Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht der Hitler-Stalin-Pakt?
Für die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert und in gewisser Weise selbst für unsere jüngste Geschichte und Gegenwart kann die Bedeutung des Hitler-Stalin-Pakts nicht hoch genug eingeschätzt werden. In ganz unterschiedlichen Kontexten wird auf dieses berüchtigte, manchmal unverständlich erscheinende und durchwegs katastrophale historische Ereignis eines geopolitischen Bündnisses zwischen den verfeindeten Ideologien – dem deutschen Nationalsozialismus und dem sowjetischen Stalinismus – am Beginn des Zweiten Weltkriegs in Europa verwiesen: im geschichtswissenschaftlichen Diktaturvergleich, in erinnerungskulturellen Debatten und in zeitgenössischen politischen Diskussionen, wie sie etwa vor einigen Jahren um die Inbetriebnahme der Erdgastrasse Nordstream 2 geführt worden sind. Mehrfach bezeichneten ostmitteleuropäische Medien, Politikerinnen und Politiker sowie Intellektuelle die deutsch-russischen Verhandlungen um die Gaspipeline als neuen Hitler-Stalin-Pakt, im Sinne einer neuerlichen Bedrohung für ihre nationale Sicherheit und Autonomie.
Diese Wahrnehmung belegt die tiefe und in historischer Perspektive nicht unberechtigte Skepsis „kleiner“ Staaten gegenüber den europäischen Großmächten und zeigt, wie gegenwärtig Geschichte, vor allem die des Zweiten Weltkriegs und seiner Grenzverschiebungen, bis heute ist.
Der Begriff Hitler-Stalin-Pakt beschreibt nicht nur den deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag vom 23. August 1939, der in Anlehnung an die unterzeichnenden Personen als Molotow-Ribbentrop-Vertrag bekannt ist, sondern die gesamte komplexe und komplizierte Geschichte des geopolitischen Bündnisses zwischen dem nationalsozialistischen Deutschen Reich und der stalinistischen Sowjetunion in den ersten knapp zwei Jahren des Weltkriegs. Dies ist im ersten Kapitel „Interner Link: Der Pakt“ textlich und bildlich gut dargestellt und aufgearbeitet.
Allein in vertraglicher Hinsicht muss der Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939 einbezogen werden, der in der öffentlichen Wahrnehmung häufig übersehen wird. Im Unterschied zum Nichtangriffsvertrag legte er aber erst die wesentlichen Aspekte der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit fest und machte aus einer militärischen Demarkationslinie eine Grenze. Die Zweite Polnische Republik hörte auf zu existieren, als Hitlers Wehrmacht am 1. September einmarschierte und Stalins Rote Armee dann am 17. September die ostpolnischen Gebiete besetzte. Am 18. September flüchtete die polnische Regierung zuerst nach Rumänien, dann nach Paris und schließlich nach London, wo sie lange Zeit eine der einflussreichen europäischen Exilregierungen bildete.
Zum Hitler-Stalin-Pakt gehört ebenso der deutsch-sowjetische Wirtschaftsvertrag vom Februar 1940, der für Hitlers Eroberungspläne in Europa von immenser Bedeutung war. Auf dessen Abschluss hatte vor allem die wirtschaftspolitische Abteilung des Auswärtigen Amtes gedrängt, die wusste, wie wichtig die sowjetischen Rohstoffressourcen für die deutsche „Blitzkriegsstrategie“ werden würden.
Und schließlich umfasst der Hitler-Stalin-Pakt eine Reihe bilateraler Abkommen. Diese betrafen zum einen den Umgang mit Zehntausenden Flüchtlingen, meist polnischen Jüdinnen und Juden, die seit dem September 1939 in und zwischen den Besatzungsgebieten Zuflucht suchten. Und zum anderen waren es Vereinbarungen über die Umsiedlung großer Bevölkerungsgruppen in den besetzten Gebieten Ostmittel- und Südosteuropas nach rassen- und klassenideologischen Kriterien.
Die komplexe Entstehungsgeschichte sowie das Ende und der Bruch des Paktes müssen in ihrer historischen Vielschichtigkeit und Multiperspektivität erfasst werden, um den Stellenwert des Bündnisses, ungeachtet seiner verhältnismäßig kurzen Dauer von 22 Monaten, verstehen zu können.
