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Ein tiefgreifender Einschnitt in der europäischen Geschichte, der weitreichende politische, territoriale und ideologische Konsequenzen mit sich brachte | Riss durch Europa. Die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts | bpb.de

Riss durch Europa. Die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts Der Pakt Grenzveränderungen in Ostmitteleuropa Polen Litauen – Lettland – Estland Finnland Rumänien Gespaltene Erinnerung in Europa Biografien Über die Ausstellung – Stimmen und Einordnung „Eine Ausstellung, die uns hilft, einander besser zu verstehen.“ Interview mit Jörg Ganzenmüller Interview mit Claudia Weber Videointerviews Debatte: 23. August als gemeinsamer Gedenktag? FÜR einen gemeinsamen Gedenktag am 23. August GEGEN einen gemeinsamen Gedenktag am 23. August Impressum

Ein tiefgreifender Einschnitt in der europäischen Geschichte, der weitreichende politische, territoriale und ideologische Konsequenzen mit sich brachte Interview mit Jörg Ganzenmüller, Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung und Professor an der TU Dresden

Jörg Ganzenmüller

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Jörg Ganzenmüller (© Stiftung Ettersberg)

Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht der Hitler-Stalin-Pakt?

Jörg Ganzenmüller: Der Hitler-Stalin-Pakt stellt einen tiefgreifenden Einschnitt in der europäischen Geschichte dar und brachte weitreichende politische, territoriale und ideologische Konsequenzen mit sich.

Erstens ermöglichte er den Überfall Deutschlands auf Polen. Im Jahr 1939 stand die deutsche Führung vor einem Problem: Ihr Ziel der Expansion nach Osten zur Gewinnung „neuen Lebensraums“ auf Kosten der Sowjetunion war nicht realisierbar, da das Deutsche Reich keine gemeinsame Grenze mit der Sowjetunion hatte. Da Polen die deutschen Vorschläge für ein gemeinsames Vorgehen gegen die UdSSR abgelehnt hatte, musste eine Alternative gefunden werden. Die britische Garantieerklärung gegenüber Polen und das britisch-französische Bündnis ließen einen Kriegseintritt der Westmächte im Falle eines deutschen Angriffs auf Polen als sehr wahrscheinlich erscheinen. Aus Sicht der deutschen Führung drohte eine ähnliche Konstellation wie im Ersten Weltkrieg: ein Zweifrontenkrieg, den Deutschland damals nicht gewinnen konnte und nun unbedingt vermeiden wollte. Der Nichtangriffsvertrag mit der Sowjetunion vom 23. August 1939 löste dieses Dilemma: Er sicherte Deutschland die Unterstützung im Osten und bereitete den Weg für den Angriff auf Polen sowie einen Krieg mit den Westmächten.

Zweitens hatten Hitler und Stalin in einem geheimen Zusatzprotokoll die Neuordnung Ostmitteleuropas vereinbart. Darin wurde die Aufteilung Polens und die Festlegung von Interessensphären in Finnland, dem Baltikum und Bessarabien geregelt. Dies führte dazu, dass die Sowjetunion die baltischen Staaten, Teile Finnlands und Bessarabien annektierte, was die territoriale Karte Europas grundlegend veränderte.

Drittens leitete der Pakt eine Phase der Kooperation zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der stalinistischen Sowjetunion ein, die bis zum deutschen Überfall auf die UdSSR am 22. Juni 1941 andauerte. In dieser Zeit schlossen beide Staaten umfangreiche Handelsabkommen: Die Sowjetunion lieferte dem Deutschen Reich wichtige Rohstoffe, während sie im Gegenzug Industrie- und Rüstungsgüter erhielt. Zusätzlich fand ein begrenzter kultureller Austausch statt, um in der Öffentlichkeit ein positives Bild des jeweils anderen zu fördern.

Diese Zusammenarbeit auf außenpolitischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene war ein Schock für die antifaschistische Linke in Europa. Sie trug erheblich zu der Sichtweise bei, den Nationalsozialismus und den Stalinismus als totalitäre Systeme zu verstehen: zwei Regime, die nicht nur strukturelle Ähnlichkeiten aufwiesen, sondern auch politisch so kompatibel erschienen, dass sie zeitweise reibungslos kooperieren konnten.

