Bijiashan Windkraftanlage in China.

4.2.2013

Interview mit Ulrich Benterbusch II

11. Bensberger Gespräche 2013 - Energiepolitik am Scheideweg

Die Subventionierung der erneuerbaren Energien in Deutschland ist richtig und effektiv, sagt Ulrich Benterbusch. Dennoch sei beim Energiepreis inzwischen eine "Schmerzgrenze" erreicht. Ein möglicher Ausweg: die Steigerung der Energieeffizienz.

Die Subventionierung der erneuerbaren Energien in Deutschland ist richtig und effektiv, sagt Ulrich Benterbusch. Dennoch sei beim Energiepreis inzwischen eine "Schmerzgrenze" erreicht. Ein möglicher Ausweg: die Steigerung der Energieeffizienz. (© 2013 Bundeszentrale für politische Bildung)



Welchen Beitrag können erneuerbare Energien zur Energiesicherheit leisten?

Ohne Zweifel, soweit erneuerbare Energien den Verbrauch von den fossilen Brennstoffen Öl und Gas reduzieren, sind sie natürlich ein Beitrag zur Erhöhung der Energiesicherheit, zur Diversifizierung des Energiemixes und insofern begrüßenswert.

Sind die Subventionen für erneuerbare Energien sinnvoll?

Bei den Subventionen haben wir in Deutschland eine große Debatte. Ich denke, hier muss man sehr vorsichtig sein. Die IEA-Analysen zeigen, dass Deutschland bisher beim Einsatz von Finanzmitteln für erneuerbare Energien ein durchaus akzeptables und vernünftiges Resultat mit Blick auf Energieoutput erreicht hat. Aber ganz offensichtlich, wenn wir jetzt auf den Strommarkt schauen, dann sind da Schmerzgrenzen erreicht. Natürlich muss Deutschland als die energieintensivste Volkswirtschaft Europas und als wirtschaftliches Schwergewicht innerhalb der Europäischen Union stabil bleiben. Es muss weiter, ordentlich, im normalen Tempo wachsen, um Stabilität auch in andere europäische Länder zu exportieren. Und das bedeutet, dass das Energiepreisniveau insgesamt auf ein vernünftiges Maß begrenzt bleiben muss, obwohl wir große Herausforderungen wegen der Energiewende haben.

Schiefergas, Ölsande, Tiefseebohrungen: Sind neue Förderungstechnologien ein Beitrag zur Energiesicherheit oder ein Umweltrisiko?

Zunächst einmal glaube ich, dass wir hier in Deutschland wieder einmal in einer Debatte sind, in der wir uns nicht ausreichend sachkundig gemacht haben. Wenn Sie mit den großen Gasfirmen in Deutschland, zum Beispiel Wintershall, sprechen, dann wird Fracking schon seit Jahren in Deutschland betrieben. Es hat nur keiner gemerkt. Und ganz offensichtlich wird es auch in einer umweltbewussten Art und Weise gemacht. Dass das in Amerika vielleicht in den letzten Jahren nicht immer so gelaufen ist, das ist allgemein bekannt; wird auch von den Amerikanern nicht in Zweifel gezogen. Aber auch dort arbeitet man sehr stark daran, Schiefergasproduktion umweltfreundlich zu gestalten. Deshalb glaube ich, dass wir eine große Chance nicht nutzen, wenn wir aus falsch verstandenen Umweltbewusstsein von vorneherein Probebohrungen, also Anwendungen dieser Technologie, nicht ermöglichen. Wir sollten auch die Ressourcen, die wir im Land haben, eigenverantwortlich nutzen. Natürlich umweltgerecht, um damit auch ein weiteres Standbein zu haben - für unseren Energiemix.

Welche Potenziale gibt es bei der Energieeffizienz?

Das sagen wir bei der Internationalen Energieagentur im Grunde jeden Tag: Die beste Energie ist die, die wir nicht verbrauchen. Vor allem, wenn man einmal bei dem Zwei-Grad-Ziel bleibt, für die globale Erwärmung. Unsere Analysen zeigen, dass über 40 Prozent der CO2-Einsparungen, die die Welt zum Erreichen des zwei-Grad-Ziel bewerkstelligen muss, über Energieeffizienzmaßnahmen erreicht werden könnten. Das ist der zentrale Bereich, dabei geht es um die Gebäude, es geht um den Verkehr und es geht um die Industrie. Das sind die drei großen Sektoren in denen, auch in Europa und in Deutschland, noch sehr viel zu tun ist.

Braucht die EU einen gemeinsamen Energie-Binnenmarkt?

Also ich glaube nicht, dass wir unbedingt einen Binnenmarkt brauchen und die Energiepolitik vergemeinschaften müssen. Das ist auch, glaube ich, den Mitgliedstaaten im Augenblick schwer zu vermitteln. Und es ist auch deshalb schwer zu vermitteln, weil die einzelnen Volkswirtschaften nach wie vor sehr unterschiedlich sind. Schauen Sie mal nach Osteuropa, welche wirtschaftlichen Anforderungen dort an die Energiepolitik gestellt werden. Schauen Sie nach Deutschland, nach England oder nach Frankreich, oder auch in die südlichen Mitgliedstaaten. Das Bild ist jeweils anders. Das in Brüssel harmonisieren zu wollen, ist, glaube ich, vermessen. Aber es ist ganz klar: Wir brauchen mehr Zusammenarbeit in Europa, in der Energiepolitik eine bessere Abstimmung. Denn gerade an den großen Projekten - sei es nun die Energiewende in Deutschland oder auch jene in Großbritannien - wird deutlich, dass die Integration immer größerer Mengen erneuerbaren Energien unbedingt eine Abstimmung mit den Nachbarländern, eine konsistente, kohärente Energiepolitik voraussetzt. Mit Blick auf Deutschland ist das sicherlich etwas, wo eine Bundesregierung nach der Wahl unbedingt ansetzen muss.


Ulrich Benterbusch ist Direktor des Global Energy Dialogue bei der Internationale Energieagentur (IEA)

Das Interview wurde geführt von Hendrik Hoffmann, bpb

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