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Projekt Mobbing - bei uns nicht ?!

30.6.2010

Info 05.01 Von den Daten zur Maßnahme

Nach der Auswertung und Analyse der Daten gilt es nun, geeignete Maßnahmen zu finden, um akutem Mobbing zu begegenen oder aber durch gezielte Maßnahmen Mobbing erst gar nicht entstehen zu lassen. Dieses Material gibt wichtige Hintergrundinformationen zu diesem Prozess "Von den Daten zur Maßnahme".

Anhand der erhobenen Daten kann ein Vorhandensein von akuten Mobbingfällen sichtbar werden. Nicht nur der zweite Teil des Fragebogens, der sich direkt mit der Thematik Mobbing beschäftig, kann Hinweise liefern, sondern auch über die Indikatorenfragen im ersten Teil des Fragebogens (Fragen 4-12), kann indirekt untersucht werden, ob es Fälle von Mobbing gibt. Wurden Gewalthandlungen - ob nun körperlicher, verbaler, oder non-verbaler Art - häufig und über einen längeren Zeitraum hinweg erfahren, so ist dies ein Hinweis auf vorhandenes Mobbing. (Vgl. Definition von Mobbing in M 01.02.)

Ergibt die Analyse der Daten einen Hinweis auf existierende Mobbingfälle, so besteht Handlungsbedarf. Hier muss sehr sensibel vorgegangen (vgl. Didaktischer Kommentar zu Baustein 5) und mit speziellen Methoden zum Beenden von Mobbing reagiert werden (vgl. Akutmaßnahmen in der Maßnahmenliste).

Doch nicht allein im Hinblick auf ein Identifizieren vorhandener Mobbingfälle ist die Analyse der Daten hilfreich. Im Fragebogen ging es auch darum, wie die Schülerinnen und Schüler miteinander umgehen, da eine schlechte Atmosphöre in der Klasse Mobbing leichter entstehen lassen und auf der anderen Seite ein gutes Miteinander und ein guter Zusammenhalt der Klasse Mobbing präventiv vermeiden helfen. Zu untersuchen ist also auch, wie es im Hinblick auf diese Aspekte in der Klasse aussieht, um an einzelnen evtl. nicht so postiven Punkten in der Klasse arbeiten zu können und damit Mobbing erst gar nicht entstehen zu lassen.

Diese Analyse kann im Unterricht gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern erfolgen. Doch wie geht man vor, um herauszufinden, an welchen Punkten gearbeitet werden muss und welche Maßnahmen hier hilfreich sein können?

1) Daten analysieren

Prozentuale Häufigkeitsverteilungen, die Ihnen GrafStat mit wenig Aufwand zu allen Items in Form von Tabellen und Grafiken liefert, sind recht gut geeignet, um relevante Aussagen über die empirischen Befunde zu machen und die Einschätzungen der Schülerinnen und Schüler zum Befragungsthema (hier: den Daten zur Befragung "ICH-DU-WIR") darzustellen. Mittelwert und Standardabweichung können zusätzlich bei Items mit ordinalen Abstimmungsskalen (1 bis 5) die Auswertung erleichtern. So können Sie darauf achten, wo die Besonderheiten in der Verteilung liegen: hohe Zustimmung bzw. starke Ablehnung, Normalverteilung oder polares Stimmungsbild. Bei der Auswertung der Daten ist es insgesamt hilfreich,
  • zunächst mit der Analyse der Prozentzahlen zu beginnen,
  • den Mittelwert als "Schwerpunkt" der Skala ergänzend hinzuzuziehen,
  • in der Kombination von Mittelwert und Standardabweichung eine Aussage über den Schwerpunkt der Aussagen und über die Geschlossenheit der Aussagen zu machen. Eine hohe Standardabweichung signalisiert immer ein heterogenes Meinungsbild, eine niedrige Standardabweichung eine hohe Geschlossenheit.

