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Rumänien | Riss durch Europa. Die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts | bpb.de

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Rumänien

Christoph Meißner

/ 7 Minuten zu lesen

Im Sommer 1940 forderte die Sowjetunion von Rumänien Gebiete. Die rumänische Regierung gab dem nach. Die Gesellschaft in den abgegebenen Gebieten wurde gewaltsam in den neuen Staat integriert.

Rumänien in den Grenzen vom August 1939 Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Interner Link: Rumänien verdoppelte nach dem Interner Link: Ersten Weltkrieg sein Staatsgebiet. Nach dem Untergang des Russischen Kaiserreichs schloss sich das bis dahin russisch regierte Bessarabien 1918 Rumänien an. Zudem sprachen Friedensverträge die österreich-ungarische Bukowina sowie Gebiete Ungarns und Bulgariens Rumänien zu. Anfangs achtete das nationalliberale rumänische Königreich die neuen Minderheiten in seinem Staatsgebiet. Aber ab Mitte der 1920er Jahre erstarkte der rumänische Nationalismus in Form der faschistischen Bewegung der „Eisernen Garde“. Den heftigen politischen Kämpfen versuchte der König 1938 durch ein Parteienverbot und die Verhängung des Ausnahmezustandes beizukommen. Außenpolitisch orientierte er sich am nationalsozialistischen Deutschen Reich, mit dem Rumänien im März 1939 ein Wirtschaftsabkommen schloss. Deutschland nutzte das für seine Kriegsvorbereitungen. Zwar blieb Rumänien bei Ausbruch des Interner Link: Zweiten Weltkriegs neutral, aber 1940 forderten seine Nachbarn Ungarn, Bulgarien und die Sowjetunion nach dem Ersten Weltkrieg verloren gegangene Gebiete zurück.

Zitat

Hinsichtlich des Südostens Europas wird von sowjetischer Seite das Interesse an Bessarabien betont. Von deutscher Seite wird das völlige politische Desinteresse an diesen Gebieten erklärt

Auszug aus dem geheimen Zusatzprotokoll vom 23. August 1939

Hinweis zur quellenkritischen Einordnung der Bilder

Für die Einordnung von historischen Fotografien generell und insbesondere von Fotografien aus der Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg ist eine sorgfältige Quellenkritik unbedingt erforderlich. Bilder sind nicht nur eine mögliche Quelle für die historische Erkenntnis (wer hat wann, was, wie mit welcher Absicht fotografiert?), sondern darüber hinaus auch Medien der Erinnerung und Instrumente der Politik. Bilder können durch erinnerungskulturelle Aufladung ikonischen Charakter bekommen oder durch politische Instrumentalisierung geradezu als Waffe eingesetzt werden. Viele der hier gezeigten historischen Fotografien sind ursprünglich von deutschen oder sowjetischen Fotografen zu Propagandazwecken aufgenommen worden.

Literatur:

Christoph Hamann: Fotografien im Geschichtsunterricht. Visual History als didaktisches Konzept, Frankfurt/Main 2019.
Ders.: Feindbilder und Bilder vom Feind. In: Margot Blank/Museum Berlin-Karlshorst. Berlin (Hrsg.): Beutestücke. Kriegsgefangene in der deutschen und sowjetischen Fotografie 1941-1945. Berlin 2003, S. 16-31.

Siehe auch:

Gebietsverlust

Die Sowjetunion forderte am 26./27. Juni 1940 ultimativ die „Rückgabe“ Bessarabiens. Um keinen Krieg zu riskieren, ging Rumänien darauf ein. Kurz zuvor hatte es seinen Bündnispartner Frankreich verloren, das am 22. Juni gegenüber dem Deutschen Reich kapituliert hatte. Kampflos zog die Rote Armee nach Bessarabien ein. Zudem besetzte sie als Kompensation für die angeblich widerrechtliche rumänische Annexion Bessarabiens die Nordbukowina und das Herza-Gebiet. Ab August 1940 gehörte die Nordbukowina zusammen mit einem Teil Bessarabiens zur Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Das übrige Bessarabien bildete zusammen mit Transnistrien die neu geschaffene Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik. Rumänien hatte den Krieg abgewendet. Fortan aber forderten die rumänischen Nationalkonservativen und Faschisten die Rückeroberung der sowjetisch annektierten Gebiete.