Er hatte nicht nur Auswirkungen auf die Anhängerinnen und Anhänger der beiden gegensätzlichen und einander feindlich gegenüberstehenden Ideologien. Zu seiner Zeit löste das Bündnis unter Linken sowie Kommunistinnen und Kommunisten weltweit Entsetzen aus und stürzte die kommunistische Bewegung in eine fundamentale Krise, die bis zum Ende des 20. Jahrhunderts weiterwirkte und dazu führte, dass die Geschichte des Hitler-Stalin-Pakts tabuisiert, relativiert und gern vergessen worden ist.
Einflussreiche nationalsozialistische Ideologen wie der „Reichsminister für die besetzten Ostgebiete“ Alfred Rosenberg standen dem Bündnis in seiner Zeit ebenfalls skeptisch gegenüber und lehnten den Pakt als „Verrat an den Idealen der nationalen Revolution“ ab.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wiederum instrumentalisierten rechtsradikale und revisionistische Kreise den Hitler-Stalin-Pakt, um den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg zu relativieren; dies hat den analytisch-nüchternen Umgang erschwert und zur Folge, dass die gesamteuropäische Bedeutung bis in unsere Gegenwart unterschätzt wird: Im Zuge einer unterschwellig wirkenden geografisch-historischen Restriktion wird der Pakt als „Angelegenheit“ Ostmittel- und Südosteuropas eingestuft. Deshalb werden die kriegs- und geopolitischen Auswirkungen, die das deutsch-sowjetische Bündnis auf den Verlauf des Zweiten Weltkriegs hatte, verkannt.
Bereits die Entstehungsgeschichte ist Teil der europäischen Krisen- und Konfliktlagen in der sogenannten Zwischenkriegszeit und insbesondere in den 1930er Jahren, in denen die Kriegsangst auf der ganzen Welt zunahm und die multilaterale Nachkriegsordnung mehr und mehr von bilateralen Bündnissen, nationalem Protektionismus und dem Aufstieg totalitärer und autoritärer Regime abgelöst wurde. Vor dem Hintergrund jener europäischen und globalen Entwicklungen war der Hitler-Stalin-Pakt geopolitisch betrachtet keine Überraschung. Seine Bedeutung für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs kann nicht auf die Dauer seiner Existenz bis zum Überfalls Hitlers auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begrenzt werden. Der Hitler-Stalin-Pakt teilte Ost- und Südosteuropa gewaltsam in territoriale Interessensphären des „Dritten Reiches“ und der Sowjetunion, worauf Europa unterschiedlich reagierte. Nach dem 17. September 1939 befand sich Stalins Sowjetunion – anders als das nationalsozialistische Deutschland – nicht im Krieg mit den europäischen Westmächten Frankreich und Großbritannien; dieser Umstand erleichterte u. a. nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion die Entstehung der Anti-Hitler-Allianz und verweist damit auf einen realpolitischen und diplomatischen Umgang mit dem Hitler-Stalin-Pakt, der über den Vertragsbruch am 22. Juni 1941 hinausgeht. Als ein zentrales Ereignis für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs ist der Pakt noch lange nicht „auserforscht“. Ganz im Gegenteil, die europäische Zeitgeschichte beginnt erst, das historische Erkenntnispotenzial einer umfassenden analytischen Betrachtung des Hitler-Stalin-Pakts zu erfassen.
Was sind aus Ihrer Sicht die wesentlichen Punkte, die die Ausstellung vermittelt?
Die Ausstellung Interner Link: Riss durch Europa. Die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts ist übersichtlich strukturiert und vermittelt einen ausführlichen und differenzierten Ein- und Überblick über die deutsch-sowjetische Beziehungsgeschichte und zur Vorgeschichte des Hitler-Stalin-Pakts. Auch Personen, die mit diesem Kapitel der europäischen Gewaltgeschichte (noch) nicht vertraut sind, werden rasch, gründlich und seriös informiert und können die Geschichte des Hitler-Stalin-Pakts in die Gewaltgeschichte Europas im 20. Jahrhundert einordnen. Ein vergleichsweiser kurzer Abschnitt ist der Erinnerungskultur gewidmet.
