Ende November 1939 griff die Sowjetunion Finnland an. Finnland konnte seine Unabhängigkeit verteidigen. Der gemeinsame Kampf führte zu einer Einigung der finnischen Gesellschaft.
Das Großfürstentum Finnland war lange Zeit Teil des Russischen Kaiserreichs. Nach dessen Untergang erklärte die finnische Regierung im Dezember 1917 seine Unabhängigkeit. Tiefgreifende soziale und wirtschaftliche Probleme, verbunden mit der Frage, wie sich Finnland zum Umsturz in Russland verhalten solle, entluden sich Anfang 1918 in einem Bürgerkrieg. „Weiße“ Unterstützer der gewählten Regierung standen „Roten“ gegenüber, die eine revolutionäre sozialistische Idee verfolgten. Nach dem Ende der Kämpfe im Mai 1918 war die finnische Gesellschaft tief gespalten. Die siegreichen Weißen lehnte sozialistische wie auch sowjetrussische Einflüsse strikt ab.
Sowjetrussland hatte die Unabhängigkeit 1917 und die staatlichen Grenzen Finnlands im Frieden von Tartu 1920 anerkannt. Für die stalinistische Sowjetunion galt Finnland dennoch als verlorenes Gebiet. Der Winterkrieg, den die Sowjetunion nach der Unterzeichnung des Interner Link: Pakts Ende November 1939 begann, bedrohte die finnische Unabhängigkeit. Der Verteidigungskampf vereinte große Teile der finnischen Gesellschaft. Die faktische Niederlage führte zu Gebietsverlusten und einem Gefühl der Unsicherheit, das die Regierung zu einer Annäherung an das Deutsche Reich bewog.
Zitat
Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung in den zu den baltischen Staaten (Finnland, Estland, Lettland, Litauen) gehörenden Gebieten bildet die nördliche Grenze Litauens zugleich die Grenze der Interessenssphären Deutschlands und der UdSSR. Hierbei wird das Interesse Litauens am Wilnaer Gebiet beiderseits anerkannt.
Hinweis zur quellenkritischen Einordnung der Bilder
Für die Einordnung von historischen Fotografien generell und insbesondere von Fotografien aus der Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg ist eine sorgfältige Quellenkritik unbedingt erforderlich. Bilder sind nicht nur eine mögliche Quelle für die historische Erkenntnis (wer hat wann, was, wie mit welcher Absicht fotografiert?), sondern darüber hinaus auch Medien der Erinnerung und Instrumente der Politik. Bilder können durch erinnerungskulturelle Aufladung ikonischen Charakter bekommen oder durch politische Instrumentalisierung geradezu als Waffe eingesetzt werden. Viele der hier gezeigten historischen Fotografien sind ursprünglich von deutschen oder sowjetischen Fotografen zu Propagandazwecken aufgenommen worden.
Literatur:
Christoph Hamann: Fotografien im Geschichtsunterricht. Visual History als didaktisches Konzept, Frankfurt/Main 2019. Ders.: Feindbilder und Bilder vom Feind. In: Margot Blank/Museum Berlin-Karlshorst. Berlin (Hrsg.): Beutestücke. Kriegsgefangene in der deutschen und sowjetischen Fotografie 1941-1945. Berlin 2003, S. 16-31.
Im Oktober 1939 setzte die Sowjetunion die finnische Regierung mit Gebietsforderungen unter Druck. Entgegen dem Rat der militärischen Führung lehnte die finnische Regierung diese ab. Daraufhin begann die Sowjetunion ohne Kriegserklärung am 30. November 1939 den Winterkrieg. Ziel war die vollständige Besetzung Finnlands. Die finnischen Streitkräfte wehrten sich effektiv gegen die sowjetische Übermacht, wurden aber bei der Verteidigung des eigenen Landes von den europäischen Mächten alleingelassen. Sie erhielten nur geringe militärische Unterstützung aus Schweden. Angesichts der sowjetischen Übermacht erbat die Regierung Verhandlungen, die am 12. März 1940 in einen Friedensvertrag mündeten. Finnland bewahrte seine Unabhängigkeit, musste aber ein Zehntel seines Territoriums an die Sowjetunion abtreten.
