Die Ausstellung „Riss durch Europa. Die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts“ ist eine Kooperation zwischen dem Museum Berlin-Karlshorst und dem Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sie betrachtet die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts multiperspektivisch, indem sie zum einen auf die historischen Folgen und zum anderen auf die Erinnerungen unterschiedlicher Akteure schaut. In der Folge des Pakts wurden große Teile Ostmitteleuropas für rund fünfzig Jahre durch die Sowjetunion besetzt. Unterbrochen wurde dies durch eine zwischen 1941 und 1944 währende Besatzung durch das nationalsozialistische Deutschland.
Der Pakt und seine Folgen wurden nach dem Krieg von der sowjetischen Führung verschwiegen. Erst mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 endete diese Fremdbestimmung, und in den nunmehr souveränen Nationalstaaten entwickelten sich eigenständige historische Betrachtungen der Folgen des Pakts. Im Gegensatz zu Westeuropa, wo die stalinistischen Verbrechen infolge des geheimen Zusatzprotokolls nur wenig bekannt sind, sind der Pakt und seine Folgen in den betroffenen Staaten Ostmitteleuropas fest im kollektiven Gedächtnis verankert. Bis heute leben in diesen Gesellschaften unterschiedliche sprachliche und ethnische Gruppen, die erinnerungspolitische Fragen sehr kontrovers diskutieren. Deshalb spielen die sehr unterschiedlichen Erinnerungen an die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts seit den 1990er-Jahren eine zentrale Rolle nicht nur für unsere europäische Gegenwart, sondern auch für die Ausstellung.
Daher war es uns wichtig, neben den Perspektiven von Studierenden der Universitäten Düsseldorf, Hagen und Bonn auch die Erinnerungen aus den von dem Pakt betroffenen Staaten aufzunehmen. Der Kontakt mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen sowie Museumsmitarbeitern und Museumsmitarbeiterinnen aus diesen Ländern hat ganz wesentlich dazu beigetragen, bisher in Deutschland vernachlässigte Sichtweisen auf den Pakt darzustellen.
"Die Verbindung östlicher und westlicher Perspektiven auf die schwierigsten Episoden der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts bleibt eine unvollendete Aufgabe. Die Ausstellung ‚Riss durch Europa‘ ist ein einzigartiger Schlüssel zum gemeinsamen Verständnis des Hitler-Stalin-Pakts und seiner traumatischen Folgen, die im historischen Gedächtnis der betroffenen Länder noch immer präsent sind, sowie der Unterdrückung durch die beiden totalitären Regime."
Die Ausstellung ‚Riss durch Europa‘ konzentriert sich auf jene Gewalterfahrungen des Zweiten Weltkriegs, die sich nur schwer in das westliche Narrativ vom Sieg der Demokratie über den Nationalsozialismus integrieren lassen. Die traumatischen Folgen des Hitler-Stalin-Paktes beeinflussen noch immer die europäische Erinnerungspolitik und unsere Reaktionen auf den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine.
Die Ausstellung ‚Riss durch Europa‘ zeigt, wie die in der Folge des Hitler-Stalin-Pakts vom 23.08.1939 neu gezogene Grenze die historische Region Bukowina in zwei Teile teilte. Diese entwickelten sich folglich auseinander und wurden einander entfremdet. Auch die unverwechselbare multiethnische und multikonfessionelle Eigenart der Region wurde infolge der durch den Pakt verursachten außen- und innenpolitischen Umwälzungen untergraben. Die Folgen der geopolitischen Willkür von Diktatoren fielen für die Gegend sehr schmerzhaft aus. Die daraus resultierenden Lehren sind leider heute wieder sehr aktuell.
Zitat
Sylvia Szarejko
Sylvia Szarejko
Sylvia Szarejko
Für die Länder Westeuropas war die Unterzeichnung des Pakts ein trauriger Auftakt zum Zweiten Weltkrieg, während für die Länder Mittel- und Osteuropas dieses Dokument ihre Aufteilung zwischen den angreifenden Deutschen und Russland bestimmte. Die Ausstellung zeigt die unterschiedlichen Auswirkungen des Pakts auf die einzelnen Länder des Kontinents. Es ist eine Ausstellung, die uns hilft, einander besser zu verstehen.
Betrachtet man die Erinnerung an den Hitler-Stalin-Pakt, dann geht ein Riss durch Europa. In Ostmitteleuropa denken die Menschen anders an diesen Pakt zurück als in Deutschland. Dort verweist er darauf, dass die Menschen Opfer sowohl deutscher als auch sowjetischer Verbrechen geworden sind. Gerade weil Deutschland die Länder Ostmitteleuropas mit Krieg überzogen hat, ist es wichtig, die Erinnerung an diesen Krieg in den Ländern Ostmitteleuropas ernst zu nehmen. Und das ist die Intention unserer Ausstellung.
Die historischen Umstände, die zum Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts führten, sind inzwischen umfassend dokumentiert. Die Nachwirkungen für zahlreiche Staaten in Ostmitteleuropa sind jedoch noch immer weitgehend unbekannt. Die Ausstellung bildet Diskurse und Positionen der vom Pakt betroffenen Länder ab und ist eine multiperspektivische Erweiterung der Geschichte des Zweiten Weltkrieges im östlichen Europa.