Themen Mediathek Shop Lernen Veranstaltungen kurz&knapp Die bpb Meine Merkliste Geteilte Merkliste PDF oder EPUB erstellen Mehr Artikel im

Polen | Riss durch Europa. Die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts | bpb.de

Riss durch Europa. Die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts Der Pakt Grenzveränderungen in Ostmitteleuropa Polen Litauen – Lettland – Estland Finnland Rumänien Gespaltene Erinnerung in Europa Biografien Über die Ausstellung – Stimmen und Einordnung „Eine Ausstellung, die uns hilft, einander besser zu verstehen.“ Interview mit Jörg Ganzenmüller Interview mit Claudia Weber Videointerviews Debatte: 23. August als gemeinsamer Gedenktag? FÜR einen gemeinsamen Gedenktag am 23. August GEGEN einen gemeinsamen Gedenktag am 23. August Impressum

Polen

Christoph Meißner

/ 11 Minuten zu lesen

Für Polen bedeutete der Pakt die Teilung des seit 1918 wieder unabhängigen Staats. Es folgten deutsche und sowjetische Besatzung. Der polnische Staat verschwand von der europäischen Landkarte. Für die Menschen ging dies mit gewaltsamem Terror, Zwangsarbeit, Enteignungen und Deportationen einher.

Polen in den Grenzen vom August 1939 Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Polen entstand nach Interner Link: über hundert Jahren Fremdherrschaft im November 1918 wieder als unabhängiger Staat. Der Interner Link: Friedenvertrag von Versailles regelte die Grenze zu Deutschland. Der Friedensvertrag von Riga, der den polnisch-sowjetischen Krieg 1921 beendete, regelte die Grenze im Osten. In den neu hinzugewonnenen Gebieten im Osten lebten vor allem litauische, belarusische und ukrainische Minderheiten. Theoretisch waren sie, wie auch die deutsche Minderheit im Westen Polens, durch internationale Verträge geschützt. Tatsächlich aber strebte der Staat nach einem einheitlichen starken polnischen Gemeinwesen. Im Mai 1926 Interner Link: putschte sich der populäre Marschall Józef Piłsudski an die Macht. Er schaltete die parlamentarische Opposition aus und beschnitt die Rechte vor allem der litauischen, belarusischen und ukrainischen Minderheiten. Nach Piłsudskis Tod 1935 radikalisierte sich der Interner Link: polnische Antisemitismus. Polen profitierte 1938 vom Interner Link: Münchner Abkommen. Dem deutschen Angebot, gemeinsam weiter nach Osten zu expandieren, entzog es sich aber. Im März 1939 garantierten Großbritannien und Frankreich die staatliche Unabhängigkeit Polens.

Zitat

Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung der zum polnischen Staate gehörenden Gebiete werden die Interessenssphären Deutschlands und der UdSSR ungefähr durch die Linie der Flüsse Narew, Weichsel und San abgegrenzt. Die Frage, ob die beiderseitigen Interessen die Erhaltung eines unabhängigen polnischen Staates erwünscht erscheinen lassen und wie dieser Staat abzugrenzen wäre, kann endgültig erst im Laufe der weiteren politischen Entwicklung geklärt werden. In jedem Falle werden beide Regierungen diese Frage im Wege einer freundschaftlichen Verständigung lösen.

Auszug aus dem geheimen Zusatzprotokoll vom 23. August 1939

Hinweis zur quellenkritischen Einordnung der Bilder

Für die Einordnung von historischen Fotografien generell und insbesondere von Fotografien aus der Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg ist eine sorgfältige Quellenkritik unbedingt erforderlich. Bilder sind nicht nur eine mögliche Quelle für die historische Erkenntnis (wer hat wann, was, wie mit welcher Absicht fotografiert?), sondern darüber hinaus auch Medien der Erinnerung und Instrumente der Politik. Bilder können durch erinnerungskulturelle Aufladung ikonischen Charakter bekommen oder durch politische Instrumentalisierung geradezu als Waffe eingesetzt werden. Viele der hier gezeigten historischen Fotografien sind ursprünglich von deutschen oder sowjetischen Fotografen zu Propagandazwecken aufgenommen worden.

