliothek in Barlachstadt Güstrow mit der dortigen Wohnungsbaugesellschaft zusammen und verlinkt auf ihrer Seite außerdem alle relevanten Verbände, Organisationen und Anlaufstellen der Stadt. Die städtische Bibliothek in Paderborn unterstützt Helferinnen und Helfer in der Geflüchtetenhilfe, indem sie mehrsprachige Medien und Bildwörterbücher angeschaffte.

Die Bibliothek als "Dritter Ort"

Um das Jahr 2010 fand der Begriff "Dritter Ort" des amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg Eingang in die deutsche Fachdiskussion um das Bibliothekswesen. Seitdem nutzen ihn öffentliche Bibliotheken strategisch, um ihr Selbstverständnis als sozialer Ort der Kommunikation zu etablieren. In Oldenburgs Publikation "The Great Good Place" von 1989 beschreibt er als "Third Place" öffentliche Lebensräume, die vor allem durch ihre Offenheit und den inklusiven Charakter als Orte der Zugehörigkeit und des Ausgleichs soziokultureller Unterschiede charakterisiert sind. Gemeint sind alltägliche Lebensräume der Kommunikation und des Austauschs, wie beispielsweise Kaffeehäuser der Jahrhundertwende. Damit bilden diese "Dritten Orte” neben rein privaten Bereichen ("Erster Ort") und Lern- oder Arbeitsorten ("Zweiter Ort”) zentrale Räume gesellschaftlichen Lebens. Die öffentliche Bibliothek hat sich zu einem Ort entwickelt, der zwei dieser Funktionen vereint – sie ist gleichermaßen Lernort und sozialer Ort der Kommunikation.

Neuere Raumkonzepte für Bibliotheken, etwa das der Q-thek [2], legen daher großen Wert auf Aufenthaltsqualität. Je nach Größe und Mitteln der Bibliothek gibt es unterschiedliche räumliche Angebote von Leseecken über Lerninseln für Gruppen hin zu Arbeitstischen, Ruhezonen und medienfreien Räumen. Mobile Möbelelemente in bunten Farben, Lesesessel und Stühle ermöglichen bereits in vielen Bibliotheken flexible Lernsettings und Interaktion. Nicht selten sind eine Cafeteria oder andere Aufenthaltsräume in die Bibliothek integriert. Neben einladenden Räumlichkeiten binden die Angebote und Veranstaltungen gezielt Nutzerinnen und Nutzer ein und unterstützen damit gemeinschaftsbildende Prozesse.

Neue Konzepte der Wissensvermittlung

Ein weiteres Angebot, das in immer mehr Bibliotheken anzutreffen ist, sind Makerspaces - also Räume, in denen sich Menschen mit gemeinsamen Interessen zusammenfinden, um sich unter professioneller Anleitung bestimmte Fertigkeiten beizubringen, selbst Dinge herzustellen oder existierende umzubauen. In den Makerspaces tauschen die Teilnehmenden neben Wissen auch Equipment aus und gestalten Inhalte aktiv mit, wie Annabell Huwig von der Stadtbibliothek Ludwigshafen in der Kampagne "Netzwerk Bibliothek" des Deutschen Bibliotheksverbands in ihrem Tutorial für den YouTube-Kanal der dbv zusammenfasst. Sie verstehen sich als partizipative Orte des Wissensaustauschs.

Beispiele für Makerspace-Angebote können Virtual Reality-Kurse sein, in denen gemeinsam VR-Brillen getestet werden oder wie in der Kölner Stadtbibliothek eigene VR-Szenarien kreiert werden. Aber auch Zeichenwerkstätten oder andere handwerkliche Projekte, darunter Nähkurse oder das Bedrucken von T-Shirts, finden in den Makerspaces statt. Auch Veranstaltungen wie Hackathons gehören zu den neueren Formaten der Wissensvermittlung und werden von verschiedenen Bibliotheken angeboten, u.a. "Hack To The Future" in Baden-Württemberg. 2017 programmierten in der Stadtbibliothek Minden bei "Jugend hackt: Hello World Minden" zwei Tage lang Jugendliche ab zehn Jahren und übernachteten sogar dort. Wie aus der Studie "Bibliotheken/Digitalisierung/Kulturelle Bildung" des Rates für Kulturelle Bildung (August 2108) hervorgeht, avanciert die kulturelle Bildung neben den Fragestellungen der Digitalisierung und der Bibliothek als "Drittem Ort” zur Kernaufgabe zukunftsgerichteter öffentlicher Bibliotheken. Innovative und niedrigschwellige Formate unterstützen dabei die Auseinandersetzung mit Literatur, Film, Comics, Theater und Musik.

