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„Die Erinnerung an den Holocaust hat sich immer wieder verschiedenen Medienformen angepasst.“ Warum digitales Gedenken ein ständiger Prozess ist

Steffen Jost Philine Janus

/ 12 Minuten zu lesen

Im Interview erläutert Historiker Steffen Jost, wie digitale Akteure das historische Lernen grundlegend verändern und wie dieser erinnerungskulturelle Wandel das Wissen über den Holocaust beeinflusst.

Die Erinnerung an den Nationalsozialismus und den Holocaust verändert sich und findet verstärkt im digitalen Raum statt. (bpb, Mel Wilken) Lizenz: cc by-sa/4.0/deed.de

werkstatt.bpb.de: Die Erinnerungskultur an den Nationalsozialismus und den Holocaust verändert sich durch die digitale Transformation. Wo stehen wir heute?

Steffen Jost: Das Feld der digitalen Erinnerungskultur befindet sich an einer wichtigen Schwelle. Neben den etablierten Institutionen der Erinnerungskultur spielen bei der Vermittlung des Gedenkens an den Holocaust neue Akteure im digitalen Raum eine entscheidende Rolle. Die Frage, wie sich kollektive Erinnerung insbesondere durch mediale Vermittlung verändert, beschäftigt die Forschung schon lange. Unsere kollektive Erinnerung ist schließlich nicht immer gleich: Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg war der Umgang damit ein anderer als heute.

Historiker und Historikerinnen beschreiben verschiedene Zeitabschnitte des Erinnerns oft als Ära (engl. era).

Historische Zeitabschnitte (Ären) des Erinnerns

Ab den 1990er Jahren wurde das Erinnern vor allem medial vermittelt, weil viele Überlebende des Holocaust bereits verstorben waren oder ein hohes Alter erreichten. In dieser Zeit begann beispielsweise Steven Spielberg mit seiner Externer Link: Shoah Foundation, Interner Link: Videos von Zeitzeugen aufzunehmen und zu archivieren, die bis heute eine zentrale Rolle als Quelle spielen. Die französische Historikerin Annette Wieviorka hat von diesem Zeitabschnitt als „Era of the witness“ (der Ära der Zeugen und Zeuginnen) gesprochen.

Eine weitere Phase begann ab den 2000er Jahren mit der globalen Verbreitung des Internets. Diese Phase hat die niederländische Historikerin Susan Hogervorst als „Era of the user“ (Ära der Nutzer und Nutzerinnen) beschrieben. Sie stellte fest, dass die Erinnerungskultur nicht mehr nur durch die Überlebenden, sondern auch durch die Nutzerinnen und Nutzer mitbestimmt wird, indem sie etwa in Kommentarspalten mitreden oder Fotos von Gedenkstättenbesuchen in sozialen Medien teilen.

Der ukrainische Historiker Mykola Makhortykh hat diese Beobachtung erweitert und spricht von der „Era of the platform“ (Ära der Plattform). Er argumentiert, dass die Nutzer und Nutzerinnen nur eine gewisse Macht über die Inhalte haben, weil diese stark durch die Plattform-Algorithmen bestimmt werden – wie wir es heute beispielsweise auf TikTok oder in Google-Suchen erleben.

Durch diese von den Plattformökonomien bestimmten Notwendigkeiten kommen in der Erinnerungsarbeit verstärkt digitale Akteure wie Creator und Creatorinnen ins Spiel. Interviewpartner Steffen Jost argumentiert daher, dass wir inzwischen in einer „Era of the creator“ (Ära der Creators und Creatorinnen) angelangt sind.

In der Erinnerungsarbeit kommen heute verstärkt digitale Akteure wie Creators und Creatorinnen ins Spiel. Den Begriff "Creator" fasse ich dabei weit. Er beschreibt sogenannte Influencer und Influencerinnen, aber beispielsweise auch jemanden wie Luc Bernard, ein französischer Spieleentwickler, der das „Fortnite Holocaust Museum“ entwickelt hat, oder den israelischen Tech- Entrepreneur Mati Kochavi und seine Tochter Maya, die das Instagram-Projekt „eva.stories“ produziert haben.

