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Analyse: Lehren aus dem Krieg über gesellschaftliche Resilienz, oder: Was Europa von der Ukraine lernen könnte Ukraine-Analysen Nr. 334

Valerii Pekar Yuliya Shtaltovna

/ 15 Minuten zu lesen

Was sind die Pfeiler der gesellschaftlichen Resilienz in der Ukraine - und was können Deutschland und Europa daraus lernen?

Selbst im kalten Winter und oft ohne Strom und Heizung versuchten die Ukrainer:innen den Alltag so gut es geht zu bewahren - hier ein mit Notstrom betriebenes Café im Dezember in Kyjiw. (© picture-alliance, Photoshot)

Zusammenfassung

Als Russland im Februar 2022 seine groß angelegte Invasion begann, sagten viele internationale Beobachter:innen voraus, dass die Ukraine innerhalb weniger Wochen zusammenbrechen würde. Stattdessen zeigte die ukrainische Gesellschaft eine bemerkenswerte Resilienz, Anpassungsfähigkeit und zivile Mobilisierung. Dieser Artikel identifiziert zentrale gesellschaftliche Praktiken, die sich während mehr als 1.500 Tagen des umfassenden Krieges und eines Jahrzehnts russischer Aggression herausgebildet haben. Die Erfahrungen der Ukraine bieten wertvolle Lehren für Gesellschaften, die in einer Zeit geopolitischer Instabilität zunehmend komplexen Krisen gegenüberstehen.

Herausgeber der Länderanalysen

Die Ukraine-Analysen werden von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH gemeinsam herausgegeben. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veröffentlicht die Analysen als Lizenzausgabe.

Viele internationale Beobachter:innen gingen Anfang 2022 davon voraus, dass die Ukraine Russlands groß angelegter Invasion nur wenige Wochen standhalten würde. Aber stattdessen leistete die Ukraine einer der größten Armeen der Welt erfolgreich Widerstand und verteidigt weiterhin ihre Souveränität, wobei sie Formen gesellschaftlicher Resilienz entwickelt hat, die viele Analyst:innen nicht vorhergesehen hatten. Mehr als vier Jahre nach Beginn der Vollinvasion und über ein Jahrzehnt nach Russlands erster Aggression im Jahr 2014 ist die Ukraine zu einem Beispiel dafür geworden, wie sich Gesellschaften an einen langwierigen Krieg anpassen.

Der Krieg hat die Ukraine gezwungen, sich Herausforderungen zu stellen, die weit über das Schlachtfeld hinaus bis tief in die Gesellschaft reichen. Zivilgesellschaftliche Organisationen, lokale Gemeinschaften, Unternehmen und öffentliche Institutionen mussten sich rasch an Bedingungen extremer Unsicherheit anpassen. In diesem Prozess hat die ukrainische Gesellschaft neue Formen der zivilgesellschaftlichen Mobilisierung, dezentraler Führung, digitaler Governance und gemeindebasierter Unterstützungsnetzwerke entwickelt. Diese Praktiken veranschaulichen, wie Resilienz nicht nur aus staatlichen Institutionen, sondern auch aus dem kollektiven Handeln der Bürger:innen entstehen kann.

Der vorliegende Artikel analysiert genau diese gesellschaftliche Dimension der ukrainischen Resilienz. In einer Welt, die zunehmend von sich überschneidenden Krisen geprägt ist, bietet der Überlebenskampf der Ukraine wertvolle Einblicke in menschliche Ausdauer, Anpassungsfähigkeit und gemeinschaftsorientiertes Handeln. Durch Mut, Selbstorganisation und ein starkes Bekenntnis zu Identität und Freiheit haben die Ukrainer:innen die Kraft zivilgesellschaftlicher Resilienz und kollektiver Handlungsfähigkeit unter Beweis gestellt. Sie haben gezeigt, dass Resilienz mehr ist als nur Überleben: sie transformiert die Not in eine Quelle der Kreativität, Solidarität und Hoffnung.

