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Kommentar: Ein Brief aus Charkiw: Ein ukrainisches Wissenschaftszentrum in Kriegszeiten | Ukraine-Analysen | bpb.de

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Kommentar: Ein Brief aus Charkiw: Ein ukrainisches Wissenschaftszentrum in Kriegszeiten Ukraine-Analysen Nr. 286

Oleksij Serdjuk

/ 6 Minuten zu lesen

Charkiw ist nach Kyjiw das zweitwichtigste Wissenschaftszentrum der Ukraine und ist als Stadt nahe der Front besonders vom Krieg betroffen.

Das aufgrund eines Stromausfalls unbeleuchtete Hauptgebäude der renommierten Nationalen Karasin-Universität im Zentrum von Charkiw im Oktober 2022. (© picture-alliance, EPA | Sergey Kozlov)

Herausgeber der Länderanalysen

Die Ukraine-Analysen werden von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH gemeinsam herausgegeben. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veröffentlicht die Analysen als Lizenzausgabe.

Am frühen Morgen des 24. Februar 2022 hörten die Bewohner:innen der Ukraine Explosionen. Die Menschen in Charkiw erblickten den grellen Schein der Raketen- und Bombenangriffe: Konnte das wirklich wahr sein? Die Grenze zu Russland ist 30 Kilometer entfernt. Im Tagesverlauf standen bereits erste leichte gepanzerte Fahrzeuge der russischen Armee an den Stadtgrenzen. Doch die russischen Truppen stießen auf unerwartet starken Widerstand und wurden beim Vormarsch in die Stadt aufgehalten. Dann wurde Charkiw massiv bombardiert. Charkiw, eines der wichtigsten Universitäts- und Wissenschaftszentren der Ukraine. Die Artillerie aus Kanonen und Raketenwerfern attackierte die Stadt für viele Monate, es gab Dutzende Bomben- und Raketenangriffe. In der Stadt Charkiw und der gleichnamigen Oblast wurden bisher (Stand Anfang Mai) 52 Bildungseinrichtungen zerstört und 572 beschädigt.

Meine Hochschule unter Beschuss

Der Autor dieses Kommentars ist an der Charkiwer Nationalen Universität für innere Angelegenheiten tätig, an der Polizeikräfte aller Ebenen ausgebildet werden (Aus- und Fortbildung bis hin zu Bachelor-, Master- und Doktorabschlüssen). Zugleich ist er Wissenschaftler, Dozent und im Polizeidienst aktiv. Die Mitarbeiter:innen der Universität erschienen an diesem Morgen aufgrund der Meldung "Kampfalarm" auf der Arbeit und erhielten eine registrierte Handfeuerwaffe, von der sie sich für eine ganze Weile nicht trennen sollten. Wir erhielten eine Anweisung zur Evakuierung, um das Leben der Kadett:innen und Studierenden zu retten – zunächst durch eine zeitweilige Unterbringung an der Lwiwer Staatlichen Universität für innere Angelegenheiten, später an einem permanenten Emigrationsstandort in Winnyzja in der Zentralukraine, wo die Hochschule nun eine Filiale betreibt. Ein Teil des wissenschaftlichen und pädagogischen Personals blieb zurück, unter anderem der Verfasser dieses Beitrags.