2) Gründe klären

Die Bedeutung der empirischen Befunde lässt sich dadurch eruieren, dass Sie diese in den konkreten Kontext Ihrer Klasse einordnen, die beteiligten Schülerinnen und Schüler auf auffällige Befunde aufmerksam machen und sie danach fragen, was diese Befunde für sie zu bedeuten haben, welche Meinung sie dazu haben. Denn es sind ihre Daten; sie können dazu einiges sagen. Die relevanten statistischen Unterschiede können dabei als Gliederung und zur Strukturierung der Themenbereiche dienen. Insgesamt ist zu fragen, wie die statistisch relevanten Befunde gedeutet werden...
  • ...aus der Sicht (unterschiedlicher) Schülerinnen und Schüler,
  • ...aus der Sicht der Lehrkraft,
  • ...aus der Sicht anderer Lehrkräfte und Personen in der Schule.
Generell gilt: Ein Problem ist dann gegeben, wenn die empirischen Daten in relevanter Weise eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit signalisieren. Je größer die Diskrepanz ist, desto größer dürfte das Problem sein. Die Daten der Befragung dürften Ihnen und den Schülerinnen und Schülern helfen, eine Übersicht über die bestehenden Probleme zu gewinnen und eine Reihenfolge ihrer Bearbeitung ausfindig zu machen. Wenn Sie feststellen, dass die Daten für einen klaren Befund nicht ausreichen und/oder mehr oder detailliertere Informationen notwendig sind, so können Sie weiterführende Gespräche oder auch Befragungen durchführen, um die Problematik weiter eingrenzen und bearbeitbar machen.

3) Handlungsmöglichkeiten finden

Nach der Eingrenzung der relevanten Probleme stellt sich Ihnen und den Schülerinnen und Schülern nun die Frage: Was können wir tun? Eine noch so exakte Analyse der Situation kann keinerlei Auskunft darüber liefern, wie man bestehende Mängel oder Probleme beheben kann. Daher sollten Sie auf die Empirie auch nicht zu viel Zeit und Arbeit verwenden, ebenso wichtig ist es, bezogen auf die eingegrenzten Problembereiche Handlungsvorschläge zu entwickeln, die Abhilfe versprechen. Dies ist eine eigenständige Leistung, die nicht unterschätzt werden sollte, aber für die erfolgreiche Veränderungsstrategie sehr wichtig ist. Mit erstbesten Lösungen sollte man sich nicht gleich zufrieden geben. Nur wer aus einer Anzahl von Möglichkeiten auswählen kann, besitzt die Chance, auf schwierige Situationen adäquat und flexibel reagieren zu können. Wenn man zu früh nur eine Maßnahme vor Augen hat, steht man vor einer Ja-Nein-Entscheidung und übersieht schnell intelligentere Alternativen. Besser ist es daher, wenn man sich die Zeit nimmt und bewusst mehrere Möglichkeiten generiert, indem die Schülerinnen und Schüler aktiv beteiligt werden, je Problem nach Lösungsmöglichkeiten gesucht wird, auch und gerade diejenigen beteiligt werden, die am meisten betroffen sind (z.B. bei fairem Umgang miteinander, eigenes Verhalten anderen gegenüber, Einhalten von Regeln etc.) und dann die Maßnahme gewählt wird, die den Zweck am besten erfüllt und die geringsten negativen Nebeneffekte hat.

4) Entscheidung treffen

Die erste Entscheidung: Die wichtigsten Probleme aussuchen und zuerst bearbeiten. Dann sind aus den unterschiedlichen Problem- und Handlungsmöglichkeiten nach eingehender Diskussion der Vor- und Nachteile diejenigen Maßnahmen zu wählen, die den Zweck am besten erfüllen. Diese Entscheidung ist allerdings nicht willkürlich zu treffen, sondern mit einer guten Begründung zu versehen, die kurz und verständlich sein sollte. Dabei sollte immer auch bedacht werden, ob sich die Situation der Schwächeren oder Benachteiligten tendenziell verbessert. Dies ist ein Kennzeichen humaner Entscheidungen. Eine gute Begründung führt dazu, dass man sich auch später noch daran erinnert, welche Überlegungen relevant waren, um diese Entscheidung zu fällen. Außerdem können andere Personen, die nicht direkt an dieser Entscheidung mitgewirkt haben (z.B. krank waren oder noch nicht zur Klasse gehört haben), nachvollziehen, welche Gründe maßgeblich waren. Zu einem späteren Zeitpunkt kann man überprüfen, ob die Überlegungen, die man damals angestellt hat, zutreffend waren, wo man sich möglicherweise geirrt hat, was man in Zukunft besser machen kann. Diese Revisionsklausel gilt auch und gerade für Vorschläge (von Schüler- und Lehrerseite), die beim ersten Durchgang noch nicht zum Zuge gekommen sind.