Die in diesem Artikel vorgestellten Befunde basieren auf qualitativen Erkenntnissen, die aus einer von Valerii Pekar auf Facebook (120.000 Follower) initiierten öffentlichen Diskussion gewonnen wurden, in der die Frage „Was genau könnte die Welt/Europa von der Ukraine lernen?“ mehr als 600 Antworten hervorbrachte. Diese Kommentare spiegeln Erfahrungen und Reflexionen wider und wurden mithilfe eines konzeptionellen und frequenzbasierten thematischen Ansatzes zusammengestellt und analysiert. Wiederkehrende Themen wurden in Schlüsselkategorien gruppiert, die Praktiken gesellschaftlicher Resilienz veranschaulichen, die während des Krieges entstanden sind. Dabei wurden insgesamt sieben Themen sichtbar, die am häufigsten genannt wurden und daher als zentrale analytische Kategorien für diesen Artikel ausgewählt wurden und im Folgenden als Schlüsselelemente der ukrainischen Resilienz skizziert werden.

Resilienz und Anpassungsfähigkeit in der Praxis

In der gesamten Ukraine ist Resilienz zur Selbstverständlichkeit geworden. Gesellschaft, Regierung und Unternehmen haben sich – oft eigenständig – an die täglichen kriegsbedingten Beeinträchtigungen angepasst. Selbst in verwüsteten Regionen richten Gemeinden provisorische Feldküchen und stromausfallsichere Unterkünfte ein, die mit Notstromaggregaten, Kerzen und Powerbanks ausgestattet sind. Kleine Städte schließen sich zusammen, um durch Drohnenangriffe beschädigte Häuser wiederaufzubauen und Notunterkünfte für Vertriebene bereitzustellen, damit niemand zurückgelassen wird. Die Resilienz der Ukraine hängt dabei stark von der Leistungsfähigkeit der Zivilgesellschaft und dem sozialen Zusammenhalt ab. Dieses Maß an Durchhaltevermögen zeugt von einer Bereitschaft, Entbehrungen zu ertragen, und der Entschlossenheit, mit minimaler externer Hilfe zu arbeiten – und das alles, während man gleichzeitig dankbar ist und die Unterstützung der Partner öffentlich würdigt.

Nehmen wir als Beispiel die Reaktion der Ukraine auf russische Angriffe auf das Energiesystem, die darauf abzielten, durch flächendeckende Stromausfälle die Unterwerfung zu erzwingen. Innerhalb weniger Stunden nach den Angriffen eilten Reparaturtrupps an, um den Strom wiederherzustellen, während sich die Bürger:innen auf geplante Stromausfälle einstellten und ihre täglichen Routinen an die begrenzte Stromversorgung anpassten. Aufzüge in den vielen Hochhäusern wurden mit Notfallausrüstung wie Stühlen, Wasserflaschen, Keksen und Servietten für diejenigen ausgestattet, die während der Stromausfälle festsaßen. Wenn die Systeme versagen, verlassen sich die Ukrainer:innen aufeinander und begegnen den Störungen im Alltag mit Pragmatismus und Vertrauen in die Gemeinschaft.

Besonders hervorzuheben ist die neu gewonnene Kompetenz im Krisenmanagement von Unternehmen trotz schwieriger Bedingungen wie Personalmangel, Bewegungsbeschränkungen, Investitionsengpässen, Marktschrumpfung, Unterbrechungen der Energieversorgung und Raketenbedrohung. Gleichzeitig konnten, insbesondere im Dienstleistungssektor, hohe Standards aufrechterhalten werden. Viele Unternehmen wurden in andere Städte verlegt, die weiter vom Kriegsgebiet entfernt liegen (vgl. dazu Interner Link: Ukraine-Analysen 300), und nahmen am neuen Standort rasch die Produktion wieder auf. Andere Unternehmer:innen waren gezwungen, ihre bisherigen Betriebe aufzugeben, gründeten jedoch sehr bald an neuen Standorten von Grund auf neue Unternehmen, ohne auf Hilfe zu warten. Die Ukrainer:innen scherzen, dass bei der Befreiung einer Stadt die Nova Poshta gleichzeitig mit dem Eintreffen der ersten Einheiten der ukrainischen Streitkräfte ihre Türen öffne, und der Paketdienst wurde zum Symbol für unternehmerische Widerstandsfähigkeit. Es war auch das erste Unternehmen, das Niederlassungen in Europa eröffnete und damit nicht nur eine symbolische, sondern auch eine direkte und äußerst bequeme Verbindung zur Ukraine herstellte. Dies ermöglichte es den Millionen nach Europa geflohenen Menschen, Care-Pakete, Schutzausrüstung und Spenden nach Hause zu schicken. Resilienz verbindet Flexibilität und Stärke, die laut OECD eigentlich als unvereinbar angesehen werden. Es sieht so aus, als müssten wir lernen, wie man beides kombiniert, um die Resilienz zu verbessern.

