Rumänien in den Grenzen vom August 1939 Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de
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Im Sommer 1940 forderte die Sowjetunion von Rumänien Gebiete. Die rumänische Regierung gab dem nach. Die Gesellschaft in den abgegebenen Gebieten wurde gewaltsam in den neuen Staat integriert.
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Hinsichtlich des Südostens Europas wird von sowjetischer Seite das Interesse an Bessarabien betont. Von deutscher Seite wird das völlige politische Desinteresse an diesen Gebieten erklärt
Für die Einordnung von historischen Fotografien generell und insbesondere von Fotografien aus der Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg ist eine sorgfältige Quellenkritik unbedingt erforderlich. Bilder sind nicht nur eine mögliche Quelle für die historische Erkenntnis (wer hat wann, was, wie mit welcher Absicht fotografiert?), sondern darüber hinaus auch Medien der Erinnerung und Instrumente der Politik. Bilder können durch erinnerungskulturelle Aufladung ikonischen Charakter bekommen oder durch politische Instrumentalisierung geradezu als Waffe eingesetzt werden. Viele der hier gezeigten historischen Fotografien sind ursprünglich von deutschen oder sowjetischen Fotografen zu Propagandazwecken aufgenommen worden.
Christoph Hamann: Fotografien im Geschichtsunterricht. Visual History als didaktisches Konzept, Frankfurt/Main 2019.
Ders.: Feindbilder und Bilder vom Feind. In: Margot Blank/Museum Berlin-Karlshorst. Berlin (Hrsg.): Beutestücke. Kriegsgefangene in der deutschen und sowjetischen Fotografie 1941-1945. Berlin 2003, S. 16-31.
Die Sowjetunion forderte am 26./27. Juni 1940 ultimativ die „Rückgabe“ Bessarabiens. Um keinen Krieg zu riskieren, ging Rumänien darauf ein. Kurz zuvor hatte es seinen Bündnispartner Frankreich verloren, das am 22. Juni gegenüber dem Deutschen Reich kapituliert hatte. Kampflos zog die Rote Armee nach Bessarabien ein. Zudem besetzte sie als Kompensation für die angeblich widerrechtliche rumänische Annexion Bessarabiens die Nordbukowina und das Herza-Gebiet. Ab August 1940 gehörte die Nordbukowina zusammen mit einem Teil Bessarabiens zur Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Das übrige Bessarabien bildete zusammen mit Transnistrien die neu geschaffene Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik. Rumänien hatte den Krieg abgewendet. Fortan aber forderten die rumänischen Nationalkonservativen und Faschisten die Rückeroberung der sowjetisch annektierten Gebiete.
(© Regionales Heimatmuseum Tscherniwzi, Tscherniwzi)
(© Regionales Heimatmuseum Tscherniwzi, Tscherniwzi)
Einmarsch der Roten Armee, Tscherniwzi,
28. Juni 1940
Die Rote Armee stieß schnell auf rumänisches Gebiet vor. Sie hatte die Besetzung militärisch gut vorbereitet. Die völlig überraschte rumänische Armee floh und ließ ihre Ausrüstung zurück. Rund 50.000 Soldaten desertierten. Es kam zu zahlreichen Massakern an der jüdischen Bevölkerung, die für den Verlust verantwortlich gemacht wurde.
(© Nationale Archivagentur der Republik Moldau, Chișinău)
(© Nationale Archivagentur der Republik Moldau, Chișinău)
Verteilung sowjetischer Pässe,
Chişinău, November 1940
Am 2. August 1940 gründete die sowjetische Führung die Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik. Die ansässige rumänische Bevölkerung erhielt sowjetische Pässe. Widerstand wurde von der sowjetischen Geheimpolizei verfolgt. Ab sofort waren die Männer zum sowjetischen Militärdienst verpflichtet. Viele versuchten dem durch eine Flucht nach Rumänien zu entgehen.
(© Bundesarchiv, Bild 183-B03212)
(© Bundesarchiv, Bild 183-B03212)
Treffen des rumänischen Staatschefs Ion Antonescu mit Adolf Hitler,
München, 10. Juni 1941
Nach einem weiteren Gebietsverlust an Ungarn (2. Wiener Schiedsspruch) dankte der rumänische König am 6. September 1940 zugunsten seines Sohns ab. Regierungschef wurde der nationalkonservative General Ion Antonescu, der im Januar 1941 eine Militärdiktatur errichtete. Um die verlorenen Gebiete zurückzuerobern, machte er Rumänien zum Verbündeten des Deutschen Reichs. Ab dem 22. Juni 1941 kämpfte die rumänische Armee an der Seite der
Unmittelbar nach der Annexion Bessarabiens und der Nord-Bukowina verhafteten die sowjetischen Behörden Angehörige der rumänischen politischen und kulturellen Eliten. Sie enteigneten Großgrundbesitzer und verstaatlichte Fabriken und Banken. Gewaltsam unterdrückten die neuen sowjetischen Machthaber jeglichen Widerstand. In Teilen der russischen, ukrainischen und jüdischen Minderheiten herrschte durchaus auch Zustimmung für die Sowjetisierung. Die deutschstämmige Minderheit siedelte auf Basis sowjetisch-deutscher Vereinbarungen in das Deutsche Reich um.
