Estland, Lettland und Litauen in den Grenzen vom August 1939 Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de
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Litauen, Lettland und Estland wurden als Folge des Pakts von der Sowjetunion annektiert. Die Länder verloren ihre staatliche Unabhängigkeit und die neue Besatzungsmacht installierte gewaltsam ihre Macht.
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Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung in den zu den baltischen Staaten (Finnland, Estland, Lettland, Litauen) gehörenden Gebieten bildet die nördliche Grenze Litauens zugleich die Grenze der Interessenssphären Deutschlands und der UdSSR. Hierbei wird das Interesse Litauens am Wilnaer Gebiet beiderseits anerkannt.
Für die Einordnung von historischen Fotografien generell und insbesondere von Fotografien aus der Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg ist eine sorgfältige Quellenkritik unbedingt erforderlich. Bilder sind nicht nur eine mögliche Quelle für die historische Erkenntnis (wer hat wann, was, wie mit welcher Absicht fotografiert?), sondern darüber hinaus auch Medien der Erinnerung und Instrumente der Politik. Bilder können durch erinnerungskulturelle Aufladung ikonischen Charakter bekommen oder durch politische Instrumentalisierung geradezu als Waffe eingesetzt werden. Viele der hier gezeigten historischen Fotografien sind ursprünglich von deutschen oder sowjetischen Fotografen zu Propagandazwecken aufgenommen worden.
Christoph Hamann: Fotografien im Geschichtsunterricht. Visual History als didaktisches Konzept, Frankfurt/Main 2019.
Ders.: Feindbilder und Bilder vom Feind. In: Margot Blank/Museum Berlin-Karlshorst. Berlin (Hrsg.): Beutestücke. Kriegsgefangene in der deutschen und sowjetischen Fotografie 1941-1945. Berlin 2003, S. 16-31.
Nach der Unterzeichnung des
(© Litauisches Staatsarchiv, Vilnius)
(© Litauisches Staatsarchiv, Vilnius)
Einzug der litauischen Armee unter dem Banner „Die Einwohner von Vilnius begrüßen die Armee Litauens“,
Vilnius, 28. Oktober 1939
Litauen hatte das Gebiet um Vilnius nach Ende des Ersten Weltkriegs ebenso beansprucht wie Polen und Belarus. 1920 wurde die Stadt von polnischen Truppen besetzt. Nachdem die Sowjetunion im September 1939 die Gebiete im Osten Polens besetzt hatte, übergab sie das Gebiet Vilnius an den litauischen Staat. Auf der anderen Seite musste Litauen die Stationierung von 20.000 sowjetischen Armeeangehörigen hinnehmen.
(© Lettisches Staatsarchiv, Riga)
(© Lettisches Staatsarchiv, Riga)
Einmarsch der Roten Armee,
Riga, 17. Juni 1940
Die Zustimmung Lettlands und Estlands am 17. Juni 1940, mehr sowjetische Soldaten ins Land zu lassen, erfolgte zwei Tage nach der litauischen Zusage. Unter dem Druck der nun allgegenwärtigen sowjetischen Militärpräsenz setzten die autoritären Präsidenten in Litauen, Lettland und Estland neue Regierungen ein, die, wenn auch nicht durchweg kommunistisch, so doch sowjetfreundlich waren.
(© Estnisches Staatsarchiv, Tartu)
(© Estnisches Staatsarchiv, Tartu)
Sowjetische Wahlpropaganda im Vorfeld der Parlamentswahlen,
Tallinn, Juli 1940
In Estland, wie auch in Lettland und Litauen, organisierte die sowjetische Besatzungsmacht im Juli 1940 scheinbar demokratische Wahlen. Es wurden nur sowjetfreundliche Kandidatinnen und Kandidaten zugelassen. Anfang August vollzogen die vermeintlich demokratisch legitimierten Regierungschefs, obwohl sie keine entsprechenden verfassungsrechtlichen Vollmachten hatten, die Aufnahme ihrer Länder als Estnische, Lettische und Litauische Sozialistische Sowjetrepubliken in die Sowjetunion.
Das Leben großer Teile der Gesellschaften in Estland, Lettland und Litauen war von der sowjetischen Truppenstationierung ab Oktober 1939 zunächst kaum beeinflusst. Nach der vollständigen Okkupation im Sommer 1940 aber setzte die sowjetische Besatzungsmacht gewaltsam tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen durch. Wie zuvor in der Sowjetunion wurde privates Eigentum verstaatlicht. Der Geheimdienst begann mit Verhaftungen, Deportationen und Erschießungen. Zunächst wurde die politische und militärische Elite verfolgt. Ihr wurde Nationalismus und Feindschaft gegenüber der Sowjetunion vorgeworfen. Im Juni 1941 waren schließlich alle sozialen Gruppen von einer großen Massendeportation betroffen. Ziel war es, einen potenziellen Widerstand gegen die neue politische Ordnung auszuschalten. Das Jahr zwischen Sommer 1940 und Sommer 1941 ging als das „Jahr des Schreckens“ in die Geschichte der drei Länder ein.