Dezentrale Führung jenseits starrer Hierarchien

Angesichts der Überlastung zentralistischer Systeme haben die Ukrainer:innen die Kraft einer horizontalen, gemeinschaftsorientierten Governance unter Beweis gestellt. Freiwillige im ganzen Land organisieren sich in werteorientierten Netzwerken – von der Herstellung von Tarnnetzen und medizinischen Ausrüstungen bis hin zur Lieferung lebenswichtiger Güter an die Front. Eine solche dezentrale zivilgesellschaftliche Mobilisierung ist zu einem prägenden Merkmal der Widerstandsfähigkeit der Ukraine in Kriegszeiten geworden, wobei zivilgesellschaftliche Organisationen und Freiwilligengruppen die staatlichen Maßnahmen während des Krieges ergänzt und oft beschleunigt haben. Ukrainische Musiker:innen, Dichter:innen und Stand-up-Comedians treten in verschiedenen Städten und entlang der Front auf und nutzen gleichzeitig internationale Tourneen, um Spenden für humanitäre und militärische Hilfsinitiativen zu sammeln. Diese kulturellen Netzwerke haben eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung der Moral und der Mobilisierung internationaler Solidarität gespielt. Sie haben dazu beigetragen, Ressourcen für taktische medizinische Ausrüstungen zu verteilen und Gelder für Initiativen wie die Come Back Alive-Stiftung oder die Leleka Foundation sowie Hunderte anderer Freiwilligeninitiativen, die seit Beginn der Invasion entstanden sind, zu sammeln (vgl. dazu Interner Link: Ukraine-Analysen 328). Diese Widerstandsfähigkeit an der Basis zeigt, wie zivilgesellschaftliches Engagement und informelle Koordinationsnetzwerke in nationalen Krisen schnell und effektiv Ressourcen mobilisieren können.

Die Ukrainer:innen haben gezeigt, wie schnell soziale Unterstützungsnetzwerke aufgebaut werden können, die oft aus Personen bestehen, die zuvor kaum Erfahrung mit umfassender zivilgesellschaftlicher Koordination hatten. Forschende bezeichnen diese Form der Mobilisierung zunehmend als vertrauensbasierte zivilgesellschaftliche Vernetzung, bei der sich die Zusammenarbeit über sich überschneidende Kreise persönlicher Beziehungen und Sozialkapital ausbreitet. In diesem Sinne ähnelt die Ukraine heute dem, was manche metaphorisch als „Blockchain-Nation“ bezeichnen, in der Vertrauen in kleinen, vertrauenswürdigen Kreisen entsteht und sich über Netzwerke verifizierter Beziehungen nach außen ausbreitet. Studien zeigen, wie Gemeinden, Kommunen und zivilgesellschaftliche Organisationen polyzentrische Formen der Krisenbewältigung entwickelt haben, indem sie humanitäre Hilfe und Unterstützung für Binnenvertriebene über dezentrale Entscheidungsstrukturen koordinieren. Eine Kultur der horizontalen Vernetzung könnte zu einem wichtigen Merkmal künftiger sozialer Organisation werden, insbesondere da neue technologische und zivilgesellschaftliche Infrastrukturen eine dezentrale Koordination ermöglichen. Freiwilligennetzwerke haben sich rasch im ganzen Land verbreitet und zeigen, wie anpassungsfähig sie unter extremem Druck sein können. Auch die Führungsrolle von Frauen innerhalb solcher Freiwilligen-Ökosysteme ist zunehmend sichtbar geworden: Oft sind es Frauen, die landesweit die humanitäre Logistik, Initiativen zur Unterstützung der Gemeinschaft und die Koordination von Freiwilligenarbeit leiten.