Finnische Soldaten an der Front, Ladoga, 17. Dezember 1939
In einem aufopferungsvollen Kampf verteidigten die finnischen Verteidigungstruppen ihr Land. Durch eine flexible Taktik konnten sie den sowjetischen Ansturm zunächst aufhalten. Mit improvisierten Brandsätzen, seitdem Molotowcocktails genannt, schlugen finnische Soldaten sowjetische Panzer zurück. Sie nutzten ihre überlegenen geografischen Kenntnisse sowie den routinierten Umgang mit Eis und Schnee. Auf lange Sicht waren die sowjetischen Truppen jedoch personell und technisch überlegen. Im Februar 1940 durchbrachen sie die finnische Hauptverteidigungslinie. Finnland sah sich zu Friedensverhandlungen gezwungen.
Der Tag nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages, Helsinki, 13. März 1940
Am 12. März 1940 unterzeichneten die Sowjetunion und Finnland in Moskau den Friedensvertrag. Die Bedingungen waren härter als die sowjetischen Forderungen vor dem Krieg. Trotz der enormen territorialen und materiellen Verluste garantierte der Vertrag Finnland die Unabhängigkeit. Einen Tag nach dem Vertragsabschluss zog man in Finnland als Zeichen der Trauer die Flaggen auf Halbmast.
Finnische Soldaten räumen besetztes Gebiet, Halbinsel Hanko, 17. März 1940
Finnland musste auf einen Teil seines Staatsterritoriums verzichten. Neben Gebieten im Nordosten und kleinen Inseln im Finnischen Meerbusen wogen insbesondere die Halbierung des wirtschaftlich starken Finnisch-Karelien sowie der Verlust der strategisch wichtigen Halbinsel Hanko schwer. Letztere musste für 30 Jahre an die Sowjetunion verpachtet werden. Die dort stationierten Soldatinnen und Soldaten der Roten Armee flohen jedoch nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941, an dem sich Finnland aktiv auf Seiten Deutschlands beteiligte.
Geeinte Gesellschaft
Im Winterkrieg standen große Teile der finnischen Gesellschaft geschlossen hinter den kämpfenden Truppen. Der tiefgehende politische Streit der Zwischenkriegszeit wich einem bis dahin ungekannten Gefühl der nationalen Einheit, das aus dem Verteidigungskampf für die nationale Unabhängigkeit resultierte. Rund 420.000 Finninnen und Finnen flohen während und nach dem Krieg aus den von der Sowjetunion eroberten Regionen. Sie wurden aufgenommen und in die Gesellschaft integriert. Finnland betrachtete die Gebiete jedoch nur als zeitweise verloren. Um sie wieder zurückzuerlangen, schloss es sich im Sommer 1941 dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion an. Für die Menschen in Finnland war das der Fortsetzungskrieg.
Mitglied der Organisation "Lotta Svärd" beim Verteilen von Kaffee an der Front, Nautsi, 17. Februar 1940
Die im Bürgerkrieg 1918 gegründete Organisation „Lotta Svärd“ war Teil des finnischen Zivilschutzes. Ihre ausschließlich weiblichen Mitglieder übernahmen im Winterkrieg wichtige Aufgaben im Luftschutz, in der militärischen Kommunikation, im Sanitätsdienst sowie in der Versorgung der kämpfenden Soldaten. Die von national-konservativen und religiösen Werten geprägten „Lottas“ verkörperten den Zusammenhalt der finnischen Gesellschaft im Verteidigungskampf.
Evakuierung aus abgetretenen Gebieten, Värtsilä, 25. März 1940
Mit dem Ausbruch des Krieges verließen fast alle Einwohnerinnen und Einwohner das Kriegsgebiet an der finnischen Süd- und Ostgrenze in Richtung des Landesinneren. Weitere folgten nach den im Friedensvertrag festgelegten Gebietsabtretungen an die Sowjetunion. Rund 420.000 Karelierinnen und Karelier, etwa zwölf Prozent der Bevölkerung Finnlands, konnten nur das Nötigste mitnehmen. Sie hofften auf eine baldmögliche Rückkehr in ihre Heimat. Das stärkte den Willen zur Wiedergewinnung der Gebiete in der gesamten finnischen Gesellschaft.
