Kinder der jüdischen Grundschule in Frankfurt am Main sitzen zusammen an einem Tisch

25.8.2021 | Von:
Stefanie Schüler-Springorum

Soziale Ungleichheit und Wohlfahrt 1800 bis 1945

Die Geschichte der deutschen Jüdinnen und Juden im 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ist die Geschichte eines rasanten kollektiven sozialen Aufstiegs und einer kollektiven Modernisierung (© 2021 Bundeszentrale für politische Bildung)

Die Geschichte der deutschen Juden im 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ist die Geschichte eines rasanten kollektiven sozialen Aufstiegs und einer ebenso rasanten und kollektiven Modernisierung. Zahlreiche Familiengeschichten erzählen von Vorfahren, die als kleine Händler in deutschen Provinzstädtchen ihren Söhnen eine ordentliche Ausbildung verschafften, die diesen wiederum den Aufstieg in bessergestellte berufliche Positionen in der nächstgrößeren Stadt und den Enkeln schließlich Abitur und Studium und damit den Zugang zu einem akademischen Beruf ermöglichten. Die Basis hierfür war zum einen der liberale Bürgerstaat, der individuelle wirtschaftliche Tätigkeit förderte und belohnte und sich zugleich der Handel durch den Wegfall von Zollschranken dynamisierte. Hier nun hatten Juden, die sich aufgrund diskriminierender Gesetze seit vielen Generationen auf den Handel hatten konzentrieren müssen, in den ersten Jahrzehnten einen gewissen Erfahrungsvorsprung. Denn Niederlassungsbeschränkungen und weitgehende, noch aus dem Mittelalter überkommene Berufsverbote ließen jüdischen Männern und Frauen jahrhundertelang nur wenig ökonomischen Handlungsspielraum, so dass sie vor allem als Händler und Hausierer tätig waren. Zudem fielen durch den sich rund hundert Jahre hinziehenden Emanzipationsprozess nach und nach die Schranken für anderweitige Wirtschaftstätigkeit weg und die Ausbildungsmöglichkeiten erweiterten sich. Denn nach und nach fiel nun das Sonderrecht weg, unter dem Juden jahrhundertelang als religiöse Minderheit im Ständestaat gelebt hatten, und sie wurden zu gleichberechtigten Staatsbürgern. Zahlreiche junge Männer der zweiten und dritten Aufstiegsgeneration konnten studieren und strömten anschließend in die Freien Berufe, da ihnen der staatliche Sektor bis zur Weimarer Republik weitgehend versperrt blieb. Der jüdische Anwalt, Arzt und Journalist wurden so zum Sinnbild jüdischer Modernität und Seriosität, obgleich bis 1933 immer noch die Mehrheit der Juden in Deutschland im Handel tätig war, meistens selbstständig, eine wachsende Zahl aber auch als Angestellte in den großen Konzernen und Kaufhäusern. Berühmte Namen wie Albert Ballin (1857-1918), Walther Rathenau (1867-1922), Rudolf Mosse (1843-1920) oder James Simon (1851-1932) wiederum stehen für diese einzigartige ökonomische und gesellschaftliche Erfolgsgeschichte.

Aber dieses Bild trügt. Zum einen, weil wir die zahlreichen Verlierer dieses kollektiven Aufstiegs aus dem Blick verloren haben, und zum anderen, weil auch das geschichtswissenschaftliche Interesse sich viel zu lange auf diejenigen konzentrierte, die Memoiren und andere Quellen hinterlassen haben. Die Eierhändlerin aus Berlin-Kreuzberg, der kleine Viehhändler aus dem Badischen oder die Inhaber des Krämerladens in Gleiwitz aber hatten keine Zeit, ihre Erinnerungen aufzuschreiben und sie begegnen uns meist nur in Statistiken oder allenfalls in den Akten der Wohlfahrtverbände. Nur manchmal scheint ihr Schicksal auch in erzählter Form auf, wie beispielsweise in den Memoiren, die der Kaufmann Aron Liebeck (1856-1935) in den 1920er Jahren in Königsberg verfasste: Er berichtet von zahlreichen Gescheiterten, Bankrotteuren und Versagern – zwar um seinen eigenen Aufstieg aus bitterer Armut zu gesichertem Wohlstand umso strahlender erscheinen zu lassen, gleichwohl illustriert er anschaulich den Aufstieg der Juden ins Bürgertum. Eine Generation vor ihm war ein solcher Weg noch ungemein mühsam gewesen, wie wir der Allgemeinen Zeitung des Judentums aus dem Jahre 1844 entnehmen können, die von dem "unaufhörlichen Mühen und Plagen" zahlreicher jüdischer Männer berichtete, was in diesen Jahren auch zu einem Anstieg der Selbstmordrate unter ihnen aufgrund existentieller Sorgen führte.

