Themen Mediathek Shop Lernen Veranstaltungen kurz&knapp Die bpb Meine Merkliste Geteilte Merkliste PDF oder EPUB erstellen Mehr Artikel im

Kommentar: Regierung Selenskyj vor neuen und altbekannten Herausforderungen | Ukraine-Analysen | bpb.de

Ukraine Demografie / Ukrainische Flüchtlinge in Deutschland und Europa (18.05.2026) Analyse: Demografie im Krieg: Flucht, Fertilität und Mortalität Lesetipp: Härtetest. Die Ukraine in Zeiten des Kriegs Analyse: Vier Jahre nach Kriegsbeginn. Wie entwickelt sich die Integration ukrainischer Geflüchteter in Deutschland? Statistik: Situation ukrainischer Geflüchteter in Deutschland Analyse: Zwischen Integration und Rückkehr. Ukrainische Geflüchtete in der EU Statistik: Ukrainische Geflüchtete in Europa Chronik: Hinweis auf die Online-Chronik 40 Jahre Tschornobyl (24.04.2026) Analyse: Zwischen imperialer Katastrophe und nationaler Resilienz: die ukrainische Kernenergie 40 Jahre nach Tschornobyl Statistik: Atomkraftwerke in der Ukraine Umfragen: Einstellung der Bevölkerung zu Kernenergie Kommentar: Tschornobyl und der Krieg Kommentar: Russland nutzt das nukleare Katastrophenpotenzial von Tschernobyl aus Kommentar: Vierzig Jahre danach: Wie die ukrainische Zivilgesellschaft mit Tschornobyl umgeht Chronik: Hinweis auf die Online-Chronik Justizreformen Analyse: Ukrainische Justizreformen im Krieg. Fortschritte, Herausforderungen und warum dies für Europa von Bedeutung ist Umfragen: Einstellungen zur ukrainischen Justiz Dokumentation: Ausschnitt aus dem „Ukraine 2025 Report“ der Europäischen Kommission zu ‚Justiz und Grundrechte‘ Analyse: Justizreform durch Rekrutierung? Eine Einordnung der Auswahlverfahren für Richterinnen und Richter in der Ukraine Dokumentation: Transparency International: A Make-or-Break Moment for the HACC Competition Statistik: Die zweite Auswahlrunde (2023–2025) für HACC-Richterinnen und Richter Chronik: Hinweis auf die Online-Chronik Die OSZE und Friedenssicherung in der Ukraine / Dokumentation: Friedensverhandlungen (25.03.2026) Kommentar: Lehren aus der OSZE Special Monitoring Mission (SMM) für eine mögliche Friedenssicherung in der Ukraine Kommentar: Auf alle Eventualitäten (nicht) vorbereitet: Die OSZE und ein mögliches Ende des russischen Krieges gegen die Ukraine Analyse: Jenseits hochrangiger Diplomatie: Die OSZE und innergesellschaftlicher Dialog in der Ukraine Dokumentation: Friedensverhandlungen Chronik: Hinweis auf die Online-Chronik Spenden und Wohltätigkeit (09.03.2026) Analyse: Crowdfunding in Kriegszeiten: Eine Analyse der größten Spendenkampagnen der Ukraine Statistik: Spendenverhalten Analyse: Spenden- und Wohltätigkeitsaktivitäten ukrainischer Oligarchen im Krieg Chronik: Hinweis auf die Online-Chronik Kriegsgeschehen / Verhandlungen (24.02.2026) Analyse: Donbas im Fokus, Saporischschja im Blick: Die militärische Entwicklung des russisch-ukrainischen Krieges in 2025 und ein Ausblick auf 2026 Statistik: Besetztes Staatsgebiet der Ukraine (24.02.2022 – 22.02.2026) Kommentar: Wie sich der russisch-ukrainische Krieg 2026 entwickeln könnte Analyse: Russische Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur – Trends und Ausblick Statistik: Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur Kommentar: Verhandlungen Russland-Ukraine-USA: Theater für Trump? Kommentar: Europa im Dilemma: Ukraine-Gespräche zwischen den USA und Russland Kommentar: Das Pokerface des Kremls Kommentar: Wie können Sicherheitsgarantien für Kyjiw aussehen? Die Illusion einer „Rückversicherungstruppe“ in der Ukraine Dokumentation: Die wichtigsten Verhandlungsführer im Kurzportrait Chronologie: Hinweis auf die Online-Chronik 20 Jahre Ukraine-Analysen / Aktuelle Lage in Gesellschaft und Politik (10.02.2026) Editorial: Editorial: 20 Jahre Ukraine-Analysen Analyse: Die gesellschaftliche Stimmung in der Ukraine nach vier Jahren Vollinvasion Kommentar: Von der Machtvertikale zur Troika? Die ukrainische Innenpolitik im Umbruch Kommentar. Beziehungsstatus: kompliziert. Wie sich Washingtons „strategische Unklarheit“ auf die Beziehungen zur Ukraine auswirkt Kommentar: EU-Beitritt im Eilverfahren – Sonderweg auf der Suche nach Frieden? Dokumentation: Rede von Präsident Wolodymyr Selenskyj beim Weltwirtschaftsforum in Davos Chronik: Hinweis auf die Online-Chronik Journalistische / soziale Medien und Krieg (21.01.2026) Analyse. Zwischen Krieg und Prekarität: Die Lage von Medien, Journalistinnen und Journalisten in der Ukraine Dokumentation. Truth Hounds, Reporters Without Borders: The Russian Strikes on Ukrainian Hotels Silencing the Press Analyse. Vertrauen, Popularität und die Rolle von Telegram in Kriegszeiten Umfragen. Nutzung journalistischer und sozialer Medien in der Ukraine (2024/25) Chronik. Hinweis auf die Online-Chronik Weitere Angebote der bpb Redaktion