Bald schon wurde die Universität durch einige direkte Raketen- und Bombeneinschläge getroffen. Die Wohnheime der Universität sind auf alten sowjetischen Karten als Militärbaracken verzeichnet, daher wurden sie als erstes bombardiert. Glücklicherweise waren die Studierenden und Kadett:innen bereits evakuiert worden. Dann wurde die Universität mit Streumunition angegriffen, die darauf ausgerichtet ist, Menschen zu treffen. Das Gebäude für die zivilen Studierenden wurde beschädigt, zum Glück ohne Opfer. Im Sommer setzte die russische Armee S-300-Luftabwehrraketen für einen Boden-Boden-Beschuss ein. In dieser Zeit feuerten sie jeden Tag mehrere Raketen in Richtung Charkiw. Aufgrund der geringen Entfernung zur russischen Grenze hört man erst die Explosion, und dann die Sirenen des Luftalarms. Ich war gerade in der Universität, als eines unserer Gebäude von drei Raketen getroffen wurde. Zum Glück nicht das Gebäude, in dem ich mich befand. Gegenwärtig befinden sich nur ein Teil des Verwaltungspersonals und einige Forschungsgruppen in Charkiw. In den Universitätsgebäuden gibt es keine Heizung, kein Wasser und keinen Strom. Die Universität kann es sich nicht leisten, Geld für leere Gebäude auszugeben, die nach den Angriffen im Winter praktisch nicht mehr nutzbar sind. Das evakuierte Personal würde gerne zurück nach Charkiw zurückkehren, doch sind sich alle darüber im Klaren, dass das erst nach dem Sieg und einem Waffenstillstand möglich sein wird.

Charkiw vor dem Krieg: Ein traditionsreicher Wissenschaftsstandort

Charkiw ist das intellektuelle und wissenschaftliche Zentrum der Ostukraine. Was die Anzahl der wissenschaftlichen und technischen Institutionen anbelangt, steht Charkiw nach Kyjiw an zweiter Stelle. Es gibt 95 Forschungseinrichtungen in der Stadt. Offiziellen Zahlen zufolge sind vor dem Krieg in Charkiw 11.500 Wissenschaftler:innen, rund 1.000 Habilitierte, und 2.800 Promovierte tätig gewesen. Charkiw wird zurecht als die Hauptstadt der Studierenden in der Ukraine bezeichnet: 170.000 Studierende aller möglichen Fachrichtungen und aus vielen Ländern gibt es in der Stadt. In der Oblast Charkiw gibt es insgesamt 60 Hochschulen. Charkiw ist die Stadt, in der erstmals in Europa ein Atom gespalten, in der das leistungsstärkste Radioteleskop der Welt geschaffen und ein Elementarteilchenbeschleuniger gebaut wurde. Hier wird die Entwicklung modernster Strahlen- und Weltraumtechnologien, von Anlagen zur Sondierung der Erdatmosphäre und zur Züchtung wachsender Einkristalle vorangetrieben. In Charkiw wurde das erste Labor der Ukraine für Humanreproduktion begründet. Und die Geburt des ersten Kindes, das in der Ukraine nach einer In-vitro-Befruchtung zur Welt kam, erfolgte in Charkiw.

Wie funktioniert die Arbeit von Bildung und Wissenschaft in Charkiw zu Kriegszeiten?

Das größte Problem ist der ständig drohende Raketenbeschuss. Die russische Stadt Belgorod, von der aus die Raketen auf Charkiw abgefeuert werden, ist Luftlinie etwa 70 Kilometer entfernt. Die Flugzeit der Raketen beträgt drei bis vier Minuten. Selbst wenn es Luftschutzräume geben würde, hätten die Studierenden nicht genügend Zeit, den Schutzraum aus dem Vorlesungssaal heraus in dieser kurzen Zeit zu erreichen. Das Leben der Studierenden darf auf keinen Fall gefährdet werden. Deshalb kann die Rückkehr der Studierenden nach Charkiw, in die Hörsäle, erst nach Kriegsende erfolgen.

Digitaler Distanzunterricht ist eine vorübergehende Lösung des Problems. Auch Wissenschaftler:innen aus Charkiw arbeiten überwiegend im Homeoffice-Modus. Die meisten sind innerhalb des Landes migriert, ein beträchtlicher Teil der Lehrkräfte und Wissenschaftler:innen ist auch ins Ausland gegangen. Fernunterricht und Homeoffice sind jedoch keine Dauerlösung. Wir sind uns sehr wohl bewusst, dass wenn die Studierenden nicht in die Lehrsäle zurückkehren, sich die Stadt aus einer lebendigen Studierenden- und Wissenschaftsmetropole in eine Stadt der Rentner:innen verwandeln könnte.