Literatur:

Christoph Hamann: Fotografien im Geschichtsunterricht. Visual History als didaktisches Konzept, Frankfurt/Main 2019.
Ders.: Feindbilder und Bilder vom Feind. In: Margot Blank/Museum Berlin-Karlshorst. Berlin (Hrsg.): Beutestücke. Kriegsgefangene in der deutschen und sowjetischen Fotografie 1941-1945. Berlin 2003, S. 16-31.

Siehe auch:

Polen unter deutscher Besatzung

Teilung

Am 1. September 1939, nur eine Woche nach Abschluss des Pakts, Interner Link: überfiel das Deutsche Reich Polen. Der Angriff kam trotz aller Befürchtungen überraschend. Polen hoffte auf das militärische Eingreifen der Schutzmächte Frankreich und Großbritannien. Diese erklärten dem Deutschen Reich zwar umgehend den Krieg, griffen aber nicht ein. Auf sich allein gestellt gab sich Polen nach vier Wochen geschlagen, zumal am 17. September die Rote Armee von Osten einmarschierte. Gemeinsam besetzten Deutschland und die Sowjetunion das gesamte polnische Staatsgebiet und regelten im Grenz- und Freundschaftsvertrag ihre Gebietsansprüche. Deutschland annektierte den westlichen Teil Polens. Das polnische Kernland kam als sogenanntes Generalgouvernement unter eine deutsche Besatzungsverwaltung.

  (© Hans Sönnke / Bundesarchiv, Bild 146-1979-056-18A)

Inszeniertes Foto von der Beseitigung eines Schlagbaums mit polnischem Wappen an der deutsch-polnischen Grenze durch deutsche Soldaten,
bei Danzig, 1. September 1939

Deutschland griff Polen ohne Kriegserklärung unter dem konstruierten Vorwurf einer Grenzverletzung an. Ohne Rücksicht auf das Kriegsvölkerrecht drang die Wehrmacht schnell in das Land ein. Dabei gingen die deutschen Invasoren rücksichtslos gegenüber Kriegsgefangenen und der polnischen Zivilbevölkerung vor, insbesondere gegenüber der jüdischen Bevölkerung.

  (© Fotografisches Archiv des KARTA-Zentrums, Warschau)

Soldaten lesen den Mobilisierungsbescheid,
Polen, 6. September 1939

Die polnische Armee konnte trotz Generalmobilmachung am 30. August dem übermächtigen deutschen Angriff nicht standhalten. Dennoch leistete das ganze Land so lange wie möglich Widerstand. Warschau kapitulierte erst am 28. September. Die letzten polnischen Soldaten gaben sich am 6. Oktober geschlagen. Über 60.000 waren gefallen, und rund 420.000 Soldaten gingen in Gefangenschaft.

  (© Bundesarchiv, Bild 183-E12079)

Amtseinführung des Gauleiters für das Wartheland,
Posen, 3. November 1939

Nach Abschluss des deutsch-sowjetischen Grenzabkommens übernahm am 26. Oktober 1939 eine deutsche Zivilverwaltung die polnischen Gebiete. Danzig, Westpreußen und das Wartheland wurden als sogenannte Gaue Teil des Deutschen Reichs. Im restlichen besetzten Polen errichteten sie in das Generalgouvernement. Die deutsche Besatzungsherrschaft in Polen war durch Interner Link: Verfolgung und Terror geprägt.

Nationalsozialistischer Terror

Mit Beginn des deutschen Überfalls verübten Interner Link: Wehrmacht und Interner Link: Einsatzgruppen des Sicherheitsdienstes Massenmorde an Kriegsgefangenen sowie der Zivilbevölkerung. Das Deutsche Reich etablierte ein rassistisches Besatzungsregime in Polen. Gezielt töteten sie bis Jahresende 1939 rund 60.000 Angehörige der polnischen Intelligenz. Die Verwaltung der neuen Reichsgaue vertrieb Menschen mit polnischer Staatsangehörigkeit und verschleppte zahlreiche Menschen zur Interner Link: Zwangsarbeit ins Deutsche Reich. Polinnen und Polen, die nicht zur Germanisierung geeignet erschienen, sowie Jüdinnen und Juden sollten im Generalgouvernement konzentriert werden.