Was sind aus Ihrer Sicht die wesentlichen Punkte, die die Interner Link: Ausstellung vermittelt?

Die große Stärke der Ausstellung besteht darin, einem deutschen Publikum die ostmitteleuropäische Perspektive auf den Hitler-Stalin-Pakt näherzubringen. Die Erfahrungen Polens, der baltischen Staaten, Finnlands und der heutigen Republik Moldau hinsichtlich der Folgen dieses Pakts sind in Deutschland nach wie vor weitgehend unbekannt.

Für Polen war nicht nur der deutsche Überfall, sondern insbesondere die doppelte Besatzung traumatisch: durch das nationalsozialistische Deutschland im Westen und die Sowjetunion im Osten. Diese Erfahrung war besonders prägend vor dem Hintergrund der Teilungen Polens Ende des 18. Jahrhunderts, als das Land bereits einmal zwischen drei Großmächten zerrieben worden war. Die deutsche wie die sowjetische Besatzung brachte für die polnische Gesellschaft massive Gewalt, enorme Verluste und eine tiefgreifende Erschütterung des gesellschaftlichen Gefüges mit sich.

In den baltischen Staaten führten die sowjetischen Annexionen im Jahr 1940 nicht nur zum Verlust ihrer staatlichen Unabhängigkeit, sondern auch zu einer erzwungenen gesellschaftlichen Umgestaltung nach sowjetischem Vorbild – begleitet von Repression, Deportationen und politischer Verfolgung.

Für Finnland war der Hitler-Stalin-Pakt der Auftakt zum „Winterkrieg“. Der sowjetische Angriff bedrohte die staatliche Unabhängigkeit des Landes und führte letztlich zu territorialen Verlusten.

Diese historischen Erfahrungen prägen bis heute das kollektive Gedächtnis und die politische Kultur in diesen Ländern. Sie beeinflussen deren Sichtweise auf den Zweiten Weltkrieg und nicht selten ihre Haltung gegenüber aktuellen politischen Entwicklungen. Um diese Perspektiven besser zu verstehen, ist es unerlässlich, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen.

Ausstellungsformate sollen komplexe Themen verständlich erklären und fokussieren auf zentrale Aspekte. Diese Reduktion ist eine Stärke, da sie die Inhalte zugänglich macht, führt jedoch auch dazu, dass möglicherweise wichtige Nuancen für eine differenzierte Betrachtung in den Hintergrund geraten. Gibt es Aspekte, die Ihrer Meinung nach in einer idealen Welt in einer Ausstellung über den Hitler-Stalin-Pakt zusätzlich berücksichtigt werden müssten?

Man könnte die sowjetische Perspektive noch etwas ausführlicher behandeln. Stalins Entscheidung, ein Bündnis mit seinem ideologischen Hauptgegner einzugehen – einem Regime, das zudem offen erklärte, einen Krieg gegen die Sowjetunion führen zu wollen –, war für die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen nicht nachvollziehbar und auch unter Historikerinnen und Historikern lange umstritten. Erst seit der Öffnung der sowjetischen Archive besteht hier mehr Klarheit.

Stalins Denken basierte auf außenpolitischen Prämissen, die bereits Lenin formuliert hatte und die Stalin auf die geopolitische Lage der 1930er Jahre übertrug. Von Lenin übernahm er die Ansicht, dass die imperialistischen Rivalitäten der kapitalistischen Staaten um Rohstoffe und Absatzmärkte zwangsläufig zu militärischen Konflikten führen würden. Stalin erweiterte diese Theorie um die Vorstellung, dass die Sowjetunion sich zunächst neutral verhalten könnte und am Ende – als letzte verbliebene Macht – in den Krieg eingreifen würde, um das Kräfteverhältnis zu ihren Gunsten zu entscheiden. Als Stalin im Sommer 1939 dem Pakt mit Hitler zustimmte, geschah dies in der Hoffnung, damit einen Krieg zwischen Deutschland und den Westmächten zu ermöglichen. Denn er ging – ähnlich wie Hitler – davon aus, dass Deutschland keinen Zwei-Fronten-Krieg führen würde. Ein Krieg der kapitalistischen Staaten untereinander würde deren gemeinsamen Angriff auf die Sowjetunion verhindern – eine Gefahr, die er seit der Oktoberrevolution als real betrachtete, da der Kapitalismus aus seiner Sicht bestrebt war, den ersten sozialistischen Staat der Welt zu vernichten. Dieses strategische Konzept brach jedoch mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 jäh zusammen.

