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Polen | Riss durch Europa. Die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts | bpb.de

Polen

Christoph Meißner

/ 11 Minuten zu lesen

Für Polen bedeutete der Pakt die Teilung des seit 1918 wieder unabhängigen Staats. Es folgten deutsche und sowjetische Besatzung. Der polnische Staat verschwand von der europäischen Landkarte. Für die Menschen ging dies mit gewaltsamem Terror, Zwangsarbeit, Enteignungen und Deportationen einher.

Polen in den Grenzen vom August 1939 Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Polen entstand nach Interner Link: über hundert Jahren Fremdherrschaft im November 1918 wieder als unabhängiger Staat. Der Interner Link: Friedenvertrag von Versailles regelte die Grenze zu Deutschland. Der Friedensvertrag von Riga, der den polnisch-sowjetischen Krieg 1921 beendete, regelte die Grenze im Osten. In den neu hinzugewonnenen Gebieten im Osten lebten vor allem litauische, belarusische und ukrainische Minderheiten. Theoretisch waren sie, wie auch die deutsche Minderheit im Westen Polens, durch internationale Verträge geschützt. Tatsächlich aber strebte der Staat nach einem einheitlichen starken polnischen Gemeinwesen. Im Mai 1926 Interner Link: putschte sich der populäre Marschall Józef Piłsudski an die Macht. Er schaltete die parlamentarische Opposition aus und beschnitt die Rechte vor allem der litauischen, belarusischen und ukrainischen Minderheiten. Nach Piłsudskis Tod 1935 radikalisierte sich der Interner Link: polnische Antisemitismus. Polen profitierte 1938 vom Interner Link: Münchner Abkommen. Dem deutschen Angebot, gemeinsam weiter nach Osten zu expandieren, entzog es sich aber. Im März 1939 garantierten Großbritannien und Frankreich die staatliche Unabhängigkeit Polens.

Zitat

Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung der zum polnischen Staate gehörenden Gebiete werden die Interessenssphären Deutschlands und der UdSSR ungefähr durch die Linie der Flüsse Narew, Weichsel und San abgegrenzt. Die Frage, ob die beiderseitigen Interessen die Erhaltung eines unabhängigen polnischen Staates erwünscht erscheinen lassen und wie dieser Staat abzugrenzen wäre, kann endgültig erst im Laufe der weiteren politischen Entwicklung geklärt werden. In jedem Falle werden beide Regierungen diese Frage im Wege einer freundschaftlichen Verständigung lösen.

Auszug aus dem geheimen Zusatzprotokoll vom 23. August 1939

Polen unter deutscher Besatzung

Teilung

Am 1. September 1939, nur eine Woche nach Abschluss des Pakts, Interner Link: überfiel das Deutsche Reich Polen. Der Angriff kam trotz aller Befürchtungen überraschend. Polen hoffte auf das militärische Eingreifen der Schutzmächte Frankreich und Großbritannien. Diese erklärten dem Deutschen Reich zwar umgehend den Krieg, griffen aber nicht ein. Auf sich allein gestellt gab sich Polen nach vier Wochen geschlagen, zumal am 17. September die Rote Armee von Osten einmarschierte. Gemeinsam besetzten Deutschland und die Sowjetunion das gesamte polnische Staatsgebiet und regelten im Grenz- und Freundschaftsvertrag ihre Gebietsansprüche. Deutschland annektierte den westlichen Teil Polens. Das polnische Kernland kam als sogenanntes Generalgouvernement unter eine deutsche Besatzungsverwaltung.

  (© Hans Sönnke / Bundesarchiv, Bild 146-1979-056-18A)

Inszeniertes Foto von der Beseitigung eines Schlagbaums mit polnischem Wappen an der deutsch-polnischen Grenze durch deutsche Soldaten,
bei Danzig, 1. September 1939

Deutschland griff Polen ohne Kriegserklärung unter dem konstruierten Vorwurf einer Grenzverletzung an. Ohne Rücksicht auf das Kriegsvölkerrecht drang die Wehrmacht schnell in das Land ein. Dabei gingen die deutschen Invasoren rücksichtslos gegenüber Kriegsgefangenen und der polnischen Zivilbevölkerung vor, insbesondere gegenüber der jüdischen Bevölkerung.