  (© Wilhelm Holtfreter / Bundesarchiv, Bild R 49 Bild-0131)

Polinnen und Polen auf dem Weg zum Bahnhof,
Schwarzenau bei Gnesen (Gniezno), vermutlich 1940

Bis Juni 1941 wurden rund 450.000 polnische Menschen zwangsweise aus den westlichen Gebieten in das Generalgouvernement vertrieben. Ihre Häuser, Höfe und Betriebe übernahmen umgesiedelte Deutschstämmige aus den von der Sowjetunion annektierten Gebieten im östlichen Europa. Der von Deutschland annektierte Teil Polens sollte auf diese Art planmäßig "germanisiert" werden.

  (© Imperial War Museum, London)

Eine Kolonne von Juden wird von deutschen Soldaten bewacht,
Warschau, 1940

Die deutschen Besatzer raubten die jüdische Bevölkerung Polens aus und isolierten sie. Unter ständigem Terror und dem Zwang, für das Deutsche Reich arbeiten zu müssen, lebten Jüdinnen und Juden in den ab Frühjahr 1940 eingerichteten Ghettos am Existenzminimum. Nach dem Interner Link: deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 schlug die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in deren systematische Ermordung um.

  (© Ewald Gnilka, bpk)

Polnische Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter warten auf ihren Abtransport nach Deutschland,
Ende 1939

Die deutsche Besatzungsverwaltung zwang zahlreiche Polinnen und Polen zur Arbeit im Deutschen Reich. Dort wurden Arbeitskräfte gebraucht. Eine Million polnische Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter arbeiteten im Sommer 1940 im Deutschen Reich. Sie waren ohne Rechte. In sogenannten Polen-Erlassen waren die systematische Ausbeutung ihrer Arbeitskraft sowie die rassistische Diskriminierung festgeschrieben.

Polen unter sowjetischer Besatzung

Teilung

Die Rote Armee marschierte am 17. September 1939, wie im Pakt vereinbart, aus dem Osten in Polen ein. Als offizielle Begründung gab die sowjetische Führung vor, die belarusische und ukrainische Bevölkerung zu schützen. Die polnische Armee, die sich im Westen des deutschen Angriffs erwehrte, war überrascht. Das Oberkommando gab den hoffnungslos unterlegenen Truppen die Order, keinen Widerstand zu leisten und sich in die Nachbarländer zurückzuziehen. Auch Politikerinnen und Politiker flohen nach Rumänien, Ungarn und Litauen. In den von ihr besetzten Gebieten inszenierte die Sowjetunion Scheinwahlen, aus denen prosowjetische Regierungen hervorgingen. Im November 1939 wurden die sowjetisch besetzten Gebiete Polens von der Belarusischen und der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik annektiert. Zuvor hatte die Sowjetunion das Gebiet um Vilnius Litauen zugeschlagen.

  (© Fotografisches Archiv des KARTA-Zentrums, Warschau)

Truppen der Roten Armee überqueren die Ostgrenze Polens,
17. September 1939

Die Rote Armee hatte bereits nach der Unterzeichnung des Pakts ihren Einmarsch in Polen geplant. Am 17. September erklärte die sowjetische Führung den polnischen Staat als nicht mehr existent, weil er von der Wehrmacht besiegt worden sei. Mit dem Vorrücken der Roten Armee brach die Sowjetunion internationales Recht. Sie legitimierte das mit den Schutzbedürfnissen der belarussischen und ukrainischen Bevölkerung in der Region.