Es sind nicht nur die russischen Bomben, die Wissenschaft und Bildung zerstören. Hinzu kommt, dass auch die Zeit nicht auf unserer Seite ist. Es besteht die große Gefahr, dass die professionell am stärksten positionierten Wissenschaftler:innen, die über Fremdsprachenkenntnisse verfügen, im Ausland verbleiben könnten. Mit jedem Tag steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Studierende und Lehrkräfte anderswo eine Stellung mit besserer Bezahlung und der Aussicht auf eine stabile und sichere Zukunft finden.

Eine offensichtliche Folge des Raketenbeschusses ist die physische Zerstörung von Gebäuden und Infrastruktur. Renommierte Bildungs- und Wissenschaftseinrichtungen wie die Physikalisch-Technische Hochschule Charkiw, das Institut für Einkristalle, das Institut für Kryobiologie und Kryomedizin und viele andere wurden durch den Beschuss empfindlich beschädigt. Die Wiederherstellung wird beträchtliche Ressourcen erfordern, die derzeit nicht verfügbar sind.

Die Regionalregierung hat in Zusammenarbeit mit staatlichen und internationalen Organisationen einen Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem Wiederaufbauprojekte für Bildungs- und Wissenschaftsinstitutionen des Gebiets Charkiw ausgewählt werden sollen. Während große Forschungszentren und Universitäten mit solcherlei Ausschreibungen vertraut sind, gilt dies nicht für kleinere staatliche Bildungseinrichtungen, für die das Einwerben von Fördermitteln ungewohnt ist. Solche Bildungseinrichtungen würden bei diesem Verfahren außen vor bleiben und müssten auf staatliche Zuschüsse warten.

Seit der Befreiung des Gebietes Charkiw durch die erfolgreiche Gegenoffensive ist fast ein Jahr vergangen. Wir haben den starken Patriotismus und die Solidarität der Ukrainer:innen im Allgemeinen und der Bewohner:innen von Charkiw im Besonderen erlebt. Die größte Leistung in dieser Zeit bestand darin, dass sich die wissenschaftlichen Einrichtungen und Universitäten von Charkiw trotz allem ihr Potenzial bewahrt und sich auf die Kriegsbedingungen eingestellt haben. Wissenschaftler:innen aus Charkiw nehmen in großer Zahl an Veranstaltungen und Projekten teil und bauen neue internationale Beziehungen auf. Das stärkt ungeachtet der oben genannten Probleme das Wissenschaftspotenzial von Charkiw. Der Krieg hat diese Stadt in eine kulturelle, industrielle, wissenschaftliche und Bildungs- Frontier verwandelt. Und in diesem Grenzgebiet erfolgt eine rasante Entwicklung, in die wir große Hoffnung setzen.

Die Wissenschaftler:innen und Lehrkräfte aus Charkiw sind sich im Klaren, dass es für die aufgezählten Probleme nur eine Lösung geben kann, nämlich den Sieg der Ukraine. Daran glauben wir fest. Wir sind den europäischen Partner:innen für ihre Unterstützung dankbar; wir werden nicht aufgeben. Wir haben uns erfolgreich mobilisiert und waren dadurch in der Lage, dem russischen Angriff zu widerstehen. Und wir werden nach dem Sieg auch wieder alles aufbauen und herstellen, was zerstört wurde.

Slawa Ukraini! – Ruhm der Ukraine!

Übersetzung aus dem Englischen: Hartmut Schröder

Fussnoten

Weitere Inhalte

Dr. Oleksij Serdjuk ist Leiter des Forschungslabors für die Psychologische Unterstützung von Polizei und Justiz an der Nationalen Universität für innere Angelegenheiten in Charkiw. Der promovierte Soziologe ist Oberstleutnant der Polizei und Associate Professor für Soziologie. Er war Gastwissenschaftler und Senior Research Fellow an der Fakultät für Psychiatrie der Universität Michigan und hat mehr als 160 Publikationen in den Bereichen Soziologie, Psychologie und Kriminologie veröffentlicht.