Der Fokus der Ausstellung liegt eindeutig auf der Politik des nationalsozialistischen Deutschland, der stalinistischen Sowjetunion und den verheerenden Folgen für die Länder Ostmittel- und Südosteuropas und ihre Bevölkerungen. Entscheidende Ereignisse der 1930er Jahre in Europa wie das Münchner Abkommen vom 30. September 1938, das den Höhepunkt der europäischen Appeasementpolitik gegenüber Hitler markierte, werden genannt und berücksichtigt. Detailliert werden die wirtschaftlichen und politischen Formen der deutsch-sowjetischen Kooperation von 1939 bis 1941 und deren Auswirkungen auf die Bevölkerungen in den Ländern Ostmittel- und Südosteuropas, die direkt von den geopolitischen Vereinbarungen des geheimen Zusatzprotokolls zur Aufteilung der territorialen Interessensphären betroffen waren, dargestellt. Besucherinnen und Besucher erfahren von den Warenlieferungen, den Umsiedlungen und Deportationen, dem Terror durch die diktatorische Besatzungsregime und der stalinistischen Gewalt.
Finnland wurde noch im Winter 1939 von der Sowjetunion angegriffen, die das Land im Geheimprotokoll mit der Zustimmung Hitlers zu seiner Interessensphäre erklärt hatte. Noch während des Besuchs des sowjetischen Außenkommissars Wjatscheslaw Molotow im November 1940 in der Reichshauptstadt Berlin erklärte dieser, sehr zum Ärger Hitlers, den sowjetischen Anspruch auf Finnland. Diese Geschichte und die Folgen des Terrors dazustellen, ist die wesentliche Stärke der Ausstellung. Die ausgewählten Biografien höchst unterschiedlicher Zeitzeuginnen und Zeitzeugen – vom finnischen stalintreuen Kommunisten Otto Kuusinen bis hin zur „Volksdeutschen“ Anna Korowski aus der Nordbukowina – ergänzen die Fakten- und Ereignisgeschichte auf eindringliche Art und Weise und sind für Online-Ausstellungen, die kein Film- und Tonmaterial zur Verfügung stellen, unverzichtbar. Es wäre dennoch sinnvoll, derartiges Material zukünftig aufzunehmen (z. B. Aufnahmen von der Abreise des deutschen Außenministers Joachim von Ribbentrop nach Moskau oder Wochenschauberichte über die Umsiedlung der Volksdeutschen unter Motto „Heim ins Reich“).
Dokumente wie der Grenz- und Freundschaftsvertrag sind Teil der Ausstellung und untermauern den wissenschaftlichen Charakter der Ausstellung. Gelungen finde ich ebenfalls den Abschnitt zu den Grenzveränderungen in der Region, der die große Zeitspanne von 1914 bis immerhin 1991 umfasst und die Grenzziehungen des Paktes historisch kontextualisiert. Da die sogenannte Curzon-Linie hier eine besondere Rolle spielt – sie wird in der Ausstellung erwähnt – hätte dieser spezifischen Grenzziehung besondere Aufmerksamkeit zukommen können. Es handelt sich immerhin um eine Grenzlinie aus der Zeit der Pariser Friedensverhandlungen von 1919, die für Stalins Gebietsforderungen sowohl gegenüber Adolf Hitler als auch gegenüber den westlichen Alliierten am Ende des Zweiten Weltkriegs von großer Bedeutung war. In den Verhandlungen zur europäischen Nachkriegsordnung auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 akzeptierte Großbritannien die Curzon-Linie als Ostgrenze Polens und somit eine territoriale Ausdehnung des Sowjetstaates, der bereits Hitler im Sommer 1939 in den deutsch-sowjetischen Bündnisverhandlungen zugestimmt hatte.
Ausstellungsformate sollen komplexe Themen verständlich erklären und fokussieren auf zentrale Aspekte. Diese Reduktion ist eine Stärke, da sie die Inhalte zugänglich macht, führt jedoch auch dazu, dass möglicherweise wichtige Nuancen für eine differenzierte Betrachtung in den Hintergrund geraten. Gibt es Aspekte, die Ihrer Meinung nach in einer idealen Welt in einer Ausstellung über den Hitler-Stalin-Pakt zusätzlich berücksichtigt werden müssten?
