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Analyse: Zwischen imperialer Katastrophe und nationaler Resilienz: die ukrainische Kernenergie 40 Jahre nach Tschornobyl | Ukraine-Analysen | bpb.de

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Analyse: Zwischen imperialer Katastrophe und nationaler Resilienz: die ukrainische Kernenergie 40 Jahre nach Tschornobyl Ukraine-Analysen Nr. 331

Anna Veronika Wendland

/ 12 Minuten zu lesen

40 Jahre nach dem Super-GAU überschatten der „Große Krieg“ und Russlands Angriffe auf ukrainische AKWs das Erinnern an die Katastrophe von Tschernobyl.

Denkmal in Tschernobyl, das an den Einsatz der Liquidatoren erinnert, die als erste versucht haben, die Folgen der Reaktorkatastrophe zu begrenzen. (© picture-alliance, NINA MESITZ)

Zusammenfassung

Am 26. April 2026 jährt sich der Unfall im ukrainischen Kernkraftwerk Tschornobyl zum vierzigsten Mal. Voraussichtlich wird dieser Jahrestag in der Ukraine ohne größere Gedenkveranstaltungen verstreichen, da im fünften Kriegsjahr das Überleben des ukrainischen Staates alle anderen Probleme überschattet. Stand Tschornobyl als zentraler Erinnerungsort einst für die größte nationale Katastrophe der Nachkriegszeit in der Ukraine, ist es heute, mit dem neuen "Großen Krieg" gegen Russland, nur eines der vielen Glieder in einer Kette nationaler Katastrophen, die aus ukrainischer Sicht unverbrüchlich mit russischer Vorherrschaft und imperialer Überformung verbunden sind – vom Holodomor über die Säuberungen der Stalinzeit bis zu den als genozidal empfundenen aktuellen russischen Gewaltpraktiken in den besetzten Gebieten.

Herausgeber der Länderanalysen

Die Ukraine-Analysen werden von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH gemeinsam herausgegeben. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veröffentlicht die Analysen als Lizenzausgabe.

Postkoloniale Leidensgeschichten

Fast symbolisch mag es anmuten, dass sich diese Überformung auch in den Geschichten der Opfer überlagert hat: im November 2025 kam Natalija Chodemtschuk, die Witwe des ersten Tschornobyl-Opfers Walerij Chodemtschuk, bei einem russischen Luftangriff auf das Kyjiwer Viertel Trojeschtschyna ums Leben, wo nach 1986 viele Evakuierte aus der Kerntechnikerstadt Prypjat eine neue Heimat gefunden hatten. Walerij Chodemtschuk hatte in der Unfallnacht als Techniker im Block 4 des Kernkraftwerks Tschornobyl gearbeitet und wurde unter den Trümmern des zerstörten Reaktorgebäudes begraben; sein Leichnam konnte nicht geborgen werden, weswegen eine Gedenktafel im Inneren des Nachbarblocks 3 an ihn erinnert. Zwei Leben, die nach dem Empfinden der Ukrainer der russische Imperialismus auf dem Gewissen hat: Walerij fiel einer fehlkonstruierten Staatsatomtechnik an der Peripherie des Sowjetimperiums zum Opfer, Natalija dem revanchistischen Furor eines Regimes, das ebenjenes Imperium wiederherstellen möchte.

