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Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

27.6.2016 | Von:
Henning Vöpel

Wirtschaftsmacht Bundesliga

Financial Fair Play?

Im europäischen Profivereinsfußball haben in den vergangenen Jahren die Verschuldung einiger Vereine und der Einfluss von Mäzenen und Investoren deutlich zugenommen. Die UEFA sieht laut eigener Aussage die "Integrität und die langfristige Finanzstabilität des Fußballs" in Gefahr. Zudem wird der Anstieg der Spielergehälter, die unmoralische Ausmaße angenommen hätten, mit Sorge gesehen. Aus diesem Grund hat der europäische Fußballverband mit Beginn der Saison 2013/14 das sogenannte Financial Fairplay eingeführt [12].

PSGSeit der Übernahme von Paris Saint Germain durch die Qatar Investment Authority (2011) geraten die gigantischen Transferausgaben der PSG immer wieder in die Kritik. (© imago/PanoramiC)


Kern dieser Regelung ist die Break-even-Bedingung: Vereine dürfen nur noch so viel ausgeben, wie sie vorher eingenommen haben. Weiterhin gibt es eine Definition der hierfür maßgeblichen "relevanten Einnahmen" und "relevanten Ausgaben". Zu den Einnahmen zählen nur jene aus dem operativen Fußballgeschäft, nicht dazu zählen Gelder von Investoren. Auf der anderen Seite werden bei den relevanten Ausgaben Investitionen in Infrastruktur und Jugendarbeit nicht hinzugezählt, damit die Finanzierung der Substanz und der langfristigen Grundlagen des Fußballs nicht eingeschränkt wird.

Tatsächlich scheinen die Ziele der UEFA auf den ersten Blick plausibel und sinnvoll. Die aktuellen Entwicklungen zeigen eine positive Evidenz für die Wirkungen der ergriffenen Maßnahmen. Davon jedenfalls ist die UEFA selbst überzeugt. Immerhin wurden in den Finanzjahren 2013 und 2014 im europäischen Fußball ein Überschuss von 339 Millionen Euro bzw. 805 Millionen Euro erwirtschaftet. Zwischen 2011 und 2014 sind die Erlöse mit über 20% schneller gewachsen als die Spielergehälter mit rund 15%. Während die Einnahmen in 2014 rund 16 Milliarden Euro betrugen, machten die Spielergehälter rund 10 Milliarden Euro aus; das sind 60% der Kosten und 62% der Erlöse [13]. Doch eine reine finanzielle Konsolidierung ist nicht das alleinige übergeordnete Ziel des Financial Fairplay. Es geht vor allem um die Chancengleichheit und diese ist angesichts des verstärkten Engagements von Investoren im Fußball mehr denn je fraglich. Im Gegenteil: Immer mehr Vereine sehen sich gezwungen, sich den Investoren auch unter Abtretung von Stimmrechten und somit von Einfluss zu öffnen.

Ohne eine begleitende Umverteilung stellt das Financial Fairplay eine Beschränkung des Wettbewerbs dar

Das eigentliche "Marktversagen" im Fußball besteht in der Art des Wettbewerbs, wie sie oben geschildert wurde. Das Verbot, Schulden zu machen und Geld von Investoren zu verwenden, trägt nur oberflächlich dazu bei, die finanziellen Probleme im Fußball zu lösen; es geht die Symptome an, aber nicht die Ursachen. Im Gegenteil: Die Ausgeglichenheit und Durchlässigkeit im Fußball, die competitive balance, wird sogar negativ beeinflusst. Die extremen Anreize des "Rattenrennens" werden nicht durch ein Verbot des Schuldenmachens geheilt, sondern durch eine stärkere Umverteilung der Einnahmen gemildert. Mehr noch: Ohne eine begleitende Umverteilung stellt das Financial Fairplay sogar eine Beschränkung des Wettbewerbs dar. Die bestehende Hierarchie wird zementiert, weil es keine Möglichkeit mehr für die kleineren Vereine gibt, über eine temporäre Verschuldung in den Aufbau eines erfolgreichen Teams zu investieren.

Wenn die Ausgaben auf die Höhe der Einnahmen beschränkt sind, bleiben die reichen Clubs reich und die armen Clubs arm. Financial Fairplay schützt also die Position der führenden Clubs und errichtet eine Markteintrittsbarriere für kleinere Vereine. Darüber hinaus ist zweifelhaft, ob allein die Höhe der Verschuldung ein adäquater Indikator für gutes Management und solide Finanzen ist, denn gerade kleinere Vereine müssen ihre Investitionen fremdfinanzieren. Auch die Überwachung und Sanktionierung von Verstößen gegen das Financial Fairplay dürfte die regulatorische Praxis vor erhebliche Probleme stellen.

Klarer Gewinner des Financial Fairplay dürfe in der Bundesliga Bayern München sein. Die nationale Dominanz wird gestärkt, weil kleinere Vereine nicht aufholen können, die internationale Wettbewerbsfähigkeit erhöht sich, weil die europäischen Konkurrenten ihre Vereinsfinanzen konsolidieren müssen. Insofern ist die Frage, ob Financial Fairplay wirklich fair ist, berechtigt [14]. Derzeit wird eine erste juristische Klage gegen die Rechtmäßigkeit von Financial Fairplay verhandelt. In den letzten Monaten ist es zudem zu einer Aufweichung des Financial Fairplay gekommen. Der klar geregelte Verfahrensautomatismus ist nun einer fallweisen Beurteilung nach einer individuellen Anhörung des betreffenden Clubs gewichen. Damit ist einer weicheren Auslegung der Regeln der Boden bereitet.