In einer größeren oder erweiterten Fassung der Ausstellung zur Geschichte des Hitler-Stalin-Pakts könnten die bereits erwähnten Aspekte ergänzt werden. Grundsätzlich sollte die gesamteuropäische Bedeutung des Hitler-Stalin-Pakts stärker thematisiert werden. Es ist richtig und historisch mehr als angemessen, die Betroffenheit und die immensen, bis in die Gegenwart reichenden Konsequenzen, die das deutsch-sowjetische Bündnis für die Länder Ostmittel- und Südosteuropas hatte, ihre Erinnerungskulturen und die historischen Traumata in den Mittelpunkt zu rücken.
Dort, in den von Timothy Snyder so ausgezeichnet beschriebenen „Bloodlands“ litten Hunderttausende unter dem Terror der Schergen Hitlers und Stalins. Dort befanden sich die Vernichtungslager des Holocaust und von dort führten die Deportationszüge in die fernen und unwirtlichen Gebiete der Sowjetunion oder direkt in die Gulag-Lager.
Um dieser erschreckenden Gewaltgeschichte gerecht zu werden, plädiere ich jedoch für eine europäische Kontextualisierung über Ostmittel- und Südosteuropa hinaus, eine Europäisierung der Geschichte des Hitler-Stalin-Pakt. Ein europäisches Geschichtsereignis erfordert eben auch die differenzierte Betrachtung der europäischen Politik, Diplomatie und Gesellschaften, die vor, während und nach dem Hitler-Stalin-Pakt von diesem Bündnis beeinflusst und geprägt worden sind. Denn auch dort blieb der Pakt nicht folgenlos und wirkte langfristig, beispielsweise auf die Geschichte der westeuropäische Linken oder in der Kriegspolitik und Diplomatie der britischen und französischen Regierungen.
Weiterhin fehlt bislang eine umfassend-kritische Auseinandersetzung mit der Rezeptionsgeschichte des Hitler-Stalin-Pakts, vor allem westlich des Eisernen Vorhangs zur Zeit des Kalten Krieges. Über die Tabusierungen, vor allem des geheimen Zusatzprotokolls, über die Aufklärungsversuche osteuropäischer Dissidentinnen und Dissidenten und über die ununterbrochene Präsenz des Themas im Samizdat ist bereits umfangreich geforscht worden. Die Hintergründe für diese „einseitige“ Beschäftigung aber werden meiner Einschätzung nach zu wenig diskutiert. Im Prinzip wünsche ich mir auch hier eine europäische Rezeptions- und Diskursanalyse, die Unterschiede zwischen Ost und West deutlich macht und Wege zu einer gemeinsamen Gedenk- und Erinnerungskultur aufzuzeigen weiß.
Diese Themen konstruktiv und mutig aufzugreifen, würde das innovative Potenzial der Ausstellung erhöhen. Sie würde uns dann – da bin ich mir sicher – viel erzählen können über das lange und wirkmächtige Unbehagen und die Zurückhaltung in der geschichtswissenschaftlichen und erinnerungskulturellen Auseinandersetzung mit dem Hitler-Stalin-Pakt als Geschichte Europas im 20. Jahrhundert. Die kontroversen Diskussionen und Streitfragen sollten offensiv dargestellt und behandelt werden. Ich hätte mir einen Abschnitt zur geschichtspolitischen Brisanz gut vorstellen können. Das Fehlen dieser Informationen könnte unter Umständen sogar den Eindruck hervorrufen, dass die „schwierigen Kapitel“ im Umgang mit dem Hitler-Stalin-Pakt abermals ausgespart wurden; ein Eindruck, den diese ansonsten gelungene Online-Ausstellung nicht hinterlassen sollte.
Gibt es Punkte, zu denen Sie andere Perspektiven sehen und welche wären das?