  (© Fotografisches Archiv des KARTA-Zentrums, Warschau)

Soldaten lesen den Mobilisierungsbescheid,
Polen, 6. September 1939

Die polnische Armee konnte trotz Generalmobilmachung am 30. August dem übermächtigen deutschen Angriff nicht standhalten. Dennoch leistete das ganze Land so lange wie möglich Widerstand. Warschau kapitulierte erst am 28. September. Die letzten polnischen Soldaten gaben sich am 6. Oktober geschlagen. Über 60.000 waren gefallen, und rund 420.000 Soldaten gingen in Gefangenschaft.

  (© Bundesarchiv, Bild 183-E12079)

Amtseinführung des Gauleiters für das Wartheland,
Posen, 3. November 1939

Nach Abschluss des deutsch-sowjetischen Grenzabkommens übernahm am 26. Oktober 1939 eine deutsche Zivilverwaltung die polnischen Gebiete. Danzig, Westpreußen und das Wartheland wurden als sogenannte Gaue Teil des Deutschen Reichs. Im restlichen besetzten Polen errichteten sie in das Generalgouvernement. Die deutsche Besatzungsherrschaft in Polen war durch Interner Link: Verfolgung und Terror geprägt.

Nationalsozialistischer Terror

Mit Beginn des deutschen Überfalls verübten Interner Link: Wehrmacht und Interner Link: Einsatzgruppen des Sicherheitsdienstes Massenmorde an Kriegsgefangenen sowie der Zivilbevölkerung. Das Deutsche Reich etablierte ein rassistisches Besatzungsregime in Polen. Gezielt töteten sie bis Jahresende 1939 rund 60.000 Angehörige der polnischen Intelligenz. Die Verwaltung der neuen Reichsgaue vertrieb Menschen mit polnischer Staatsangehörigkeit und verschleppte zahlreiche Menschen zur Interner Link: Zwangsarbeit ins Deutsche Reich. Polinnen und Polen, die nicht zur Germanisierung geeignet erschienen, sowie Jüdinnen und Juden sollten im Generalgouvernement konzentriert werden.

  (© Wilhelm Holtfreter / Bundesarchiv, Bild R 49 Bild-0131)

Polinnen und Polen auf dem Weg zum Bahnhof,
Schwarzenau bei Gnesen (Gniezno), vermutlich 1940

Bis Juni 1941 wurden rund 450.000 polnische Menschen zwangsweise aus den westlichen Gebieten in das Generalgouvernement vertrieben. Ihre Häuser, Höfe und Betriebe übernahmen umgesiedelte Deutschstämmige aus den von der Sowjetunion annektierten Gebieten im östlichen Europa. Der von Deutschland annektierte Teil Polens sollte auf diese Art planmäßig "germanisiert" werden.

  (© Imperial War Museum, London)

Eine Kolonne von Juden wird von deutschen Soldaten bewacht,
Warschau, 1940

Die deutschen Besatzer raubten die jüdische Bevölkerung Polens aus und isolierten sie. Unter ständigem Terror und dem Zwang, für das Deutsche Reich arbeiten zu müssen, lebten Jüdinnen und Juden in den ab Frühjahr 1940 eingerichteten Ghettos am Existenzminimum. Nach dem Interner Link: deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 schlug die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in deren systematische Ermordung um.

  (© Ewald Gnilka, bpk)

Polnische Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter warten auf ihren Abtransport nach Deutschland,
Ende 1939

Die deutsche Besatzungsverwaltung zwang zahlreiche Polinnen und Polen zur Arbeit im Deutschen Reich. Dort wurden Arbeitskräfte gebraucht. Eine Million polnische Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter arbeiteten im Sommer 1940 im Deutschen Reich. Sie waren ohne Rechte. In sogenannten Polen-Erlassen waren die systematische Ausbeutung ihrer Arbeitskraft sowie die rassistische Diskriminierung festgeschrieben.

Polen unter sowjetischer Besatzung

Teilung

Die Rote Armee marschierte am 17. September 1939, wie im Pakt vereinbart, aus dem Osten in Polen ein. Als offizielle Begründung gab die sowjetische Führung vor, die belarusische und ukrainische Bevölkerung zu schützen. Die polnische Armee, die sich im Westen des deutschen Angriffs erwehrte, war überrascht. Das Oberkommando gab den hoffnungslos unterlegenen Truppen die Order, keinen Widerstand zu leisten und sich in die Nachbarländer zurückzuziehen. Auch Politikerinnen und Politiker flohen nach Rumänien, Ungarn und Litauen. In den von ihr besetzten Gebieten inszenierte die Sowjetunion Scheinwahlen, aus denen prosowjetische Regierungen hervorgingen. Im November 1939 wurden die sowjetisch besetzten Gebiete Polens von der Belarusischen und der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik annektiert. Zuvor hatte die Sowjetunion das Gebiet um Vilnius Litauen zugeschlagen.

