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Kommentar: Der Stand des russischen Eroberungskriegs gegen die Ukraine. Trends und mögliche Trendwenden | Ukraine-Analysen | bpb.de

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Kommentar: Der Stand des russischen Eroberungskriegs gegen die Ukraine. Trends und mögliche Trendwenden Ukraine-Analysen Nr. 334

Heiko Pleines

/ 7 Minuten zu lesen

Steht der Russland-Ukraine Krieg angesichts der Lage an der Front, ukrainischer Langstreckendrohnen und der Krise in Russland an einem Wendepunkt?

Am Eröffnungstag des für Russland wichtigen Wirtschaftsforums in St. Petersburg erreichten ukrainische Langstreckendrohnen die Stadt; die Rauchwolken waren von weitem sichtbar. (© picture-alliance/dpa, Ulf Mauder)

Herausgeber der Länderanalysen

Die Ukraine-Analysen werden von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH gemeinsam herausgegeben. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veröffentlicht die Analysen als Lizenzausgabe.

In Politik und Medien wird seit der Moskauer Siegesparade am 9. Mai 2026, die ohne Waffenschau, aber mit Angst vor ukrainischen Luftangriffen stattfand, regelmäßig von ukrainischen Erfolgen und russischen Problemen berichtet. Es entsteht der Eindruck, dass die Lage kurzfristig zugunsten der Ukraine kippt. Tatsächlich handelt es sich aber um längerfristige Trends, deren weitere Entwicklung unsicher bleibt.

Die gewandelte Lage im russischen Eroberungskrieg gegen die Ukraine zeigt sich vor allem in drei Bereichen: an der Frontlinie, bei ukrainischen Luftangriffen auf russische Ziele im Hinterland und bei der Stimmung in Russland.

Lage an der Front

An der Front ist die russische Frühjahrsoffensive nach aktuellem Stand gescheitert. Anstelle der üblichen kleinen Gebietsgewinne sieht sich Russland zum ersten Mal seit 2023 mit Nettogebietsverlusten an der Frontlinie konfrontiert.

Als zentrale Gründe für das russische Scheitern werden regelmäßig genannt: die Abschaltung wichtiger Kommunikationskanäle für die russischen Truppen, konkret Starlink durch das amerikanische Unternehmen und Telegram durch die eigene Regierung; zunehmend schlechter ausgebildete russische Soldaten, die oft ohne Rücksicht auf Qualifikationen rekrutiert und schnell an die Front geschickt werden; Dominanz von Drohnen, die ein „gläsernes Gefechtsfeld“ und damit anstelle einer Frontlinie einen breiten „Todesstreifen“ schaffen, der kaum zu überwinden ist; die zunehmende ukrainische Fähigkeit russische Nachschubpositionen mit eigenen Mittelstreckenraketen auch weit hinter der Front massiv anzugreifen.

Mit Ausnahme der Kommunikationsprobleme sind dies aber alles keine spontanen Entwicklungen. Die Lage an der Front wird schon seit langem als festgefahren beschrieben. Ende 2022 hatte Russland 18 % des ukrainischen Staatsgebietes unter militärischer Kontrolle (einschließlich der bereits 2014 besetzten Gebiete). Ende 2025 waren es gut 19 %. Bereits mit den Gegenoffensiven 2022 und 2023 sowie dem Einmarsch in die russische Region Kursk im August 2024 hatte die ukrainische Armee gezeigt, dass sie die Initiative ergreifen kann.

Während Russland an der Front nicht vorankommt, würde dasselbe aber für eine ukrainische Gegenoffensive derzeit auch gelten. Es sind sich eigentlich alle Experten einig, dass es weiterhin einen Stellungs- oder Abnutzungskrieg gibt, den absehbar an der Front keine Seite gewinnen kann. Zu beachten ist dabei, dass gerade im militärischen Bereich viele relevante Informationen der Geheimhaltung unterliegen und dass selbst die, die die Geheimnisse der einen Seite kennen, durch die Innovationen der anderen Seite oder die allgemeine Entwicklung der Kriegsführung regelmäßig überrascht wurden.

Luftkrieg

Auch bei Luftangriffen zeigt sich aktuell die Fortsetzung eines langfristigen Trends. Wie schon 2022 bei der Ausschaltung der russischen Kontrolle über das Schwarze Meer, hat es die Ukraine auch über dem russischen Luftraum geschafft, großflächig angreifen zu können. Jetzt hat die Ukraine bei Luftangriffen zum ersten Mal die kritische Masse an weitreichenden Drohnen und Raketen, um systematisch und wiederholt zentrale Ziele im Bereich der russischen Rüstungsindustrie und Erdölwirtschaft zu zerstören.