Im Chaos des Krieges wurde den Ukrainer:innen schnell klar, dass es keine externe Autorität gab, die in der Lage war, die Krise zu bewältigen. In diesem Zusammenhang nahmen viele Bürger:innen das an, was man als „Notfall-Erwachsenwerden“ bezeichnen könnte: eine sofortige Übernahme von Verantwortung in Abwesenheit konventioneller institutioneller Unterstützung oder andere formelle Schutzmechanismen. Forschende stellen fest, dass die Kriegsbedingungen in der Ukraine Formen dezentraler Führung beschleunigt haben, bei denen Einzelpersonen, Gemeinschaften und zivilgesellschaftliche Organisationen Führungsrollen übernehmen, wenn die staatlichen Kapazitäten an ihre Grenzen stoßen. Diese rasche zivilgesellschaftliche Reifung erfordert eine Denkweise, die Fragen stellt wie „Welche Ressourcen stehen mir jetzt zur Verfügung?“ und „Welche Werte leiten meine Entscheidungen, wenn die Welt aus den Fugen gerät?“ Diese Form des Krisenmanagements, die paradoxerweise Improvisation mit strategischem Denken verbindet, wird unverzichtbar, wenn traditionelle institutionelle Rollen zusammenbrechen und die Zukunft einer ganzen Gesellschaft auf dem Spiel steht.

Aufrechterhaltung der Normalität als Ausdruck des Widerstands

Im Krieg wird die Aufrechterhaltung der Normalität zu einem Akt der Trotzhaltung und Selbstverteidigung. Trotz ständiger Gefahr versuchen die Ukrainer:innen, ihren Alltag so gut es geht aufrechtzuerhalten. Selbst in Städten, die am stärksten von Drohnenangriffen betroffen sind, wie Saporischschja, Charkiw, Dnipro und Sumy, bleiben Cafés, Schulen und Geschäfte geöffnet und bieten sichere Treffpunkte und einen Anschein von Alltag. Dienstleister wie die Ukrainische Eisenbahn und Ukrenerho arbeiten unermüdlich daran, den Betrieb wenige Stunden nach Störungen wiederherzustellen. Vertriebene Landwirt:innen passen sich an, indem sie andere Kulturen anbauen und sich auf neue Böden einstellen. Dies zeigt, dass sogar das Land ein Symbol für Widerstandsfähigkeit sein kann.

Dieses Bekenntnis zur Normalität bedeutet mehr als nur Kontinuität; es ist ein Ausdruck von Kontrolle und der Widerstandsfähigkeit der Gemeinschaft. Die Menschen schöpfen Kraft aus gemeinsamen Mahlzeiten, kleinen Feiern und der Freude über kleine Erfolge. In Schutzräumen während Luftangriffen hört man Menschen singen, um mit der Angst fertig zu werden. Die Menschen möchten ungeachtet der hohen Wahrscheinlichkeit von Zerstörung ihre Umgebung verschönern und verbessern. Und selbst Kriegsartefakte werden oft zu Einrichtungsgegenständen umfunktioniert. Es ist eine pragmatische Art, den Widrigkeiten zu begegnen und das Gefüge des Alltags zu bewahren. Selbstfürsorge ist nicht mehr eine rein persönliche Angelegenheit, sondern Teil einer kollektiven Anstrengung und Ausdruck des Widerstandsgeists.

Dieses starke Beharren auf der Aufrechterhaltung der Normalität erinnert daran, dass manchmal das „Weitermachen“ die stärkste Aussage sein kann. Die Ukrainer:innen haben gelernt, ihren Überlebensinstinkt mit tiefer Bedeutung und Lebensfreude zu verbinden, um ihr Leben so bewusst wie möglich zu leben.

