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Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

18.6.2014 | Von:
Andreas Zick

Bambule und Randale

Gewalt im Fußball: Im Abseits?

Typologie der Gewaltformen im Fußball

 
Typologie der Fußballfan-Gewalt
 
intervenierendkompetitiv
GewaltformPlatzsturmGanggewaltÜberfall
situativer Kontextspieltagsbezogenrivalitätsbezogenrivalitätsbezogenrivalitätsbezogen
Reaktion auf BenachteiligungErstürmung des gegnerischen Fanblocksgeplante/zufällige Aufeinandertreffen(einseitige) geplante Auseinandersetzungen
räumlicher KontextStadion als Aufführungsort des FanobjektesStadion als Aufführungsort der FansInnenstadt, einzelne StadtviertelZug mit Auswärtsfahrern: private Rückzugsräume
nach IntensitätAggro-InszenierungenAggro-Inszenierungendirekte Konfrontationdirekte Konfrontation
Fanszenen- und spielverlaufsabhängigEinsatz von Schlag- und Schusswaffen
Quelle: Leistner (2008, S. 129)


Erstens ist im Fußball die kompetitive Gewalt zu beobachten. Sie richtet sich von Fans gegen Fans. Hierbei gehe es um Abgrenzung und Identitätskonstruktion.

Quellentext

Kompetitive Gewalt

Es entstand parallel zum Spiel ein von den Fans selbst auf den Rängen ausgetragener Wettkampf um Wucht und Originalität der Stimmungserzeugung, der für viele Fans den Ausgang gewaltsamer Aufeinandertreffen traditionell und ausdrücklich einschließt und Gewalt für einige zum Kern von Fan- und Gruppenidentität werden lässt. Dieser Konkurrenzlogik folgend wird Gewalt zu einer subkulturell legitimen Handlungsressource.

Quelle: Alexander Leistner, 2008


Zweitens sei eine intervenierende Gewalt zu beobachten – eine Gewalt, die in das Geschehen eingreife. Sie werde gegen das Fanobjekt (z.B. Spieler) und das Akteursfeld, also z.B. Security, Schiedsrichter, Konkurrenten, Veranstalter usw. gerichtet, um steuernd in das Geschehen einzugreifen. Sie setze in der Regel das Vorhandensein von Begrenzungen (Polizeiketten, Zäune etc.) voraus, die mit simulierten und inszenierten Gewaltankündigungen attackiert werden. Da andere Fans auf die Gewalt reagieren, komme sie selten vor.

Quellentext

Intervenierende Gewalt

Im Gegensatz zur passiven Bewunderung oder kreativ-instrumentellen Aneignung des Fanobjektes steht intervenierende Gewalt dafür aktiv in das Geschehen einzugreifen. (...) Die offenkundige und massive Delegitimierung derartiger Interventionen Einzelner durch die übrige Fanszene und die damit einhergehende Verwunderung über deren feindselige Reaktionen, erklärt einerseits die Seltenheit der Übergriffe und lässt andererseits nach den psychischen Antrieben fragen.

Quelle: Alexander Leistner, 2008


Die aufgeführten Formen kollektiver Aktionen, die mit Gewalt einhergehen können, werden in keiner Statistik erfasst. Für die Gewalteinschätzung ist zu bedenken, dass die Dunkelziffer der versuchten und erfolgten Gewalthandlungen viel höher einzuschätzen ist. Letztendlich ist Gewalt grenzenlos, wenn sie sich ihre Durchsetzung zum Ziel setzt. Die Gewalt im Fußball kann sich von jedem beteiligten Akteur gegen alle anderen Akteure richten, aber sie kann auch "überspringen". Immer wieder kommt es vor, dass am Fußball weder interessierte noch beteiligte Personen Opfer von Gewalt werden, die aus Fußballspielen resultiert; das ist z.B. auf An- und Abreisewegen zu Spielen oft der Fall.

Auffällig ist zudem, dass es zwar viele Einzeltäter gibt, die Gewalt ausüben und im besten Falle entdeckt werden, allerdings die Gewalt in der Regel in Gruppen entsteht, oder ausgeübt wird. Der eingangs erwähnte Bielefelder Fall illustriert das. Es ist davon auszugehen, dass es auch unter organisierten Fans radikale Milieus gibt, die gewaltorientiert und -handelnd sind. Mit radikalen Milieus sind Verbände gemeint, die Ziele teilen, bestimmte Formen der Gewalt befürworten, indem sie interagieren und auf logistische wie moralische Unterstützung durch das Umfeld angewiesen sind. Gegenwärtig finden sich in deutschen Stadien solche radikalen Fußballfan-Milieus, die gewaltaffin sind. Allerdings sind diese noch nicht systematisch untersucht oder erfasst worden[9].

