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19.11.2010

Analyse: Patriotismus in Polen - polnische Identität zwischen Moderne und nationalen Traditionen

Kirche und Nation

Nach dem Tod von Präsident Lech Kaczynski hatten Pfadfinderorganisationen vor dem Präsidentenpalast ein großes Kreuz aufgestellt, um der Trauer Ausdruck zu verleihen. Nach den Präsidentschaftswahlen und noch gut drei Wochen vor seiner Amtseinführung am 6. August hatten der neu gewählte Präsident Komorowski und auch andere Vertreter der PO angekündigt, dass dieses Kreuz entfernt werde, da es sich um ein religiöses Symbol handele, dessen Platz nicht vor einem staatlichen Gebäude, sondern an einem Ort des Kultes sein sollte. Daher wurde zwischen Präsidialadministration, der Warschauer Kurie, der akademischen Seelsorge und Pfadfinderorganisationen vereinbart, es in die nahe gelegene Kirche der Heiligen Anna zu bringen. Dieser für den 3. August geplante Transfer rief den Widerstand von PiS und eines Teils der Öffentlichkeit hervor. Ein Protestkomitee formierte sich und aufgrund des Widerstands wurde die Entfernung des Kreuzes abgesagt. Daraufhin wurde am 9. August eine Demonstration von einigen Tausend Menschen organisiert, die sich für die Entfernung des Kreuzes aussprachen. Die Auseinandersetzung um Symbole und die Deutung der Smolensker Katastrophe war damit auf der Straße angekommen. Für Jaroslaw Kaczynski und PiS besteht die einzige Möglichkeit, den Streit zu schlichten, darin, ein würdiges Denkmal an Stelle des Kreuzes zu errichten, und zwar gleichfalls vor dem Präsidentenpalast. Die von der Präsidialadministration im Expresstempo am 12. August angebrachte Gedenktafel am Präsidentenpalast, die die Opfer der Smolensker Katastrophe und auch das Kreuz erwähnt, ist für PiS und die Verteidiger des Kreuzes keine angemessene Würdigung, zumal diese Aktion mit den Verteidigern des Kreuzes nicht abgestimmt wurde.

Der Streit um das Kreuz nahm also bisweilen groteske Züge an mit polemischen und scharfen Angriffen auf beiden Seiten. Dabei ging es nicht nur um das Gedenken an den tödlich verunglückten Präsidenten, sondern auch um die Verteidigung des Kreuzes als eines polnischen nationalen Symbols in einem öffentlichen Raum. Die katholische Kirche war dabei selbst gespalten. Erzbischof Jozef Michalik aus Przemysl, zugleich Vorsitzender der polnischen Bischofskonferenz, sprach davon, dass das Kreuz in politische Auseinandersetzungen hineingezogen worden sei, und auch der Krakauer Erzbischof Stanislaw Dziwisz erklärte, dass das Kreuz nicht das Eigentum nur einer politischen Gruppe sei. Auch weitere Erzbischöfe wie Jozef ycinski aus Lublin oder Kazimierz Nycz aus Warschau verurteilten die Ausnutzung des Kreuzes zu politischen Zwecken. Dementsprechend appellierte der Episkopat an die Verteidiger des Kreuzes, dessen Verlegung in die Kirche der Heiligen Anna zu gestatten. Allerdings war der Episkopat in dieser Frage geteilt. Der Danziger Erzbischof Slawoj Leszek Glod erinnerte an die Notwendigkeit, ein würdiges nationales Denkmal zu errichten und Andrzej Dziega, Erzbischof von Stettin-Cammin, warnte gar vor einer Entfernung des Kreuzes!

Schließlich nutze auch die polnische Linke, die Demokratische Linksallianz (Sojusz Lewicy Demokratycznej - SLD), die Situation und forderte vehement eine strikte Trennung von Kirche und Staat. Dieses Vorgehen wurde von konservativen Publizisten als Gefahr des Zapaterismus beschrieben, ein Neologismus, der an den sozialistischen spanischen Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero anknüpft. Für Jaroslaw Kaczynski ist der Zapaterismus gleichbedeutend mit der Entfernung aller religiösen Symbole aus dem öffentlichen Raum. Er hatte Anfang August in einem Interview auf den Vorwurf des Chefredakteurs der Tageszeitung Rzeczpospolita, Pawel Lisicki, reagiert, der ihm und Präsident Komorowski vorgeworfen hatte, durch ihre Handlungen ihrerseits eine antichristliche Linke stark zu machen. Präsident Komorowski hat inzwischen auch zu verstehen gegeben, dass er sich für ein Denkmal einsetzen wird, wobei der genaue Platz noch geklärt werden müsse.