  (© Regionales Heimatmuseum Tscherniwzi, Tscherniwzi)

Einmarsch der Roten Armee, Tscherniwzi,
28. Juni 1940

Die Rote Armee stieß schnell auf rumänisches Gebiet vor. Sie hatte die Besetzung militärisch gut vorbereitet. Die völlig überraschte rumänische Armee floh und ließ ihre Ausrüstung zurück. Rund 50.000 Soldaten desertierten. Es kam zu zahlreichen Massakern an der jüdischen Bevölkerung, die für den Verlust verantwortlich gemacht wurde.

















  (© Nationale Archivagentur der Republik Moldau, Chișinău)

Verteilung sowjetischer Pässe,
Chişinău, November 1940

Am 2. August 1940 gründete die sowjetische Führung die Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik. Die ansässige rumänische Bevölkerung erhielt sowjetische Pässe. Widerstand wurde von der sowjetischen Geheimpolizei verfolgt. Ab sofort waren die Männer zum sowjetischen Militärdienst verpflichtet. Viele versuchten dem durch eine Flucht nach Rumänien zu entgehen.

  (© Bundesarchiv, Bild 183-B03212)

Treffen des rumänischen Staatschefs Ion Antonescu mit Adolf Hitler,
München, 10. Juni 1941

Nach einem weiteren Gebietsverlust an Ungarn (2. Wiener Schiedsspruch) dankte der rumänische König am 6. September 1940 zugunsten seines Sohns ab. Regierungschef wurde der nationalkonservative General Ion Antonescu, der im Januar 1941 eine Militärdiktatur errichtete. Um die verlorenen Gebiete zurückzuerobern, machte er Rumänien zum Verbündeten des Deutschen Reichs. Ab dem 22. Juni 1941 kämpfte die rumänische Armee an der Seite der Interner Link: Wehrmacht gegen die Sowjetunion.

Sowjetisierung

Unmittelbar nach der Annexion Bessarabiens und der Nord-Bukowina verhafteten die sowjetischen Behörden Angehörige der rumänischen politischen und kulturellen Eliten. Sie enteigneten Großgrundbesitzer und verstaatlichte Fabriken und Banken. Gewaltsam unterdrückten die neuen sowjetischen Machthaber jeglichen Widerstand. In Teilen der russischen, ukrainischen und jüdischen Minderheiten herrschte durchaus auch Zustimmung für die Sowjetisierung. Die deutschstämmige Minderheit siedelte auf Basis sowjetisch-deutscher Vereinbarungen in das Deutsche Reich um.

  (© Nationale Archivagentur der Republik Moldau, Chișinău)

Bessarabische Familien warten auf ihre rumänischen Verwandten,
Grenzbrücke über den südlichen Bug, 1940

Bis April 1941 reisten rund 300.000 Menschen, zumeist mit sowjetischer Genehmigung, nach Rumänien aus. Gleichzeitig siedelten 200.000 Menschen aus dem rumänischen Kernland in die neuen sowjetischen Gebiete über. Größtenteils handelte es sich um Jüdinnen und Juden, die der zunehmenden antisemitischen Gewalt in Rumänien entflohen. Die rumänischen Truppen hatten bereits im Juni 1940 Massaker an der jüdischen Bevölkerung in Bessarabien verübt. Die rumänische Propaganda diffamierte Jüdinnen und Juden als Unterstützer des sowjetischen Bolschewismus.

  (© Nationale Archivagentur der Republik Moldau, Chișinău)

Verteilung von verstaatlichtem Land,
Gebiet Soroca, 1940

Der Großteil der Bevölkerung Bessarabiens und der Nordbukowina lebte von der Landwirtschaft. Durch Verstaatlichung verteilten die sowjetischen Machthaber rund 66.500 Hektar Land an besitzlose Landarbeiterinnen und Landarbeiter. Anfang 1941 wurden alle Einzelgehöfte in Genossenschaften zusammengeschlossen. Unter Zwang mussten die in der Landwirtschaft Tätigen Abgabenormen erfüllen und staatlich vorgeschriebene Pflanzen anbauen. Widerstand wurde gewaltsam gebrochen.

 

Zeichnung der Deportation aus den Erinnerungen von Jewfrossinija Kersnowskaja, Jessentuki, 1968

Am 12./13. Juni 1941 erfasste eine großangelegte Deportationswelle rund 31.400 Personen aus den annektierten Gebieten. Die sowjetischen Machthaber warfen Großgrundbesitzern, Politikerinnen und Politikern und Geistlichen und deren Familien Nationalismus oder Loyalität zum rumänischen Staat vor. Die Deportationen betrafen überwiegend die rumänische und die ukrainische Bevölkerung und Jüdinnen und Juden. In Güterwaggons wurden sie nach Sibirien und Kasachstan deportiert.