5) Maßnahme(n) einführen

Wenn man eine Entscheidung in der Klasse gefällt hat, ist es nicht selbstverständlich, dass alle davon wissen oder sich daran halten. Die Schülerinnen und Schüler, die z.B. nicht an der Entscheidungsfindung teilgenommen haben, sind über diese Entscheidung evtl. nicht informiert. Andere, die nicht involviert sind, vergessen oder übersehen solche Vereinbarungen schnell wieder. Daher sind diejenigen, die sich für eine Maßnahme entschieden haben, gut beraten, alle, die davon betroffen sind, direkt und umfassend zu informieren. Dies verhindert, dass sich an falschen Stellen Widerstandspotential entwickelt. Für die Durchsetzung und den Erfolg der Vereinbarungen und Maßnahmen ist es entscheidend, dass die Begründung für diese Entscheidung bekannt und "optisch" sichtbar wird. Wichtig für den Erfolg einer Maßnahme ist es, nach dem Beschluss auch "den ersten Schritt" zu tun, sich gegenseitig an die Vereinbarung zu erinnern und im Falle von "Verstößen" flexibel und intelligent auf die Einhaltung zu drängen. Veränderungen benötigen häufig viel Geduld, gegenseitige Unterstützung und Fingerspitzengefühl. Außerdem sollte man sich nicht zu viel vornehmen, sondern Augenmaß besitzen, dann ist die Gefahr des Misserfolges nicht groß. Schon kleine sichtbare Erfolge tragen enorm dazu bei, die Stimmung in der Klasse und das Miteinander kleinschrittig zu verbessern.

6) Auswirkungen kontrollieren

Maßnahmen zur Behebung von Problemen können selten 100%ig zielgenau ausgewählt werden; zum einen weil immer Zeitdruck vorhanden ist und Entscheidungen unter Unsicherheit gefällt werden. Zum anderen kann die Zielgenauigkeit der Maßnahmen vorab weder von Ihnen als Lehrperson noch von den Schülerinnen und Schülern genau eingeschätzt werden. Wenn man sich dann für eine Maßnahme entschieden hat, ist es tunlichst angebracht, auf die tatsächliche Wirkung dieser Maßnahme zu achten. Im günstigsten Fall freut man sich über den Erfolg und übernimmt die Regelung in den "Alltagsbetrieb", lässt sie zur guten Gewohnheit werden. Im ungünstigsten Fall, wenn die Maßnahme keinen Erfolg zeigt oder nur Stress verursacht, sollte man sich kurzerhand dafür entscheiden, sie nicht weiter zu verfolgen. Diese Freiheit, aus Fehlern zu lernen, sollten Sie als Lehrerin bzw. Lehrer und auch die Schülerinnen und Schüler besitzen. Falls die Zielgenauigkeit der Wirkung nur geringfügig abweicht, kann man eventuell darüber nachdenken, ob ergänzende Maßnahmen eingesetzt werden, um die erwünschte Wirkung auch tatsächlich zu erreichen. Nicht sklavische Regeleinhaltung verbessert den Umgang untereinander oder bewirkt ein besseres Miteinander, sondern Regeln, die das faire Zusammenleben unterstützen. Eine Fehlerkultur zu entwickeln, die nicht darauf hinausläuft, Machtansprüche durchzusetzen und Recht haben zu wollen (was nicht für die pädagogische Situation in der Schule, vielleicht eher für das spätere Arbeitsleben charakteristisch ist), sondern die Zweckmäßigkeit der eingesetzten Maßnahmen zu erhöhen, ist eine wichtige Voraussetzung dafür, um gemeinsam zur Problemlösung zu gelangen. So kann die dezente Selbstbeobachtung auf der Basis empirisch gewonnener Daten Ausgangspunkt sein für intelligente und sozial angemessene Lösungen von Klassenproblemen und schlechtem Klassenklima, die erwiesenermaßen Mobbing begünstigen.


Quelle:

Eigener Text


HanisauLand.de

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