Kein Atomausstieg

Trotz dieser Einschreibung Tschornobyls in eine postkoloniale ukrainische Leidensgeschichte führte die Katastrophe nicht zu einem Atomausstieg. Das macht die Ukraine wiederum vergleichbar mit den beiden anderen Ländern, die schwere Atomunfälle erlebten, vor allem Japan mit Fukushima (2011) und die USA mit Three Mile Island (1979). Während Japan nach einem über zehnjährigen Atommoratorium seine nuklearen Kapazitäten stufenweise wieder in Betrieb nimmt, haben sich weder die USA noch die Ukraine von ihren Kernenergiewirtschaften verabschiedet. Tschornobyl als Menetekel einer Atomausstiegsgeschichte wurde global betrachtet nur in Deutschland virulent; andere Länder, die damals ihren Ausstieg erklärten, haben ihn inzwischen wieder modifiziert, wie Schweden oder Italien. In der Ukraine hingegen hat die Kernenergie seit 1986 eine erstaunliche Entwicklung durchlaufen. Inzwischen ist sie neben der Rüstungsindustrie und der Eisenbahn – also weiteren Infrastrukturen, die die Ukraine von der Sowjetukraine geerbt und weiterentwickelt hat – zu einem wichtigen Stabilitätsanker der kriegführenden Ukraine geworden, und das war keine selbstverständliche Entwicklung.

Tschornobyl und die Systemfrage

Direkt nach dem Unfall erlebte die Kernenergie in der Ukrainischen SSR zunächst einen massiven Vertrauensverlust, der den atom-euphorischen Boom der 1970er und 1980er Jahre in der Sowjetrepublik abrupt beendete. Bis dahin hatten Kernkraftwerke als saubere Alternative zur Kohleverstromung gegolten. Die Kernenergie genoss das Prestige einer Zukunftsindustrie mit gut bezahlten High-Tech-Arbeitsplätzen in privilegierten Werksstädten – Städten wie Prypjat.

Nach dem Unfall jedoch kamen in der Ukraine der Perebudowa-Zeit (das ukrainische Wort für perestrojka, dt. Umbau; eines der Schlagwörter der Reformära unter Gorbatschow) die systemischen Mängel der Atomindustrie auf den Tisch, die auch als Mängel des sozialistischen Herrschaftssystems verstanden wurden: Intransparenz; Verantwortungsdiffusion; Mangelwirtschaft bei gleichzeitigem Produktionsdruck um jeden Preis; eine nicht existente Fehlerkultur, die in der Vertuschung statt Aufarbeitung vorangegangener Störfälle resultierte; strenge Hierarchisierung; Gehorsam ohne Widerspruch. All diese Faktoren hatten dazu geführt, dass in Tschornobyl ein Reaktor mit schweren Sicherheitsmängeln betrieben wurde, ohne dass das vorhandene Wissen darüber zu den Menschen am Ende der Befehlsketten gelangte, die die Anlagen bedienten. Die Kernenergie wurde nun als imperiales System in Frage gestellt und der Moskauer diktatorische Zentralismus als root cause des Atomunfalls identifiziert. Diese systemsprengende Erkenntnis verflocht sich mit dem gleichzeitig anschwellenden sozialen und kulturellen Protest, der die mangelhafte Versorgung mit Wohnraum, Lebensmitteln und medizinischer Betreuung in den radioaktiv belasteten Gebieten genauso thematisierte wie die Sprachenrechte der Ukrainer. In dieser Zeit dominierten öko-nationalistische Perspektiven auf die Kernenergie in der Ukraine, die Schattierungen und Ambivalenzen der ukrainischen Atomgeschichte ausblendeten.

Die nukleare Ukraine

Zu diesen Ambivalenzen gehörte, dass die ukrainischen politischen und wissenschaftlich-technischen Eliten, beginnend mit dem nationalkommunistischen Parteichef Petro Schelest Ende der 1960er Jahre, die Kernenergie begrüßt und nukleare Kompetenzen in die eigene Sowjetrepublik gezogen hatten. Die Atomwirtschaft galt als probates Instrument, um die Position der Ukraine als Secunda inter Pares innerhalb der Sowjetunion auszubauen. Zum späteren Viktimisierungsnarrativ wollte auch nicht so recht passen, dass die einzelnen Kernkraftwerke in der ukrainischen Provinz durchaus erfolgreiche Einwurzelungsgeschichten vorweisen konnten, was vor allem mit der Rekrutierung von Arbeitskräften aus den umgebenden Regionen zu tun hatte. In den siebziger Jahren entstand jene regional differenzierte Energiewirtschafts-Geografie der Ukraine, die noch bis zur russischen Invasion das Land geprägt hat: Kohleverstromung im Osten mit seiner starken Montanindustrie, Wasserkraft im Zentrum mit der Dnipro-Staudammkaskade, und Kernenergie vor allem in den Landesteilen westlich des Dnipro, die erst seit 1960 massiv industrialisiert wurden und daher besonders an Strommangel litten.