Was diese Creators und Creatorinnen eint, ist, dass sie nicht mehr als Nutzende agieren, aber eben auch nicht aus den klassischen erinnerungskulturellen Institutionen kommen. Sie sind nicht an Gedenkstätten oder Universitäten angebunden. Von der historischen Forschung aus gesehen würde man sie sogar eher als Amateure bezeichnen.

Sie nutzen als digitale Akteure die Plattformökonomien, um ihre Inhalte zu platzieren.

werkstatt.bpb.de: Wer sind diese Akteure und was produzieren sie für Inhalte?

Steffen Jost: Die neuen Akteure der digitalen Erinnerungskultur sind sehr vielfältig. Sowohl die Art und Weise der Inhalte als auch ihre Qualität variieren. Grundsätzlich kann man sagen, dass sie Content produzieren, der stark Trends unterworfen ist und sich den Plattformlogiken anpasst.

Ein Beispiel ist das "Fortnite Holocaust Museum": Zu der Zeit der Entwicklung war Fortnite ein großer Trend. Heute findet viel auf TikTok statt und Creators und Creatorinnen arbeiten mit KI-generiertem Content.

Qualitativ sind diese Inhalte sehr unterschiedlich. Es gibt zum einen Holocaust-Überlebende, die mit ihren Enkeln zusammen TikTok-Accounts betreiben oder eine Creatorin wie Susanne Siegert, die unter dem Handle @keine.erinnerungskultur professionelle und gut recherchierte Inhalte produziert. Auf der anderen Seite gibt es Accounts, bei denen die historischen Fakten vorne und hinten nicht stimmen oder deren Inhalte unglaublich überemotionalisiert und ästhetisiert wirken.

werkstatt.bpb.de: Schließen sich die Logik moderner digitaler Plattformen und eine ernsthafte Erinnerungskultur an den Holocaust aus Ihrer Sicht aus?

Steffen Jost: Nein, überhaupt nicht. Das Spannende ist, dass sich die Erinnerung an den Nationalsozialismus und den Holocaust geschichtlich immer wieder verschiedenen Medienformen angepasst hat.

Ein gutes Beispiel ist die Fernsehserie Interner Link: „Holocaust“, die 1979 im Fernsehen lief und einen Riesenskandal auslöste. Damals hieß es, die Serie stelle den Holocaust als Soap-Opera dar, oder es wurde der Beginn einer „Hollywoodisierung“ des Themas befürchtet. Heute blickt man auf dieses Beispiel eher mit einem Schulterzucken, weil es sich vollkommen normalisiert hat.

Ähnlich verhält es sich mit der großen Debatte darüber, ob man den Holocaust in Computerspielen verhandeln darf. Dieses Jahr hat das Spiel „The Darkest Files“, ein Serious Game, das die Strafverfolgung von NS-Verbrechen in der Nachkriegszeit thematisiert, den Deutschen Computerspielpreis gewonnen. Und zwar nicht nur in der Sparte Serious Games, sondern als bestes Deutsches Spiel überhaupt.

Insofern würde ich sagen: Es gibt immer einen Wandel – unbenommen bleibt aber, dass es qualitativ guten und schlechten Content gibt.

werkstatt.bpb.de: Wenn Content Creators und Creatorinnen eine immer wichtigere Rolle in der Geschichtsvermittlung einnehmen: Stehen sie in einem direkten Konkurrenzverhältnis zu etablierten Gedenkstätten und Institutionen?

Steffen Jost: Ich glaube, man kann es schon als eine Konkurrenz bezeichnen. Am Ende ist zwar der Speicherplatz unbegrenzt, aber die Aufmerksamkeit der Nutzer und Nutzerinnen ist es nicht. Wenn beispielsweise auf TikTok 500 Accounts Inhalte zur Geschichte des Holocausts machen, ist klar, dass nicht alle gesehen werden können.

werkstatt.bpb.de: Und wie verschiebt sich dadurch die Deutungshoheit über das historische Wissen?