(© Nationale Archivagentur der Republik Moldau, Chișinău)
(© Nationale Archivagentur der Republik Moldau, Chișinău)
Bessarabische Familien warten auf ihre rumänischen Verwandten,
Grenzbrücke über den südlichen Bug, 1940
Bis April 1941 reisten rund 300.000 Menschen, zumeist mit sowjetischer Genehmigung, nach Rumänien aus. Gleichzeitig siedelten 200.000 Menschen aus dem rumänischen Kernland in die neuen sowjetischen Gebiete über. Größtenteils handelte es sich um Jüdinnen und Juden, die der zunehmenden antisemitischen Gewalt in Rumänien entflohen. Die rumänischen Truppen hatten bereits im Juni 1940 Massaker an der jüdischen Bevölkerung in Bessarabien verübt. Die rumänische Propaganda diffamierte Jüdinnen und Juden als Unterstützer des sowjetischen Bolschewismus.
(© Nationale Archivagentur der Republik Moldau, Chișinău)
(© Nationale Archivagentur der Republik Moldau, Chișinău)
Verteilung von verstaatlichtem Land,
Gebiet Soroca, 1940
Der Großteil der Bevölkerung Bessarabiens und der Nordbukowina lebte von der Landwirtschaft. Durch Verstaatlichung verteilten die sowjetischen Machthaber rund 66.500 Hektar Land an besitzlose Landarbeiterinnen und Landarbeiter. Anfang 1941 wurden alle Einzelgehöfte in Genossenschaften zusammengeschlossen. Unter Zwang mussten die in der Landwirtschaft Tätigen Abgabenormen erfüllen und staatlich vorgeschriebene Pflanzen anbauen. Widerstand wurde gewaltsam gebrochen.
Zeichnung der Deportation aus den Erinnerungen von Jewfrossinija Kersnowskaja, Jessentuki, 1968
Am 12./13. Juni 1941 erfasste eine großangelegte Deportationswelle rund 31.400 Personen aus den annektierten Gebieten. Die sowjetischen Machthaber warfen Großgrundbesitzern, Politikerinnen und Politikern und Geistlichen und deren Familien Nationalismus oder Loyalität zum rumänischen Staat vor. Die Deportationen betrafen überwiegend die rumänische und die ukrainische Bevölkerung und Jüdinnen und Juden. In Güterwaggons wurden sie nach Sibirien und Kasachstan deportiert.
In Rumänien wie auch in
(© Außenministerium der Republik Rumänien, Bukarest)
(© Außenministerium der Republik Rumänien, Bukarest)
75. Jahrestag des Massakers von Fântâna Albă,
Bila Krynytsja, 1. April 2016
Jedes Jahr am 1. April kommen Rumäninnen und Rumänen und Ukrainerinnen und Ukrainer in Bila Krynytsja (rum. Fântâna Albă) in der Bukowina zu einer Gedenkzeremonie zusammen. Der Tag erinnert an das Massaker von sowjetischen Grenzbeamten an rumänischen und ukrainischen Flüchtlingen aus der Nordbukowina am 1. April 1941. Die Zahl der Opfer ist bis heute unbekannt und führt wiederholt zu Kontroversen. Rumänien spricht in Analogie zu den sowjetischen Massenhinrichtungen von Polen vom „rumänischen Katyn“. Entgegen sowjetischer Angaben von 48 Opfern seien es in Bila Krynyzja 3.000 Tote gewesen.
„Vereint unter den drei Farben. Bessarabien ist Rumänien“, Graffiti an einer rumänischen Landstraße, 2015 (© Clay Gilliland / Wikipedia, gemeinfrei)
„Vereint unter den drei Farben. Bessarabien ist Rumänien“, Graffiti an einer rumänischen Landstraße, 2015 (© Clay Gilliland / Wikipedia, gemeinfrei)
„Vereint unter den drei Farben. Bessarabien ist Rumänien“,
Graffiti an einer rumänischen Landstraße, 2015
Der Slogan „Bessarabien ist Rumänien“ ist im öffentlichen Straßenbild Rumäniens oft zu sehen. Nationalisten nutzen ihn gerne auf Demonstrationen, um eine Vereinigung der beiden Staaten zu fordern. Die rumänische Regierung steht diesen Forderungen verhalten gegenüber. In der Republik Moldau hingegen spricht sich etwa die Hälfte der Bevölkerung für eine Vereinigung beider Länder aus. Für sie ist die damit verbundene Mitgliedschaft in der
(© Christoph Meißner)
(© Christoph Meißner)
Denkmal „Zug der Schmerzen“ für die von der Sowjetunion deportierten Moldauerinnen und Moldauer,
Chişinău, 2023
In der Republik Moldau ist die Erinnerung an den Sommer 1940 ambivalent. Das sowjetische Narrativ von der Befreiung von rumänischer Herrschaft findet vor allem in den prorussischen Minderheiten weiterhin Zustimmung. Unter den Jüngeren hingegen setzt sich zunehmend die Auffassung durch, es habe sich 1940 um eine gewaltsame Aneignung gehandelt. Dies findet seinen Widerhall in historischen Forschungen wie auch in Museen und Denkmälern.