Es ist aber nicht absehbar, dass die Schäden einen direkten Zusammenbruch Russlands bewirken. Der Einnahmenverlust durch die Ausschaltung von bis zu 40 % der Exportkapazitäten für Erdöl wurde z. B. zumindest kurzfristig durch die stark gestiegenen Weltmarktpreise und die Lockerung der US-Sanktionen kompensiert.

Umgekehrt sind die systematischen Angriffe Russlands auf zivile Ziele in der Ukraine, oft eindeutige Kriegsverbrechen, weiterhin eine schwere Belastung für die Ukraine. Die Ukraine hat mehrfach erklärt, dass Flugabwehrraketen knapp werden. Nachdem die USA unter Trump direkte Lieferungen eingestellt hatten, sind durch die massiven Angriffe gegen den Iran jetzt auch die globalen Vorräte stark ausgedünnt.

Zusammengefasst sind aktuell die zentralen Trends einerseits die zunehmende Fähigkeit der Ukraine, den russischen Truppen an der Front den Nachschub mit Mittelstreckenraketen abzuschneiden. Dies könnte Russland zum Rückzug aus den südwestlichen Regionen der Ukraine zwingen. Andererseits gehen der Ukraine die Ressourcen für die Luftverteidigung aus. Zunehmende russische Angriffe gefährden die zivile Infrastruktur der Ukraine, vor allem bei der kommunalen Versorgung und der Eisenbahn.

Stimmungslage

Im Herbst 2025 wurde befürchtet, dass die bevorstehenden massiven russischen Luftangriffe auf ukrainische Städte und die Versorgung mit Wärme, Strom und Wasser Panik und eine neue Flüchtlingswelle auslösen würden. Die ukrainische Bevölkerung hat sich aber erneut als sehr widerstandsfähig erwiesen. Repräsentative Meinungsumfragen, die frei durchgeführt werden können, zeigen regelmäßig, dass eine Kapitulation gegenüber Russland nicht als Option gesehen wird. Die Einschätzungen, wann und wie ein Frieden möglich ist, unterscheiden sich natürlich.

In Russland ist die Lage aber eine ganz andere, da der Bevölkerung suggeriert wurde, dass der Krieg, der im offiziellen Sprachgebrauch ja nicht einmal ein Krieg ist, für Russland kurz und siegreich sein werde. Stattdessen nehmen die Wirtschaftsprobleme eindeutig sichtbar zu. Da Kritik am Krieg unter drakonischen Strafen steht und jeder Protest von einem zunehmend omnipräsenten Polizeistaat im Keim erstickt wird, ist die Stimmung der russischen Bevölkerung nur noch indirekt zu erschließen.

Aktuell werden hier viele Anzeichen für Unzufriedenheit in der Bevölkerung aufgezählt. Gleichzeitig wird – u. a. mit westlichen Geheimdiensten als Quelle – von Kritik in den Reihen der politischen Eliten und von Putins Angst vor einem Putsch berichtet. Auch dies ist aber keine neue Entwicklung. Die größte sichtbare Äußerung von Unzufriedenheit in der Bevölkerung nach den Massenverhaftungen direkt zu Kriegsbeginn war die Fluchtwelle in Reaktion auf die Teilmobilmachung im September 2022. Wie ein Putschversuch völlig unerwartet ohne große Gegenwehr voranschreiten könnte, zeigte der Marsch der Wagnergruppe auf Moskau schon im Juni 2023.

Die Ambivalenz dieser Lage veranschaulicht die aktuelle weitgehende Ausschaltung des Internets in Russland. Einerseits sind diese Einschränkungen ein Grund für Proteste und werden oft als Beleg einer kippenden Stimmung, auch unter den ebenfalls betroffenen Wirtschaftseliten, zitiert. Andererseits ist aber die Kontrolle über das Internet eine weitere repressive Maßnahme, die in Zukunft Kritik noch schwerer machen wird.

Russische Kehrtwende?

Bei der Einschätzung, ob diese Lage für eine russische Kehrtwende beim Eroberungskrieg reicht, sind zwei Szenarien möglich.

