Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen


Erweiterte Lernwelten: Die VHS als Lernort der Zukunft

Volkshochschulen richten ihr Bildungsangebot an breite Bevölkerungs- und Altersgruppen, auf dem Land und in der Stadt. Wie der digitale Wandel den Lernort VHS erweitert und verändert, dazu Michael S. Rauscher im Interview.

Farbfoto: Zwei junge Männer sitzen an einem Tisch und schauen lachend auf einen Laptop. Ein weiterer Mann steht neben dem Tisch und schaut ebenfalls lachend auf den Bildschirm des der Laptops. Im Hintergrund ist ein volles Bücherregal zu sehen.Digitale Angebote verändern auch das Lernen in Volkshochschulen. (© Priscilla Du Preez / Unsplash/ bearbeitet / Lizenz)

werkstatt.bpb.de: Was zeichnet Volkshochschulen als Lernort aus?

Michael S. Rauscher: Die Volkshochschulen haben die Besonderheit, dass sie räumlich sehr nah an ihren Kundinnen und Kunden sind. In Berlin beispielsweise sind sie in jedem Bezirk vertreten. Fast in jedem Stadtteil findet man Häuser oder Räume einer VHS, in denen Kurse, Vorträge oder Workshops stattfinden. Die Zielgruppe der Volkshochschule sind alle, die Interesse haben, dazuzulernen: gleich ob ohne Schulabschluss oder akademisch vorgebildet, mit deutscher Muttersprache oder zugewandert, ob jung oder alt. Dabei ist das Bildungsangebot sehr vielfältig: Von der Gesundheits- und Umweltbildung über Sprachkurse bis hin zu kultureller, politischer und beruflicher Bildung gibt es ein breites Spektrum.

Die Volkshochschulen sind dabei bekannt als Orte, die im Präsenzunterricht zu sehr günstigen Konditionen und mit qualifizierten Kursleitenden gute Qualität anbieten. Aktuell stehen wir vor der besonders spannenden Aufgabe, die VHS um die Möglichkeiten zu erweitern, die die Digitalisierung mit sich bringt.

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Hintergrundinformationen zu Volkshochschulen

Das Jahr 1919 gilt als das Gründungsjahr der Volkshochschulen (VHS), die in diesem Jahr ihr hundertjähriges Bestehen feiern. Entgegen ihrer Bezeichnung sind Volkshochschulen keine Hochschulen, sondern öffentliche Einrichtungen im Bereich der Erwachsenen- und Weiterbildung.

Im Jahr 2017 boten die 895 Volkshochschulen in Deutschland fast 581.000 Kurs- und etwa 97.000 Einzelveranstaltungen an. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung nutzte 2017 rein rechnerisch mehr als jede dreizehnte Person ein Angebot der Volkshochschulen.

Die regionale Dichte der Volkshochschulen ist sehr verschieden. Während im Jahr 2017 in Schleswig-Holstein auf etwa 20.500 Personen eine Volkshochschule kam, waren es in Sachsen, mehr als 255.000 Personen je Volkshochschule.

Etwa 70% der Kursteilnehmenden 2017 waren Frauen, nur knapp 30% Männer. Der Anteil der unter 35-Jährigen liegt bei etwa 31%, der 35- bis 49-Jährigen bei etwas mehr als einem Viertel, knapp 43% der Kursteilnehmenden ist älter als 50 Jahre. 1

1 Reichart, Elisabeth; Lux, Thomas, Huntemann, Hella (2018): Volkshochschul-Statistik, 56. Folge, Arbeitsjahr 2017, wbv Media GmbH & Co. KG.



Sind die Volkshochschulen dafür in punkto technische Ausstattung ausreichend vorbereitet?