Neben den in Moskau, Leningrad oder Tomsk ausgebildeten altsowjetischen Atomingenieuren – davon sehr viele, die aus der Ukraine stammten – rückten bald auch westukrainische Spezialisten in die Funktionsstellen der Kerntechnik ein. Anders als Tschornobyl konnten die anderen Atomstandorte der Ukraine die Transformationskrise nach 1986 in eine Erfolgsgeschichte ummünzen. Ein Beispiel ist die Anlage Riwne in der Nordwestukraine mit vier Druckwasserreaktoren. Der Druckwasserreaktor ist ein transnationales Leistungsreaktor-Standardmodell, das seit dem späten 20. Jahrhundert auch in den USA, Frankreich und Westdeutschland dominiert. In seiner sowjetischen Ausprägung WWER (eine Abkürzung für „wassermoderierter, wassergekühlter Leistungsreaktor“) wurde dieser Reaktortyp auch im östlichen Europa etabliert. Das Kernkraftwerk Riwne, das als Referenzanlage für neue Projekte in der Tschechoslowakei, Ungarn und der DDR diente, wurde nach Tschornobyl zum Standort der ersten IAEA-peer review und „Fenster zum Westen“ der sowjetischen Kernenergiewirtschaft. Vorher hatte die Sowjetunion keine internationalen Begutachtungen ihrer Atomanlagen erlaubt. Die sowjetische Nationalreaktorlinie RBMK, ein grafitmoderierter Druckröhren-Siedewasserreaktor, der in Tschornobyl verunglückt war, wurde hingegen nicht mehr weitergeführt.

Kernenergie nach der Unabhängigkeit der Ukraine

Nach der Erlangung der Unabhängigkeit erfuhr die Kernenergie in der Ukraine rasch einen Bedeutungswechsel. Der von öko-nationalistischen Akteuren bevorzugte Abolitionismus nach deutschem Muster konnte sich nicht durchsetzen, weil die neuen, in großen Teilen sowjetisch geprägten ukrainischen Eliten das Potenzial der Kernenergie für die kriselnde, energieintensive ukrainische Wirtschaft nicht aufgeben wollten. Daher wurde ab Mitte der 1990er Jahre ein Teil der vorher durch ein Baumoratorium stillgesetzten sowjetischen Atombaustellen weitergeführt. In Saporischschja, Riwne und Chmelnyzkyj gingen bis 2004 neue Reaktorblöcke in Betrieb, die auch die im Jahr 2000 endgültig stillgelegten verbliebenen drei Blöcke in Tschornobyl ersetzen konnten. Das Hochspannungsnetz wurde ausgebaut, die Atomaufsicht nach US-Vorbild reorganisiert und neue Kooperationen mit westlichen Gutachterorganisationen sowie Lieferanten aufgebaut. Gleichzeitig wurde die Verwaltungssprache der Anlagen schrittweise ukrainisiert. Das war ein wichtiger symbolischer Schritt, denn Kernkraftwerke galten zu sowjetischen Zeiten – wie andere große Industriebetriebe in der Ukraine – als „Russifizierungsagenturen“. Gleichzeitig blieb aber die ukrainische Atomwirtschaft bis zur Annexion der Krym 2014 noch stark mit Russland verflochten, sowohl bei der Lieferung von Kernbrennstoff, die erst in den 2010er Jahren auf den US-Lieferanten Westinghouse umgestellt wurde, als auch beim nuklearen Maschinenbau.