Zu dieser Frage habe ich die wesentlichen Punkte bereits ausgeführt. Ich befürworte eine gesamteuropäische Betrachtung des Hitler-Stalin-Pakts, die über die konkrete Gewaltgeschichte hinausgeht. Aus meiner Sicht hätte der Umgang mit dem Titel der Ausstellung „Riss durch Europa“ konzeptionell offener erfolgen können. Auf eine gewisse Art und Weise scheint er nämlich jene Ost-West Trennung zu manifestieren, die dazu geführt hat, den Pakt als „Angelegenheit Ostmittel- und Südosteuropas“ bestehen zu lassen; möglicherweise eine geschichtswissenschaftliche und erinnerungskulturelle Vermeidungsstrategie, um einer reflektierten Auseinandersetzung mit den Widersprüchlichkeiten, Herausforderungen und Ambivalenzen dieser Geschichte zu entgehen.
In Bezug auf den Besatzungsterror und die Gewalt der nationalsozialistischen und stalinistischen Besatzungsregime ging mit dem Hitler-Stalin-Pakt einerseits tatsächlich ein „Riss durch Europa“ einher. Im westlichen und nordwestlichen Europa gebärdete sich der rassenideologische Wahn des Nationalsozialismus nach den Besetzungen im Frühjahr 1940 deutlich anders als in Ostmittel- und Südosteuropa. Die Deportationszüge mit den Jüdinnen und Juden aus Amsterdam, Paris oder Wien führten von dort in Richtung Osten, insbesondere in das Generalgouvernement, den deutsch-besetzten Teil Zentralpolens. Hier fanden die Massenerschießungen statt und hier wurden Europas Jüdinnen und Juden vernichtet. Der Westen galt auch Hitler als „zivilisierter“ als der Osten des Kontinents. Und natürlich litt Osteuropa mit dem Besatzungsterror Stalins unter der Gewalt zweier Diktatoren. Bei aller Kritik, die an Timothy Snyders Begriff der „Bloodlands“ geübt werden kann – zweifelsohne fehlt es ihm an analytischer Schärfe – erfasst er doch metaphorisch auf eindringliche Art und Weise die tiefgreifende Tragödie der dort lebenden Menschen im 20. Jahrhundert. Unter den Folgen von Nationalismus, Rassismus und Klassenideologie leiden die Menschen bis heute.
Dieser gewaltgeschichtliche „Riss durch Europa“ erklärt die besondere erinnerungskulturelle Sensibilität und auch die große Bedeutung, die der Hitler-Stalin-Pakt in der Geschichtspolitik und im gesellschaftlichen Gedächtnis der ostmittel- und südosteuropäischen Staaten bis heute besitzt.
Mit diesem Fokus beschreibt der Titel „Riss durch Europa“ jedoch nur eine Seite, und zwar den zentralen und wesentlichen Aspekt der Gewalt- und Besatzungsgeschichte. Er erfasst die Geschichte des Hitler-Stalin-Pakts aber nicht in ihrer ganzen Breite und Vielschichtigkeit von Geopolitik, Diplomatiegeschichte, Ideologiegeschichte und der Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Insofern reduziert die Ausstellung die komplexe europäische Entstehungsgeschichte in den 1930er Jahren ebenso wie die Bedeutung des deutsch-sowjetischen Bündnisses für den Verlauf des Zweiten Weltkriegs und sie bleibt auch in der Beschreibung der Rezeptionsgeschichte zu sehr auf Osteuropa beschränkt, festigt somit das Bild eines kontinentalen „Risses“ oder Grabens. Ich hätte mir gewünscht, dass man das Erkenntnispotenzial des Ausstellungstitels durch eine konzeptionelle Multiperspektivität und Multidimensionalität stärker ausschöpft. Im Prinzip müsste der Titel „Risse durch Europa“ lauten.
Bei welchen Themen sehen Sie die größten Kontroversen, und warum? Wer argumentiert hier wie und warum?