Die Volkshochschulen sind sehr unterschiedlich aufgestellt, was die Erfahrungen und auch die technische Ausstattung betrifft. Zwar sind bereits mehr als 50 Prozent aller Berliner VHS-Räume mit interaktiven Whiteboards ausgestattet, rechnet man die Fachräume für Kunst oder Bewegung heraus, sind es sogar mehr als 60 Prozent, Tendenz steigend. Allerdings kann man nicht an jedem Standort mit schnellem Internet oder WLAN rechnen. Nur eine von zwölf Berliner Volkshochschulen leistet sich aktuell eine Mitarbeiterin, die sich technisch und inhaltlich ausschließlich mit Fragen der Digitalisierung auseinandersetzt. Das zu verbessern ist eine strategische Aufgabe unserer Projektgruppe eVHS.

Was verändert sich in den kommenden Jahren für die Lernenden und Lehrenden an Volkshochschulen?

Auch wenn wir bemüht sind, die Möglichkeiten der Digitalisierung stärker zu nutzen, ändert sich nicht schlagartig die Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden. Wir haben in einer berlinweiten Befragung von Kursleitenden unter anderem herausgefunden, dass einige von ihnen schon seit geraumer Zeit Lehrblätter und Aufgaben digital zur Verfügung stellen, digitales Lehrmaterial der Schulbuchverlage nutzen, Filme und Artikel aus dem Netz diskutieren, mit Linklisten arbeiten und zwischen den Kursterminen elektronisch kommunizieren. Mit der vhs.cloud, die für alle Volkshochschulen bundesweit entwickelt wurde, können die Kursleitenden nun ihre Aktivitäten über eine eigene VHS-Plattform bündeln.

Tendenziell wird das Lernen unabhängiger von der Lehrkraft, sowohl zeitlich und örtlich als auch was die Zusammenarbeit zwischen den Lernenden betrifft. Sie können außerhalb der Präsenzstunden miteinander über die vhs.cloud kommunizieren und müssen dafür keine datenschutzrechtlich bedenklichen Plattformen nutzen. Auch die gemeinsame Bearbeitung von Aufgaben ist möglich. Die Volkshochschulen erfinden das Lernen nicht neu. Es geht vielmehr um die Erweiterung der bekannten Lernsettings um die Möglichkeiten, die uns die Digitalisierung bietet. Die Lernenden rücken noch stärker ins Zentrum des Kursgeschehens. Natürlich verändert sich dabei auch die Rolle der Lehrenden – weg vom allwissenden Alleinunterhalter hin zum Lernmoderator.

Dennoch scheuen viele Kursleitendende den Mehraufwand, digitalgestützte Lehr- und Lernsettings zu entwickeln. Auch unter den hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Volkshochschulen gibt es Begeisterte und sehr Zurückhaltende. Über Fortbildungsveranstaltungen, wie zum Beispiel den WebLearningDay, ist es uns gelungen, Berührungsängste abzubauen und Mitstreiterinnen und Mitstreiter zu gewinnen.

Ein praktisches Ergebnis des letzten WebLearningDays war zum Beispiel die Gründung von drei sogenannten DigiCircles für Kursleitende. Hier treffen sich digital-interessierte Kursleitende online und in Präsenzterminen, um gemeinsam Kurseinheiten zu konzipieren und voneinander zu lernen. Ursprünglich waren die DigiCircles bundesweite Arbeitskreise für hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Volkshochschulen, die miteinander kooperiert haben. Wir haben es nun für Kursleitende adaptiert, die gemeinsam an neuen Lernsettings arbeiten wollen. Auch das läuft volkshochschulübergreifend und sehr kooperativ ab.
  • Schwarz-Weiß Foto: Ein Porträt des Interviewpartners, Michael S. Rauscher. Er ist zwischen 40 und 50, hat kurze Haare, eine sportliche Figur. Auf dem Foto trägt er ein weißes Hemd, ein dunkles Sakko und eine schmale Brille.

    Das Lernen wird unabhängiger von der Lehrkraft, sowohl zeitlich und örtlich als auch was die Zusammenarbeit zwischen den Lernenden betrifft.

    Michael S. Rauscher, stellvertretender Leiter der Projektgruppe eVHS
  • Schwarz-Weiß Foto: Ein Porträt des Interviewpartners, Michael S. Rauscher. Er ist zwischen 40 und 50, hat kurze Haare, eine sportliche Figur. Auf dem Foto trägt er ein weißes Hemd, ein dunkles Sakko und eine schmale Brille.