Vor der russischen Totalinvasion hatte die Ukraine einen Atomstromanteil von rund 50 Prozent. Bereits vor 2014 zeichnete sich die ukrainische Strategie ab, im Stromsektor auf Entflechtung von Russland sowie auf einen Energiemix aus Kernenergie und erneuerbaren Energien zu setzen. Das umfasste Stromexport-Pläne in die EU, den Ausbau der Kuppelstellen mit dem europäischen Verbundnetz und Planungen für eine Erweiterung der westukrainischen AKW-Standorte Chmelnyzkyj und Riwne um neue Reaktorblöcke. In der ersten Woche nach der russischen Totalinvasion wurde das ukrainische Stromnetz mit dem europäischen Verbundnetz ENTSO-E synchronisiert – ein wichtiger technischer und symbolischer Schritt der Ukraine Richtung EU. Die gegenwärtig stark auf nukleare Grundlast setzende Strategie erfährt auch Kritik von Akteuren, die eher im – allerdings aktuell erodierenden – Argumentationstrend der EU liegen, demzufolge der Kernenergieausbau mit finanziellen Risiken behaftet sei und besser Wind- und Sonnenenergie das Rückgrat der Stromversorgung bilden sollten.

Tschornobyl ist während dieser Transformationszeit zu einem etablierten nationalen und globalen Erinnerungsort geworden, an dem sich neben den traditionellen Praktiken des zivilgesellschaftlichen Mahnens und Erinnerns mit Gedenktagen, lokalen Denkmälern für die „Liquidatoren“ und Museen auch neue, postmoderne kulturelle und kommerzielle Praktiken etablierten, vor allem ein florierender dark tourism rund um die Sperrzone von Tschornobyl. Mit „Chernobyl Tours“ und anderen Dienstleistern konnte man Reisen in die Sperrzone buchen, die inzwischen auch auf speziellen Touristenkarten verewigt ist. Auch die viel beachtete HBO-Miniserie „Chernobyl" hat sehr zu diesem Trend beigetragen.

Kernenergie im Krieg

Mit der russischen Vollinvasion im Februar 2022 wurde ein ganz neues und nicht weniger dramatisches und ambivalentes Kapitel in der ukrainischen Atomgeschichte aufgeschlagen, in dem auch Tschornobyl wieder eine neue Bedeutung zugewiesen wurde, nämlich einerseits als Angriffsobjekt der Invasoren, andererseits als Referenzpunkt der Angstkommunikation im hybriden Krieg. Bereits in den ersten Kriegstagen wurde die seit dem Jahr 2000 stillgelegte Anlage angegriffen und für mehrere Wochen besetzt. Die von den ukrainischen Kräften zurückgedrängte russische Armee hinterließ Zerstörungen an Infrastruktur und Überwachungsanlagen. In der Folgezeit waren vor allem längere Stromausfälle das Hauptproblem in Tschornobyl, was aber anders als an den aktiven AKW-Standorten eine nicht ganz so große sicherheitstechnische Herausforderung bedeutete, da der hier gelagerte abgebrannte Kernbrennstoff nach 25 Jahren Lagerzeit nur noch geringfügig Wärme entwickelt und die Nasslager, in denen er untergebracht ist, längere Zeit ohne externe Stromversorgung bleiben könnten, ohne dass die Kühlung gefährdet würde.

Viel mehr Anlass zur Besorgnis gab im Februar 2025 eine gezielte Drohnenattacke auf das „New Safe Confinement“ des havarierten Blocks 4, unter dem der 1986/87 errichtete, instabil gewordene „Sarkophag“, die erste provisorische Schutzhülle um den zerstörten Reaktor, schrittweise zurückgebaut werden soll. Die Außenhaut des Hangar-ähnlichen Containments wurde durch einen Brand beschädigt, mit ihr aber auch das Druckhaltesystem, das das Gebäude lüftungstechnisch von der Umgebung isolieren soll; es wurden aber keine radioaktiven Stoffe freigesetzt. Nach Auskunft von Fachleuten wird die Reparatur lange Zeit in Anspruch nehmen.