Karelierinnen und Karelier kehren in ihre Heimat zurück, Salmi, 15. August 1941
Die Hoffnung auf die Wiedergewinnung der verlorenen Gebiete und eine mögliche Erweiterung führte 1941 zum sogenannten Fortsetzungskrieg an der Seite der deutschen Interner Link: Wehrmacht. Nach der Rückeroberung Kareliens kehrte die Mehrzahl der 1940 Evakuierten zurück. Als die Wehrmacht 1944 im Norden von der Roten Armee zurückgedrängt wurde, musste auch Finnland sich geschlagen geben und Karelien endgültig an die Sowjetunion abtreten. Es kam zu erneuten Evakuierungen. Die Evakuierten wurden mit staatlichen Hilfsprogrammen integriert. Die Gesellschaft akzeptierte den Verlust.
Erinnerung
In der Nachkriegszeit war in der finnischen Gesellschaft die Erinnerung an den Fortsetzungskrieg aufgrund der höheren Zahl an Opfern und Kriegsteilnehmenden präsenter als der kurze Winterkrieg. Hinzu kam, dass finnische Regierungen aus Rücksicht auf die Befindlichkeiten des sowjetischen Nachbarn des Winterkriegs nicht öffentlich gedachten. In der Sowjetunion wurde der Winterkrieg als Grenzzwischenfall runtergespielt. Erst Mitte der 1980er Jahre stimmten sowjetische Historikerinnen und Historiker den finnischen in der Bewertung der aggressiven Politik Stalins zu. Die nationale Bewährungsprobe des Winterkriegs lud Finnland nach dem Zerfall der Sowjetunion patriotisch auf. Der Fortsetzungskrieg trat hinter den als gerechten Verteidigungskrieg erinnerten Winterkrieg zurück. Damit blendete ein Großteil der finnischen Gesellschaft die negativen Seiten des Zusammengehens mit dem nationalsozialistischen Deutschland aus.
Gedenktag an die gefallenen Soldaten auf einem Heldenfriedhof, Joensuu, 19. Mai 1940
In fast jeder finnischen Gemeinde gibt es einen sogenannten Heldenfriedhof, auf dem die im Winter- wie auch im Fortsetzungskrieg gefallenen Einwohnerinnen und Einwohner des jeweiligen Ortes beigesetzt sind. Durch die Ehrung dieser Toten erinnern die Menschen bis heute an den Kampf um die finnische Unabhängigkeit 1939–1944.
"Der das Licht bringt" - Nationales Denkmal für den Winterkrieg, Helsinki, 2023
Im einhundertsten Jahr nach der Erklärung der Unabhängigkeit 1917 wurde das nationale Denkmal für den Winterkrieg im Zentrum der Hauptstadt Helsinki eingeweiht. Die Erzählung der nationalen Einheit im Kampf für die Unabhängigkeit prägt die Erinnerung der Menschen an den Winterkrieg bis heute. Zunehmend wird diese aber von der Geschichtswissenschaft und Teilen der Gesellschaft kritisch hinterfragt. Dabei stehen die Folgen des Krieges für die Menschen und der Kampf im Fortsetzungskrieg an der Seite des nationalsozialistischen Deutschlands im Zentrum.
Plakat zum Spielfilm Talvisota (Winterkrieg), 1989
Der Winterkrieg erfuhr Ende der 1980er Jahre eine größere Aufmerksamkeit und eine patriotische Sinnstiftung. Beispielhaft dafür steht der erfolgreiche Film Talvisota. Er brachte anlässlich des 50. Jahrestags des Kriegsausbruchs den gleichnamigen Roman aus dem Jahr 1984 in die Kinos. Zu den Vorführungen wurden Veteranen eingeladen. Das sollte eine Verbindung zur nachfolgenden Generation herstellen, die zukünftig für die Unabhängigkeit und Einheit des Landes einstehen sollte.
Otto Wille Kuusinen (1881 Laukaa – 1964 Moskau)
Kuusinen war einer der Gründer der Kommunistischen Partei Finnlands.
Nach dem Bürgerkrieg in Finnland floh er ins Exil nach Moskau. Dort gehörte er zur Führung der von Stalin dominierten Kommunistischen Internationale.
Nach dem Beginn des Winterkriegs rief Kuusinen am 1. Dezember 1939 in Erwartung eines schnellen Sieges der Roten Armee auf Geheiß Stalins eine Gegenregierung aus. Doch der Kriegsverlauf erfüllte diese Hoffnungen nicht.
Nach dem Friedensvertrag vom März 1940 übertrug Stalin Kuusinen die Führung der Karelo-Finnischen Sozialistischen Sowjetrepublik, zu der zwischen 1940 und 1956 die eroberten finnischen Gebiete zusammengeschlossen wurden.
Bis zu seinem Tod nahm Kuusinen höchste Positionen in der sowjetischen kommunistischen Partei ein. Er erhielt in der Sowjetunion ein Staatsbegräbnis. Seine Urne wurde an der Kreml-Mauer in Moskau beigesetzt.
Kaija Pesonen (1923 Kestilä – 2009 Säynätsaloon)
Ein halbes Jahr vor dem Beginn des Winterkriegs trat die 16-jährige Kaija Pesonen der Frauenorganisation „Lotta Svärd“ bei.
Ihr Traum war es, Krankenschwester zu werden. Nach dem sowjetischen Angriff wollte sie unbedingt an der Front helfen. Schließlich nahm ein Sanitätsbataillon der Verteidigungstruppen Pesonen trotz ihres jungen Alters in ihre Reihen auf. Direkt an der Frontlinie versorgte sie schwer verwundete und sterbende Soldaten. Die Friedensbedingungen am Ende des Winterkriegs schockierten Kaija. Als eine von über 100.000 „Lottas“ hatte sie ihr Leben für die Verteidigung ihrer Heimat riskiert. Daher kehrte sie im Fortsetzungskrieg im Sommer 1941 an die Front zurück. Nach dem Krieg führte sie ein bescheidenes Leben. Ihr 2018 posthum veröffentlichtes Tagebuch ist bis heute Teil der finnischen Erinnerung an den Winterkrieg.
Anja Kesäläinen (1926 Hannukkala – 2021 Kaarina)
Mit dem sowjetischen Angriff auf Finnland wurde die karelische Heimat der dreizehnjährigen Anja Kesäläinen zum Kriegsgebiet.
Ihre Familie entschloss sich zur Flucht. Sie wurde in Südfinnland gut aufgenommen. Bald konnte sie ein sogenanntes Schwedenhaus beziehen, das Schweden Finnland für die finnischen Kriegsflüchtlinge in großer Stückzahl zur Verfügung stellte. Rasch erhielt ihr Vater eine gut bezahlte Arbeit. Trotz der neuen Sicherheit blieb die Hoffnung auf eine Rückkehr.
Im Sommer 1942, nachdem finnische Soldaten Karelien zurückerobert hatten, kehrte Anjas Familie, wie fast 300.000 weitere Evakuierte, in ihr Heimatdorf zurück.
Im Sommer 1944 musste Finnland Karelien abermals an die Sowjetunion abtreten. Die Familie verließ ohne Hoffnung auf eine Rückkehr endgültig ihre Heimat. Anja ging nach Südfinnland und heiratete. Als Evakuierte erhielten sie und ihr Mann von der finnischen Regierung zur Eingliederung einen Bauernhof.
Christoph Meißner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Museum Berlin-Karlshorst. Er ist Kurator und Autor der Ausstellung „Riss durch Europa. Die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts“. Darüber hinaus kuratierte er Ausstellungen zur sowjetischen Geschichte und den deutsch-sowjetischen Beziehungen im 20. Jahrhundert. Meißner hat in Dresden und Berlin Geschichte, Kunstgeschichte und Politikwissenschaften studiert und beschäftigt sich in seinen wissenschaftlichen Forschungen mit dem Thema des Aufenthalts und Abzugs der sowjetischen/russischen Truppen in Deutschland.