Gewalt als (Sub-)Kultur

Gewalt als Symbol: Ultra-Fans von Eintracht Frankfurt inszenieren sich als "Deutscher Randalemeister"Gewalt als Symbol: Ultra-Fans von Eintracht Frankfurt inszenieren sich als "Deutscher Randalemeister". (© picture-alliance, picture alliance / Gladys Chai von der Laage)


Die Gewalt hat im Fußball aber auch eine ganz andere Facette, die jenseits eines Gewaltverständnisses im Sinne einer Schädigung liegt. Leistner (2008) führt als dritte Form die gesellige Gewalt auf. Gemeint ist die Präsentation und das Spielen von Gewalt unter Gleichgesinnten. Schädigende Elemente der Gewalt werden gemeinsam abgesprochen und toleriert. Leistner nennt ein mit Flaschen, Dosen und Mülltonnen ausgetragenen Hügelsturm, gemeinsames Rempeln, Springen und Schlagen, die subkulturell akzeptiert und selbstverständlich seien. Auch eine Gewalt, die ungerichtet sei und keinen Gegner habe, gehöre dazu. Dazu gehörten Präsentationen von Aggression, Wut und Gewalt in Schaukämpfen. Es gehe um das Aushandeln von Überlegenheit und Unterlegenheit der Gruppen durch eine Gewalt, die strafrechtlich für die Akteure unerheblich sei. Sie stifte Identität und böte ein rauschhaftes Erleben (s.o.).

Quellentext

Gesellige Gewalt

Im Unterschied zur „gemeinsamen Gewalt“ einer Gruppe gegen Außenstehende, die ja ebenfalls gemeinschaftsbildend und –verstärkend wirkt, ist gesellige Gewalt ungerichtet. Sie hat keine definierten Gegner als Gegenüber, sondern vollzieht sich mitten im subkulturell gerahmten Strudelgeschehen der gleichgesinnten Interaktionspartner. Gemeinschaft stiftet nicht die erkämpfte Überlegenheit oder die kollektiv erlittene Niederlage, sondern das gelungene gewalthaltige (Rausch-) Erlebnis.

Quelle: Alexander Leistner, 2008


Die Formen geselliger Gewalt können von Außenstehenden fehlinterpretiert werden. Das Fußballspiel kann für Außenstehende äußerst aggressiv erscheinen, wie auch das Verhalten von Fans, die sich gewaltaffiner Symbole und Handlungen bedienen. Im Fußball gibt es relativ viele Handlungen und Meinungen, die als Gewalt erscheinen, aber nicht schädigend gegen andere sind. Gewalt und Aggression können auf einer (sub-)kulturellen Ebene in Symbolen und Ritualen, die verbal und nonverbal zum Ausdruck kommen, zur Identität dazugehören. Der Übergang von subkultureller Gewaltpräsentation und manifester Gewalt kann fließend sein, muss es aber nicht. Die subkulturelle Gewalt kann als Teil des organisierten und kontrollierten Gruppenerlebnisses und der Symbole verhaftet bleiben und schädigt nicht Außenstehende.

Der Hooliganismus bzw. die Identität und der Habitus der Mitglieder der Hooligan-Kultur haben zu vielen Kontroversen über die Bedeutung der Gewalt geführt. Einerseits hat diese Kultur eine hohe Affinität zur Gewalt gegen Andere, anderseits zelebriert sie Gewalt ohne andere zu schädigen. In Brufords bekanntem Buch "Geil auf Gewalt" (1992) wird sehr anschaulich beschrieben, wie sich die Gewalt von Hooligans gegen Hooligans im Sinne einer kriegerischen Auseinandersetzung einer Normierung und Verfolgung entzieht. Gulianotti (2001) stellt Hooligan-Gewalt fest, wenn das Verhalten von sozial organisierten und institutionalisierten Fans (Hooligans) gemeint ist, die in wettbewerbsförmiger Gewalt agieren und dies mehr oder minder grundsätzlich mit anderen Hooligan-Gruppen tun[10]. Dunning et al. (2002) zeigen in ihrer Übersicht des Hooliganism, dass es ein weltweites Phänomen ist und keineswegs eine "Englische Krankheit". Sie kommen aus der Sicht sehr unterschiedlicher soziologischer Perspektiven zu dem Schluss, der gewaltsuchende Hooliganismus sei geprägt von einer aggressiven Maskulinität bzw. Männlichkeitsvorstellung und einer Suche nach Erregung (excitment) und Sensation[11]. Ein Teil der Fans lässt sich der Gruppe der erlebniszentrierten Fans zuordnen, die Heitmeyer & Peter[12] empirisch von fußball- und konsumzentrierten Fans unterschieden haben, bzw. von medienbezogenen Fans, wie Schwind & Baumann (1990) ergänzen.