  (© Fotografisches Archiv des KARTA-Zentrums, Warschau)

Truppen der Roten Armee überqueren die Ostgrenze Polens,
17. September 1939

Die Rote Armee hatte bereits nach der Unterzeichnung des Pakts ihren Einmarsch in Polen geplant. Am 17. September erklärte die sowjetische Führung den polnischen Staat als nicht mehr existent, weil er von der Wehrmacht besiegt worden sei. Mit dem Vorrücken der Roten Armee brach die Sowjetunion internationales Recht. Sie legitimierte das mit den Schutzbedürfnissen der belarussischen und ukrainischen Bevölkerung in der Region.

  (© Fotografisches Archiv des KARTA-Zentrums, Warschau)

Wahlpropaganda „Es lebe der Nationalkongress von Westbelarus, der für die Sowjetmacht stimmt“,
Białystok, Oktober 1939

Am 22. Oktober 1939 veranstaltete die Sowjetmacht Scheinwahlen zu Volksversammlungen in Lwów (Lwiw) und Białystok. Die sowjetische Verwaltung ließ nur von ihr ausgewählte Kandidatinnen und Kandidaten zu. Zudem beaufsichtigte der sowjetische Geheimdienst die Stimmabgabe. Die Gewählten billigten den Beitritt der besetzten Gebiete zur Sowjetunion sowie die Verstaatlichung des Bodens und der Industrie.

  (© Imperial War Museum, London)

Ministerpräsident der polnischen Exilregierung General Władysław Sikorski inspiziert polnische Soldaten während ihrer Ausbildung,
Frankreich, 15. April 1940

Ende September 1939, nach der vollständigen Besetzung Polens, konstituierte sich in Paris eine Exilregierung. Anfang 1940 stellte sie eine polnische Armee auf und versuchte, den Widerstand im besetzten Polen zu koordinieren. Am 17. Juni verlegte die Exilregierung ihren Sitz nach London, da auch Frankreich unter dem deutschen Angriff zusammengebrochen war. Erst nach dem deutschen Überfall im Sommer 1941 erkannte die Sowjetunion die polnische Exilregierung an.

Sowjetisierung

Die Bevölkerung im östlichen Grenzland Polens war heterogen. Polnische Kommunistinnen und Kommunisten hießen die Rote Armee zunächst willkommen. Die sowjetischen Besatzungstruppen nutzten ethnische Konflikte der Zwischenkriegszeit und provozierten gewaltsame Auseinandersetzungen. Nach der Annexion übernahmen sowjetische Beamtinnen und Beamte die Verwaltung und begannen mit der Belarusifizierung und Ukrainisierung der Gebiete. Bald wurde daraus eine von Moskau gesteuerte Russifizierung. Polnische Menschen wurden diskriminiert, viele von ihnen verhaftet, deportiert oder erschossen. Potenzieller polnischer Widerstand sollte gebrochen werden. Die annektierten Gebiete wurden sozial und wirtschaftlich nach sowjetischem Muster umgestaltet. Von Repressionen betroffen war vor allem die polnische Elite, aber auch Angehörige aus anderen nationalen Minderheiten und sozialen Gruppen.

  (© Staatliches Historisches und Archäologisches Museum, Grodno)

Ausstellung im Stadtmuseum Grodno „Westliches Belarus – Kolonie Polens“,
Grodno, 1940

Die Sowjetunion verstärkte die gesellschaftlichen Konflikte der Zwischenkriegszeit. Sie rechtfertigte ihren Einmarsch als Befreiung der unterdrückten ukrainischen und belarusischen Bevölkerung und als Schutz vor dem nationalsozialistischen Deutschland. Propagandaausstellungen stellten die polnische Politik der Zwischenkriegszeit als Unterdrückung der Menschen in den östlichen Gebieten dar.