Digitale Resilienz

Die ukrainische Regierung hält an ihrem „Digital-First“-Ansatz fest. Über die Diia-App, eine preisgekrönte Smartphone-App für staatliche E-Services, können Ukrainer:innen auf über 70 wichtige Dienstleistungen zugreifen – Passverlängerungen, Personalausweise und mehr –, und zwar ganz einfach über ihr Mobiltelefon, wann und wo immer es nötig ist. Das elektronische Beschaffungssystem Prozorro, ein Vorbild für Transparenz in der Verwaltung, ermöglicht es den Bürger:innen und zivilgesellschaftlichen Organisationen, die öffentlichen Ausgaben genau zu überwachen und analysieren. Digital ausgerichtetes Banking von Monobank und PrivatBank sowie anderen Anbietern hat die Finanzgeschäfte vereinfacht und zugängliche, vertrauenswürdige Instrumente zur Mittelbeschaffung bereitgestellt, wodurch schnelle Transaktionen und Spendenaktionen ermöglicht werden.

Die digitale Infrastruktur der Ukraine ist so zu einer wichtigen Säule der Resilienz geworden und hat maßgeblich dazu beigetragen, die staatliche Verwaltung, öffentliche Dienstleistungen, die Wirtschaftstätigkeit und das bürgerschaftliche Engagement trotz des Krieges aufrechtzuerhalten.

Emotionale und psychische Widerstandsfähigkeit

Angesichts unerbittlicher Not haben die Ukrainer:innen Kraft aus emotionaler Widerstandsfähigkeit, Humor und gemeinschaftsbasierter psychologischer Unterstützung geschöpft. Extreme Umstände rufen intensive Emotionen hervor, doch viele Menschen haben gelernt, Wut, Angst und Verzweiflung in zielgerichtetes Handeln und bürgerschaftliches Engagement umzuwandeln.

Humor und die digitale Meme-Kultur sind zu wichtigen Bewältigungsstrategien geworden, die Momente der Erleichterung bieten und die Solidarität stärken. Kriegsbezogene Memes, Witze und kulturelle Ausdrucksformen tragen dazu bei, die Moral aufrechtzuerhalten und gleichzeitig feindlichen Narrativen im Informationskrieg entgegenzuwirken. Die psychische Resilienz wird auch durch von Freiwilligen geführte Netzwerke unterstützt, die Traumaberatung und gegenseitige Unterstützung für Zivilist:innen, Soldat:innen und deren Familien anbieten. Diese Initiativen ergänzen oft formelle Angebote und helfen den Menschen, Trauer, Traumata und Kriegsverbrechen zu verarbeiten.

Die Umweltzerstörung hat eine weitere Ebene kollektiven Traumas hinzugefügt: von der Katastrophe am Kachowka-Staudamm bis hin zu umfassenderen ökologischen Schäden in der Schwarzmeerregion. Als Reaktion darauf betrachten die Ukrainer:innen Resilienz, Nachhaltigkeit und emotionale Genesung zunehmend als eng miteinander verbunden. Aktionen der Fürsorge und Solidarität tragen dazu bei, Ängste abzubauen und Handlungsfähigkeit wiederherzustellen. In diesem Sinne wird Resilienz zu einer gemeinsamen sozialen Praxis. Wie die ukrainische Dichterin Lesja Ukrainka schrieb: „Contra spem spero“ („Ich hoffe gegen alle Hoffnung“) – ein Satz, der zum Symbol für die Entschlossenheit der Nation geworden ist, durchzuhalten.

Kollektive Identität, freiwilliges Engagement und Patriotismus

Das gemeinsame nationale Identitätsgefühl der Ukraine wird durch freiwilliges Engagement, kulturelle Ausdrucksformen und einen Stolz auf das kulturelle Erbe gestärkt, das einer existenziellen Bedrohung ausgesetzt ist. Die russische Vollinvasion hat die Konsolidierung einer ukrainischen staatsbürgerlichen Nation beschleunigt und die Solidarität über sprachliche, ethnische und regionale Grenzen hinweg gestärkt. Kulturelle Initiativen – von Literaturfestivals über Lyriklesungen bis hin zu Philosophiekreisen – tragen dazu bei, das geistige Leben auch in Kriegszeiten aufrechtzuerhalten und so die kulturelle Kontinuität und die kollektive Identität zu bewahren.