Kommentar: Regierung Selenskyj vor neuen und altbekannten Herausforderungen

Gunter Deuber

/ 3 Minuten zu lesen

Die Regierung von Wolodymyr Selenskyj konnte bis Anfang 2020 und dem Beginn der Corona-Pandemie in einem guten wirtschaftlichen Klima arbeiten. Das Wachstum betrug um 3 Prozent. Die Staatsschulden sanken, 2019 blieb das Budgetdefizit nahe bei 2 Prozent.

Herausgeber der Länderanalysen

Gemeinsam herausgegeben werden die Ukraine-Analysen von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz- Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH. Die bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.

Kiev, Ukraine im März 2020: Ein Passant steht vor einer digitalen Anzeige mit Wechselkursen. (© picture-alliance, NurPhoto)

Bis zur globalen Covid-19 Pandemie agierte die Regierung Selenskyj in einem günstigen weltwirtschaftlichen Umfeld. So konnte ein erträgliches Wirtschaftswachstum um 3 Prozent erzielt werden, die Politikqualität war teils weniger entscheidend, z. B. zur Sicherung von Kapitalzuflüssen. Am internationalen Kapitalmarkt haben Investoren der Ukraine in den letzten 1–2 Jahren umfassend Gelder zu Verfügung gestellt – trotz Unwägbarkeiten, etwa in Bezug auf den langfristigen Finanzierungsausblick oder die schleppende Umsetzung von IWF-Forderungen. Investoren haben auch erstmals in größerem Stil ukrainische Lokalwährungsanleihen gekauft, so konnte sich die Regierung Milliardenbeträge sichern. Derzeit haben Ausländer ca. 4 Milliarden Euro in Lokalwährungsanleihen veranlagt, 2019 und 2020 konnte man zusätzlich über 2 Milliarden Euro an internationalen Fremdwährungsanleihen platzieren. Unter Investoren war ein gewisses Grundvertrauen erkennbar, da bis Jahresende 2019 zentrale makroökonomischen Kennzahlen in die richtige Richtung tendierten. Die Staatsschulden sank kontinuierlich, auch im Wahljahr 2019 blieb das Budgetdefizit nahe bei 2 Prozent.