Bevor es soweit kommen musste, hatte man jedoch Alternativen, allen voran die Auswanderung: Allein zwischen 1820 und 1880 wanderten rund 100.000 Jüdinnen und Juden aus Mitteleuropa nach Übersee aus. Zugleich kamen tausende von armen jüdischen Familien aus Osteuropa in die deutschen Länder oder blieben hier stecken auf ihrem Weg in die "Goldene Medine", die USA. Eine weitere Option, die vor allem Frauen aus der jüdischen Unterschicht zu Beginn des Jahrhunderts oftmals wählten, war die Konversion und anschließende Heirat mit einem Christen. Während also einerseits die Zahl derjenigen, denen der Aufstieg nicht gelang, die arm waren oder blieben oder auf halber Strecke scheiterten, durch Auswanderung oder Taufe abnahm, wanderten aus den Gebieten östlich der Grenze immer wieder ärmere und oftmals auch traditionell lebende Menschen zu, die dann ihrerseits versuchten, sich den deutsch-jüdischen Gegebenheiten anzupassen, was meist auch in einer oder zwei Generationen gelang.

In den Jahrzehnten um 1800 galten bis zu 80 Prozent der jüdischen Bevölkerung in Deutschland als arm (auf dem Gebiet des späteren Deutschen Kaiserreichs lag ihre Zahl 1816/17 bei rund 250.000). Viele davon waren sogenannte Wanderarme, die in keiner Gemeinde sesshaft werden konnten, solange diesen das Recht zustand, über die Aufnahme neuer Gemeindemitglieder zu bestimmen. Selbst in einer reichen Gemeinde wie Hamburg galten zu Beginn des 19. Jahrhunderts mindestens zwei Drittel der Gemeindemitglieder als arm. Dies änderte sich dann nach und nach mit der Emanzipationsgesetzgebung. in der Folge sank der Anteil der armen jüdischen Bevölkerung zwar in den nächsten Jahrzehnten stetig, betrug aber in der Mitte des Jahrhunderts immerhin noch 40 Prozent (bei rund 400.000 Jüdinnen und Juden im Jahr 1848), und zur Zeit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs zwischen 20 und 30 Prozent (zu dieser Zeit lebten über 500.000 Jüdinnen und Juden in Deutschland). Vor dem Ersten Weltkrieg war die Zahl der Fürsorgebedürftigen weiter gesunken, um dann, infolge von Krieg und Inflation, in den 1920er Jahren wieder anzusteigen und während der Zeit des Nationalsozialismus zum Massenphänomen zu werden. Diese Entwicklung findet sich, mit lokalen und regionalen Abweichungen in allen deutschen Ländern und später im Kaiserreich bzw. der Republik, und es sind die Wohlfahrtsakten, die davon beredt Auskunft erteilen.

Die Fürsorge für die eigenen Armen und Schwachen ist in der religiösen Tradition des Judentums fest verankert. Der Begriff Zedaka (Gerechtigkeit) steht für ein umfassendes, auf sozialen Ausgleich zielendes Wohltätigkeitsverständnis. Als solche ist Wohltätigkeit im Judentum eine zentrale religiöse Pflicht (Mitzwa) für beide Geschlechter. In den Jahrhunderten des Ghettolebens, als Juden innerhalb der Städte in eigenen Vierteln lebten, die seit dem Spätmittelalter mancherorts, wie z.B. in Frankfurt am Main, auch abgeschlossen wurden, hatte sich ein soziales Unterstützungswesen herausgebildet, das bei individuellen wie kollektiven Notlagen aktiv wurde. Daraus entwickelten sich nach und nach freiwillige, religiös-karitative Zusammenschlüsse wie die Beerdigungsbruderschaften (Chewra Kadischa), die es im 17. und 18. Jahrhundert in allen größeren aschkenasischen Gemeinden (als Aschkenasen werden mittel-, nord- und osteuropäische Juden, bezeichnet) gab und die sich neben der Krankenpflege und dem Bestattungswesen auch mit anderen fürsorgerischen Tätigkeiten befasste. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, während des langen Transformationsprozesses der jüdischen Bevölkerung, im Zuge also ihres sozialen Aufstiegs, ihrer Verbürgerlichung und Säkularisierung, veränderte sich auch das Wohlfahrtswesen: Die traditionellen Bruderschaften wichen modernen, allen Gemeindemitgliedern zugänglichen Vereinen, die sich ihrerseits funktional erheblich ausdifferenzierten. Dabei setzte man, wie schon in den Jahrzehnten zuvor, vor allem auf umfassende vorbeugende Maßnahmen: Gesundheitsfürsorge, Heimerziehung und -ausbildung, Berufsvermittlung und Darlehen sollten Notlagen von vorneherein verhindern. Die Fürsorge war allerdings nicht nur vorbeugend gegen soziale Not, sondern auch gegen Vorurteile und Anfeindungen. So kümmerte man sich vermehrt um diejenigen Gruppen, die dem Antisemitismus besondere Angriffsflächen bieten könnten: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren dies der jüdische Hausierhandel bzw. die "Straßenbettler", in späteren Dekaden rückten Mädchenhandel und Prostitution in den Vordergrund. Ab 1880 kümmerte man sich seitens der Gemeinde zudem intensiv um die auswandernden osteuropäischen Juden, wobei es auch hier vor allem darum ging, diese möglichst geräusch- und konfliktlos nach Übersee zu befördern, denn seitens der deutsch-jüdischen Gemeinschaft fürchtete man, dass die fremden Zuwanderer den Antisemitismus verstärken könnten.

