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Kommentar: Wie sich der russisch-ukrainische Krieg 2026 entwickeln könnte | Ukraine-Analysen | bpb.de

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Kommentar: Wie sich der russisch-ukrainische Krieg 2026 entwickeln könnte Ukraine-Analyse Nr. 327

Gustav C. Gressel

/ 5 Minuten zu lesen

2026 könnte aus militärischer Perspektive ein entscheidendes Jahr für die Ukraine werden. Was sind die größten Herausforderungen, und was muss die Ukraine tun?

Die Ukraine benötigt dringend die miliärische Unterstützung ihrer Verbündeten, um Russlands Krieg zu stoppen. (© picture alliance / NurPhoto | Chris Jung)

Herausgeber der Länderanalysen

Die Ukraine-Analysen werden von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH gemeinsam herausgegeben. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veröffentlicht die Analysen als Lizenzausgabe.

Russland will die ukrainische Verteidigungsfähigkeit ausschalten

Der russisch-ukrainische Krieg geht ins fünfte Jahr. Die Hoffnungen auf einen Waffenstillstand oder gar Frieden haben sich zerschlagen. Ein Ende des Krieges in 2026 ist möglich, wenn auch unwahrscheinlich. Die Kosten für die Fortsetzung des Krieges steigen zwar für Russland, gleichzeitig schrumpfen die Fortschritte auf dem Schlachtfeld. Auch in 2025 konnte Russland keine operativ verwertbaren Durchbrüche erreichen. Gleichzeitig bleiben die Personalverluste auf konstant hohem Niveau. 2025 konnten sie noch in vollem Umfang durch Freiwillige und im Ausland angeworbene Söldner ausgeglichen werden, 2026 könnte dies schwieriger oder zumindest teurer werden. Allerdings bleibt auch hier immer noch das Mittel der Zwangsmobilisierung, das Russland erlauben wird, den Krieg fortzusetzen.

Zur Schonung seiner Personalreserven könnte Moskau die Einstellung weiterer Landoffensiven über gewisse Zeiträume anordnen, und sich stattdessen auf ein Fernbombardement der Ukraine beschränken, bis die Verluste wieder durch Neurekrutierungen ausgeglichen sind. So wird Russland in diesem Jahr über 50.000 Geran-Angriffsdrohnen produzieren, etwas unter 1.000 ballistische Raketen (inklusive nordkoreanischer Importe) und zwischen 2.500 bis 3.000 Marschflugkörper verschiedener Bauarten. Damit lässt sich viel Schaden anrichten, vor allem auch, da Russland beim Einsatz von Fernwaffen und der Koordination von Angriffen gegen zivile Infrastruktur die meisten Lernfortschritte gemacht hat.

Mit Flugabwehrlenkwaffen aus europäischer Produktion (Aster-30, IRIS-T, etc.) wird die Ukraine unter optimalen Bedienungen etwa ein Viertel dieser Luftziele bekämpfen können. Importe amerikanischer Munition (Patriot PAC-3 zur Abwehr ballistischer Raketen, AIM-120 für NASAMS und F-16) ist teuer, langwierig und unberechenbaren Schwankungen unterworfen. Es gibt aber derweilen keine Alternative dazu.

Russlands Ziel ist es, die ukrainische Verteidigungsfähigkeit bis zum Zusammenbruch zu ermatten. Dazu müssen die Geländegewinne nicht hoch sein. Es reicht, wenn die ukrainischen Verluste weniger gut ersetzt und ausgeglichen werden können als die russischen. Damit erodiert die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine, bis irgendwann die Front an Material- und Personalmangel zerbricht. Leider ist dies durchaus im Bereich des Erreichbaren.

Was die Ukraine nun tun muss

Die Verluste der ukrainischen Armee an Material und Personal sind derzeit zu hoch. Der neue ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow hat bereits einige der Grundprobleme angesprochen: ineffiziente Verwaltungsbürokratie, schlechtes Training, eine sowjetische Militärkultur die zu wenig Rücksicht auf Verluste nimmt, beschönigte Lageinformationen weitergibt und Untergebene frustriert, nicht ausreichende Berücksichtigung von Kampferfahrung und -erfolgen bei Beförderungen und Versetzungen in höhere Kommandantenfunktionen. Diese Missstände sind auch für die zunehmend hohen unerlaubten Abwesenheiten (sog. AWOL, absence without leave, derzeit etwa 200.000 Mann) und steigende Zahlen der Ukrainer, die sich dem Wehrdienst entziehen versuchen, mitverantwortlich. In Zeiten, in denen der Ukraine die Infanterie an allen Ecken und Enden fehlt, ist eine Kurskorrektur unausweichlich.

Eine effizientere Verteidigung würde aber auch bedeuten, das Halten von Gelände zur geringeren Priorität zu erklären als eine effiziente Verteidigung. Derzeit müssen alle ukrainischen Verbände selbst kleinere taktische Rückzüge durch den Generalstabschef in Kyjiw genehmigen lassen. Dadurch ist es ihnen nicht möglich, auf verteidigungsgünstiges Gelände zurückzufallen, und sie müssen selbst unter hohem Blutzoll ungünstiges Gelände halten. Besonders fatal ist das rein politisch motivierte Festhalten an öffentlichkeitswirksamen Städten wie Myrnohrad und Pokrowsk, die nur unter ständigen Gegenangriffen und erheblichem Mitteleinsatz gehalten werden können. Die dort eingesetzten Reserven fehlen an anderen Stellen der Front und erlauben es Russland in weniger gut verteidigten Frontabschnitten (in 2025 waren das Welika Nowosylka, Siwersk, Selena Dolyna-Lyman) weit größere Fortschritte zu machen (vgl. dazu auch die Interner Link: Analyse von Clément Molin in dieser Ausgabe).