  (© Fotografisches Archiv des KARTA-Zentrums, Warschau)

Wahlpropaganda „Es lebe der Nationalkongress von Westbelarus, der für die Sowjetmacht stimmt“,
Białystok, Oktober 1939

Am 22. Oktober 1939 veranstaltete die Sowjetmacht Scheinwahlen zu Volksversammlungen in Lwów (Lwiw) und Białystok. Die sowjetische Verwaltung ließ nur von ihr ausgewählte Kandidatinnen und Kandidaten zu. Zudem beaufsichtigte der sowjetische Geheimdienst die Stimmabgabe. Die Gewählten billigten den Beitritt der besetzten Gebiete zur Sowjetunion sowie die Verstaatlichung des Bodens und der Industrie.

  (© Imperial War Museum, London)

Ministerpräsident der polnischen Exilregierung General Władysław Sikorski inspiziert polnische Soldaten während ihrer Ausbildung,
Frankreich, 15. April 1940

Ende September 1939, nach der vollständigen Besetzung Polens, konstituierte sich in Paris eine Exilregierung. Anfang 1940 stellte sie eine polnische Armee auf und versuchte, den Widerstand im besetzten Polen zu koordinieren. Am 17. Juni verlegte die Exilregierung ihren Sitz nach London, da auch Frankreich unter dem deutschen Angriff zusammengebrochen war. Erst nach dem deutschen Überfall im Sommer 1941 erkannte die Sowjetunion die polnische Exilregierung an.

Sowjetisierung

Die Bevölkerung im östlichen Grenzland Polens war heterogen. Polnische Kommunistinnen und Kommunisten hießen die Rote Armee zunächst willkommen. Die sowjetischen Besatzungstruppen nutzten ethnische Konflikte der Zwischenkriegszeit und provozierten gewaltsame Auseinandersetzungen. Nach der Annexion übernahmen sowjetische Beamtinnen und Beamte die Verwaltung und begannen mit der Belarusifizierung und Ukrainisierung der Gebiete. Bald wurde daraus eine von Moskau gesteuerte Russifizierung. Polnische Menschen wurden diskriminiert, viele von ihnen verhaftet, deportiert oder erschossen. Potenzieller polnischer Widerstand sollte gebrochen werden. Die annektierten Gebiete wurden sozial und wirtschaftlich nach sowjetischem Muster umgestaltet. Von Repressionen betroffen war vor allem die polnische Elite, aber auch Angehörige aus anderen nationalen Minderheiten und sozialen Gruppen.

  (© Staatliches Historisches und Archäologisches Museum, Grodno)

Ausstellung im Stadtmuseum Grodno „Westliches Belarus – Kolonie Polens“,
Grodno, 1940

Die Sowjetunion verstärkte die gesellschaftlichen Konflikte der Zwischenkriegszeit. Sie rechtfertigte ihren Einmarsch als Befreiung der unterdrückten ukrainischen und belarusischen Bevölkerung und als Schutz vor dem nationalsozialistischen Deutschland. Propagandaausstellungen stellten die polnische Politik der Zwischenkriegszeit als Unterdrückung der Menschen in den östlichen Gebieten dar.

  (© Institut für nationales Gedenken, Warschau)

Kolonne polnischer Kriegsgefangener, bewacht von sowjetischen Soldaten,
1939

Weitgehend kampflos nahm die Rote Armee im September 1939 über 250.000 polnische Soldaten in Kriegsgefangenschaft. Die meisten von ihnen wurden bald wieder entlassen. Rund 40.000 wurden aber in Gefängnissen und Lagern inhaftiert. Im April 1940 erschoss der sowjetische Geheimdienst in Interner Link: Katyn und weiteren Orten rund 22.000 Angehörige der Eliten, vor allem kriegsgefangene Offiziere. Die sowjetische Macht sah in ihnen den antisowjetischen Kern der polnischen Elite, der ausgelöscht werden sollte.

  (© Fotografisches Archiv des KARTA-Zentrums, Warschau)

Eine Gruppe von deportierten Frauen bei Holzarbeiten,
Gebiet Swerdlowsk, 22. November 1940

Aus den besetzten Gebieten deportierte die Sowjetmacht 1940/41 in vier Wellen rund 320.000 Menschen in den Ural, nach Sibirien und Kasachstan zur Zwangsarbeit. Betroffen waren insbesondere ehemalige Soldaten und ihre Familien sowie Geflüchtete aus dem deutschen Besatzungsgebiet. Die Nationalität oder Ethnie war dabei nicht allein entscheidend. Zwar handelte es sich mehrheitlich um Polinnen und Polen, aber es gab ebenso Ukrainerinnen und Ukrainer, Belarusinnen und Belarusen und Jüdinnen und Juden unter den Deportierten.