Nach dem Ersten Weltkrieg geriet dieses System in die Krise, da durch die Weltwirtschaftskrise und Inflation die Gemeinden dramatisch verarmten und zudem zahlreiche Legate und Stiftungen vollständig an Wert verloren hatten. Dem gegenüber stand nun eine wachsende Zahl an Bedürftigen, so dass die Wohlfahrt in den Jahren der Weimarer Republik zum zentralen Thema des Gemeindelebens wurde: 1933 gab es in Berlin fast so viele Leistungsempfänger wie Beitragszahler in der 160.000 Menschen zählenden größten deutschen Gemeinde. Die Verfolgungsmaßnahmen des nationalsozialistischen Staates führten nach 1933 dazu, dass sich diese Situation, immer mehr Bedürftige aus ständig sinkenden Mitteln versorgen zu müssen, weiter dramatisch verschärfte. Gleichzeitig führte es zu einer weiteren Zentralisierung der jüdischen Wohlfahrt, die sich nun zunehmend auf Berufsumschichtung und Auswanderung für die Jüngeren und die Linderung der schlimmsten Not für die Älteren und die Kinder konzentrierte.

Nach 1938 wurden sämtliche jüdischen Fürsorgeeinrichtungen der Gemeinde aufgelöst und ausgeplündert, nur wenige Einrichtungen wie Krankenhäuser oder Altersheime blieben unter Kontrolle der Gestapo für die Deportationen oder die Betreuung der sogenannten Mischfamilien zuständig.

Aus diesem Kreis rekrutierten sich die ersten Selbsthilfeorganisationen der überlebenden Juden nach dem Krieg, wie z.B. in Hamburg die schon im Mai 1945 gegründete Notgemeinschaft der durch die Nürnberger Gesetze Betroffenen. Man organisierte zunächst ad hoc Hilfe wie Lebensmittel oder Brennmaterial für die wenigen Überlebenden und kümmerte sich später vor allem um die rechtliche Vertretung ihrer Ansprüche. Weitere Hilfe kam in den ersten Jahren vor allem von jüdischen Organisationen aus dem Ausland, dem American Jewish Distribution Committee (dem sogenannten JOINT) und dem britischen Jewish Committee for Relief Abroad. Die sich im Laufe des Jahres 1945 wiedergründenden jüdischen Gemeinden traten nach und nach der im Jahr 1951 wiedergegründeten Zentralwohlfahrtstelle der Juden in Deutschland bei (das ZWST wurde unter nationalsozialistischer Herrschaft 1939 zwangsweise aufgelöst), die in den ersten Jahren den Wohlfahrtsetat der Gemeinde stellte. Die Sozialarbeit kümmerte sich vor allem um die hilfsbedürftigen älteren, durch Verfolgung und Not verarmten sowie traumatisierten Gemeindemitglieder, für die das Krankenhaus neu errichtet und 1958 ein Altersheim gegründet werden konnte, das bis in die 1990er Jahre bestand. Daneben legte man besonderen Wert auf die Kinder- und Jugendarbeit, organisierte Ferienlager und eröffnete in den 1960er Jahren einen eigenen Kindergarten, der allerdings 1979 geschlossen wurde. Durch die Zuwanderung nach 1990 wurden neue Anforderungen an die sozialen Einrichtungen der Gemeinden gestellt, aber auch neue Chancen kreiert: So wurden in den 2000er Jahren zunächst Kindergarten, später jüdische Schulen (wieder-)gegründet, wobei die finanziellen Mittel hierfür zum einen staatlicher Provenienz sind, zum anderen nun vor allem US-amerikanisch-jüdische Organisationen und Stiftungen wie die Women's International Zionist Organization (WIZO) oder die Ronald S. Lauder-Foundation in sozialen Belangen aktiv sind.

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