Vor Ausbruch der Covid-19 Pandemie sah es so aus, als könnte die Wirtschaft in der Ukraine 2020 und 2021 um ca. 3,5 Prozent zulegen, die Staatschuldenquote auf 50 Prozent bzw. 45 Prozent des BIP gedrückt werden. Nun droht eine Rezession so tief wie der Einbruch in 2014/2015 oder 2009. Es wird ein BIP-Einbruch zwischen 5 bis 10 Prozent erwartet, das Budgetdefizit wird 9 bis 10 Prozent betragen und die Staatschuldenquote könnte sich wieder 60 Prozent des BIP annähern. Die (Re-)Finanzierungsituation für den Staat wird damit wieder herausfordernder, in 2020 stehen 7–8 Milliarden Euro zur Rückzahlung bzw. Refinanzierung an. Es ist unwahrscheinlich, dass internationale Investoren der Ukraine – ohne eine Rückversicherung wie ein IWF-Abkommen – Finanzmittel in diesem Ausmaß bereitstellen; und wenn, dann nur zu langfristig nicht tragbaren Zinsen. Zudem böte ein IWF-Abkommen die Chance, weitere Unterstützung zu erhalten, etwa von der EU. Die IWF-Entscheidung, von einem längerfristigen (Struktur-)Reformprogramm (EEF) nun zu einem "einfachen" Beistandsabkommen (SBA), mit weniger wirtschaftspolitischer Reformorientierung, zu wechseln, zeigt aber auch klar eine gewisse Enttäuschung an. Überspitzt formuliert erwartet der IWF erstmal keine weiteren einschneidenden Reformen und will der Ukraine nun nur über die nächsten 18 Monate helfen. Letzteres auch aus Eigennutz, damit bisherige Anstrengungen nicht komplett zunichte gemacht werden. Ein SBA-Abkommen könnte im Mai oder Juni stehen und der Ukraine über 2020 helfen; alles andere als der zeitnahe Abschluss des Abkommens wäre irrational. Immerhin stehen von Mai bis August viele Refinanzierungen an.

Angesichts zäher Umgestaltungen in international beachteten Politikbereichen stellt sich aber die Frage, ob die Regierung Selenskyj hier jederzeit voll engagiert agierte; oder Rücksicht auf starke Partikularinteressen nahm. Besonders enttäuschend sind aus IWF-Sicht der langsame Fortschritt bei Bankensektorgesetzen (die z. B. die Rückgabe von Vermögenswerten an ehemalige Aktionäre bankrotter Banken verbietet) oder wiederkehrende Versuche, das Anti-Korruptionsgericht zu behindern. Wobei solche Fragen nun kurzfristig in Zeiten des klassischen makroökonomischen Krisenmanagements von geringerer Relevanz sind. Und mit dem IWF drohen für die Regierung erstmal weniger Friktionen, es drohen keine internationalen Negativschlagzeilen. Im pragmatischen Krisenmanagement ist der Regierung Selenskyj einiges zuzutrauen. Zumal sie vom professionellen Makromanagement der Notenbank (NBU) profitiert. Sie hat es geschafft, substanzielle Devisenreserven aufzubauen, sie zeigte in der Krise ein professionelles Währungsmanagement. Insofern ist es eines der größten Verdienste der Regierung Selenskyj, dass sie die in den letzten Jahren erarbeitete Unabhängigkeit der NBU bewahren konnte. So ist die NBU ein attraktiver Ort für engagierte, qualifizierte und reformorientierte Akteure. Mit wahrscheinlich bald abgeschlossener pragmatischer IWF-Unterstützung sollte so die Krise kurzfristig gemanagt werden können. Ohne IWF-Abkommen und weitere internationalen Kapitalfluss droht 2020 wie so oft in der Ukraine eine veritable Wirtschafts- und Finanzkrise.

Fussnoten

Gunter Deuber leitet die Abteilung Volkswirtschaft, Zinsen, Währungen bei der auf Osteuropa und Russland spezialisierten »Raiffeisen Bank International AG« (RBI AG) in Wien, die größte Auslandsbank in der Ukraine. Der vorliegende Beitrag gibt die persönliche Auffassung des Autors und nicht notwendigerweise die Ansicht der RBI AG wieder.