Freiwilligenbewegungen und gemeinnützige Initiativen sind zu einem zentralen Faktor für die Widerstandsfähigkeit der Ukraine geworden. Crowdfunding-Kampagnen und lokale Initiativen unterstützen sowohl humanitäre als auch militärische Bemühungen und vereinen Gemeinschaften im ganzen Land in einem gemeinsamen Ziel. Freiwilligennetzwerke haben sich zu wichtigen institutionellen Akteuren entwickelt, die während des Krieges die Verteidigungs- und Sozialsysteme des Staates unterstützen. Durch diese Netzwerke gegenseitiger Unterstützung zeigen die Ukrainer:innen, wie Patriotismus, bürgerliche Solidarität und Dankbarkeit zu unverzichtbaren Ressourcen für das Überleben werden.

Der Krieg hat zudem die politische Nation der Ukraine gestärkt, die eine multiethnische und multireligiöse Gesellschaft mit einer neu interpretierten Sicht auf Geschichte und Tradition verbindet. Indem die Ukrainer:innen ihre Vergangenheit neu interpretieren und lange unterdrücktes kulturelles Erbe wiederentdecken, schaffen sie eine dynamische Synthese aus Tradition und Moderne, die die nationale Identität und demokratische Bestrebungen stärkt.

Schnelle Problemlösung und flexibles Denken

In Notfällen legen die Ukrainer:innen Wert auf flexibles, agiles und entschlossenes Handeln. Das Gesundheitswesen hat sich angepasst, indem es Prozesse gestrafft und der Notfallversorgung Vorrang eingeräumt hat, während Schulen auf Distanz- und Hybridunterrichtsmodelle umgestellt haben, um den Bildungserwerb für Kinder in Konfliktgebieten und von Binnenvertriebenen aufrechtzuerhalten. Auch der Technologiesektor hat eine wichtige Rolle bei der Notfallkoordination gespielt und Software für Echtzeitlogistik und humanitäre Hilfe entwickelt. Initiativen wie DonorUA (für Blutspenden) zeigen, wie digitale Innovationen und zivile Technologien über kollaborative Plattformen schnell Ressourcen mobilisieren können.

Selbst unter starkem Druck halten die Ukrainer:innen weiterhin hohe Standards im Dienstleistungssektor und im Gesundheitswesen aufrecht. Die Servicequalität und die patientenorientierte Versorgung bleiben trotz begrenzter Ressourcen auf hohem Niveau, was Verantwortung und Professionalität widerspiegelt und zur gesellschaftlichen Resilienz beiträgt.

Gleichzeitig hat der Krieg außergewöhnliche militärische und technologische Innovationen beschleunigt. Die militärischen Experimente der Ukraine, die oft dezentral von freiwilligen Ingenieur:innen, Start-ups und Einheiten an der Front vorangetrieben werden, haben die moderne Kriegsführung verändert, insbesondere in den Bereichen Drohnen, Cybersicherheit und Feldmedizin. Dieses Umfeld des schnellen Experimentierens macht die Ukraine zu einem „Start-up im nationalen Maßstab“, in dem Ideen schnell getestet, angepasst und bei Erfolg skaliert werden.

Die Ukrainer:innen sammeln kontinuierlich Wissen von internationalen Partnern, experimentieren zügig mit Lösungen und übernehmen diejenigen, die sich als wirksam erweisen. Dieser adaptive Ansatz – der Improvisation mit hohen professionellen Standards verbindet – veranschaulicht, wie Agilität und kollektives Lernen zu mächtigen Werkzeugen für Resilienz in extremen Krisen werden können.

Die Proteste von 2025 als Indikator gesellschaftlicher Resilienz

Die jüngsten Entwicklungen in der Ukraine bestätigen das zentrale Argument dieses Artikels: Die gesellschaftliche Resilienz in der Ukraine ist nicht bloß eine Reaktion auf Krisen, sondern eine sich ständig weiterentwickelnde zivilgesellschaftliche Fähigkeit, die in demokratischem Engagement, sozialer Verantwortung und kollektivem Lernen verwurzelt ist. Selbst unter den Bedingungen des umfassenden Krieges bleibt die ukrainische Zivilgesellschaft handlungsfähig, selbstreflexiv und mobilisierungsfähig.