Erinnerung

In Rumänien wie auch in Interner Link: Moldau und der Interner Link: Ukraine gab es jahrzehntelang keine Möglichkeit, an die Folgen des Pakts zu erinnern, weil das im sowjetischen Machtbereich unterdrückt wurde. Ausgelöst durch die Interner Link: Perestroika entwickelte sich der Pakt in Moldau ab 1989 zu einem öffentlichen Streitthema. Demonstranten kennzeichneten ihn als Beginn sowjetischer Okkupation und forderten die staatliche Unabhängigkeit, die Moldau 1991 erlangte. Die Gegensätze aber blieben. Prorussische Teile der Gesellschaft sehen in dem sowjetischen Vorgehen 1940/41 einen Akt der Befreiung. Prorumänische Teile hingegen erinnern den Pakt als Unrecht, dem eine lange Zeit der Unterdrückung und Besetzung folgte. Diese Sicht auf die Geschichte setzt sich seit dem vollumfänglichen russischen Interner Link: Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 immer stärker durch. Das Gedenken an die Ereignisse und die Opfer von 1940/41 wird zunehmend Teil der Erinnerungskultur in der moldauischen Gesellschaft. In Rumänien dagegen möchten Teile der Gesellschaft den Verlust von Bessarabien rückgängig machen. Auch wenn eine Vereinigung realpolitisch nicht durchsetzbar ist, nutzen nationalistische Parteien diese Erfahrung, um Stimmung für sich zu machen.

  (© Außenministerium der Republik Rumänien, Bukarest)

75. Jahrestag des Massakers von Fântâna Albă,
Bila Krynytsja, 1. April 2016

Jedes Jahr am 1. April kommen Rumäninnen und Rumänen und Ukrainerinnen und Ukrainer in Bila Krynytsja (rum. Fântâna Albă) in der Bukowina zu einer Gedenkzeremonie zusammen. Der Tag erinnert an das Massaker von sowjetischen Grenzbeamten an rumänischen und ukrainischen Flüchtlingen aus der Nordbukowina am 1. April 1941. Die Zahl der Opfer ist bis heute unbekannt und führt wiederholt zu Kontroversen. Rumänien spricht in Analogie zu den sowjetischen Massenhinrichtungen von Polen vom „rumänischen Katyn“. Entgegen sowjetischer Angaben von 48 Opfern seien es in Bila Krynyzja 3.000 Tote gewesen.
















„Vereint unter den drei Farben. Bessarabien ist Rumänien“, Graffiti an einer rumänischen Landstraße, 2015 (© Clay Gilliland / Wikipedia, gemeinfrei)

„Vereint unter den drei Farben. Bessarabien ist Rumänien“,
Graffiti an einer rumänischen Landstraße, 2015

Der Slogan „Bessarabien ist Rumänien“ ist im öffentlichen Straßenbild Rumäniens oft zu sehen. Nationalisten nutzen ihn gerne auf Demonstrationen, um eine Vereinigung der beiden Staaten zu fordern. Die rumänische Regierung steht diesen Forderungen verhalten gegenüber. In der Republik Moldau hingegen spricht sich etwa die Hälfte der Bevölkerung für eine Vereinigung beider Länder aus. Für sie ist die damit verbundene Mitgliedschaft in der Interner Link: Europäischen Union und der Interner Link: NATO attraktiv.

  (© Christoph Meißner)

Denkmal „Zug der Schmerzen“ für die von der Sowjetunion deportierten Moldauerinnen und Moldauer,
Chişinău, 2023

In der Republik Moldau ist die Erinnerung an den Sommer 1940 ambivalent. Das sowjetische Narrativ von der Befreiung von rumänischer Herrschaft findet vor allem in den prorussischen Minderheiten weiterhin Zustimmung. Unter den Jüngeren hingegen setzt sich zunehmend die Auffassung durch, es habe sich 1940 um eine gewaltsame Aneignung gehandelt. Dies findet seinen Widerhall in historischen Forschungen wie auch in Museen und Denkmälern.

Zakhar Benderskiy (1912 Chişinău – ?)