Auch die Ergänzung der materiellen Ausstattung der ukrainischen Armee wird 2026 in eine entscheidende Phase gehen. Das starke Wachstum der ukrainischen Rüstungsindustrie verlangsamt sich aufgrund des Arbeitskräftemangels und der immer effektiveren russischen Luftschläge. Eine weitere Expansion ist aber im europäischen Ausland möglich, so dies gewollt und gefördert wird. Einige europäisch-ukrainische Rüstungs- und Technologiekooperationen zur Weiterentwicklung von Abfangdrohnen, Systemen zur Abwehr von Kleindrohnen und der Bekämpfung von Gleitbomben werden 2026 von der Test- in die Produktionsphase übergehen. Derzeit schauen einige Projekte technisch vielversprechend aus, einen echten Einfluss auf den Kriegsverlauf werden aber nur die Systeme erreichen, die auch in der benötigten Masse produziert werden. Und genau hier hakte es bis jetzt immer auf der europäischen Seite.

Trotz beachtlicher ukrainischer Fortschritte im Bereich der Entwicklung von Landdrohnen (Unmanned ground vehicles – UGV) braucht die Ukraine zudem einen verlässlichen Nachschub von schweren Landfahrzeugen (Kampf- und Schützenpanzer, Berge- und Pioniergerät), Flugabwehrsystemen und Kampfflugzeugen, sowie Artilleriemunition, Clustermunition und Munition für Kampfflugzeuge. Hier sind die Europäer gehörig in Verzug geraten, weil die Bestände an gebrauchtem Großgerät weitestgehend erschöpft sind und Neuproduktionen erst nach Ausscheren der USA aus der/dem Ramstein-Format/NATSU (NATO Security Assistance and Training for Ukraine)/Unterstützerkoalition/Kreis der waffenliefernden Staaten 2025 in Angriff genommen wurden. Und zu guter Letzt fehlen der Ukraine ein wirkungsvolles Raketenartilleriesystem bzw. taktische ballistische Raketen, nachdem ATACMS kaum mehr zu bekommen ist und GLMRS (HIMARS) mittlerweile durch russische elektronische Kampfführung erfolgreich gestört werden kann.

Bekommt die Ukraine ihre organisatorischen Probleme in den Griff und schafft es Europa gemeinsam mit der Ukraine zumindest die wichtigsten Rüstungsgüter (Abfangdrohnen, Drohnen zur Gleitbombenabwehr, Flugabwehr) in Großserie zu bauen, kann die Ukraine die Front ab dem Herbst 2026 stabilisieren und nachhaltig verteidigen. Ob das Putin freilich schon dazu bewegt, einen Waffenstillstand abzuschließen und den Krieg zu beenden ist fraglich. Wahrscheinlicher ist, dass er zunächst versucht, durch taktische, operative oder strategische Adaption den Krieg weiter fortsetzen zu können.

Setzen sich die derzeitigen Probleme und Ineffizienzen der Ukraine im Mitteleinsatz fort und bleiben die Europäer in der Rüstung hinter den gesteckten Zielen zurück, können sich die russischen Geländegewinne 2026 auch stark beschleunigen. Obwohl ein voller Zusammenbruch der ukrainischen Verteidigung auch 2026 eher unwahrscheinlich ist, könnte der negative Point of no Return , an dem die ukrainischen Streitkräfte durch Verluste so geschädigt sind, dass sie auch unter optimalen Bedingungen nicht mehr rekonstituiert werden können, eintreten. Die österreichisch-ungarische k.u.k.-Armee erreichte diesen Zustand im Herbst 1917 und brach ein Jahr später zusammen.

2026 wird ein entscheidendes Jahr für die Ukraine – und für Europa

Die USA unter Donald Trump ist ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor. Jenseits dem Verkauf von Waffen an die Europäer spielen sie eine entscheidende Rolle durch die Aufrechterhaltung ihrer Sanktionen gegen Russland. US-Sanktionen werden strenger überwacht als die der EU, die Strafen sind weit höher, und sie werden exterritorial angewandt. Durch die Verhängung von Sanktionen gegen Rosneft und Lukoil, sowie das Vorgehen gegen die Schattenflotte Venezuelas (und damit Russlands) hat Trump unbeabsichtigt die finanziellen Schwierigkeiten Moskaus, diesen Krieg fortzusetzen, erschwert. Wir können uns aber nicht darauf verlassen, dass es so bleibt. Lukrative russische Angebote an die politischen Entscheidungsträger in Washington könnten dies auch schnell ändern. Und Europa hat kaum noch Reserven und Manövrierraum, weitere negative Entwicklungen (Grönland-Krise, steigende chinesische Zuliefertätigkeit an Russlands Rüstungssektor, etc.) aufzufangen. Die europäischen Staaten haben von 2022 bis 2024 gezögert, ihre eigenen Rüstungsindustrien hochzufahren und sich zu sehr auf die USA verlassen. Diesen Irrtümern laufen wir jetzt hinterher.

Fussnoten

Weitere Inhalte

Gustav C. Gressel ist Forscher und Hauptlehroffizier an der Landesverteidigungsakademie des österreichischen Bundesheeres. Er war von 2014 bis 2024 im European Council on Foreign Relations in Berlin tätig und befasst sich insbesondere mit der Militärhilfe für die Ukraine.