Wie gesagt, sehe ich die größte erinnerungskulturelle und historiografische Leerstelle seit Langem – trotz der umfangreichen Literatur zum Thema – in der fachlichen Auseinandersetzung mit dem Hitler-Stalin-Pakt und dessen Anerkennung als einem historischen Ereignis von gesamteuropäischer Relevanz. Diese Beobachtung führt direkt zur zentralen geschichtspolitischen Kontroverse im Umgang mit dem Pakt. Im Mittelpunkt steht die Befürchtung und gelegentlich auch der Vorwurf, dass mit der geschichtswissenschaftlichen und erinnerungskulturellen Thematisierung der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit, die sich auch auf die Niederschlagung des polnischen Widerstands oder den Umgang mit polnischen und jüdischen Flüchtlingen bezog, die Singularität des Holocaust infrage gestellt wird. Das schier unbegreifliche Ausmaß des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges werde so relativiert. Tatsächlich scheint die Geschichte des deutsch-sowjetischen Bündnisses auf den ersten Blick mit einer revisionistischen Kraft daherzukommen, die an die Debatten um Ernst Noltes Kausalnexus und den bundesrepublikanischen Historikerstreit der späten 1980er Jahre erinnert. Denn oberflächlich könnte man fragen: Bedeutet die gleichzeitige Betrachtung des Terrors und der Gewalt beider Besatzungsregime, ihrer Kooperationen und Verflechtungen nicht auch gewissermaßen eine Gleichsetzung im Sinne der Totalitarismustheorie aus der Zeit des frühen Kalten Krieges? Impliziert der Ansatz einer Verflechtungsgeschichte des nationalsozialistischen und des stalinistischen Terrors nicht die Relativierung der Einzigartigkeit des Holocaust? Dürfen wir die Gewaltpraxis beider Regime überhaupt vergleichen?
In Bezug auf den Hitler-Stalin-Pakt sind diese Fragen zuletzt mit besonderer Vehemenz beim Erscheinen von Timothy Snyders Buch „Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin“ im Jahr 2010 diskutiert worden. Diese Kontroverse ist gut dokumentiert. Snyder, der in seinem Werk die Interaktionen und Kooperationen zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus in den besetzten Gebieten in den Mittelpunkt rückte, entgegnete dem Relativierungsvorwurf, der vornehmlich aus der deutschen Geschichtswissenschaft kam, mit seiner Kritik an einem „methodologischen Nationalismus“, der, so Snyder, nur eine verengte Sicht auf die Verbrechensgeschichte des Nationalsozialismus gestatte, daher nur die „halbe Geschichte“ erzähle und die heuristisch kraftvolle Dimension einer europäische Diktatur- und Gewaltgeschichte ausblende. Snyder warf der deutschen NS-Forschung eine fachliche Selbstbezogenheit und die geradezu engstirnige Obsession mit dem NS-Regime vor, die den Terror anderer totalitärer Systeme zwar nicht unterschlage, aber zu einer Hierarchisierung sowohl der Systeme als auch deren Opfer führte.
Nach den Diskussionen um Timothy Snyders Buch, die im Übrigen von vielen osteuropäischen Kolleginnen und Kollegen mit Verwunderung beobachtet wurden, dauerte es ungefähr ein Jahrzehnt, bis die sogenannte „Katechismus“-Debatte einen ganz ähnlichen Konflikt aufrief und sogar den inhaltlichen Auftakt zum Leipziger Historikertag im September 2023 gestaltete. Die Diskussion entzündete sich an dem Vorwurf des australischen Genozid-Forschers Dirk Moses, die deutsche Erinnerungskultur klammere sich auch nach Snyder und ungeachtet der Gewaltforschung in den Postcolonial Studies an den Katechismus „selbsternannter Hohepriester“ der deutschen NS-Forschung, denen zu widersprechen einer Häresie gleichkäme.