Erinnerung

Die Erinnerung an den Pakt in Polen, Interner Link: Belarus und der Ukraine ist unterschiedlich. Die belarusische Staatsführung betont die Wiedervereinigung des Landes und schließt damit an die sowjetische Propaganda von 1939 an. Die Opposition dagegen sieht im 17. September 1939 die aggressive Ausweitung sowjetischer Besatzungsherrschaft. In der Ukraine wurde der Pakt lange Zeit ebenfalls als Vereinigung erinnert. Seit dem russischen Angriff auf das Land 2014 aber hat sich die Erinnerung vom sowjetischen Narrativ gelöst. Insbesondere in der Westukraine ist der Pakt ein Sinnbild für sowjetische Besatzung und Massenverbrechen. In der Erinnerung in Polen steht der Pakt als vierte Teilung in einer Reihe mit den drei Teilungen im späten 18. Jahrhundert.

  (© Anonymer Fotograf, Grodno)

„Tag der Einheit des Volkes“ in Belarus,
Grodno, 17. September 2023

Seit 2021 ist der 17. September in Belarus offiziell der „Tag der Einheit des Volkes“. Der belarusische Diktator Interner Link: Aljaksandr Lukashenka will damit ein Zeichen der Einheit für eine tief gespaltene Gesellschaft setzen. Der „Tag der Einheit“ wurde in Belarus bis 1949 feierlich begangen, dann aber mit Rücksicht auf die sozialistische Volksrepublik Polen abgeschafft. Die Wiedereinführung löste in Polen Kritik und Proteste aus.

  (© Museum Berlin-Karlshorst)

Gedenkmedaille "17. September 1939",
Polen, 1990

Weite Teile der polnischen Gesellschaft erinnern den Verlust der Eigenstaatlichkeit im September 1939 als vierte Teilung. Die deutschen und sowjetischen Verbrechen sind ein wichtiger Bestandteil dieser Erinnerung. Der von der Sowjetunion bis 1990 geleugnete Massenmord an polnischen Offizieren in Katyn ist zur Chiffre dieses Traumas geworden. Auch die deutschen Verbrechen werden öffentlich erinnert. Vor allem der Interner Link: Warschauer Aufstand 1944 bietet aber auch den Stoff für eine Erinnerung an heldenhaften Widerstand.

  (© Gedenkmuseum für totalitäre Regime „Territorium des Terrors“, Lwiw)

Skulpturen des abgebauten Denkmals zu Ehren der Sowjetischen Armee im Museum für totalitäre Regime „Territorium des Terrors“,
Lwiw, 2020

Der russische Angriff 2014 veränderte den Blick auf den Zweiten Weltkrieg in der Ukraine. Viele Menschen in der Ukraine lösten sich vom Narrativ eines sowjetischen Verteidigungskriegs zwischen 1941 und 1945. Den Pakt erinnern sie heute als Ausweitung der sowjetischen Besetzung des Landes. Dabei werden Parallelen zur aktuellen Situation gezogen. Die Erinnerung an die mit dem Pakt verbundenen sowjetischen Verbrechen werden vom Gedenken an die durch Stalin 1932/33 herbeigeführte Hungerkatastrophe, den Holodomor, überschattet.


Wanda Wasilewska (1905 Krakau – 1964 Kyjiw)

Wanda Wasilewska, 1948 (© Narodowe Archiwum Cyfrowe, Warschau)

Als Mitglied in der Führung der sozialistischen Partei Polens setzte sich Wanda Wasilewska bereits in der Zwischenkriegszeit für eine Zusammenarbeit mit der Sowjetunion ein. Den sowjetischen Einmarsch begrüßte sie als Befreiung.

Sofort wurde sie sowjetische Staatsbürgerin und bezeichnete sich als „ehemalige Polin“. Ihr neuer Wohnsitz wurde das nun zur Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik gehörende Lwiw.