Zakhar Benderskiy, 1972 (© https://centropa.org)
Zakhar Benderskiy, 1972 (© https://centropa.org)
Als der Pakt unterzeichnet wurde, arbeitete Zakhar Benderskiy in der rumänischen Hauptstadt Bukarest.
Im Sommer 1940 kehrte er in seine Heimatstadt Chişinău zurück, um den drohenden antisemitischen Pogromen in Rumänien zu entgehen.
Chişinău war die Hauptstadt der nach der sowjetischen Okkupation neu geschaffenen Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Hier fühlte er sich als Sohn einer alteingesessenen jüdischen Familie sicher.
Benderskiy und seine Frau wurden sowjetische Staatsbürger. Er erhielt eine Anstellung in der Stadtverwaltung. Als Staatsangestellter wurden er und seine Frau im Sommer 1941 vor den heranrückenden deutschen und rumänischen Soldaten in die usbekische sozialistische Sowjetrepublik evakuiert.
Sein Vater, der sich aufgrund seiner positiven Erfahrungen mit den Deutschen im Ersten Weltkrieg zum Bleiben entschieden hatte, wurde Opfer des Holocaust.
Anna Korowski, Bild aus dem Umsiedlerausweis (© Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Berlin)
Anna Korowski, Bild aus dem Umsiedlerausweis (© Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Berlin)
Nach dem sowjetischen Einmarsch verließ Anna Korowski zusammen mit ihrem Mann und den zwei Kindern das Dorf Tschahor in der Nordbukowina.
Sie gehörten der deutschen Minderheit an, die rasch und nahezu vollständig die besetzten Gebiete verließ. Bis auf Handgepäck ließen sie ihr Eigentum zurück.
Das Deutsche Reich versprach ihnen dafür eine Entschädigung und einen Arbeitsplatz. Die Behörden waren jedoch mit den rund 200.000 Umsiedlern aus der Bukowina und Bessarabien überfordert. Die Korowskis blieben für eineinhalb Jahre in verschiedenen Umsiedlungslagern.
Im Frühjahr 1942 bekamen sie eine Bäckerei im oberschlesischen Sucha zugewiesen. Vor den Augen der Familie wurde den polnischen Inhabern die Bäckerei entrissen. Aus Mitleid und aufgrund ihrer eigenen Fluchterfahrung erlaubten sie den polnischen Eigentümern jedoch weiterhin im Obergeschoss zu wohnen.
Im Frühjahr 1944 starb Anna Korowski an den Spätfolgen einer Lungentuberkulose, die sie sich im Umsiedlungslager zugezogen hatte.
Am 14. Juni 1941 deportierte die sowjetische Geheimpolizei die zwölfjährige Valentina Sturza mit ihrer Mutter nach Kasachstan.
Valentina Sturza, 1950 (© Nationales Museum für die Geschichte der Moldau, Chișinău)
Valentina Sturza, 1950 (© Nationales Museum für die Geschichte der Moldau, Chișinău)
Ihren Vater, Bürgermeister einer Kleinstadt in Bessarabien und rumänischer Parlamentsabgeordneter, trennte das NKWD von seiner Familie, um ihn in ein Arbeitslager nach Sibirien zu bringen.
Valentina und ihre Mutter konnten fliehen und kehrten auf eigene Faust 1944 nach Bessarabien zurück, das nach der deutschen Besatzung erneut von der Roten Armee erobert worden war.
Im Jahr 1949 fielen die beiden Frauen einer erneuten Sowjetisierungswelle zum Opfer und wurden abermals nach Kasachstan deportiert. Nach Stalins Tod 1953 kamen sie frei und kehrten in ihre Heimat zurück.
Valentina Sturza setzte sich nach dem Ende der Sowjetunion für eine Aufarbeitung der sowjetischen Repressionen ein und gründete 2000 die Vereinigung ehemaliger Deportierter und politischer Häftlinge aus Moldau.
Christoph Meißner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Museum Berlin-Karlshorst. Er ist Kurator und Autor der Ausstellung „Riss durch Europa. Die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts“. Darüber hinaus kuratierte er Ausstellungen zur sowjetischen Geschichte und den deutsch-sowjetischen Beziehungen im 20. Jahrhundert. Meißner hat in Dresden und Berlin Geschichte, Kunstgeschichte und Politikwissenschaften studiert und beschäftigt sich in seinen wissenschaftlichen Forschungen mit dem Thema des Aufenthalts und Abzugs der sowjetischen/russischen Truppen in Deutschland.