Steffen Jost: Ich glaube, dass die beschriebenen digitalen Akteure oft schneller und unbefangener agieren können. Institutionen wie Gedenkstätten unterliegen häufig hierarchischen Strukturen und erstellen Inhalte beispielsweise mit längeren Abnahmeschleifen. Gleichzeitig ist auch die Erwartungshaltung, die die Öffentlichkeit an die Inhalte solcher Institutionen hat, eine andere. Erinnerungskulturelle Institutionen können vielleicht nicht so frei agieren wie andere Accounts, aber sie haben teils auch unterschiedliche Zielsetzungen mit ihren Inhalten.

werkstatt.bpb.de: Institutionelle Glaubwürdigkeit ist das eine, die Logik von Social Media das andere: Warum stoßen Gedenkstätten auf diesen Plattformen mit ihrer wissenschaftlichen Autorität allein an Grenzen?

Steffen Jost: Erinnerungskulturellen Institutionen wird grundsätzlich eine hohe Autorität und Glaubwürdigkeit zugeschrieben. Eine Umfrage des Deutschen Museumsbundes zeigt beispielsweise, dass Museen in der Gesellschaft als sehr glaubwürdig wahrgenommen werden.

Glaubwürdigkeit allein reicht aber nicht aus, zumindest nicht für den Algorithmus. In der Plattformlogik zählen andere Aspekte wie Authentizität. Susanne Siegert beispielsweise nimmt ihre Videos in ihrem Wohnzimmer auf, trägt ganz normale Kleidung und vermittelt das Bild einer authentischen Creatorin. Aber natürlich versuchen das auch viele Gedenkstätten auf TikTok, indem sie jüngere Personen vor die Kamera treten lassen. Das wirkt ganz anders, als wenn sich der Gedenkstättenleiter selbst vor die Kamera stellt.

Diese Authentizität ist für die Vermittlung auf Social Media enorm wichtig. Auf der eigenen Webseite hingegen ist das weniger relevant. Dort zählen weiterhin primär Glaubwürdigkeit und Autorität: Wenn solche Institutionen dort etwas veröffentlichen, vertrauen die Menschen darauf.

werkstatt.bpb.de: Wie lässt sich dieses Spannungsfeld auflösen – und an welchen Punkten ergibt hier eine konkrete Zusammenarbeit mit Creators und Creatorinnen Sinn?

Steffen Jost: Ich halte es für eine relevante Überlegung, dass Einrichtungen schauen, wie sie die eigene Glaubwürdigkeit und Autorität mit der vielleicht höheren Reichweite von Creators und Creatorinnen kombinieren könnten. Dadurch ergeben sich auch Möglichkeiten, verstärkt Communities außerhalb der „klassischen Zielgruppe“ zu erreichen.

Wenn eine Gedenkstätte mit Creators und Creatorinnen, die Geschichts- oder Wissenschaftscontent produzieren, zusammenarbeitet, erreicht sie natürlich keine wirklich neue Zielgruppe. Hier könnten Institutionen auch mal mehr Mut beweisen und zum Beispiel mit Lifestyle-Creatorinnen und Creators zusammenarbeiten.

Die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus hat ihr Spiel „Das Ilios Experiment” beispielsweisebei der Veröffentlichung mit Twitch-Streamern präsentiert. Die Hoffnung bei dieser Art von Kooperationen ist dann, dass etwas von der Authentizität der Creators und Creatorinnen auf die Inhalte der Institutionen übergeht und diese die Zielgruppe viel direkter erreichen.

werkstatt.bpb.de: Über Social Media werden Jugendliche oft beiläufig mit historischen Inhalten konfrontiert und bringen diese Bilder im Kopf beispielsweise mit in die Gedenkstätten. Mit welchem Vorwissen kommen sie dadurch vor Ort an – und wie können die Institutionen das pädagogisch auffangen?