Digitale Bildung

Vor dem Hintergrund der Digitalisierung werden öffentliche Bibliotheken als Lernorte, die eine dezentrale Organisation von Wissen fördern, immer wichtiger. Selbstlernkompetenzen oder produktive Dynamiken innerhalb von Lerngruppen werden durch Strukturen und Angebote von Bibliotheken begünstigt. Mit ihren Ressourcen und Bildungsangeboten ermöglichen sie unabhängig von Lehrplänen Zugang zu Wissen und Kernkompetenzen des zukünftigen Arbeitsmarktes. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Quellen des Wissens alte oder neue, digitale oder analoge Medien sind. Kernaufgaben wie die Bereitstellung von Medien werden durch Vermittlungsangebote, z.B. Medienwerkstätten und Projekte kreativer Medienproduktion oder Veranstaltungen zu medienkritischen Themen (u.a.Cybermobbing und Fake News) ergänzt. Beim jährlichen Safer Internet-Day beteiligen sich daher viele städtische Bibliotheken mit Aktionen und Projekten. Daneben existieren Bildungsangebote, die methodisch mit digitalen Lernwerkzeugen wie Online-Kursen arbeiten. Im November 2016 startete in sieben Bibliotheken im Bundesland Baden-Württemberg das Modellprojekt "Deutsch lernen im virtuellen Klassenzimmer", ein Live-Online-Kurs zur Sprachvermittlung von Dozierenden des Instituts für Berufliche Bildung (IBB). Dabei wurden Lernbegleitung und Hausaufgabenbetreuung durch das Bibliothekspersonal übernommen.

Ein Platz mit Potenzial

Mit den wachsenden Angeboten und Aufgaben öffentlicher Bibliotheken stellt sich auch die Frage der Qualifizierung des Bibliothekspersonals: Inwiefern sollte es durch die Mitarbeit von externen Fachleuten unterstützt werden und wie kann eine Ausbildung aussehen, die den Anforderungen der Digitalisierung und den wachsenden Wirkungsbereichen der Bibliotheken gerecht wird? Neben der technischen Ausstattung von Bibliotheken - gerade auch derjenigen außerhalb der Großstädte - stellt die Qualifizierung des Personals die zentrale Herausforderung für ein zeitgemäßes Bibliothekswesen dar.

Ob als Kooperationspartner im Bildungswesen, Kulturzentrum oder technisches Labor: Die Bedeutung der öffentlichen Bibliothek liegt vor allem in ihrer Funktion als Ort sozialer Gleichheit und Begegnung, an dem Wissen frei zugänglich ist und ausgetauscht werden kann. Gleichzeitig birgt sie Potenzial für Innovation und nicht zuletzt auch für (digitale) Inklusion. Wie die Wiener Tageszeitung Der Standard berichtet, eröffnete erst vor kurzem in Salzburg die erste inklusive Bibliothek im deutschsprachigen Raum. So werden dort viele Bücher in einfacher Sprache angeboten, die Räumlichkeiten und die Homepage sind barrierefrei, und die Bibliothek wird von Beschäftigten der österreichischen Lebenshilfe geführt.

Als wichtiger Ort gemeinschaftlichen Lebens und Lernens benötigen Bibliotheken die Unterstützung ihrer Kommune, um in jeglicher Hinsicht Teilhabe ermöglichen zu können. Modelle der Partizipation und Kooperation sind auch hier der Schlüssel, um sie als gesellschaftliche Zentren zu fördern, ihnen einen sicheren Platz in der Bildung einzuräumen und ihrer Funktion im Stadtraum oder der Gemeinde gerecht zu werden.

Fußnoten

1.
Umfrage und Studie des Rats für Kulturelle Bildung e.V. (Hg.): "Bibliotheken/Digitalisierung/Kulturelle Bildung. Horizont 2018", S.5 URL: https://www.rat-kulturelle-bildung.de/fileadmin/user_upload/pdf/2018-08-29_Bibliotheken_Digitalisierung_Kulturelle_Bildung_screen_final.pdf, letzter Zugang 12.12.2018.
2.
Die Q-thek ist ein Einrichtungskonzept für Bibliotheken, das 2010 als Ergebnis aus der Initiative "Lernort Bibliothek – auf dem Weg in eine digitale Zukunft" des Landes Nordrhein-Westfalen hervorging.
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