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1.12.2010

Info 02.02 Rolle des Lehrers beim Mobbing

Auch der Lehrer hat im Mobbingprozess eine bedeutsame Rolle. Welche Rollen Lehrerinnen und Lehrer – ob nun bewusst oder unbewusst - beim Mobbing einnehmen können bzw. sollten, wird in diesem Info-Material dargestellt.

Rolle des Lehrers beim Mobbing

Mobbing in der Schule ist ein sensibles Thema. Aus Angst, evtl. falsch zu reagieren oder sich persönlich zu sehr zu involvieren, scheinen viele Lehrer dieses Thema deswegen zu vermeiden. Doch selbst wenn Lehrer sich passiv verhalten, spielen sie eine nicht zu vernachlässigende Rolle im Mobbingprozess.

Welche Rollen Lehrerinnen und Lehrer – ob nun bewusst oder unbewusst – beim Mobbing einnehmen können bzw. sollten, wir im Folgenden kurz skizziert.

Szenario zur Rolle des Lehrers im Prozess des Mobbings – Zwei Extreme

Die Rollen, die man als Lehrer/in im Prozess des Mobbings an Schulen einnehmen kann, sollen im Folgenden durch eine extremtypische Betrachtungsweise deutlich gemacht werden. Denn im Schulalltag können völlig heterogene Auffassungen vorherrschen – mit unterschiedlichen Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen. In der Realität werden die hier skizzierten zwei Extremtypen wenn überhaupt dann nur äußerst selten in Reinform anzutreffen sein, jede Lehrkraft wird vielmehr für sich eine Mischform zwischen diesen Extremen ausfindig machen.

Typ A: Die Lehrkraft, die sich dem Mobbing-Problem stellt.

Für eine Lehrkraft, die sich dem Mobbing-Problem stellt, sind folgende Einstellungen und Verhaltensweisen typisch:
  • Sie nimmt Mobbing an der Schule sehr ernst, ist gut über Phänomene und Folgen des Mobbings informiert und verfügt auch über eine brauchbare Definition von Mobbing.
  • Sie weiß, dass ca. 80 % der Mobbing-Phänomene in den Schulen für sie als Lehrperson nicht ohne weiteres sichtbar sind, dass man genau hinschauen muss, um diese Mobbing-Attacken festzustellen. Denn sie passieren überwiegend verdeckt - in kleinen Pausen, auf dem Schulweg; sie schlagen sich nieder in verdeckten Gesten, in der Mimik, in kleineren Sticheleien und vor allen Dingen auch in Cliquenbildung, die zur Ausgrenzung von Schülern führt.
  • Sie ist sich mit anderen Kollegen einig, dass man sensibel für Mobbing-Phänomenen in der Schule sein muss.
  • Sie weiß, dass frühzeitiges Erkennen und Intervenieren wichtig ist, um Mobbing an der eigenen Schule zu verhindern und zu unterbinden.
  • Sie kennt pädagogische Maßnahmen, wie Mobbing verhindert werden kann.
  • Ihr ist ein fairer Umgang mit den Schülern ein großes Anliegen. So weiß sie auch mit schwierigen Schülern umzugehen, wenn diese sich daneben benehmen oder ihr das Leben schwer machen.
  • Guter Umgang miteinander ist für sie ein hohes Gut, das in der Schule, in der eigenen Klasse und im Unterricht gepflegt werden muss. In dieser Hinsicht bemüht sie sich auch, ein gutes Vorbild zu sein. Sie versucht eine Benachteiligung von Schüler/innen, auch und gerade dann, wenn sie ihr nicht sonderlich sympathisch sind oder ihr das Leben schwer machen, nach Möglichkeit zu vermeiden.
  • Unfaires Sozialverhalten wird von ihr genau wahrgenommen. Umgehend wird sie tätig, um gegen diese Verstöße vorzugehen und Verständigung zwischen den Akteuren zu erreichen.
  • Sie ist sich der zentralen Rolle des Lehrers bewusst, die er einnimmt und nutzen kann, um Mobbing-Prozesse an seiner Schule zu verhindern. Sie nimmt diese pädagogische Verantwortung sehr ernst.


Typ B: Die Lehrkraft, für die Mobbing unwichtig ist.