Steffen Jost: Das lässt sich leider nicht verallgemeinern. Grundsätzlich sollten Institutionen wissen, was auf Social Media passiert. Aber auch hier gilt wieder: Dass Besucherinnen und Besucher von Gedenkstätten mit einem möglicherweise problematischen Vorwissen kommen, ist nicht neu. Viele Jahre war es beispielsweise so, dass Schulklassen vor dem Besuch von KZ-Gedenkstätten den Film „Der Junge im gestreiften Pyjama” gesehen haben, der ein sehr verkürztes und problematisches Bild der KZ-Geschichte vermittelt.

Heute wird das Vorwissen von Jugendlichen stark durch TikTok geprägt. Während früher Schule und Elternhaus entscheidend waren, haben 15- bis 16-Jährige heute via Smartphone Zugriff auf eine riesige Bandbreite an Inhalten. Damit steigt auch die Gefahr, auf holocaustleugnenden Content zu stoßen. Mit etwas Glück haben sie vorher Kanäle wie den von Susanne Siegert oder Inhalte von Gedenkstätten gesehen. Es kann aber auch sein, dass sie gar nichts davon in ihren Feed gespült bekommen, weil der Algorithmus ihnen kein Interesse an Geschichte zuschreibt.

werkstatt.bpb.de: Social Media lebt von leicht konsumierbarem, sogenanntem „Snackable Content“. Welche Herausforderungen birgt diese Verknappung für die Vermittlung komplexer historischer Inhalte?

Steffen Jost: Ein wichtiger Punkt sind die kurzen Aufmerksamkeitsspannen. Wenn man sich alle kurzen Videos eines Accounts nacheinander anschaut, sammelt man viel Wissen an. Schaut man jedoch nur ein oder zwei Videos, bleibt das Wissen oberflächlich und es bleiben am Ende sehr verkürzte Takes stehen.

Ein weiteres, oft unterschätztes Risiko betrifft die Emotionalisierung und das, was in den Kommentarspalten passiert. Mit der Veröffentlichung eines Videos ist es nicht getan. Anders als klassische Printmedien, die sozusagen eine Einbahnstraße der Kommunikation darstellen, bieten soziale Medien in den Kommentaren sowohl eine Chance als auch eine Gefahr: Man kann eine Community aufbauen, aber ohne Moderation können sich dort auch Dynamiken verselbstständigen.

Das hat sich beispielsweise bei dem Projekt Interner Link: „Ich bin Sophie Scholl“ gezeigt. Die Verantwortlichen hatten das Diskussionsbedürfnis unterschätzt. Plötzlich wurden in den Kommentarspalten unter anderem sehr verkürzte Thesen zur Rolle der Wehrmacht geteilt und die Reaktionen der Nutzer und Nutzerinnen wurden nicht aufgefangen. Das war schade, denn hier hätte die Chance bestanden, digitale Gedenkstättenpädagogik richtig interessierten Nutzerinnen und Nutzern zu betreiben.

werkstatt.bpb.de: Was macht eine verkürzte Form der Darstellung mit unserem gesellschaftlichen Wissen über den Holocaust?

Steffen Jost: Das kann ich nicht abschließend beantworten. Sicher ist jedoch, dass es theoretisch ein breiteres und diverseres Wissen ermöglicht. Die Zeit im Schulunterricht ist begrenzt und die Themen in den Lehrplänen sind gesetzt. Nicht alle Lehrkräfte haben die Zeit, in die Breite zu gehen oder sich ganz speziellen Themen anzunehmen. Einige Inhalte auf den verschiedenen sozialen Plattformen ermöglichen es, dass auch unbekanntere, kleinere Geschichten, die sonst eher Spezialwissen waren, plötzlich einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich werden. Das ist ein spannendes Potenzial.

Gleichzeitig kommt es zu einer Verengung auf bestimmte Symboliken. Der Holocaust wird meist gleich dargestellt: durch das Tor von Auschwitz, gestreifte Uniformen und abgemagerte Häftlinge, die in der Regel männlich und jüdisch konnotiert sind.