Die Gewalt von Hooligans, die sich als solche identifizieren, ist aber kein Problem von frustrierten oder sozial prekär und devianten (abweichenden) jungen Männern und sie ist nicht in jeder Gruppe zu finden. Gewalt wird zumindest teilweise als kulturelles wie auch rauschhaftes Erlebnis zelebriert, stilisiert und ritualisiert und nicht expressiv gegen Außenstehende gerichtet. Bliesener (2009) verweist in seiner Übersicht darauf, dass der Hooliganism regional sehr unterschiedlich verbreitet ist. Auch seine Analyse legt es nahe, den Hooliganism von Formen kollektiver Gewalt zu unterscheiden, die ideologisch motiviert sind.

Formen ritualisierter Gewalt, die auf der Ebene der Selbstdarstellung und Präsentation von Symbolen der Gewalt ohne Schädigungsabsicht zu beobachten sind, gehören auch zum modernen Ultra-Milieu. Ultras und ihre Unterstützer sind durch eine bedingungslose Unterstützung der Vereinsmannschaft und inszenierte Rituale dieser Unterstützung gekennzeichnet[13]. Ultras kreieren Gesänge, choreografierte und inszenierte Aktionen im und außerhalb des Stadions. Sie setzen gewissermaßen ihre Identitätsmarker in den Stadien, und sie steuern in vielen Stadien vollständig die Kurven[14]. Die Inszenierungen erscheinen bisweilen aggressiv und gewaltorientiert, insbesondere dann, wenn Ultragruppen versuchen, Pyrotechnik in Stadien abzubrennen.

Politisch motivierte Gewalt

"Aachen Ultras 1999"Die "Aachen Ultras 1999" (ACU) protestierten gegen neonazistische Strukturen und deren Toleranz im Stadionumfeld. (© picture alliance/ Digitalfoto Matthias )


Die hoch problematische Gewalt einiger rechtsextremer Hooligans hat deutliche Züge einer gezielten politisch motivierten Gewalt, wie sie auch außerhalb des Fußballs in rechtsextremen Milieus eine Rolle spielt; dort finden sich auch Überlappungen zwischen Hooliganism und Ultra-Identitäten. Ultragruppen werden allerdings oft fälschlich als Nachfolger der Hooligans gehandelt. Sicherlich gibt es hoch gewaltbereite und mit Gewalt agierende einzelne Ultragruppen, deren Mitglieder auch aus der Hooligan-Szene kommen. Zudem gibt es Ultragruppen, die politisch motiviert Gewalt suchen und ausüben; darunter sind vor allem rechtsextreme Ultragruppen oder Sub-Gruppen.

Bekannt geworden sind z.B. Mitglieder der Aachener Karlsbande, die Mitglieder der Aachener Ultragruppe "Aachen Ultras" dermaßen verfolgt haben, dass sie sich in Folge dessen im Januar 2013 auflösten[15]. Ähnliche Beispiele rechtsextremer Gewalt gegen Andere finden sich auffallend in Braunschweig, Dortmund und Düsseldorf. Mehrheitlich bleiben in den meisten Ultragruppen eher Symbole der Gewalt, des Hasses und der Androhung von Gewalt gegen "Feinde" auf der subkulturellen Ebene und führen nicht zu einer expressiven Gewalt[16].

Fußnoten

9.
Malthaner & Waldmann, 2012
10.
vgl. auch Armstrong & Harris, 1991
11.
vgl. auch Kerr, 1988
12.
1988
13.
vgl. Thein & Linkelmann, 2012
14.
vgl. Pilz et al., 2006
15.
Siehe zu diesem Beispiel den Artikel im Spiegel: Ende der 'Aachen Ultras': Kapitulation im Kampf gegen Rechts.
16.
vgl. Langer, 2012
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