Zakhar Benderskiy, 1972 (© https://centropa.org)

Als der Pakt unterzeichnet wurde, arbeitete Zakhar Benderskiy in der rumänischen Hauptstadt Bukarest.

Im Sommer 1940 kehrte er in seine Heimatstadt Chişinău zurück, um den drohenden antisemitischen Pogromen in Rumänien zu entgehen.

Chişinău war die Hauptstadt der nach der sowjetischen Okkupation neu geschaffenen Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Hier fühlte er sich als Sohn einer alteingesessenen jüdischen Familie sicher.

Benderskiy und seine Frau wurden sowjetische Staatsbürger. Er erhielt eine Anstellung in der Stadtverwaltung. Als Staatsangestellter wurden er und seine Frau im Sommer 1941 vor den heranrückenden deutschen und rumänischen Soldaten in die usbekische sozialistische Sowjetrepublik evakuiert.

Sein Vater, der sich aufgrund seiner positiven Erfahrungen mit den Deutschen im Ersten Weltkrieg zum Bleiben entschieden hatte, wurde Opfer des Holocaust.

Anna Korowski (1899 Molodija – 1944 Sucha)

Anna Korowski, Bild aus dem Umsiedlerausweis (© Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Berlin)

Nach dem sowjetischen Einmarsch verließ Anna Korowski zusammen mit ihrem Mann und den zwei Kindern das Dorf Tschahor in der Nordbukowina.

Sie gehörten der deutschen Minderheit an, die rasch und nahezu vollständig die besetzten Gebiete verließ. Bis auf Handgepäck ließen sie ihr Eigentum zurück.

Das Deutsche Reich versprach ihnen dafür eine Entschädigung und einen Arbeitsplatz. Die Behörden waren jedoch mit den rund 200.000 Umsiedlern aus der Bukowina und Bessarabien überfordert. Die Korowskis blieben für eineinhalb Jahre in verschiedenen Umsiedlungslagern.

Im Frühjahr 1942 bekamen sie eine Bäckerei im oberschlesischen Sucha zugewiesen. Vor den Augen der Familie wurde den polnischen Inhabern die Bäckerei entrissen. Aus Mitleid und aufgrund ihrer eigenen Fluchterfahrung erlaubten sie den polnischen Eigentümern jedoch weiterhin im Obergeschoss zu wohnen.

Im Frühjahr 1944 starb Anna Korowski an den Spätfolgen einer Lungentuberkulose, die sie sich im Umsiedlungslager zugezogen hatte.

Valentina Sturza ( 1929 Ciuciuleni)

Am 14. Juni 1941 deportierte die sowjetische Geheimpolizei die zwölfjährige Valentina Sturza mit ihrer Mutter nach Kasachstan.

Valentina Sturza, 1950 (© Nationales Museum für die Geschichte der Moldau, Chișinău)

Ihren Vater, Bürgermeister einer Kleinstadt in Bessarabien und rumänischer Parlamentsabgeordneter, trennte das NKWD von seiner Familie, um ihn in ein Arbeitslager nach Sibirien zu bringen.

Valentina und ihre Mutter konnten fliehen und kehrten auf eigene Faust 1944 nach Bessarabien zurück, das nach der deutschen Besatzung erneut von der Roten Armee erobert worden war.

Im Jahr 1949 fielen die beiden Frauen einer erneuten Sowjetisierungswelle zum Opfer und wurden abermals nach Kasachstan deportiert. Nach Stalins Tod 1953 kamen sie frei und kehrten in ihre Heimat zurück.

Valentina Sturza setzte sich nach dem Ende der Sowjetunion für eine Aufarbeitung der sowjetischen Repressionen ein und gründete 2000 die Vereinigung ehemaliger Deportierter und politischer Häftlinge aus Moldau.

Weitere Inhalte

Christoph Meißner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Museum Berlin-Karlshorst. Er ist Kurator und Autor der Ausstellung „Riss durch Europa. Die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts“. Darüber hinaus kuratierte er Ausstellungen zur sowjetischen Geschichte und den deutsch-sowjetischen Beziehungen im 20. Jahrhundert. Meißner hat in Dresden und Berlin Geschichte, Kunstgeschichte und Politikwissenschaften studiert und beschäftigt sich in seinen wissenschaftlichen Forschungen mit dem Thema des Aufenthalts und Abzugs der sowjetischen/russischen Truppen in Deutschland.