Diese Fokussierung auf solche „Superzeichen“ oder Ikonen führt dazu, dass viele andere Opfer des Nationalsozialismus gar nicht vorkommen. Es ist im Grunde widersprüchlich, dass man theoretisch Zugriff auf eine riesige Bandbreite an Quellen und Materialien hat, sich gleichzeitig aber alles wieder auf bestimmte einzelne Symboliken konzentriert.

werkstatt.bpb.de: Wie ist die Verengung auf bestimmte Symbole zu erklären? Geht es darum, über die Bildsprache sofortige Assoziationen und einen hohen Wiedererkennungswert zu erzielen?

Steffen Jost: Genau. Man muss sich das so vorstellen: Beim Scrollen durch Instagram und andere Soziale Netzwerke muss das erste Bild sofort klarmachen, worum es eigentlich geht, um überhaupt Aufmerksamkeit zu generieren.

werkstatt.bpb.de: Und welche Geschichten fehlen durch diese Fokussierung auf einzelne Symboliken?

Steffen Jost: Ein Beispiel sind die Geschichten außerhalb der Vernichtungslager. Dazu gehören Themen wie Zwangsarbeit oder das Schicksal von Kriegsgefangenen sowie von Personen, die als sogenannte „Asoziale“ oder „Berufsverbrecher“ verfolgt wurden. Auch die Euthanasie-Morde zählen dazu. Durch die schiere Größe des Internets und der digitalen Erinnerungskultur ist der Holocaust ein unglaublich populäres Thema geworden, was sich beispielsweise auch am aktuellen KI-Content zeigt.

Gleichzeitig gibt es die absurde Situation, dass KI-generierte Fotos zu den unbekanntesten Lagern auf Facebook auftauchen. Ich vermute, dass eine KI automatisierte Wikipedia-Listen nutzt, um zu jedem Ort Postings zu generieren. So bekommen vollkommen unbekannte Lager – etwa in der besetzten Ukraine, Orte der Euthanasie-Morde oder Kriegsgefangenenlager, die in der Bevölkerung kaum eine Rolle spielen – plötzlich eigene Facebook-Beiträge. Das geschieht allerdings mit vielen irreführenden und falschen Geschichten. Abseits der Tatsache, dass diese Orte überhaupt genannt werden, wird dort nichts Gutes vermittelt.

Beispiele KI-generierter Bilder zum Konzentrationslager Janowska (Ukraine) auf Facebook

(© Facebook-Gruppe Forgotten Chapters, bearbeitet) (© Facebook-Account True Lines, bearbeitet) (© Facebook-Account Hidden Timeline, bearbeitet) (© Facebook-Account World History Hub, bearbeitet)

werkstatt.bpb.de: Sobald ein Account viele Follower und Followerinnen hat oder ein Video oft geteilt wird, kann der Eindruck entstehen, dass an den Inhalten etwas dran sein muss. Das kann wiederum die Fähigkeit erschweren, diese Inhalte richtig einzuordnen. Liegt darin eine Gefahr?

Steffen Jost: Ich glaube, es besteht schon eine Gefahr darin, dass Creators und Creatorinnen, die die Spielregeln der Plattformen sehr gut verstehen, in sehr kurzer Zeit große Zahlen an Nutzer und Nutzerinnen erreichen können. Auf TikTok beispielsweise ist Reichweite nicht zwangsläufig an eine große Followerzahl gebunden. Schon eines der ersten Videos eines Accounts kann viral gehen und Millionen Menschen erreichen. Es besteht das Risiko, dass Personen ohne ausreichende Medienkompetenz nicht erkennen, ob Inhalte vertrauenswürdig sind. Dadurch ist es einfacher geworden, dass solche Inhalte ein sehr großes Publikum erreichen.

werkstatt.bpb.de: Welche Kompetenzen sind dann für Lehrkräfte und generell in der politischen Bildung relevant?