Zugleich spekulierte Stalin auf einen langwierigen Abnutzungskrieg, an dessen Ende sich die durch Leid und Elend radikalisierten Massen gegen ihre kapitalistischen Regime erheben würden. Der große europäische Krieg sollte seiner Erwartung nach den Weg für sozialistische Revolutionen auf dem Kontinent ebnen. Die im geheimen Zusatzprotokoll vereinbarte territoriale Neuordnung Ostmitteleuropas war für Stalin sicherlich ein attraktiver, kurzfristiger Zugewinn. Seine Ziele jedoch allein auf territoriale Expansion zu reduzieren, würde der strategischen Tiefe seines Denkens nicht gerecht.

Gibt es Punkte, zu denen Sie andere Perspektiven sehen, und welche wären das?

Polen, das Baltikum und Bessarabien waren historisch betrachtet multiethnische Regionen. Die Erfahrungen der verschiedenen nationalen Minderheiten – beispielsweise der jüdischen, belarussischen oder ukrainischen Bevölkerung – bieten wichtige Perspektiven auf die jeweiligen Besatzungsregime, die in den dominanten nationalen Narrativen oft unberücksichtigt bleiben.

In diesen Narrativen erscheint die jeweilige Nation häufig als kollektives Opfer sowohl der sowjetischen als auch der deutschen Besatzung. Die Realität war jedoch komplexer: In den 1939 von der Sowjetunion annektierten ostpolnischen Gebieten stellten die Polen nicht die Mehrheit dar. Vielmehr lebten dort überwiegend Belarussen, Ukrainer und Juden – Bevölkerungsteile, deren Verhältnis zum polnischen Staat bereits in der Zwischenkriegszeit konfliktbehaftet war. Historische Spannungen, wie Ressentiments gegenüber dem polnischen Adel oder Unzufriedenheit mit der Nationalitätenpolitik, führten dazu, dass viele Belarussen und Ukrainer die sowjetische Besetzung und den Anschluss an die Belarussische bzw. Ukrainische Sowjetrepublik begrüßten.

Teile der jüdischen Bevölkerung setzten ebenfalls Hoffnungen in das sowjetische System, das sich offiziell dem Kampf gegen den Antisemitismus verschrieben hatte. Die sowjetische Macht nutzte diese Bruchlinien gezielt aus: Sie instrumentalisierte ethnische Spannungen und etablierte eine lokale Verwaltung, die einerseits auf Arbeiterinnen und Arbeiter aus der Region zurückgriff, andererseits von einer aus Moskau entsandten Elite kontrolliert wurde. Für einige eröffnete der Machtwechsel damit auch soziale Aufstiegschancen.

Die deutschen Besatzer knüpften wiederum ab 1941 am ausgeprägten Antibolschewismus an, der sich nicht zuletzt aus den Erfahrungen mit der ersten sowjetischen Besatzung speiste. Sie stilisierten sich als Befreier von der sowjetischen Herrschaft und weckten Hoffnungen auf eine bessere Zukunft. Dabei schürten sie gezielt antisemitische Stereotype, insbesondere die Vorstellung, Jüdinnen und Juden seien Träger des Bolschewismus. In der Folge wurden in Ostpolen und im Baltikum viele Jüdinnen und Juden pauschal der Kollaboration mit der Sowjetmacht beschuldigt, was zu pogromartiger Gewalt führte. So kam es im Schatten des deutschen Vormarschs zu Übergriffen auf jüdische Nachbarinnen und Nachbarn. Der Ort Jedwabne in Polen steht exemplarisch für diese Dimension des Holocaust, bei der Teile der lokalen Bevölkerung aktiv an antisemitischen Exzessen beteiligt waren. Auch im Baltikum wurde die Wehrmacht mancherorts als Befreier begrüßt, und Teile der Bevölkerung beteiligten sich an der Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs inszenierte sich die Sowjetunion erneut als „Befreier vom Faschismus“. Diese Erzählung fand in machen Bevölkerungsgruppen durchaus Zustimmung – nicht zuletzt wegen der Gräueltaten der deutschen Besatzer. Gleichzeitig wurden die Gewalterfahrungen der ersten sowjetischen Besatzung tabuisiert.