Im Mittelpunkt der größten Befürchtungen standen allerdings die laufenden ukrainischen Anlagen. In der Anfangszeit des Krieges bildete man vor allem Szenarien über den gezielten Beschuss von Reaktorgebäuden mit dem Ziel, einen schweren Kernschmelzunfall auszulösen. Mehrmals gab es Treffer an Nebengebäuden des Kernkraftwerks Saporischschja, das mit sechs Blöcken das größte AKW Europas ist und wegen seiner Lage an der Frontline besonders exponiert ist. Saporischschja wurde bereits in den ersten Märztagen 2022 von den russischen Truppen beschossen und dann erobert. Das Containment eines WWER-1000-Reaktors ist für den Absturz eines schnell fliegenden Militärflugzeugs und gegen Explosionsdruckwellen ausgelegt und kann einen Zufallstreffer ohne Gefährdung von sicherheitswichtigen Systemen aushalten, allerdings keinen Dauerbeschuss mit Zerstörungsabsicht. Ein solcher ist aber bislang ausgeblieben; vermutlich sorgt dafür nicht nur die gute Absicherung der Anlagen durch Flugabwehrgeschütze, sondern auch die Tatsache, dass sich auch russische Kernkraftwerke in der Reichweite ukrainischer Raketen und Drohnen befinden, so die mit Tschornobyl baugleiche Anlage in Kursk und die Kernkraftwerke Smolensk und Rostow. Vermutlich sorgt also ein Gleichgewicht des Schreckens auf beiden Seiten für das Ausbleiben gezielter Attacken auf Kernkraftwerke.

Als eine viel größere Herausforderung für die ukrainischen Kernkraftwerke während des Krieges hat sich der andauernde russische Beschuss von Schaltanlagen und Übertragungsleitungen herausgestellt. Das seit September 2022 abgeschaltete AKW Saporischschja wurde seit Kriegsbeginn zehn Mal von seiner Netzanbindung abgeschnitten und musste tagelang, in einem Fall sogar über mehrere Wochen, im Notstrombetrieb verharren. In einem solchen Notstromfall werden die sicherheitswichtigen Verbraucher – vor allem die Nachkühlsysteme der Reaktoren, die Beckenkühlung für die gelagerten abgebrannten Brennelemente und die Leittechnik und Instrumentierung – von Dieselgeneratoren und Batterien versorgt. Nach allen vorliegenden Informationen haben die sechs Reaktoren in Saporischschja, die nach mehreren Jahren Stillstand allerdings nur noch geringe Mengen von Nachzerfallswärme abführen müssen, alle Notstromfälle stabil überstanden.

Die Sprengung des Wasserkraftwerks Kachowka im Juni 2023 hatte aufgrund der wassertechnischen Verflechtung des Kernkraftwerks mit dem zugehörigen Stausee zusätzliche Auswirkungen. Das AKW verfügt über einen eigenen Kühlteich, der aus dem Stausee gespeist wurde. Nun wird die – geringe – Verdunstungsrate der Nachkühlkette von Saporischschja aus Tiefbrunnen ersetzt, die auf dem Kraftwerksgelände niedergebracht wurden. Doch für eine Wiederinbetriebnahme des Kernkraftwerks, ob nun unter russischer Besatzung oder nach Rückgabe an die Ukraine, müsste die Verbindung zu einer leistungsfähigen Hauptwärmesenke erst wiederhergestellt werden, etwa durch Errichtung eines neuen Einlaufbauwerks für die Kraftwerkskühlung am Fluss Dnipro, der nach dem Verschwinden des Stausees wieder in sein altes Bett zurückgekehrt ist. Die Anlage wird also auf Jahre hinaus für den Leistungsbetrieb nicht bereit sein.