Folgende Einstellungen und Merkmale sind hier typisch; sie treten einzeln oder häufig auch gleichzeitig auf:
  • Das Hauptanliegen dieser Lehrkraft besteht darin, guten Fachunterricht zu erteilen und den Schüler/innen vorrangig die zentralen Inhalte ihres Faches zu vermitteln. Sie versteht ihre Rolle als Lehrperson vorrangig darin, fachwissenschaftlich und fachdidaktisch guten Unterricht zu erteilen, die Schüler/innen in ihrem Leistungsvermögen zu fördern und sie gerecht zu beurteilen.
  • Fachlich gute Schüler/innen erhalten von ihr die volle Unterstützung; fachlich schlechten Schüler/innen wird empfohlen, im Unterricht besser aufzupassen, zu Hause mehr zu lernen und, wenn das nicht hilft, Nachhilfeunterricht zu nehmen.
  • Die Pflege des Klassenklimas sieht diese Lehrkraft nicht als ihre primäre Aufgabe an. Für "ernstzunehmende" soziale Probleme in der Klasse und in der Schule ("soziales Gedöns") sind Sozialpädagogen und in gravierenden Fällen Psychologen zuständig.
  • Für gutes Verhalten und gute Erziehung ist primär das Elterhaus verantwortlich. Aufgabe der Schule ist es aus Sicht dieser Lehrkraft nicht, sich mit schlechten Manieren oder fehlender Erziehung der Kinder herumzuschlagen und Verhaltensauffälligkeiten zu "reparieren".
  • Sie hat kein Interesse an Mobbing-Phänomenen, nimmt diese auch nicht wahr und sieht auch nicht ein, dass sie sich damit beschäftigen soll. Sie ist wenig über Mobbing informiert, hat keinen Begriff von Mobbing. Hat auch keine Vorstellung darüber, dass und wie Mobbing den Schulalltag negativ beeinflussen kann. Sie ist auch nicht sensibel gegenüber Mobbingangriffen.
  • Zur Not wäre sie bereit, unterlegenen Schüler/innen zu helfen und bei Konflikten schlichtend einzugreifen, aber dann müssten die Übergriffe schon deutlich sichtbar sein oder die Schüler/innen die Hilfe gezielt einfordern.
  • Sie hat keine Vorstellung davon, welche fatale Rolle man als Lehrer im Mobbingprozess spielen kann, wenn man z. B. wegschaut, zuschaut und nichts tut. Diese bewusste "Lässigkeit" wird von Tätern und Zuschauern als billigende Akzeptanz angesehen, so dass sie ungestört weitermachen können.
  • Sie vertritt die Auffassung, soziale Konflikte sollten so weit als möglich von den Schüler/innen selbst geregelt werden. Das sei die beste Vorbereitung auf das spätere Leben, denn das sei auch nicht frei von sozialen Konflikten. Man solle nicht so empfindlich sein und die Kinder auf Händen tragen wollen.
  • Mit flapsigen Bemerkungen versucht sie soziale Probleme klein zu reden und möchte so vermeiden, dass solche "Nebenschauplätze" an Bedeutung gewinnen und vom Eigentlichen – dem guten Fachunterricht – abhalten.
  • Sie ist bekannt dafür, dass sie mit ironischen Bemerkungen abweichendes Verhalten von Schülern (z. B. Zuspätkommen) kommentiert. Sie ist darum bemüht, in kritischen und unangenehmen Situationen die Schüler/innen und die Kolleg/innen auf Distanz zu halten.


Soweit das Szenario. Die beiden dargestellten Extremtypen kommen – wie bereits erwähnt – in Reinform kaum bis gar nicht vor, aber sie verdeutlichen, welch wichtige Bedeutung den Lehrer/innen beim Mobbingprozess oder aber im Hinblick auf die Prävention von Mobbing zukommt. Wie ihr Verhalten sich auswirkt. Jede/r Lehrer/in kann – bewusst oder auch unbewusst – alle Rollen im Mobbing-Prozess einnehmen! (Vgl. Info 02.05 Schaubild "Rollen beim Mobbing"). Er bzw. sie kann (unbewusst) zum Mittäter werden, duldender oder wegschauender Zuschauer sein, kann beherzt intervenieren und damit Vorbild für die Schüler/innen sein, und er/sie kann – nicht zuletzt – selbst Opfer von Mobbing werden.


Konkrete Rollen

Die drei Rollen, die im Hinblick auf die Verantwortlichkeit des Lehrers für seine Schülerinnen und Schüler bedeutsam sind, werden im Folgenden näher erläutert:

Intervenierer - Entschlossen gegen jede Form der Gewalt

Um Mobbing zu begegnen, ist es entscheidend, dass die Lehrer/innen sich entschlossen gegen jede Form der Gewalt aussprechen und konsequent und schnell eingreifen.