Beide Debatten wurden medial in einer gewissen Traditionsbildung als Historikerstreit 2.0 bezeichnet. Ich behaupte, dass diese Traditionsbildung auch aufgrund eines bis heute nicht aufgelösten Problems bzw. Frage innerhalb der europäischen Diktatur- und Gewaltforschung möglich war: Wohin führt uns die Geschichte, wenn totalitäre Systeme in analytisch-vergleichender Absicht zwar voneinander getrennt werden können, diese Separierung jedoch in der Untersuchung ihrer historischen Praxis, ihrer wechselseitigen Beeinflussungen, ihrer Kooperationen und Beziehungen gar nicht möglich ist. Der Hitler-Stalin-Pakt ist hierfür das „Paradebeispiel“. Sollte die europäische Zeitgeschichte dieses Ereignis und den Ansatz der Verflechtungsgeschichte also besser meiden, um nicht in das Fahrwasser der Relativierung zu gelangen? Oder sollte sie den Sprung ins kalte Wasser wagen, um durch neue Forschungen und wissenschaftliche Erkenntnisse diesen Relativierungsvorwurf jenseits medial aufgeheizter Debatten sogar zu entkräften? Als Wissenschaftlerin plädiere ich für letzteres. Einer um den methodischen Ansatz der Verflechtungsgeschichte erweiterten europäischen Diktatur- und Gewaltgeschichte sollte es im Sinne Snyders darum gehen, ein „größeres historisches Bild“ zu zeichnen. Mit dieser Forderung war er allerdings nicht der Erste. Schon in den 1990er Jahren schrieb der linke französische Historiker François Furet, bezeichnenderweise an Ernst Nolte:
Der Verflechtungsansatz ist in der Lage, hartnäckige Ost-Westtrennungen in einer tatsächlich transnationalen Gewalt- und Kriegsgeschichte Europas zu hinterfragen. Selbstverständlich ist damit nicht gemeint, historische Unterschiede aufzulösen, sondern diese präzise herauszuarbeiten und die Auswirkungen totalitärer Politik in einem gesamteuropäischen und globalen Kontext zu betrachten. So verstanden und in die Praxis gesetzt relativiert die Verflechtungsgeschichte des Hitler-Stalin-Pakts die Einzigartigkeit des Holocaust keineswegs. Ganz im Gegenteil bekräftigt sie dessen Singularität, indem sie die Unterschiede in den Gewalt- und Terrorpraktiken empirisch belegen und nachweisen kann.
Es gehört zu den Befunden der Gewaltgeschichte des Hitler-Stalin-Pakts, dass ausgerechnet die Deportationen in das sowjetische Landesinnere viele polnische Jüdinnen und Juden – freilich nicht intendiert – vor der Vernichtung bewahrt haben. Historikerinnen und Historiker wie Eliyana Adler und Markus Nesselrodt haben die vergessenen Schicksale der polnischen Jüdinnen und Juden in der Sowjetunion in den vergangenen Jahren hervorragend aufgearbeitet. Wer die unsäglichen Strapazen des Transports und die widrigen Lebensumstände in den Ankunftsorten überstand, besaß eine reale Chance, den Holocaust zu überleben. Diejenigen, die in das nationalsozialistische Generalgouvernement zurückgekehrt waren, besaßen diese Chance nicht. Die Widersprüchlichkeit, Komplexität und Tragik menschlicher Gewalterfahrungen werden mit der Methode der Verflechtungsgeschichte erst sichtbar. „Für viele der jüdischen Familien“, so erinnerte sich der im Winter 1939/40 vierzehnjährige Meyer Megdal, „war es eine schwere Entscheidung. […] Auch wenn wir es schaffen würden, die Grenze zu überqueren, zögerten meine Eltern doch, ihr gutes Heim zu verlassen und die Familie all den Härten auszusetzen, die uns als Flüchtlinge in einer nahen russischen Grenzstadt erwarteten. Meine Mutter erinnerte sich fortwährend an die deutschen Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg. […] Niemand von uns konnte sich zu dieser Zeit das folgende Leid der Juden vorstellen.“ Auch diesen Geschichten Gehör zu verschaffen, ist die Aufgabe einer gegenwartsrelevanten europäischen Gewaltgeschichte, die im Hitler-Stalin-Pakt einen zentralen Forschungsgegenstand findet.
Wo stehen die Länder Mittel- Ost und Südeuropas heute – wie sieht die Erinnerungslandschaft aus, wo gibt es Gemeinsamkeiten und wo liegen die Unterschiede – Z.B. in Bezug auf den Gedenktag zum Hitler-Stalin-Pakt am 23. August?
