Soll der 23. August im Sinne einer totalitarismustheoretischen Deutung an die Zusammenarbeit der beiden Diktatoren Hitler und Stalin zwischen 1939 und 1941 erinnern? Dann würde der Schwerpunkt auf den Gemeinsamkeiten beider Systeme liegen – auf der Verbindung zweier Gewaltherrschaften, deren Verbrechen uns als Demokratinnen und Demokraten dazu mahnen sollen, die freiheitlich-demokratische Ordnung zu schützen. Eine solche, gut gemeinte Sinnstiftung hätte jedoch den Preis, komplexe historische Entwicklungen zu vereinfachen und zentrale Aspekte auszublenden.
Eine solch prominente Hervorhebung des 23. August wirft zudem die Frage auf, welche Rolle dann der 1. September als Tag des Überfalls auf Polen und der 22. Juni als Beginn des deutschen Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion in unserer Erinnerungskultur einnehmen sollen? Lässt sich eine deutsche Geschichtskultur, die die eigenen Verbrechen in den Mittelpunkt eines „negativen Gedächtnisses“ stellt, mit einer opferzentrierten Deutung des Hitler-Stalin-Pakts in Einklang bringen? Oder anders gefragt: Waren die Deutschen etwa Opfer von Hitler und Stalin? Und was bedeutet eine derartige Perspektive für unser Gedenken?
Auch in einer gesamteuropäischen Perspektive stellt sich die Frage, ob nationale Meistererzählungen – gleich welcher Herkunft – den vielfältigen, oft widersprüchlichen Erfahrungen Europas im Zweiten Weltkrieg gerecht werden können. Es bleibt unbestritten: In Deutschland sind die historischen Hintergründe und Auswirkungen des Hitler-Stalin-Pakts nach wie vor zu wenig bekannt. Doch sollte es nicht darum gehen, eine einheitliche europäische Sichtweise auf dieses Ereignis zu konstruieren, da eine solche Perspektive den unterschiedlichen europäischen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg nicht gerecht werden kann.
Stattdessen sollten wir uns bewusst mit den ostmitteleuropäischen Sichtweisen auseinandersetzen und die dahinterstehenden historischen Erfahrungen ernst nehmen – ohne dabei in einen Modus der unkritischen Opferidentifikation zu verfallen. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit den historischen Ereignissen und dem jeweiligen geschichtskulturellen Umgang in den letzten 80 Jahren ist erforderlich. Nur so können wir Geschichte nicht nur als identitätsstiftende Narrative, sondern als unterschiedliche Formen der Aneignung von Vergangenheit verstehen – Formen, die je nach Gesellschaft, Erfahrungshorizonten und politischen Kontexten stark variieren können.
Deshalb brauchen wir keine kollektive Selbstvergewisserung durch einen affirmativen Zugang zur Vergangenheit, sondern ein selbstreflexives Geschichtsbewusstsein, das kritische Distanz und historische Empathie miteinander verbindet.
Ein Gedenktag allein kann das nicht leisten – aber er kann ein Anstoß sein, diesen Prozess überhaupt erst zu beginnen.