Wettmanipulation und Korruption

Fanprotest gegen SpielmanipulationenFanprotest gegen Spielmanipulationen (© imago/Moritz Müller)


Durch das "große Geld", das um ihn herum zirkuliert, gerät der Fußball immer wieder in den Verdacht von Korruption und Wettmanipulation. Der erste Skandal in der Bundesliga ereignete sich 1970/71, als es durch Schmiergeldzahlungen zu Spielmanipulationen gekommen war. Im Jahr 2005 haben Indizien von Wettmanipulationen für Schlagzeilen gesorgt, und jüngst war zu lesen, dass Interpol mehrere Dutzend Fälle von verschobenen Spielen verfolgt. Die Bekämpfung der "Wettmafia", in der offenbar auch Spieler, Funktionäre und Schiedsrichter beteiligt sind, gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Verbände, um die Integrität und Glaubwürdigkeit des Fußballs zu retten.

Die Liberalisierung der Wettmärkte und die Kommerzialisierung des Fußballs machen den professionellen Fußball anfällig für Korruption und Manipulation. Jedoch gibt es kaum ein Mittel dagegen. Auch eine Regulierung und mehr Transparenz der Wettmärkte stellen keine Lösung dar. Im Prinzip reicht eine private Wette zwischen zwei Milliardären irgendwo auf der Welt, um einen Anreiz zu bieten, Spieler oder Schiedsrichter zu bestechen. Im Fußball passieren zudem so viele unbeabsichtigte Fehlleistungen, dass eine Absicht nur sehr schwer aufzudecken und nachzuweisen ist. Gleichzeitig spielt der Zufall eine so große Rolle, und es fallen so wenige Tore, dass eine Manipulation leichter möglich ist als beispielsweise im Basketball, wo ein einzelner Fehlwurf kaum dem schlechteren Team den Sieg gegen ein besseres einbringt.

In letzter Zeit sind die großen Weltsportverbände wie das IOC oder die FIFA wegen der Vergabe der Olympischen Winterspiele 2014 nach Sotschi oder der Fußball-WM 2022 nach Katar in die Kritik geraten. Selbst im fußballverrückten Brasilien gab es massiven Widerstand in Teilen der Bevölkerung gegen die WM 2014. Zuletzt hat der Verdacht der Korruption in der FIFA und der UEFA von großem und systematischem Ausmaß den internationalen Fußball schwer erschüttert. Der FIFA-Präsident Josef Blatter und auch UEFA-Präsident Michel Platini sind vorübergehend von ihren Ämtern suspendiert worden. Auch im Deutschen Fußballbund (DFB) kam es infolge einer ungeklärten Zahlung im Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft zum Rücktritt des Präsidenten Wolfgang Niersbach. Die Reputation der FIFA hat in der Folge enormen Schaden genommen – bis hin zur Ankündigung von Sponsoren, ihr Engagement zu überdenken.

Wie andere Sportverbände, die ihre Sportart vermarkten sollen, hat auch die FIFA zwar kein wirkliches Interesse an Korruption, aber eben auch kein Interesse daran, Korruption aufzudecken, weil dies dem Ruf des Fußballs und seiner Vermarktung schaden könnte. Ähnlich verhält es sich im Radsport mit der Aufklärung von Dopingfällen. Die Ausarbeitung eines Code of Honour oder von Compliance-Regeln helfen nur wenig. Die Kontrolle müsste einer externen Instanz übertragen werden, um Unabhängigkeit und Transparenz zu gewährleisten. Insofern sind auch die jüngsten Reformbemühungen in der FIFA skeptisch zu bewerten. Ohne Zweifel stellt die Bewältigung dieser schweren Vertrauenskrise die größte und wichtigste Aufgabe im Fußball dar. Von ihr hängt die Glaubwürdigkeit des Fußballs ab, die angesichts der rasanten Kommerzialisierung von vielen Fans ohnehin schon sehr kritisch betrachtet wird.

Ausblick

Die Veltins-Arena in Gelsenkirchen 2011Die Veltins-Arena in Gelsenkirchen 2011: Das Stadion des Bundesligisten FC Schalke 04 setzte seit der Erbauung 2011 hohe Maßstäbe und ist aufgrund seiner komplexen Technik eine der modernsten Multifunktionsarenen Europas. (© imago/AM-Bildagentur)


Die Bundesliga stellt mittlerweile einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar. Im Spannungsfeld von rechtlicher Autonomie, wirtschaftlicher Monopolstellung und gesellschaftlicher Verantwortung entstehen zahlreiche Interdependenzen und Konflikte. Die wichtigste Frage in diesem Zusammenhang ist wohl, wie der Fußball in seiner unaufhaltbaren Kommerzialisierung die Glaubwürdigkeit erhalten kann, die Werte des Sports – Fairness, Solidarität und Verantwortung – gegenüber den vielfältigen Stakeholdern, aber insbesondere gegenüber der Gesellschaft zu vertreten. Der Schlüssel hierfür liegt in der Transparenz – ob für die DFL, den DFB, die UEFA oder die FIFA. Ansonsten verlieren die Verbände die Legitimation dafür, die Geschicke des Fußballs zu lenken und gleichzeitig seine Tradition und Kultur zu bewahren. Dafür ist es notwendig, den Fußball nicht allein als Business, sondern zuallererst als Spiel zu verstehen.

* Der Text wurde ursprünglich in der Reihe 'Aus Politik und Zeitgeschichte' (APuZ 27–28/2013) veröffentlicht.

Fußnoten

12.
Vgl. UEFA, Club Licensing and Financial Fair Play Regulations, Nyon 2015.
13.
Vgl. UEFA (Anm. 3).
14.
Vgl. Henning Vöpel, Do we really need Financial Fairplay in European club football? in: CESifo DICE Report, (2011) 3, S. 54–59.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Henning Vöpel für bpb.de

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