In den Ländern Ostmittel- und Südosteuropas wird der 23. August als Gedenktag an den Terror und die Gewalt der zweifachen Besatzung mit einer ungleich größeren Aufmerksamkeit als in West- oder Südeuropa begangen. Die feste Etablierung als zentraler Gedenktag und seine herausragende Bedeutung basieren auf der direkten historischen Gewalterfahrung. In den Jahrzehnten des Staatssozialismus und der Zugehörigkeit zum sowjetischen Machtbereich waren die erinnerungskulturelle Thematisierung und die historische Auseinandersetzung verboten und blieben dissidentischen Kreisen sowie der privaten Familienerinnerung vorbehalten. Dort, in den Nischen des totalitären Staates, überlebte ein kommunikatives Gedächtnis, das nach dem Ende des Kalten Krieges zum Teil der nationalen Erinnerung wurde.
50 Jahre nach der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes kündigte die berühmte Aktion „Baltischer Weg“ – eine Menschenkette, die am 23. August 1989 die drei baltischen Hauptstädte Rīga, Tallinn und Vilnius über 600 Kilometer miteinander verband – das Ende des Sowjetimperiums und die wiedergewonnene Unabhängigkeit an. Bis in die Gegenwart dient die Erinnerung an den Hitler-Stalin-Pakt als Erinnerung an die Unterdrückungsgeschichte, aber eben auch als Mahnung an den Stellenwert nationaler Autonomie und der Existenz eines Nationalstaates, der für die Bevölkerungen in Ostmittel- und Südosteuropa eine viel größere Bedeutung hat als für viele Westeuropäerinnen und Westeuropäer im postnationalen Zeitalter. Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern bestehen hinsichtlich der Aufmerksamkeit, die den zwei Diktaturen jeweils zukommt.
So ist in Polen, anders als etwa im Baltikum, die Erinnerung an die nationalsozialistische Besatzung stärker ausgeprägt, da insbesondere die zentralpolnischen Gebiete von Warschau bis Kraków und Poznań unter dem Nazi-Terror litten. Im Baltikum wiederum liegt – ebenso wie in Bessarabien, der Bukowina oder Finnland – der erinnerungskulturelle Fokus auf der sowjetischen Besetzung und dem Gewaltfuror des Stalinismus.
Ein wichtiges Handlungsfeld für die Gedenkinitiativen der Staaten Ostmitteleuropas bilden die Europäische Union bzw. das Europäische Parlament. Die Entschließung des Europäischen Parlaments zur Bedeutung des europäischen Geschichtsbewusstseins für die Zukunft Europas (2019/2819 (RSP)) aus dem Jahr 2019 ist hierfür ein Beispiel. Sie war aus Anlass des 80. Jahrestags des Beginns des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 auf Initiative der parlamentarischen Gruppen der ostmitteleuropäischen Staaten in das EU-Parlament eingebracht worden. In ihr nimmt das Gedenken an den Hitler-Stalin-Pakt großen Raum ein. Das Europäische Parlament nahm am 19. September 2019 diese Entschließung mit großer Mehrheit (535 Abgeordnete stimmten für die Entschließung, 66 dagegen und 52 enthielten sich der Stimme) an und bekräftigte damit die bemerkenswerte Forderung, den 23. August „unionsweit als auch auf nationaler [sic] Ebene als den Europäischen Tag des Gedenkens an die Opfer totalitärer Regime zu begehen.“
Auch die Ausrufung des 23. August zum Europäischen Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus im Jahr 2009 ging auf die „Prager Erklärung“ ehemaliger politischer Häftlinge, ostmitteleuropäischer Dissidentinnen und Dissidenten sowie Politikerinnen und Politiker wie Václav Havel oder Joachim Gauck, dem späteren deutschen Bundespräsidenten, zurück. Diese hatten 2008 die europaweite Verurteilung kommunistischer Verbrechen und die Anerkennung der stalinistischen Gewaltherrschaft gefordert. Ungeachtet der erwähnten Schwerpunktsetzungen aufgrund der unterschiedlichen historischen Erfahrungen bemühen sich die Staaten Ostmittel- und Südosteuropas auf politischer Ebene recht einstimmig, den 23. August als Gedenktag in ganz Europa und in den einzelnen Mitgliedstaaten zu etablieren. Es ist das Bemühen um die Anerkennung einer spezifischen Geschichte, die bis heute auf den gesamten Kontinent wirkt.
Das Interview erfolgte schriftlich. Stand 06.06.2025