    Ich halte digitale Angebote insbesondere für den ländlichen Raum für sehr interessant. Die Infrastruktur kann in der Fläche nicht so gegeben sein wie in den (Groß-)Städten.

    Michael S. Rauscher, stellvertretender Leiter der Projektgruppe eVHS
  • Schwarz-Weiß Foto: Ein Porträt des Interviewpartners, Michael S. Rauscher. Er ist zwischen 40 und 50, hat kurze Haare, eine sportliche Figur. Auf dem Foto trägt er ein weißes Hemd, ein dunkles Sakko und eine schmale Brille.

    Die Volkshochschule ist eine lernende Institution, die neuen technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen gegenüber aufgeschlossen ist und diese kritisch bewertet, um alle vorhandenen Lernmöglichkeiten auszuschöpfen.

    Michael S. Rauscher, stellvertretender Leiter der Projektgruppe eVHS
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Was bedeuten neue, digitale Lernformate für ältere Zielgruppen?

Wir beobachten, dass auch Teile der älteren Generation offen für die Nutzung digitaler Angebote sind. Einer unserer Kurse im EDV-Bereich ist der Computer/Internet-Club für UHUs. UHUs nennen sich die Teilnehmenden selbst, die Unter-Hundertjährigen, wobei die ältesten über 80 Jahre alt sind. Dieser Kurs ist eine Präsenzveranstaltung, aber die Erforschung der Kommunikationsmöglichkeiten im Netz macht den Teilnehmenden offenbar auch außerhalb der Präsenzzeiten viel Freude. Jedes Semester ist der Kurs ausgebucht.

Ich halte aber nicht die Technikbegeisterung der Seniorinnen und Senioren für die Triebfeder: Vielmehr sehe ich die Kursleitenden im Vordergrund, die den Kurs methodisch gut vorbereiten und selbst begeistert sind von den Möglichkeiten, die die Digitalisierung ihnen bietet. Insofern bin ich gerade bei der älteren Generation skeptisch, ob reine Online-Kurse ohne Präsenzphasen das richtige Angebot wären. Hier wäre die soziale Komponente sehr reduziert, die Kursleitung und die anderen Teilnehmenden vielleicht nur per Chat erreichbar, bestenfalls über unser Webinartool in der vhs.cloud. In meinen Augen spielt die Frage, ob ich mit der Kursleitung in einen gewinnbringenden Dialog eintreten kann, eine wichtige Rolle. Und das funktioniert face-to-face viel besser als online.

Inwiefern unterscheiden sich die Herausforderungen für Volkshochschulen auf dem Land und in der Stadt hinsichtlich Fragen der Digitalisierung?

Ich halte digitale Angebote insbesondere für den ländlichen Raum für sehr interessant. Die Infrastruktur kann in der Fläche nicht so gegeben sein wie in den (Groß-)Städten. Das führt in ländlichen Regionen zu langen Fahrtwegen für die Kundinnen und Kunden. Wenn zudem der öffentliche Nahverkehr ausgedünnt ist, wird es schwer, Teilnehmende zu erreichen. Hier können digitalgestützte Angebote sinnvoll sein. Die Notwendigkeit, digitalgestützte oder auch reine Online-Angebote anzubieten, sehe ich aber sowohl im ländlichen Raum als auch in urbanen Volkshochschulen: Gerade die jüngere Generation erwartet von Bildungseinrichtungen, auch digital mit Lehrmöglichkeiten versorgt zu werden. Für Berufstätige ist die Möglichkeit, sich unabhängig von Präsenzterminen weiterzubilden oder Lehrinhalte nachzuholen, eminent wichtig. Ausgewählte Inhalte haben wir als Live-Webinare im Angebot, an denen man ortsunabhängig teilnehmen kann und die auch in einer Mediathek zum Nachschauen abgelegt werden. Menschen, die über wenig Zeit verfügen und keine Volkshochschule in der Nähe haben, sind dankbar über solch ein Angebot. Zugleich hören wir immer wieder, dass Teilnehmende nur durch Zufall auf Online-Angebote der VHS gestoßen sind: Die Menschen vermuten ein Webinar schlicht nicht bei den Volkshochschulen. Deshalb müssen wir daran arbeiten, unser Angebot online besser sichtbar zu machen.

