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Gespaltene Erinnerung in Europa | Riss durch Europa. Die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts | bpb.de

Gespaltene Erinnerung in Europa

Christoph Meißner

/ 3 Minuten zu lesen

Die europäische Erinnerung ist durch die Folgen des Interner Link: Hitler-Stalin-Pakts gespalten. Im Westen stehen die Interner Link: nationalsozialistischen Verbrechen im Zentrum der Erinnerungen. In den Ländern Ostmitteleuropas erinnern sich große Teile der Gesellschaften vor allem an die Interner Link: stalinistischen Verbrechen. Dort wird der Hitler-Stalin-Pakt als Auslöser für den Interner Link: Zweiten Weltkrieg gesehen. Beiden Ländern - Deutschland und der Sowjetunion - wird die Verantwortung für den Krieg gleichermaßen zugewiesen. Mit dem Interner Link: Beitritt der ostmitteleuropäischen Länder zur Europäischen Union im Mai 2004 betrat dieser Gegensatz die europapolitische Bühne. Die Einführung des europaweiten Gedenktags für die „Opfer aller totalitärer Regime“ am 23. August durch das Europäische Parlament folgte 2008. Kritiker vermuteten eine implizite Gleichsetzung von Stalinismus und Nationalsozialismus. Obgleich die Entschließung für den Gedenktag eine Mehrheit fand, wird er vornehmlich in den ostmitteleuropäischen Mitgliedsländern begangen. Die westeuropäischen Mitglieder möchten der Opfer des Stalinismus nicht gemeinsam mit den Holocaust-Opfern gedenken.

Der 23. August als europäischer Gedenktag

Im September 2008 beschloss das Europäische Parlament, Interner Link: den 23. August als europaweiten Gedenktag an die Opfer von Nationalsozialismus und Stalinismus einzuführen. Eine Konferenz in Prag im Juni 2008, auf der die Länder Ostmitteleuropas vertreten waren, gab mit ihrer öffentlichen Forderung nach einem Gedenktag den entscheidenden Impuls. Seit dem Beitritt zur Europäischen Union 2004 warben die ostmitteleuropäischen Staaten in geschichtspolitischen Initiativen für die Anerkennung ihrer historischen Erfahrungen. Dabei forderten sie ein angemessenes Gedenken an die stalinistischen Verbrechen, ähnlich dem international etablierten Erinnern an die nationalsozialistischen Verbrechen. Der europäische Gedenktag ist bis heute das sichtbarste Ergebnis dieser Bemühungen.

  (© Estnisches Nationalarchiv, Tartu)

Schwarze Bänder auf der Demonstration „Baltischer Weg“,
Tallinn, 23. August 1989

Aus dem estnischen Exil in Kanada kam 1985 der Impuls, am 23. August in Erinnerung der Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus Trauer zu tragen. Das Projekt „Black Ribbon Day“ (Tag der schwarzen Schleife) zeigte bereits ein Jahr später bei internationalen Kundgebungen Wirkung. Diese reichte 1989 bis in die von der Sowjetunion annektierten baltischen Staaten, wo viele Menschen in der Menschenkette des „Baltischen Wegs“ das schwarze Band trugen. Der 2008 eingeführte europäische Gedenktag an die Opfer von Nationalsozialismus und Stalinismus wird international „Black Ribbon Day“ genannt.

  (© Kanzlei des Tschechischen Senats)

Konferenz „Das europäische Gewissen und der Kommunismus“,
Prag, 2. Juni 2008

In Politik und Zivilgesellschaft engagierte Menschen aus Ostmitteleuropa forderten mit ihrem Anspruch, 1989/90 den Sieg über den Kommunismus erfochten zu haben, öffentlich eine gemeinsame europäische Erinnerung an die Opfer des Kommunismus. Auch der spätere deutsche Bundespräsident Joachim Gauck gehörte zu den Unterzeichnern der Prager Erklärung zum Gewissen Europas und zum Kommunismus, die der Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus gemeinsam gedenken wollten.

  (© Museum Berlin-Karlshorst)

Anstecker zum Europäischen Gedenktag für die Opfer totalitärer Regime,
2022

Die Kampagne des „Europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität“ zur Erinnerung an den 23. August begleitet den europäischen Gedenktag für die Opfer totalitärer Regime. Inzwischen ist der jährlich verteilte Anstecker in vielen Museen und Gedenkstätten Ostmitteleuropas allgegenwärtig. In Deutschland und Westeuropa spielt der Gedenktag dagegen kaum eine Rolle. Dort wird er vor allem von jüdischen Gemeinden aber auch von Historikerinnen und Historikern und Vertreterinnen und Vertretern von Gedenkstätten als Relativierung des Holocausts kritisiert.

Dieser Text basiert auf der Ausstellung „Riss durch Europa. Die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts“ des Museums Berlin-Karlshorst und des Lehrstuhls für Osteuropäische Geschichte der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und ist keine Meinungsäußerung der bpb.

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