Die finnische Perspektive könnte ebenfalls um eine kritische Betrachtung der Rolle des Landes im Zweiten Weltkrieg ergänzt werden. Finnland beteiligte sich militärisch am deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Auch wenn die finnischen Truppen nur bis zur alten finnisch-sowjetischen Grenze von 1939 vorrückten und sich den deutschen Forderungen nach einem weiteren Vormarsch verweigerten, so hatten sie sich doch mit dem nationalsozialistischen Deutschland verbündet. Die Auffassung, Finnland habe sich nicht am Zweiten Weltkrieg beteiligt, sondern mit einem „Fortsetzungskrieg“ nur eine Verlängerung des „Winterkriegs“ geführt, hat sich als langlebig erwiesen und erschwert eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle im Zweiten Weltkrieg.

Nur wenn die verschiedenen Arten der Kooperation – sowohl mit dem nationalsozialistischen Deutschland als auch mit der Sowjetmacht – betrachtet werden, ist es möglich, sich von nationalen Opfererzählungen zu lösen. Diese differenzierte Auseinandersetzung bleibt für die betroffenen Gesellschaften jedoch bis heute ein schmerzhafter Prozess.

Bei welchen Themen sehen Sie die größten Kontroversen, und warum? Wer argumentiert hier wie und warum?

In der Geschichtswissenschaft herrscht länderübergreifend weitgehende Einigkeit über die zentralen Aspekte des Hitler-Stalin-Pakts. Die gesellschaftliche Debatte über die Zusammenarbeit mit den Besatzern und die Beteiligung der einheimischen Bevölkerung am Holocaust bleibt jedoch hoch umstritten. Diese Kontroversen sind nicht nur geschichtswissenschaftlicher Natur, sondern auch stark politisch aufgeladen, da sie den Kern nationaler Selbstbilder und geschichtspolitischer Interessen berühren.

In Polen hat die Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) während ihrer Regierungszeit erheblichen Druck auf wissenschaftliche Einrichtungen sowie auf Historikerinnen und Historiker ausgeübt, die die Mitverantwortung von Polen an der Ermordung der jüdischen Bevölkerung thematisieren. In Litauen wird mit großem Nachdruck die Geschichte derjenigen erzählt, die Jüdinnen und Juden retteten – eine unbestrittene Realität. Gleichzeitig bleibt jedoch die Beteiligung litauischer Bürgerinnen und Bürger an der Verfolgung und Ermordung jüdischer Mitmenschen ein gesellschaftlich weitgehend marginalisiertes Thema. Hier besteht also eine gewisse Schieflage im nationalen Selbstverständnis und der jüdischen Erfahrung im Zweiten Weltkrieg.

Man muss berücksichtigen, dass die baltischen Staaten und die Republik Moldau nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 ihre staatliche Unabhängigkeit erlangten. Auch Polen ist seitdem nicht mehr Teil des sowjetischen Machtbereichs, der seine nationale Souveränität jahrzehntelang massiv eingeschränkt hatte. In all diesen Ländern ist seither eine Renationalisierung des kulturellen Gedächtnisses zu beobachten. Aspekte der Geschichte, die sich nicht in eine positive nationale Erzählung integrieren lassen, werden dabei häufig ausgeblendet oder bewusst marginalisiert.

Dies führt zu neuen Einseitigkeiten und blinden Flecken in der Erinnerungskultur. Diese stoßen zunehmend auf den Widerspruch jener gesellschaftlichen Gruppen, die sich an einer selbstkritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit orientieren und offen für transnationale Perspektiven auf Geschichte sind.

