30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Afghanische Flüchtlinge blicken aus dem Fenster einer Zelle in einem Flüchtlingslager der iranischen Stadt Zahedan.

12.10.2009 | Von:
Berndt Hinzmann

Arbeits- und Menschenrechte in der Textilindustrie

In einer anlässlich der Olympischen Spiele 2008 in Peking durchgeführten Studie[2] wurde offengelegt, dass die ArbeiterInnen der untersuchten Betriebe in China, Indien, Indonesien und Thailand bis zu 50 Prozent weniger als den gesetzlich festgelegten Mindestlohn erhalten. Sie arbeiten sieben Tage die Woche bis zu zwölf Stunden täglich. In allen Fabriken sind Kinder beschäftigt, zum Teil sind diese jünger als zwölf Jahre. Die Studie stellt fest: In den Betrieben besteht ein strenges Disziplinierungssystem, keine Zahlung von Sozialversicherungs- und anderen gesetzlichen Leistungen sowie das Verbot von Gewerkschaftsvertretungen. Auch sind die Sicherheits- und Gesundheitsvorkehrungen in den Fabriken katastrophal. Eine Arbeiterin, die in der Bandweberei einer Taschenfabrik angestellt ist, erzählt, warum sie bei der Arbeit keine Schutzhandschuhe trägt: "Natürlich trägt hier niemand Schutzhandschuhe! Handschuhe machen dich langsamer und der Aufseher hält dich für arrogant. Wenn du Handschuhe tragen willst, brauchst du gar nicht erst hier anzufangen." Ihre Hände sind somit schutzlos den Färbemitteln und Chemikalien ausgesetzt, die sich in die Haut und das darunter liegende Gewebe fressen.

Dass diese Missstände weiterhin den Arbeitsalltag der globalen Lieferkette prägen, zeigt die Notwendigkeit von verbindlichen politischen Regulierungsmechanismen zur Durchsetzung des seit langer Zeit festgeschrieben Rechts auf "Decent Work – Würdige Arbeit". Die Kernprobleme werden offensichtlich nicht gelöst und die "soziale Verantwortung" der Unternehmen der Freiwilligkeit überlassen. Hier sei nochmals Zenayda Torres aus Nicaragua zitiert: "Wir sind arm, aber das gibt dem Unternehmen noch lange nicht das Recht, uns wie Tiere zu behandeln. Wir brauchen diese Jobs und wir sind bereit, hart zu arbeiten. Aber dennoch stehen uns auch Rechte zu. Das Recht, dass wir mit Würde behandelt werden und einen angemessenen Lohn erhalten, der zumindest die Grundbedürfnisse unserer Familien deckt."

Auf internationaler, europäischer und nationaler Ebene gab es in den vergangenen Jahren unterschiedliche politische Initiativen im Bereich der sozialen und ökologischen Verantwortung von Unternehmen wie das Global Compact oder die Etablierung der OECD-Leitlinien sowie Diskussionsgremien und Foren zur "Sozialen Unternehmensverantwortung". Gemessen an den verschiedenen Postulaten bestehen jedoch große Regelungslücken. Es existieren beispielsweise keine Sanktionsmechanismen, um würdige Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Die derzeitigen politischen Vorgaben und freiwilligen Verpflichtungen reichen nicht aus. Die gegenwärtige Praxis in der globalen Beschaffung von Bekleidung steht im Widerspruch zum erklärten politischen Ziel, durch "Decent Work" Armut zu reduzieren.

Veränderungen sind möglich und des Menschen Recht!

Nach anfänglicher Ignoranz von Unternehmen und Politik ist das Thema Gegenstand der öffentlichen Diskussion geworden. Auf unterschiedlichen Ebenen der Gesellschaft gibt es inzwischen Initiativen, die für die Umsetzung von Sozialstandards und für die Verbesserungen der Arbeitsbedingungen für diejenigen kämpfen, die Bekleidung fertigen. Dies ist gelungen, da immer wieder mündige und selbstbewusste VerbraucherInnen in verschiedener Weise aktiv wurden und nachgefragt haben, wie das Hemd, die Hose oder das Kleid hergestellt wurde, das sie erworben haben. Proteste vieler einzelner Menschen, wenn gravierende Missstände wie Verhaftungen, Repressionen, Entlassungen oder tragische Unglücke bekannt wurden, haben Verbesserungen erzwungen. Beständiges Nachfragen von VerbraucherInnen und der politische Dialog haben dazu geführt, dass sich Unternehmen einen freiwilligen Verhaltenskodex gegeben haben und Missstände nicht mehr prinzipiell geleugnet werden. Unterdessen werden Kontrollen durchgeführt – auch wenn diese noch ungenügend sind und oft keine Verbesserungsmaßnahmen erfolgen. Bei den Zulieferfirmen wurde zum Teil mehr Transparenz erreicht, was letztendlich die Kontrolle und Überprüfung der Arbeitsbedingungen etwas verbesserte. Für ArbeiterInnen, die durch Standortverlagerung entlassen wurden, konnten Entschädigungsfonds eingerichtet werden.

Diese kleinen Erfolge der vergangenen Jahre und die anhaltende Unterstützung der KonsumentInnen machen Mut und haben Schritte in die richtige Richtung bewirkt. Es ist der Anfang eines sicherlich noch mühseligen Weges, damit ungerechte Strukturen beendet werden und Bekleidung zu menschenwürdigen Bedingungen gefertigt wird. Eine grundsätzliche Verbesserung und Veränderung der Beschaffungspraxis der Markenfirmen, Discounter und Handelshäuser steht jedoch noch aus. Mehr Transparenz und Verbraucherinformation würden zur Durchsetzung der Arbeits- und Menschenrechte erheblich beitragen.

Fußnoten

2.
Clean Clothes Campaign: "Die Hürden überwinden. Schritte zur Verbesserung von Löhnen und Arbeitsbedingungen in der globalen Sportbekleidungsindustrie".