Nach dem Eintritt in die kommunistische Partei unterstützte sie als Zeitungsredakteurin den Pakt und zog damit den Hass ihrer im sowjetisch besetzten Polen lebenden Landsleute auf sich. Als ukrainische Deputierte zog sie bei den Wahlen 1940 in den Obersten Sowjet ein.

Nach dem Krieg blieb Wasilewska in der Sowjetunion. Dort wurde sie eine bekannte Schriftstellerin.

Die sozialistische Volksrepublik Polen benannte nach ihrem Tod zahlreiche Straßen und Schulen nach ihr.

In den 1990er Jahren verschwand ihr Name schnell aus der Öffentlichkeit.



Dora Blausztajn Libeskind (1910 Warschau – 1980 New York)

Dora Blausztajn floh nach dem deutschen Einmarsch aus Warschau nach Osten.

Dora Blausztajn Libeskind mit ihrem Mann Nachman und ihren Kindern Daniel (links) und Annette (rechts), 1946 (© Privatarchiv Annette Libeskind Berkovits / annetteberkovits.com )

Dort wurde sie von den sowjetischen Besatzern wie viele Geflüchtete aus dem Westen interniert und zur Zwangsarbeit in ein Lager nach Sibirien deportiert.

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion verbesserten sich die polnisch- sowjetischen Beziehungen, und sie kam 1942 frei. Unterdessen hatte im nun vollständig deutsch besetzten Polen die systematische Ermordung der jüdischen Bevölkerung begonnen.

Blausztajn ließ sich in der Kirgisischen Sozialistischen Sowjetrepublik nieder, wo sie den polnischen Juden Nachman Libeskind heiratete. Nach dem Krieg kehrten sie in die Heimat zurück. Sie hatten in der Sowjetunion wie weitere 250.000 jüdische Menschen aus Polen den Holocaust überlebt. Die meisten ihrer in Polen gebliebenen Angehörigen waren jedoch von Deutschen ermordet worden.

Dora Blausztajns Tochter, Annette Berkowitz-Libeskind, hat später zwei Bücher über die Lebensgeschichte ihrer Mutter geschrieben. In the Unlikeliest of Places erzählt, wie Dora ihren Ehemann Nacham Libeskind traf und wie sie nach ihrem Leben im Gulag in Kirgistan und später in Polen und den USA lebte. Der Roman The Corset Maker ist inspiriert von und beruht teilweise auf Dora Blausztajns Lebensgeschichte.

Roman Zubyk (1902 Lwiw – 1941 Lwiw)

Roman Zubyk, 1930er Jahre (© unbekannt)

Roman Zubyk ermöglichte die sowjetische Annexion die lang erhoffte akademische Karriere. Anfang Oktober 1939 wurde er Dozent an der Staatlichen Pädagogischen Hochschule in Lwiw.

Seit Langem war er Mitglied der nationalistischen ukrainischen Wissenschaftsgesellschaft Taras Schewtschenko, die sich im Polen der Zwischenkriegszeit nicht entfalten durfte. Ihre neue Unabhängigkeit währte jedoch nur kurz, denn rasch sollte die Schewtschenko-Gesellschaft Teil der sowjetischen ukrainischen Akademie der Wissenschaften werden. Zubyk widersetzte sich. Als Einziger stimmte er offen gegen die abverlangte Selbstauflösung.

Im März 1940 wurde er verhaftet. Zusammen mit weiteren 3.600 Gefangenen erschoss ihn der sowjetische Geheimdienst Ende Juni 1941, kurz vor der Einnahme Lwiws durch die Wehrmacht.

Die Schewtschenko-Gesellschaft entstand nach dem Krieg im Exil neu und kehrte 1989 nach Lwiw zurück. 2001 ernannte sie Roman Zubyk zu ihrem Ehrenmitglied.




Adam Heydel (1893 Radom – 1941 Auschwitz)

Adam Heydel, 1930er Jahre (© Narodowe Archiwum Cyfrowe, Warschau)

Anfang November 1939 wurde Professor Adam Heydel zusammen mit weiteren Angehörigen der traditionsreichen Krakauer Universität verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin verschleppt.