Wie von einigen Kommentatoren vermutet, oder vielleicht eher erhofft, könnte es ein echtes russisches Interesse an Verhandlungen geben. Dabei ist aber zu beachten, dass Russland keinesfalls bereit für einen Rückzug ist. In seiner Pressekonferenz am 9. Mai erklärte Putin nicht nur, dass der russische Einsatz in der Ukraine „zu einem Ende kommt“, sondern auch, dass es um „die endgültige Niederlage der Ukraine“ ginge. Die bisherige russische Minimalforderung für einen Waffenstillstand, nicht Frieden, ist der Abzug der Ukraine aus dem gesamten Donbas. Damit würde die Ukraine ihren starken Befestigungsgürtel in der Region Donezk aufgeben, was militärisch katastrophal wäre.

Deshalb gehen andere Kommentatoren davon aus, dass Russland weiterhin Aussagen über Verhandlungen eher als Teil des Informationskrieges versteht. Nachdem die pro-russische Regierung in Ungarn bei den Wahlen klar gescheitert ist, muss Russland jetzt andere Wege suchen, im Westen Uneinigkeit zu erzeugen. Für diese Erklärung spricht, dass Russland – sobald die Parade in Moskau vorbei war – den Waffenstillstand mit der Ukraine nicht mehr ernst genommen hat.

Dies entspricht der bisherigen Erfahrung. So hat Russland als Teil des Informationskrieges über den Einsatz seiner Armee in der Ukraine immer gelogen – schon bei der Annexion der Krim 2014, wo Putin erst später in einer Fernsehdokumentation den Einsatz zugab. Die Beteiligung russischer Streitkräfte am Abschuss eines malaysischen Zivilflugzeugs über der Ostukraine und die Stationierung russischer Armeeeinheiten in der Ostukraine hat Russland trotz vielfältiger Beweise und eindeutiger Gerichtsurteile bestritten. Die geplante große Invasion der Ukraine wurde noch direkt bis zum Einmarsch im Februar 2022 geleugnet.

Vorsicht ist also geboten. Umgekehrt signalisiert der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj aktuell fortwährend Gesprächsbereitschaft und setzt dabei auf kleine Vereinbarungen, wie etwa befristete Waffenstillstände oder beidseitige Verzichte auf bestimmte Maßnahmen, wie z. B. Luftangriffe auf Flughäfen. Wenn Russland Verhandlungen will, dann wäre das der erste Schritt.

Globale Folgen

In einer globalen Perspektive sind aber noch zwei weitere Trends wichtig, die Russlands Eroberungskrieg gegen die Ukraine (aber natürlich nicht nur dieser) befördert.

Eine treibende Kraft war Russland beim Trend einer Rückkehr zu einer Weltordnung der Großmächte, wie sie vor dem 1. Weltkrieg existierte. In dieser Weltordnung ist der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln und in der Beziehung zwischen Staaten gilt das Recht des Stärkeren. Hier ist der russische Eroberungskrieg (was über einen Angriffskrieg hinausgeht) der entscheidende Tabubruch. Seit dem 2. Weltkrieg sind Kriege zur Ausweitung der eigenen Landesgrenzen geächtet und die wenigen Fälle, die es gab, wurden international nicht anerkannt.

Ebenfalls eine treibende Kraft ist Russland bei dem Trend einer transnational forcierten politischen Propaganda, die Demokratieabbau fördert. Hier hat Russland wohl als erstes Land im aktuellen Kontext auf eine Vielzahl massiver, koordinierter Desinformationskampagnen in anderen Staaten gesetzt, um deren Innenpolitik zu beeinflussen.

Ausblick

Die Lage ist für die Ukraine aktuell besser, als die meisten Beobachter im Westen es noch bis vor kurzem gesehen haben und teilweise auch jetzt noch sehen. Die ukrainische Lage ist aber weiterhin in vielerlei Hinsicht prekär. Nicht nur im Interesse der Ukraine, sondern auch im Interesse einer Weltordnung ohne erfolgreiche Eroberungskriege braucht die Ukraine zusätzliche Unterstützung.

Umgekehrt dürfte aber selbst mit einem Waffenstillstand oder gar Frieden in der Ukraine der globale Trend zu einer brutaleren Weltordnung und transnationalen Angriffen auf demokratische Werte nicht beendet werden.

Fussnoten

Weitere Inhalte

Prof. Dr. Heiko Pleines leitet die Abteilung Politik und Wirtschaft der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen.