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Finnland | Riss durch Europa. Die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts | bpb.de

Finnland

Christoph Meißner

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Ende November 1939 griff die Sowjetunion Finnland an. Finnland konnte seine Unabhängigkeit verteidigen. Der gemeinsame Kampf führte zu einer Einigung der finnischen Gesellschaft.

Finnland in den Grenzen vom August 1939 Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Das Großfürstentum Finnland war lange Zeit Teil des Russischen Kaiserreichs. Nach dessen Untergang erklärte die finnische Regierung im Dezember 1917 seine Unabhängigkeit. Tiefgreifende soziale und wirtschaftliche Probleme, verbunden mit der Frage, wie sich Finnland zum Umsturz in Russland verhalten solle, entluden sich Anfang 1918 in einem Bürgerkrieg. „Weiße“ Unterstützer der gewählten Regierung standen „Roten“ gegenüber, die eine revolutionäre sozialistische Idee verfolgten. Nach dem Ende der Kämpfe im Mai 1918 war die finnische Gesellschaft tief gespalten. Die siegreichen Weißen lehnte sozialistische wie auch sowjetrussische Einflüsse strikt ab.

Sowjetrussland hatte die Unabhängigkeit 1917 und die staatlichen Grenzen Finnlands im Frieden von Tartu 1920 anerkannt. Für die stalinistische Sowjetunion galt Finnland dennoch als verlorenes Gebiet. Der Winterkrieg, den die Sowjetunion nach der Unterzeichnung des Interner Link: Pakts Ende November 1939 begann, bedrohte die finnische Unabhängigkeit. Der Verteidigungskampf vereinte große Teile der finnischen Gesellschaft. Die faktische Niederlage führte zu Gebietsverlusten und einem Gefühl der Unsicherheit, das die Regierung zu einer Annäherung an das Deutsche Reich bewog.

Zitat

Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung in den zu den baltischen Staaten (Finnland, Estland, Lettland, Litauen) gehörenden Gebieten bildet die nördliche Grenze Litauens zugleich die Grenze der Interessenssphären Deutschlands und der UdSSR. Hierbei wird das Interesse Litauens am Wilnaer Gebiet beiderseits anerkannt.

Auszug aus dem geheimen Zusatzprotokoll vom 23. August 1939

Kampf um die Unabhängigkeit

Im Oktober 1939 setzte die Sowjetunion die finnische Regierung mit Gebietsforderungen unter Druck. Entgegen dem Rat der militärischen Führung lehnte die finnische Regierung diese ab. Daraufhin begann die Sowjetunion ohne Kriegserklärung am 30. November 1939 den Winterkrieg. Ziel war die vollständige Besetzung Finnlands. Die finnischen Streitkräfte wehrten sich effektiv gegen die sowjetische Übermacht, wurden aber bei der Verteidigung des eigenen Landes von den europäischen Mächten alleingelassen. Sie erhielten nur geringe militärische Unterstützung aus Schweden. Angesichts der sowjetischen Übermacht erbat die Regierung Verhandlungen, die am 12. März 1940 in einen Friedensvertrag mündeten. Finnland bewahrte seine Unabhängigkeit, musste aber ein Zehntel seines Territoriums an die Sowjetunion abtreten.

  (© Finnisches Archiv für Kriegsfotografie (SA-kuva), Helsinki)

Finnische Soldaten an der Front,
Ladoga, 17. Dezember 1939

In einem aufopferungsvollen Kampf verteidigten die finnischen Verteidigungstruppen ihr Land. Durch eine flexible Taktik konnten sie den sowjetischen Ansturm zunächst aufhalten. Mit improvisierten Brandsätzen, seitdem Molotowcocktails genannt, schlugen finnische Soldaten sowjetische Panzer zurück. Sie nutzten ihre überlegenen geografischen Kenntnisse sowie den routinierten Umgang mit Eis und Schnee. Auf lange Sicht waren die sowjetischen Truppen jedoch personell und technisch überlegen. Im Februar 1940 durchbrachen sie die finnische Hauptverteidigungslinie. Finnland sah sich zu Friedensverhandlungen gezwungen.

  (© Finnisches Archiv für Kriegsfotografie (SA-kuva), Helsinki)

Der Tag nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages,
Helsinki, 13. März 1940

Am 12. März 1940 unterzeichneten die Sowjetunion und Finnland in Moskau den Friedensvertrag. Die Bedingungen waren härter als die sowjetischen Forderungen vor dem Krieg. Trotz der enormen territorialen und materiellen Verluste garantierte der Vertrag Finnland die Unabhängigkeit. Einen Tag nach dem Vertragsabschluss zog man in Finnland als Zeichen der Trauer die Flaggen auf Halbmast.








  (© Finnisches Archiv für Kriegsfotografie (SA-kuva), Helsinki)

Finnische Soldaten räumen besetztes Gebiet,
Halbinsel Hanko, 17. März 1940

Finnland musste auf einen Teil seines Staatsterritoriums verzichten. Neben Gebieten im Nordosten und kleinen Inseln im Finnischen Meerbusen wogen insbesondere die Halbierung des wirtschaftlich starken Finnisch-Karelien sowie der Verlust der strategisch wichtigen Halbinsel Hanko schwer. Letztere musste für 30 Jahre an die Sowjetunion verpachtet werden. Die dort stationierten Soldatinnen und Soldaten der Roten Armee flohen jedoch nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941, an dem sich Finnland aktiv auf Seiten Deutschlands beteiligte.






Geeinte Gesellschaft

Im Winterkrieg standen große Teile der finnischen Gesellschaft geschlossen hinter den kämpfenden Truppen. Der tiefgehende politische Streit der Zwischenkriegszeit wich einem bis dahin ungekannten Gefühl der nationalen Einheit, das aus dem Verteidigungskampf für die nationale Unabhängigkeit resultierte. Rund 420.000 Finninnen und Finnen flohen während und nach dem Krieg aus den von der Sowjetunion eroberten Regionen. Sie wurden aufgenommen und in die Gesellschaft integriert. Finnland betrachtete die Gebiete jedoch nur als zeitweise verloren. Um sie wieder zurückzuerlangen, schloss es sich im Sommer 1941 dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion an. Für die Menschen in Finnland war das der Fortsetzungskrieg.

  (© Finnisches Archiv für Kriegsfotografie (SA-kuva), Helsinki)

Mitglied der Organisation "Lotta Svärd" beim Verteilen von Kaffee an der Front,
Nautsi, 17. Februar 1940

Die im Bürgerkrieg 1918 gegründete Organisation „Lotta Svärd“ war Teil des finnischen Zivilschutzes. Ihre ausschließlich weiblichen Mitglieder übernahmen im Winterkrieg wichtige Aufgaben im Luftschutz, in der militärischen Kommunikation, im Sanitätsdienst sowie in der Versorgung der kämpfenden Soldaten. Die von national-konservativen und religiösen Werten geprägten „Lottas“ verkörperten den Zusammenhalt der finnischen Gesellschaft im Verteidigungskampf.








  (© Finnisches Archiv für Kriegsfotografie (SA-kuva), Helsinki)

Evakuierung aus abgetretenen Gebieten,
Värtsilä, 25. März 1940

Mit dem Ausbruch des Krieges verließen fast alle Einwohnerinnen und Einwohner das Kriegsgebiet an der finnischen Süd- und Ostgrenze in Richtung des Landesinneren. Weitere folgten nach den im Friedensvertrag festgelegten Gebietsabtretungen an die Sowjetunion. Rund 420.000 Karelierinnen und Karelier, etwa zwölf Prozent der Bevölkerung Finnlands, konnten nur das Nötigste mitnehmen. Sie hofften auf eine baldmögliche Rückkehr in ihre Heimat. Das stärkte den Willen zur Wiedergewinnung der Gebiete in der gesamten finnischen Gesellschaft.


  (© Finnisches Archiv für Kriegsfotografie (SA-kuva), Helsinki)

Karelierinnen und Karelier kehren in ihre Heimat zurück,
Salmi, 15. August 1941

Die Hoffnung auf die Wiedergewinnung der verlorenen Gebiete und eine mögliche Erweiterung führte 1941 zum sogenannten Fortsetzungskrieg an der Seite der deutschen Interner Link: Wehrmacht. Nach der Rückeroberung Kareliens kehrte die Mehrzahl der 1940 Evakuierten zurück. Als die Wehrmacht 1944 im Norden von der Roten Armee zurückgedrängt wurde, musste auch Finnland sich geschlagen geben und Karelien endgültig an die Sowjetunion abtreten. Es kam zu erneuten Evakuierungen. Die Evakuierten wurden mit staatlichen Hilfsprogrammen integriert. Die Gesellschaft akzeptierte den Verlust.

Erinnerung

In der Nachkriegszeit war in der finnischen Gesellschaft die Erinnerung an den Fortsetzungskrieg aufgrund der höheren Zahl an Opfern und Kriegsteilnehmenden präsenter als der kurze Winterkrieg. Hinzu kam, dass finnische Regierungen aus Rücksicht auf die Befindlichkeiten des sowjetischen Nachbarn des Winterkriegs nicht öffentlich gedachten. In der Sowjetunion wurde der Winterkrieg als Grenzzwischenfall runtergespielt. Erst Mitte der 1980er Jahre stimmten sowjetische Historikerinnen und Historiker den finnischen in der Bewertung der aggressiven Politik Stalins zu. Die nationale Bewährungsprobe des Winterkriegs lud Finnland nach dem Zerfall der Sowjetunion patriotisch auf. Der Fortsetzungskrieg trat hinter den als gerechten Verteidigungskrieg erinnerten Winterkrieg zurück. Damit blendete ein Großteil der finnischen Gesellschaft die negativen Seiten des Zusammengehens mit dem nationalsozialistischen Deutschland aus.

  (© Finnisches Archiv für Kriegsfotografie (SA-kuva), Helsinki)

Gedenktag an die gefallenen Soldaten auf einem Heldenfriedhof,
Joensuu, 19. Mai 1940

In fast jeder finnischen Gemeinde gibt es einen sogenannten Heldenfriedhof, auf dem die im Winter- wie auch im Fortsetzungskrieg gefallenen Einwohnerinnen und Einwohner des jeweiligen Ortes beigesetzt sind. Durch die Ehrung dieser Toten erinnern die Menschen bis heute an den Kampf um die finnische Unabhängigkeit 1939–1944.

  (© Margot Blank / Museum Berlin-Karlshorst)

"Der das Licht bringt" - Nationales Denkmal für den Winterkrieg,
Helsinki, 2023

Im einhundertsten Jahr nach der Erklärung der Unabhängigkeit 1917 wurde das nationale Denkmal für den Winterkrieg im Zentrum der Hauptstadt Helsinki eingeweiht. Die Erzählung der nationalen Einheit im Kampf für die Unabhängigkeit prägt die Erinnerung der Menschen an den Winterkrieg bis heute. Zunehmend wird diese aber von der Geschichtswissenschaft und Teilen der Gesellschaft kritisch hinterfragt. Dabei stehen die Folgen des Krieges für die Menschen und der Kampf im Fortsetzungskrieg an der Seite des nationalsozialistischen Deutschlands im Zentrum.











  (© Nationales Institut für audiovisuelle Medien, Helsinki)

Plakat zum Spielfilm Talvisota (Winterkrieg),
1989

Der Winterkrieg erfuhr Ende der 1980er Jahre eine größere Aufmerksamkeit und eine patriotische Sinnstiftung. Beispielhaft dafür steht der erfolgreiche Film Talvisota. Er brachte anlässlich des 50. Jahrestags des Kriegsausbruchs den gleichnamigen Roman aus dem Jahr 1984 in die Kinos. Zu den Vorführungen wurden Veteranen eingeladen. Das sollte eine Verbindung zur nachfolgenden Generation herstellen, die zukünftig für die Unabhängigkeit und Einheit des Landes einstehen sollte.










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