Die deutschen Besatzer wollten auf diese Weise Widerstand aus Kreisen der polnischen Elite sofort unterdrücken. Aufgrund internationaler Proteste kam der angesehene Wirtschaftswissenschaftler Anfang Februar 1940 wieder frei.

Schockiert von der deutschen Besatzungsherrschaft engagierte er sich nach seiner Rückkehr im polnischen Widerstand. Anfang 1941 wurde sein Netzwerk entdeckt und Heydel erneut verhaftet.

Die Möglichkeit, sich mit einem Bekenntnis zu den deutschen Wurzeln seiner Familie retten zu können, schlug er aus.

Als polnischer Widerstandskämpfer wurde Adam Heydel am 14. März 1941 im Konzentrationslager Auschwitz erschossen.




Elżbieta Magdalena Zawacka (1909 Toruń – 2009 Toruń)

Elżbieta Zawacka, 1946 (© Fundacja Generał Elżbiety Zawackiej, Toruń)

Als Ausbilderin einer paramilitärischen Frauenorganisation entschied sich Elżbieta Zawacka mit dem deutschen Überfall für den Kampf. Sie organisierte den polnischen Widerstand in Schlesien, der sich im November 1939 mit der landesweiten Bewegung zusammenschloss.

1942 entstand daraus die Polnische Heimatarmee. Als Kurierin organisierte Zawacka die Verbindung zwischen dem Hauptquartier der Heimatarmee in Warschau und der Exilregierung in London.

Im August 1944 kämpfte sie im Warschauer Aufstand, den die deutschen Besatzer brutal niederschlugen und damit die Heimatarmee schwächten. Die Rote Armee nahm diese Schwächung in Kauf, weil sie als alleinige Befreierin Polens wahrgenommen werden wollte.

Elżbieta Zawacka entkam der Vernichtung der Heimatarmee durch die sowjetische Geheimpolizei.

Heute zählt sie unter ihrem Tarnnamen „Zo“ zu den bekanntesten Persönlichkeiten des polnischen Widerstands.

Henio Żytomirski (1933 Lublin – 1942 Vernichtungslager Majdanek)

Henio Żytomirski, 1939 (© Archiv des „Grodzka Gate – NN Theatre“ Centre in Lublin, Sammlung Neta Żytomirska)

Der deutsche Angriff verhinderte die Einschulung des sechsjährigen Henio am 1. September 1939.

Zwei Wochen später stand seine Heimatstadt Lublin unter deutscher Besatzungsverwaltung. Diese wollte den Distrikt Lublin ab Dezember für die massenhafte Ansiedlung der jüdischen Bevölkerung aus dem Deutschen Reich nutzen. In Lublin ernannte sie Henios Vater Shmul Żytomirski zum Mitglied des sogenannten Judenrates, der die deutschen Maßnahmen durchsetzen musste.

Im März 1941 zwangen die Besatzer Henio mit seiner Familie in das Ghetto Lublin umzuziehen. Ein Jahr später begann die systematische Ermordung der jüdischen Bevölkerung in Polen.

Mit der Auflösung des Ghettos im November 1942 wurde Henio gemeinsam mit seinem Vater in das deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek deportiert. Der Neunjährige wurde sofort getötet.

Heute lernt jedes Schulkind in Polen die Geschichte von Henio Żytomirski.


Weitere Inhalte

Christoph Meißner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Museum Berlin-Karlshorst. Er ist Kurator und Autor der Ausstellung „Riss durch Europa. Die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts“. Darüber hinaus kuratierte er Ausstellungen zur sowjetischen Geschichte und den deutsch-sowjetischen Beziehungen im 20. Jahrhundert. Meißner hat in Dresden und Berlin Geschichte, Kunstgeschichte und Politikwissenschaften studiert und beschäftigt sich in seinen wissenschaftlichen Forschungen mit dem Thema des Aufenthalts und Abzugs der sowjetischen/russischen Truppen in Deutschland.