Wo stehen die Länder Mittel-, Ost- und Südeuropas heute – wie sieht die Erinnerungslandschaft aus, wo gibt es Gemeinsamkeiten und wo liegen die Unterschiede – Z.B. in Bezug auf den Gedenktag zum Hitler-Stalin-Pakt am 23. August?

In allen betroffenen Ländern hat sich eine Erinnerungslandschaft herausgebildet, die sowohl der nationalsozialistischen als auch der stalinistischen Verbrechen gedenkt. Wie an diese Verbrechen erinnert wird, hängt – wie überall – von den jeweiligen gesellschaftlichen Bedürfnissen nach historischer Orientierung ab.

In den baltischen Staaten stellt die öffentliche Thematisierung des Hitler-Stalin-Pakts einen symbolischen Tabubruch dar, der eng mit der Wiedererlangung der nationalen Unabhängigkeit verknüpft ist. Im Zuge des EU-Beitrittsprozesses und insbesondere seit dem Beitritt im Jahr 2004 sind diese Länder mit west- und mitteleuropäischen Erinnerungskulturen konfrontiert – insbesondere mit einer etablierten Form der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und des Holocausts. Die nationale Erinnerung an die eigene Opferrolle und der europäische Einigungsprozess prallen hier oft aufeinander. Das Spannungsverhältnis zwischen nationaler Geschichtsschreibung und europäischer Erinnerungskultur führt dabei immer wieder zu Widersprüchen und politischen Konflikten.

In Polen bedeutete das Ende des sowjetischen Imperiums die Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit – ein zentraler Bezugspunkt der polnischen Erinnerungskultur. Gleichzeitig brachte der EU-Beitritt im Jahr 2004 eine teilweise Übertragung nationaler Souveränität an eine supranationale Gemeinschaft mit sich. Dementsprechend pendelt der Blick auf die Vergangenheit zwischen nationaler Sinnstiftung und der Integration in eine gemeinsame europäische Geschichtskultur.

Ein zentrales Symbol der polnischen Erinnerung an die stalinistische Gewaltherrschaft ist das Massaker von Katyń. Es steht sowohl für die Verbrechen der sowjetischen Besatzungsmacht als auch für das erzwungene Schweigen über diese Verbrechen in der kommunistischen Nachkriegszeit. In Bezug auf die deutsche Besatzung bildet der bewaffnete und zivile Widerstand einen wichtigen Bestandteil der polnischen Nationalgeschichte. Die jüdische Erfahrung im Holocaust geht darin nicht auf und ist doch ein zentrales Element einer europäischen Erinnerungskultur. Auch in Polen stehen sich somit nationale und europäische Deutungsmuster gegenüber.

Vor diesem Hintergrund stellt die Ausrufung des 23. Augusts zum „Europäischen Gedenktag für die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus“ durch das Europäische Parlament im Jahr 2009 einen der bedeutendsten geschichtspolitischen Erfolge Ostmitteleuropas seit dem EU-Beitritt dar. Dieser Initiative waren zahlreiche Vorstöße aus Polen, den baltischen Staaten und anderen Ländern der Region vorausgegangen. In einigen EU-Mitgliedstaaten wurde der 23. August in den offiziellen Gedenkkalender aufgenommen – in anderen, wie Deutschland und Frankreich, allerdings nicht.

Das Interview erfolgte schriftlich. Stand 16.06.2025

Fussnoten

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Prof. Dr. Jörg Ganzenmüller ist Osteuropahistoriker. Von 2014 bis 2025 war er hauptamtlicher Vorstandsvorsitzender der Stiftung Ettersberg, die der wissenschaftlichen Forschung zu Entstehung, Erscheinungsformen und Überwindung von Diktaturen in Europa, insbesondere der SED-Diktatur, dient. Parallel hatte er von 2017 bis 2025 die Professur für Europäischen Diktaturenvergleich an der Universität Jena inne. Seit Dezember 2025 ist Jörg Ganzenmüller Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung und Professor an der Technischen Universität Dresden.