Die Proteste, die im Sommer 2025 in der Ukraine stattfanden, liefern ein anschauliches Beispiel für diese Dynamik (vgl. Ukraine-Analysen 322 ()https://laender-analysen.de/ukraine-analysen/322/angriff-auf-korruptionsbekaempfungsinfrastruktur-ukraine-nabu-sapo/). Ausgelöst durch Gesetzesänderungen, die als Bedrohung für die Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörden wahrgenommen wurden, stellten diese Demonstrationen die ersten Massenproteste seit Beginn der russischen Vollinvasion dar. Anstatt jedoch politische Instabilität widerzuspiegeln, unterstrichen sie die anhaltende Vitalität der ukrainischen gesellschaftspolitischen Kultur und der demokratischen Rechenschaftspflicht.

Mehrere Merkmale dieser Proteste sind analytisch bedeutsam. Erstens wurden die Demonstrationen größtenteils von einer neuen Generation junger Ukrainer:innen organisiert und getragen, für die die Revolution der Würde (2013/14) eher zur kollektiven Erinnerung als zur persönlichen Erfahrung gehört. Für viele Teilnehmenden waren die Proteste ihre ersten direkten Erfahrungen mit politischem Aktivismus. Diese generationsübergreifende Beteiligung deutet darauf hin, dass demokratische Normen und Erwartungen erfolgreich an eine neue Generation von Bürger:innen weitergegeben wurden, was die Kontinuität der zivilgesellschaftlichen Traditionen der Ukraine stärkt.

Zweitens zeigten die Proteste, die in der Ukraine auch als „Pappkarton-Revolution“ bezeichnet wird, eine charakteristische Form der Partizipation. Viele Teilnehmende trugen selbst gestaltete Schilder auf Pappe mit persönlichen Botschaften und politischen Forderungen. Dieses Phänomen verdeutlichte ein hohes Maß an individueller Eigeninitiative innerhalb kollektiven Handelns und spiegelte den kreativen und dezentralen Charakter der zeitgenössischen ukrainischen Protestkultur wider. Im Gegensatz zu früheren Protestbewegungen, die sich oft auf zentralisierte Mobilisierungsstrukturen stützten, waren die Demonstrationen von 2025 eine eher horizontale und netzwerkbasierte Form des bürgerlichen Engagements.

Drittens zeigten die Proteste eine sich wandelnde Beziehung zwischen der ukrainischen Gesellschaft und den staatlichen Institutionen. Während sich die Orange Revolution (2004/05) weitgehend auf die politische Führung konzentrierte und die Revolution der Würde eine zivilisatorische Entscheidung zwischen geopolitischen Orientierungen betonte, stand bei den Protesten von 2025 die Verteidigung der institutionellen Integrität im Mittelpunkt. Die Demonstrierenden stellten ihr Handeln als eine den Staat unterstützende Position dar, die darauf abzielte, demokratische Institutionen zu schützen, anstatt den Staat zu schwächen. Dieser Wandel deutet auf einen wachsenden gesellschaftlichen Fokus auf institutionelle Rechenschaftspflicht und Governance-Standards hin.

Wichtig ist, dass sich diese Ereignisse unter den außergewöhnlichen Bedingungen des Krieges abspielten. Die Protestierenden zeigten ein klares Bewusstsein für den gesamtgesellschaftlichen Kontext, vermieden eine Eskalation und hielten eine disziplinierte, friedliche Atmosphäre aufrecht. Diese Balance zwischen Kritik und Verantwortung verdeutlicht die Reifung der ukrainischen Zivilgesellschaft. Die Proteste waren nicht Ausdruck einer Ablehnung des Staates, sondern drückten vielmehr das Bestreben der Gesellschaft aus, sicherzustellen, dass demokratische Normen auch unter extremen Bedingungen intakt bleiben.

Auch die internationalen Auswirkungen dieser Entwicklungen sind von Bedeutung. In einer Zeit, in der externe Beobachter:innen gelegentlich Bedenken hinsichtlich der demokratischen Regierungsführung in Kriegszeiten äußern, zeigten die Proteste, dass die ukrainische Gesellschaft weiterhin in der Lage ist, ihre politische Elite zur Rechenschaft zu ziehen. In diesem Sinne trug die zivilgesellschaftliche Mobilisierung dazu bei, die demokratische Legitimität und die internationale Glaubwürdigkeit der Ukraine zu stärken.