Die Berliner Volkshochschulen haben sich zum Ziel gesetzt, bis Ende 2020 fünf Prozent der Kurse in Form digitalgestützter Lehr- und Lernformate anzubieten. Welche Formate kann man sich darunter vorstellen?

Für uns umfasst das digitalgestützte Lernen alle Lernprozesse, bei denen Lehrende und Lernende bei der Vermittlung digital aufbereiteter Inhalte unterschiedliche Medien und Kanäle nutzen oder Lernplattformen zum inhaltlichen Austausch oder zur Zusammenarbeit anwenden. Es ist bereits ein Gewinn, wenn Kursleitende sich die Mühe machen, ihre Handouts und Aufgaben in der vhs.cloud Teilnehmenden zur Verfügung zu stellen.

Zu den digitalgestützten Lehrformaten gehören natürlich auch reine Online-Kurse und Webinare. Wir experimentieren auch mit Live-Übertragungen von Fachvorträgen, die wir in unsere VHS streamen. Dabei können wir per Chat Einfluss auf den Diskussionsverlauf nehmen und vor Ort miteinander diskutieren. Ich persönlich bin ein Befürworter von Blended-Learning-Angeboten: Hier kann die Volkshochschule ihre große Stärke des Präsenzunterrichts ausspielen, den Lernenden einen sozialen Raum anbieten und zum Weiterlernen und Kommunizieren außerhalb der VHS anregen.

Inwiefern kann die Volkshochschule als Lernort mit und für die Zukunft gedacht werden?

Ich sehe die Volkshochschule auch in der Zukunft vorrangig als Präsenzvolkshochschule. In Berlin haben wir das Ziel, alle Bevölkerungsgruppen in allen Stadtteilen zu erreichen und ein flächendeckendes Bildungsangebot anzubieten. Das kann ich mir schwerlich durch ein reines Online-Angebot vorstellen, wohl aber durch ein ansprechend kommuniziertes Angebot aus Präsenz- und Digitalangeboten.

Die Volkshochschule ist eine lernende Institution, die neuen technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen gegenüber aufgeschlossen ist und diese kritisch bewertet, um die Lernmöglichkeiten auszuschöpfen. Es wäre zudem hervorragend, wenn die Volkshochschule ein Ort sein könnte, an dem möglichst viele unterschiedliche Menschen gesellschaftliche Entwicklungen diskutieren, kommunizieren und so über verschiedene Kanäle auch in den öffentlichen Diskurs eingreifen.

Die Volkshochschule ist bereits ein Ort der Begegnung. Sie könnte es noch stärker werden, wenn sie nicht nur Bildungsanbieter ist, sondern noch mehr Raum bietet für Menschen und Institutionen, die etwas bewegen wollen – sei es in der Demokratiebildung oder mit Repair-Cafés oder Maker Spaces. Auch das sind erweiterte Lernwelten.

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Über unseren Interviewpartner

Michael S. Rauscher ist Programmbereichsleiter für Politik, Gesellschaft, Umwelt und Fremdsprachen an der VHS Steglitz-Zehlendorf in Berlin. Als stellvertretender Leiter der Projektgruppe eVHS setzt er sich für die Implementierung digitalgestützter Lehr- und Lernmöglichkeiten an den zwölf Berliner Volkshochschulen ein. Unter anderem hat er dazu die Digitalkonferenz WebLearningDay II mitorganisiert.

Michael Rauscher hat in den 1990er Jahren Erziehungswissenschaft an der Universität Bielefeld studiert und zunächst als Medienpädagoge, später in der politisch-kulturellen Jugendbildung gearbeitet.


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