Doch ist mit einer rein technischen Analyse die Gefahrenbeurteilung nicht vollständig. Gerade in der besetzten Anlage Saporischschja wird die Nuklearsicherheit noch durch viele andere Faktoren gefährdet, so durch den Abriss des Kontakts zur rechtmäßigen Betreiberorganisation Enerhoatom und vor allem durch die militärische Zweckentfremdung der Anlage. Die Besatzungsarmee lagert in den Maschinenhäusern und anderen Bereichen der Anlage Fahrzeuge und Munition, mischt sich in fachliche Belange ein und schikaniert die Belegschaft. Inzwischen sind alle Beschäftigten des AKW, die sich nicht zur Annahme russischer Pässe und Arbeitsverträge zwangsverpflichten lassen wollten, entlassen worden. Wer nicht in die freien Gebiete der Ukraine flieht, ist in Lebensgefahr; hunderte von Fällen illegaler Verhaftungen, Verschwindenlassen und Folter sind inzwischen belegt. Somit steht der Standort Saporischschja mit seiner Atomstadt Enerhodar auch für das Schicksal aller Ukrainer unter dem brutalen russischen – und russifikatorischen – Besatzungsregime.

Auch die laufenden ukrainischen Anlagen Riwne, Chmelnyzkyj und Südukraine (bei Mykolajiw) erlitten aufgrund gezielten Beschusses ihrer Großschaltanlagen mehrere Male Notlagen mit Reaktorschnellabschaltungen, Notstromfällen, Lastabwurf auf Eigenbedarf oder erzwungenem Teillastbetrieb. Insbesondere der außerordentlich kalte Winter 2025/26 stellte die Belegschaften vor immense Herausforderungen bei der Reparatur der immer wieder von Russland angegriffenen Umspannwerke und Freileitungen. Diese Einsätze sind für die Energiearbeiter mit Lebensgefahr verbunden, da häufig mit Doppelschlägen erst die Anlagen und sodann die Reparaturtrupps angegriffen werden.

Gleichzeitig konnten die ukrainischen Kraftwerke, die im Gegensatz zu westlichen Anlagen ihre Revisionen und Wartungsarbeiten nicht an Drittfirmen vergeben, sondern dafür eigenes Personal vorhalten, von diesem Reservoir der in-house-Kapazitäten profitieren. Im Eiswinter 2025/26 wuchsen die ukrainischen Kernkraftwerke auch deswegen in einen allseits respektierten Status einer Stütze der ukrainischen Energiewirtschaft hinein, weil fossile und Wasserkraft-Kapazitäten in erheblichem Ausmaß infolge von Kriegseinwirkungen den Betrieb einstellten. Derzeit wird die bedrohte Stabilität des ukrainischen Netzes vor allem von fünf Faktoren gewährleistet: Kernenergie aus den Standorten Riwne (2800 MW), Chmelnyzkyj (2000 MW) und Südukraine (3000 MW); Stromimporte aus der EU; wachsende Diversifizierung mit erneuerbaren Energien für die Bedarfe von Haushalten und kompakten Verbrauchseinheiten wie Krankenhäusern; Ausbau der Notstromanlagen; schließlich das Engpassmanagement, das vor allem durch rollende geplante Abschaltungen, kombiniert mit einer möglichst transparenten Publikation und Durchführung von Abschaltplänen, realisiert wird. Die Kernkraftwerke werden heute als bedeutender Teil einer Infrastruktur wahrgenommen, die das Land am Laufen hält und für Zusammenhalt sorgt. Die relativ hohen Zustimmungsraten zur Kernenergie, auch zum Ausbau der Kernenergie, haben sich im Vergleich zu Befragungen vor der russischen Invasion daher trotz der Kriegskrise nicht geändert. Auch ein 2025 aufgedeckter Korruptionsskandal, in den das Staatsunternehmen Enerhoatom als Melkkuh korrupter Beamter aus dem Umfeld des ukrainischen Präsidenten involviert war, konnte dieser prinzipiellen Zustimmung nichts anhaben.