(© Oskar Viikholm / Estnisches Staatsarchiv, Tartu)
(© Oskar Viikholm / Estnisches Staatsarchiv, Tartu)
Deutschbaltinnen und Deutschbalten verlassen Estland mit dem Schiff,
Tallinn, 18. Oktober 1939
Viele Deutschbaltinnen und Deutschbalten organisierten aus Angst vor einer sowjetischen Okkupation selbstständig ihre Ausreise, die häufig mit dem Schiff erfolgte. Ihre Befürchtungen speisten sich aus den Erfahrungen im Kampf mit den Bolschewiki 1918–1920. Insgesamt verließen bis Ende 1939 über 66.000 Deutschbaltinnen und Deutschbalten Estland und Lettland, rund 14.000 blieben. Nach der sowjetischen Annexion wurden auch die verbliebenen Deutschbaltinnen und Deutschbalten und 50.000 Deutsche aus Litauen umgesiedelt. Im vom Deutschen Reich annektierten polnischen Warthegau, aus dem die Deutschen zuvor die polnische Bevölkerung vertrieben hatten, siedelten die Behörden die aus dem Ostseeraum Ausgesiedelten an.
(© Lettisches Okkupationsmuseum, Riga)
(© Lettisches Okkupationsmuseum, Riga)
Verstaatlichung der landwirtschaftlichen Maschinenfabrik,
Riga, 1940
In allen drei Ländern wurde der Boden verstaatlicht und Land über 30 Hektar neu verteilt. Entschädigungslos enteigneten die sowjetischen Machthaber auch Banken, Industriebetriebe und Transportunternehmen. Rationierungen und Hamsterkäufe führten zu einem Mangel an Verbrauchsgütern und damit verbundenen Preissteigerungen. Ende Oktober betraf die Verstaatlichung auch große private Gebäude. Viele Menschen verloren ihr Eigentum, in ihre Häuser zogen teilweise sowjetische Funktionäre ein.
(© Aus dem Buch: “We Accuse the East - We Warn the West”)
(© Aus dem Buch: “We Accuse the East - We Warn the West”)
Heimliche Aufnahme eines Deportationszuges aus Lettland,
vermutlich Juni 1941
Zunächst verhaftete die sowjetische Besatzungsmacht Politikerinnen, Politiker und Armeeangehörige, um sie zu töten oder in Arbeitslager nach Sibirien zu bringen. Mitte Juni 1941 deportierten die Behörden schließlich rund 18.000 Menschen aus Litauen, 15.500 aus Lettland und 10.800 aus Estland. Dies entsprach rund einem Prozent der Gesamtbevölkerung. Am häufigsten traf es Familien der bereits verhafteten Elite. Frauen und Kinder wurden in sogenannte Sonderansiedlungsgebiete nach Sibirien oder Kasachstan verschleppt.
Nach dem
(© Estnisches Nationalarchiv, Tartu)
(© Estnisches Nationalarchiv, Tartu)
Estnisches Liederfest,
Tallinn, 12. September 1988
Bereits im 19. Jahrhundert veranstaltete man in Lettland und Estland nationale Liederfeste. Die sowjetischen Behörden vereinnahmten diese Feste und verboten die Nationalhymnen aus der Zeit der Unabhängigkeit. Dessen ungeachtet verstanden viele Menschen in Estland, Lettland und Litauen das öffentliche Singen von nationalen Liedern in der Landessprache als antisowjetischen Protest, mit dem sie gegen den Verlust der Unabhängigkeit demonstrierten. In Estland brachten die Demonstrierenden zudem die estnische Nationalfahne mit, die seit 1988 wieder erlaubt war.
In allen drei Ländern schlossen sich Reformerinnen und Reformer zu Protestbewegungen zusammen und riefen am 23. August 1989 zu einer Demonstration auf. Sie forderten das Ende der sowjetischen Besatzung, die Autonomie der baltischen Staaten und die öffentliche Diskussion des geheimen Zusatzprotokolls. Der „Baltische Weg“ gilt heute als Symbol der baltischen Solidarität. In allen drei Ländern steht er für die Erinnerung an Verlust und Wiedererlangung der Unabhängigkeit.
(© Litauisches Staatsarchiv, Vilnius)
(© Litauisches Staatsarchiv, Vilnius)
Überführung von Leichnamen aus Sibirien auf dem Militärflugplatz Kėdainiai,
28. Juli 1989
Ende der 1980er Jahre reisten immer mehr Litauerinnen und Litauer an die Deportationsorte, an denen ihre Angehörigen ums Leben gekommen waren, und holten deren sterbliche Überreste in die Heimat zurück. Die nach dem Krieg überwiegend katholische Bevölkerung nahm die Toten mit religiösen Prozessionen in Empfang und bestattete sie in heimatlicher Erde. Damit gedachten die Menschen der Opfer der Deportationen und versuchten, das Trauma der Entwurzelung symbolisch zu heilen.