Die sehr scharfen Auseinandersetzungen sind allerdings nicht nur mit der politischen Konfrontation im Umfeld der Präsidentschaftswahlen zu erklären, sondern auch durch den Umstand, dass das Kreuz für viele Polen mit der polnischen Nation und damit auch mit ihren patriotischen Gefühlen verbunden ist, die sie durch die Entfernung des Kreuzes gefährdet sehen. Dabei zeichnen Umfragen ein differenziertes Bild des polnischen Patriotismus der letzten Jahre.

Kleine Heimat - was ist des Polen Vaterland?

Untersuchen des polnischen Soziologen Andrzej Szpocinski belegen Veränderungen im Nationalgefühl der Polen und in ihrer Einstellung gegenüber der Vergangenheit. Ihm zufolge findet eine zunehmende Individualisierung der Vergangenheit statt, so dass kollektive Werte zugunsten persönlich-individueller Werte an Bedeutung verlieren würden. Zudem erfolge eine Privatisierung der Geschichte, wie er es nennt, d. h. mehr und mehr gerate die Geschichte kleinerer Gruppen, lokaler Gemeinschaften oder von Familien in den Fokus.

Umfragen des Meinungsforschungsinstituts CBOS (Centrum Badania Opinii Spolecznej - Zentrum zur Erforschung der öffentlichen Meinung) belegen passend dazu, dass die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges, die anderen Umfragen zufolge den stärksten Beweis für den Patriotismus der Polen lieferten, unter den Geschehnissen, auf die die Polen stolz sind, allmählich hinter den Fall des Kommunismus, der Gewerkschaft Solidarnosc und der Wahl des Papstes Johannes Paul II. zurücktreten. Deutlich wird hier der Unterschied zwischen den Generationen. Auf die Frage, was unter Patriotismus zu verstehen sei, wird an erster Stelle sehr allgemein die Liebe zum Vaterland erwähnt. Religion wird nur von einem Prozent der Befragten dazu gerechnet, aber auch ein guter Bürger zu sein und das Recht zu achten, zählen für die Polen nur in verschwindendem Maße zum Patriotismus. Religiöser Kult um die Nation findet damit ebenso wenig einen deutlichen Niederschlag im patriotischen Denken wie ein wie auch immer gearteter Modernisierungspatriotismus.

Bei Umfragen zu den am meisten akzeptierten Werten kommt dem Patriotismus wie auch der Religion lediglich ein mittlerer Rang zu. Die Zeiten der Auseinandersetzungen gegen deutsche Besatzung und sowjetische Dominanz, die eine Mobilisierung nationaler und religiöser Werte erforderlich machten, gehören eben seit Jahrzehnten der Vergangenheit an.

An Bedeutung gewinnt demgegenüber der lokale Patriotismus, die Verbindung mit der »kleinen Heimat« (mala ojczyzna), ohne dass dieser Ort eine solch emotionale Aufladung erfährt wie das große Vaterland in Zeiten des Krieges. Es ist das private Vaterland, das dem ideellen Vaterland, um an eine Unterscheidung des polnischen Soziologen Stanislaw Ossowski aus den 1960er Jahren anzuknüpfen, gegenwärtig den Rang abläuft - trotz der Auseinandersetzungen um das Kreuz vor dem Präsidentenpalast. Hier kann es wohl auch am ehesten zur Erneuerung von Gemeinschaft und Werten kommen, im lokalen Rahmen, wie es der amerikanische Moralphilosoph Alasdair MacIntyre, ein Vertreter des Republikanismus, fordert. Im Einklang mit dieser Entwicklung wird der polnische Patriotismus pluraler, bürgernäher und republikanischer. Was könnte besser in die polnischen Traditionen passen?

Über den Autor

Dr. Stefan Garsztecki, Politologe, ist zurzeit Vertretungsprofessor für Kultur- und Länderstudien Ostmitteleuropas an der Technischen Universität Chemnitz, Institut für Europäische Studien.


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