Fazit

Zusammengenommen verdeutlichen diese Entwicklungen, wie die Kriegserfahrungen der Ukraine neue Formen zivilgesellschaftlicher Resilienz und demokratischer Teilhabe prägen. Die Proteste von 2025 unterstreichen, dass diese Resilienz nicht nur im Durchhalten unter Kriegsbedingungen besteht, sondern auch in der aktiven Verteidigung demokratischer Werte und Institutionen. Die sich wandelnde Protestkultur des Landes, das generationenübergreifende bürgerschaftliche Engagement und das Bekenntnis zur institutionellen Rechenschaftspflicht zeigen, wie Gesellschaften auch unter den Bedingungen einer anhaltenden Krise ihre demokratische Handlungsfähigkeit bewahren können. In einer Welt, die zunehmend mit komplexen systemischen Herausforderungen konfrontiert ist, bieten die Erfahrungen der Ukraine wertvolle Einblicke darin, wie zivilgesellschaftliche Resilienz und partizipative Regierungsführung mit dem nationalen Überleben einhergehen können. Unter der verfassungsrechtlichen Ordnung der Ukraine und den Bedingungen des Kriegsrechts sind reguläre Wahlen derzeit nicht möglich. Gerade deshalb gewinnen friedliche Proteste, öffentliche Wachsamkeit und die Verteidigung unabhängiger Institutionen wie dem Nationalen Antikorruptionsbüro der Ukraine NABU und der Nationalen Agentur für Korruptionsprävention NAZK besondere Bedeutung als Formen gelebter und praktizierter Demokratie. Selbst unter den härtesten Bedingungen zeigt die ukrainische Gesellschaft, dass demokratische Werte und Prinzipien zum Kern ihrer politischen Kultur gehören: Bürger:innen sind bereit, friedlich gegen undemokratischen Druck und undemokratische Entscheidungen einzutreten und zugleich jene Institutionen zu verteidigen, die Transparenz, Rechenschaftspflicht und Rechtsstaatlichkeit sichern.

In einer Welt, die zunehmend mit systemischen Krisen, russischer und anderer autoritärer Propaganda, gesellschaftlicher Spaltung und massiven hybriden Angriffen auf die Demokratie konfrontiert ist, bieten die Erfahrungen der Ukraine wertvolle Lektionen für alle, die bereit sind, von einem Extremfall zu lernen: wie zivilgesellschaftliche Resilienz, partizipative Regierungsführung und nationales Überleben während eines direkten Krieges bewahrt werden können.

Zusammen verkörpern diese zivilgesellschaftlichen, institutionellen und emotionalen Anstrengungen die Botschaft der Ukraine an die Welt: Resilienz, Solidarität und innere Entwicklung sind keine abstrakten Ideale, sondern lebendige Kräfte, durch die Gesellschaften bestehen, sich weiterentwickeln und den Menschen helfen, inmitten von Unsicherheit die Hoffnung wiederzufinden.

Was Europa von der Ukraine lernen könnte, ist daher nicht nur, wie eine Gesellschaft unter Beschuss überlebt, sondern wie sie selbst in den härtesten Umständen demokratische Prinzipien friedlich und verantwortungsvoll praktiziert. Die Erfahrungen der Ukraine sind mehr als nur eine nationale Angelegenheit. Sie sind ein Spiegel für die Welt und bieten Lektionen in Mut, Anpassungsfähigkeit und Integrität, die überall dort dringend benötigt werden, wo demokratische Prinzipien weiterhin als zentrale gesellschaftliche Werte verstanden werden.

Weitere Inhalte

Valerii Pekar ist Publizist und außerordentlicher Professor an der Kyiv-Mohyla Business School und der Business School der Ukrainischen Katholischen Universität in Lwiw. Er ist Autor mehrerer Bücher und beschäftigt sich mit Reformen und Zivilgesellschaft in der Ukraine.

Prof. Dr. Yuliya Shtaltovna ist Professorin für internationales und interkulturelles Management an der Hochschule Fresenius in Berlin und Research Professor an der Graduate Business School der Kyiv School of Economics in Kyjiw.