Olga Lauristin, 1940 (© Estnisches Staatsarchiv, Tartu)
Olga Lauristin, 1940 (© Estnisches Staatsarchiv, Tartu)
Nach der Besetzung Estlands spielten estnische Kommunisten und Kommunistinnen, wie Olga Lauristin, eine wichtige Rolle bei der Durchsetzung einer neuen Ordnung.
Sie wurde in der gelenkten Wahl vom Juli 1940 in das scheinbar unabhängige Parlament gewählt. Als Leiterin der Abteilung Verlagswesen in der Kommunistischen Partei Estlands bestimmte sie, welche Bücher in Estland gelesen werden durften, und entfernte die, die nicht der neuen Politik entsprachen.
Im Juli 1941 evakuierte die Sowjetunion Staatsfunktionäre wie Olga Lauristin, um sie vor der deutschen Besatzungsherrschaft zu schützen.
Nach der Rückkehr der Sowjetmacht im Sommer 1944 nahm auch Lauristin ihre Arbeit in Estland wieder auf, nun als estnische Ministerin für Soziales und ab 1947 für Kinematografie.
Ihre Tochter aber gehörte 1988 zu den Gründerinnen und Gründern einer estnischen Unabhängigkeitsbewegung.
Leonīds Breikšs, 1935 (© Lettisches Staatsarchiv, Riga)
Leonīds Breikšs, 1935 (© Lettisches Staatsarchiv, Riga)
Leonīds Breikšs war ein nationalistischer lettischer Dichter, der großes gesellschaftliches Ansehen genoss.
Als Mitarbeiter des lettischen Ministeriums für öffentliche Angelegenheiten gab er kulturpolitische Schriften heraus.
Die sowjetischen Besatzer entließen Breikšs bereits kurz nach der Besetzung im Juli 1940. Der sowjetische Geheimdienst führte am 17. April 1941 eine Aktion gegen die führenden Intellektuellen Lettlands durch und verhaftete auch Breikšs. Am 20. Juni 1941 verurteilten ihn die sowjetischen Besatzer nach Artikel 58 des sowjetischen politischen Strafrechts wegen konterrevolutionärer Tätigkeit.
Wenige Tage nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurde er eilig in ein Gefängnis nach Astrachan abtransportiert. Im September 1942 wurde auch dieses Gefängnis vor dem deutschen Angriff evakuiert. Auf dem Transport starb Breikšs in Saratow an Erschöpfung.
Sein 1989 vertontes Gedicht „Gebet“ wurde als Lied der Singenden Revolution in Lettland populär.
Vytautas Bulvičius, 1939 (© Litauisches Staatsarchiv, Vilnius)
Vytautas Bulvičius, 1939 (© Litauisches Staatsarchiv, Vilnius)
Major Vytautas Bulvičius musste als litauischer Berufsoffizier ab September 1940 zwangsweise seinen Dienst in der Roten Armee fortsetzen.
Dort gründete er innerhalb seines Truppenteils eine antisowjetische Widerstandsgruppe.
In Erwartung eines deutschen Angriffs auf die Sowjetunion wollte diese in einem bewaffneten Aufstand die Unabhängigkeit Litauens wiederherstellen. Die Gruppe flog jedoch auf, und ihre Mitglieder wurden am 9. Juni 1941 verhaftet, zwei Wochen vor dem deutschen Überfall. Als dieser begann, verlegte die sowjetische Geheimpolizei rasch über 600 Gefangene, unter ihnen Bulvičius, ins Innere der Sowjetunion.
Am 17. Dezember 1941 wurde Bulvičius wegen der Planung eines Militäraufstandes in Gorki (Nischni Novgorod) hingerichtet.
Heute erinnert die Bevölkerung Litauens seine Gruppe als eine der Begründer des antisowjetischen Widerstands, der 1944 nach der erneuten Besetzung Litauens durch die Rote Armee aufflammte.
Christoph Meißner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Museum Berlin-Karlshorst. Er ist Kurator und Autor der Ausstellung „Riss durch Europa. Die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts“. Darüber hinaus kuratierte er Ausstellungen zur sowjetischen Geschichte und den deutsch-sowjetischen Beziehungen im 20. Jahrhundert. Meißner hat in Dresden und Berlin Geschichte, Kunstgeschichte und Politikwissenschaften studiert und beschäftigt sich in seinen wissenschaftlichen Forschungen mit dem Thema des Aufenthalts und Abzugs der sowjetischen/russischen Truppen in Deutschland.