Häufig gilt es zuerst einmal Mobbinghandlungen als solche wahrzunehmen, um einschreiten zu können. Viele Mobbingattacken finden nicht im Unterricht vor den Augen der Lehrkraft statt, sondern auf dem Pausenhof, dem Heimweg etc. Daher sind Pausenaufsicht und Übermittagbetreuung wichtige Aufgaben, die der Lehrkraft die Chance geben, frühzeitig einzugreifen, auch präventiv, also schon dann, wenn sich einzelne Gewalthandlungen und Ausgrenzungen noch nicht zum dauerhaften Mobbing entwickelt haben.

Betroffene Schüler/innen wenden sich nur in ca. einem Drittel der Fälle zuhause an Familienmitglieder, um über Mobbingprobleme zu sprechen, daher ist die Rolle des Lehrers als Ansprechpartner besonders wichtig. Der Leidensdruck bei den betroffenen Schüler/innen darf nicht unterschätzt werden. Wenn ein/e Schüler/in schon einmal den Mut aufbringt, sich an die Lehrkraft zu wenden, muss diese signalisieren, dass das er/sie nicht alleine dasteht und seine/ihre Sorgen ernst genommen werden. Ein Verharmlosen oder gar Schuldzuweisungen an den/die Gemobbten verfestigen die Mobbing-Situation.


Vorbild - Vorbildfunktion ernst nehmen

Der Lehrer erfüllt eine Vorbildfunktion, das heißt, dass seine Reaktionen auf beobachtete Gewalttaten sehr genau von den Schüler/innen wahrgenommen werden und im Fall des Nicht-Einschreitens einerseits den Mobber in seinem Tun bestärken und andrerseits den Gemobbten entmutigen, Hilfe bei der Lehrkraft zu suchen.

Sicherlich können auch Lehrer sich nicht ganz davon freisprechen, einzelne Schüler/innen bewusst oder unterbewusst abzulehnen. Manchmal treffen Lehrer einzelne Schüler/innen unbeabsichtigt besonders empfindlich und realisieren dies eventuell nicht einmal. In der Klasse kann dies dazu führen, dass betroffene Schüler/innen den hervorgehobenen Schwachpunkt weiter angreifen: "Hey, wenn Herr Schultze schon sagt, dass der Kevin nuschelt, dann können wir uns doch auch über ihn lustig machen!" Die Mobber und auch vorher noch Unbeteiligte bekommen durch eine – eventuell ungewollte – Solidarisierung des Lehrers eine falsche Botschaft vermittelt.

Doch die Verantwortung des Lehrers geht noch weiter. Lehrer haben eine Interventionspflicht: Genauso wenig, wie Opfer sich selbst aus eigener Kraft befreien können, kann der Rest der Lerngruppe von sich aus gegen die Mobbing-Situation vorgehen. Wenn der Lehrer es jedoch schafft, durch sein – im wahrsten Sinne des Wortes – vorbildliches Verhalten die gleichgültigen Schüler/innen zumindest zum Teil zu motivieren, gegen die Gewalt in der Lerngruppe vorzugehen, ist der Erfolg der Intervention mit großer Sicherheit zu erwarten.


Unbewusster Verursacher/Mittäter - Mobbing fördernde Faktoren

Vielen Lehrer/innen ist oftmals nicht bewusst, dass sie durch ihr Verhalten oder die Form des Unterrichts Mobbing möglicherweise (indirekt) begünstigen. So haben Lehrer/innen abgesehen von ihrem Einfluss als Intervenierer sowie als Vorbild – bzw. in der negativen Form als Ignorierer und Wegschauer oder nicht eingreifender Zuschauer – eine zentrale Rolle, denn sie können selbst auch Verursacher oder Mittäter von Mobbing werden, indem sie die nötigen Voraussetzungen schaffen, die ein Entstehen von Mobbing begünstigen.

Häufig hängt dies von Faktoren ab, die das Klassen- bzw. Schulklima oder aber das Lernklima betreffen, wie z. B. das Lehrer-Schüler-Beziehung, das soziale Miteinander der Schülerinnen und Schüler, der jeweilige Unterrichtsstil aber auch die Atmosphäre und Gestaltung des Klassenraums bzw. Schulgebäudes.

Welche Faktoren aus diesen Bereichen sich besonders negativ auswirken und welche Konsequenzen sich daraus ergeben, finden Sie in Baustein 5.


Quelle:

Eigener Text nach:
  • Jannan, M.: Das Anti-Mobbing-Buch: Gewalt an der Schule - vorbeugen, erkennen, handeln, 3. Aufl. Weinheim und Basel: Beltz Verlag 2010.
  • Olweus, D.: Gewalt in der Schule. Was Lehrer und Eltern wissen sollten und tun können, 4. Aufl. Bern: Huber 2008.


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