  (© Institut für nationales Gedenken, Warschau)

Kolonne polnischer Kriegsgefangener, bewacht von sowjetischen Soldaten,
1939

Weitgehend kampflos nahm die Rote Armee im September 1939 über 250.000 polnische Soldaten in Kriegsgefangenschaft. Die meisten von ihnen wurden bald wieder entlassen. Rund 40.000 wurden aber in Gefängnissen und Lagern inhaftiert. Im April 1940 erschoss der sowjetische Geheimdienst in Interner Link: Katyn und weiteren Orten rund 22.000 Angehörige der Eliten, vor allem kriegsgefangene Offiziere. Die sowjetische Macht sah in ihnen den antisowjetischen Kern der polnischen Elite, der ausgelöscht werden sollte.

  (© Fotografisches Archiv des KARTA-Zentrums, Warschau)

Eine Gruppe von deportierten Frauen bei Holzarbeiten,
Gebiet Swerdlowsk, 22. November 1940

Aus den besetzten Gebieten deportierte die Sowjetmacht 1940/41 in vier Wellen rund 320.000 Menschen in den Ural, nach Sibirien und Kasachstan zur Zwangsarbeit. Betroffen waren insbesondere ehemalige Soldaten und ihre Familien sowie Geflüchtete aus dem deutschen Besatzungsgebiet. Die Nationalität oder Ethnie war dabei nicht allein entscheidend. Zwar handelte es sich mehrheitlich um Polinnen und Polen, aber es gab ebenso Ukrainerinnen und Ukrainer, Belarusinnen und Belarusen und Jüdinnen und Juden unter den Deportierten.













Erinnerung

Die Erinnerung an den Pakt in Polen, Interner Link: Belarus und der Ukraine ist unterschiedlich. Die belarusische Staatsführung betont die Wiedervereinigung des Landes und schließt damit an die sowjetische Propaganda von 1939 an. Die Opposition dagegen sieht im 17. September 1939 die aggressive Ausweitung sowjetischer Besatzungsherrschaft. In der Ukraine wurde der Pakt lange Zeit ebenfalls als Vereinigung erinnert. Seit dem russischen Angriff auf das Land 2014 aber hat sich die Erinnerung vom sowjetischen Narrativ gelöst. Insbesondere in der Westukraine ist der Pakt ein Sinnbild für sowjetische Besatzung und Massenverbrechen. In der Erinnerung in Polen steht der Pakt als vierte Teilung in einer Reihe mit den drei Teilungen im späten 18. Jahrhundert.

  (© Anonymer Fotograf, Grodno)

„Tag der Einheit des Volkes“ in Belarus,
Grodno, 17. September 2023

Seit 2021 ist der 17. September in Belarus offiziell der „Tag der Einheit des Volkes“. Der belarusische Diktator Interner Link: Aljaksandr Lukashenka will damit ein Zeichen der Einheit für eine tief gespaltene Gesellschaft setzen. Der „Tag der Einheit“ wurde in Belarus bis 1949 feierlich begangen, dann aber mit Rücksicht auf die sozialistische Volksrepublik Polen abgeschafft. Die Wiedereinführung löste in Polen Kritik und Proteste aus.

  (© Museum Berlin-Karlshorst)

Gedenkmedaille "17. September 1939",
Polen, 1990

Weite Teile der polnischen Gesellschaft erinnern den Verlust der Eigenstaatlichkeit im September 1939 als vierte Teilung. Die deutschen und sowjetischen Verbrechen sind ein wichtiger Bestandteil dieser Erinnerung. Der von der Sowjetunion bis 1990 geleugnete Massenmord an polnischen Offizieren in Katyn ist zur Chiffre dieses Traumas geworden. Auch die deutschen Verbrechen werden öffentlich erinnert. Vor allem der Interner Link: Warschauer Aufstand 1944 bietet aber auch den Stoff für eine Erinnerung an heldenhaften Widerstand.

  (© Gedenkmuseum für totalitäre Regime „Territorium des Terrors“, Lwiw)

Skulpturen des abgebauten Denkmals zu Ehren der Sowjetischen Armee im Museum für totalitäre Regime „Territorium des Terrors“,
Lwiw, 2020

Der russische Angriff 2014 veränderte den Blick auf den Zweiten Weltkrieg in der Ukraine. Viele Menschen in der Ukraine lösten sich vom Narrativ eines sowjetischen Verteidigungskriegs zwischen 1941 und 1945. Den Pakt erinnern sie heute als Ausweitung der sowjetischen Besetzung des Landes. Dabei werden Parallelen zur aktuellen Situation gezogen. Die Erinnerung an die mit dem Pakt verbundenen sowjetischen Verbrechen werden vom Gedenken an die durch Stalin 1932/33 herbeigeführte Hungerkatastrophe, den Holodomor, überschattet.


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