Das ist umso bemerkenswerter, als die ukrainischen Kernkraftwerke immer wieder im Mittelpunkt von Angstkommunikationen des hybriden Krieges auf beiden Seiten standen, was erwarten ließ, dass die Verunsicherung über die Kernenergie wächst. Die Adressaten dieser Angstkommunikation, die sowohl auf russischer als auch auf ukrainischer Seite beobachtbar ist, sind in erster Linie nicht die ukrainische Bevölkerung, sondern die westlichen Verbündeten der Ukraine. Die russische Seite verquickt in ihrer Propaganda Atomkriegsdrohungen mit Anspielungen, auch westliche Kernkraftwerke könnten Schaden nehmen, wenn die betreffenden Länder der Ukraine zur Seite stünden. Ziel solcher Drohungen ist es, die Öffentlichkeiten im Westen zu spalten, eine Entsolidarisierung mit der Ukraine zu erreichen, aber auch dortige Energiedebatten zu beeinflussen.

Kyjiw hingegen versucht, unter Berufung auf die prekäre Situation ukrainischer Kernkraftwerke, insbesondere des AKW Saporischschja, an die Weltöffentlichkeit zu appellieren und Russland als Urheber der Gefährdung in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken. Insbesondere Präsident Selenskyj hat in seinen Äußerungen über das besetzte Kernkraftwerk Saporischschja auch immer wieder Tschornobyl als Referenzpunkt aufgerufen: es drohe ein „mehrfaches Tschornobyl“ für Europa, wenn die russische Besatzung und der russische Beschuss des Kraftwerks nicht gestoppt würde. Ein solches Katastrophenszenario zu beschreiben, ist aus Sicht der ukrainischen Seite, die eine Mobilisierungsabsicht hat, verständlich, geht aber an den realen Bedrohungen in Saporischschja vorbei, da hier ganz andere Bedingungen herrschen als seinerzeit in Tschornobyl, wo ein nicht durch ein Containment geschützter Reaktor außer Kontrolle geriet, explodierte und sein Inventar binnen weniger Sekunden freisetzte. In Saporischschja hingegen haben wir es mit potenziellen Unfallszenarien zu tun, die sich infolge eines Stromausfalls langsam aufbauen, was auch die Reaktionszeit zur Organisierung von Abhilfe erheblich ausdehnt.

Gleichwohl sind beide Formen von Angstkommunikation, die russische und die ukrainische, international nicht ohne Wirkung geblieben. In der deutschen Debatte von 2022 über die Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken kam auf Seiten der Atomgegner neben den bekannten Argumenten über Kosten, ungelöste Endlagerung und Reaktorsicherheit nun auch ein neues Argument hinzu, nämlich die Gefährdung von Kernkraftwerken im Kriege. Dagegen wurde argumentiert, dass die Nutzung der Kernenergie Industrieländern energie- und klimapolitische Handlungsspielräume verschafft, die sie unter Kriegsbedingungen resilient gegenüber fossilen Energieabhängigkeiten machen könne.

Und tatsächlich liefert die Ukraine für das Argument der nuklearen Resilienz einige Belege, wenn auch insgesamt die Besorgnisse erheblich sind. Die extremen Erfahrungen, aber auch der Erfindungsreichtum und die Zähigkeit der Ukrainer bei der Aufrechterhaltung ihrer Energieversorgung sind inzwischen wichtiges Anschauungsmaterial für die gesamte Welt. Insofern kann konstatiert werden, dass die ukrainische Kernenergie in den 40 Jahren nach Tschornobyl einen beachtlichen Weg zurückgelegt hat – von der imperialen Technologie in einer katastrophalen inneren Krise zur nationalen Technologie, die in eine von außen aufgezwungene Krise gerät, aber auch dazu beiträgt, diese zu bewältigen.

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Dr. Anna Veronika Wendland ist Historikerin mit einem Forschungsschwerpunkt in den Ukrainian Studies und der Umwelt- und Technikgeschichte. Sie forscht am Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg und lehrt an der Universität Marburg Neuere und Neueste Geschichte.