Steffen Jost: Für Lehrkräfte wird Medienkompetenz, die sogenannte Media Literacy, immer relevanter. Für erinnerungskulturelle Institutionen sehe ich einen Bedarf für eine Memory media literacy, also eine spezifische erinnerungskulturelle Medienkompetenz.

Ein wesentlicher Kern dieser Kompetenz ist die Bereitschaft zu verstehen, dass Erinnerungskultur im digitalen Raum ein Prozess und nichts Statisches ist.

Es ist heute schwierig zu sagen, man müsse sich vor allem mit Instagram auskennen. Schließlich wissen wir nicht, ob Instagram in zwei Jahren noch ähnlich relevant sein wird wie heute.

In der außerschulischen erinnerungskulturellen Bildung sehe ich den Bedarf, noch viel mehr praktische Kompetenzen im Sinne des eigenen Ausprobierens zu entwickeln. Das heißt, nicht nur zu wissen, was im Digitalen passiert, sondern es im Zweifel selbst getestet zu haben – gern auch in kleineren, geschützten Räumen. Wenn wir beispielsweise über die starke Nutzung KI-generierter Inhalte reden, sollte die Erwartung nicht sein, sofort Projekte umzusetzen, die direkt für alle zugänglich sind. Vielmehr könnte man beispielsweise zunächst nur intern mit eigenen Archivbeständen experimentieren.

Nur so kann man am Ende kritisch entscheiden, was man mitmacht und was nicht, um dann vielleicht auch fundiert in den Diskurs einzugreifen und zu sagen: Das ist eine Entwicklung, die wir falsch finden.

werkstatt.bpb.de: Eine solche Form des diskursiven Eingreifens in eine Debatte gab es beispielsweise mit dem offenen Brief der Gedenkstätten zu den KI-generierten Holocaust-Bildern und -Videos. Was ist in diesem Zusammenhang aus Sicht der digitalen Erinnerungskultur besonders hervorzuheben?

Steffen Jost: Ein zentrales Problem ist, dass es heute viel einfacher ist als noch vor drei Jahren, den digitalen Raum mit Inhalten im schlimmsten Sinne zu fluten, die den Holocaust leugnen oder verfälschen. Vielen dieser KI-Accounts geht es dabei oft gar nicht um bewusste Holocaustleugnung. Sie machen das vielmehr, weil sie festgestellt haben, dass das Thema Menschen erreicht: Fotos von ausgemergelten KZ-Häftlingen kombiniert mit einer kitschigen Geschichte erzeugen Klicks und Likes. Am Ende lässt sich damit über Monetarisierungsprogramme sogar Geld verdienen. Deswegen braucht es in meinen Augen insgesamt deutlich mehr Medienkompetenz, und zwar weit über die digitale Erinnerungskultur hinaus.

Das Interview führte Philine Janus.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Das Externer Link: Fortnite-Holocaust-Museum "Voices of the Forgotten" ist ein im August 2023 veröffentlichtes virtuelles Gedenkprojekt des Entwicklers Luc Bernard (Arcade Distillery). Spielerinnen und Spieler können sich darin über Bildtafeln und Fotografien mit den Schicksalen von Opfern und Widerstandskämpfern auseinandersetzen, während typische Gaming-Funktionen (wie Waffen oder Tänze) blockiert sind. In der Geschichtsdidaktik wird das Projekt als Chance für eine niedrigschwellige, reichweitenstarke Erinnerungsarbeit gelobt, wegen der Plattformumgebung und der verkürzten historischen Kontextualisierung jedoch auch kritisch diskutiert.

  2. Das im Mai 2019 von Mati Kochavi veröffentlichte Instagram-Projekt Externer Link: @eva.stories adaptiert die historische Tagebuch-Geschichte der ungarischen Jüdin Éva Heyman (1931–1944) als Webserie. Unter der Prämisse „Was wäre, wenn ein Mädchen im Holocaust Instagram gehabt hätte?“ vermitteln die mit Hashtags, Stickern und Emojis unterlegten Kurzvideos die zunehmende Entrechtung und Deportation der Protagonistin. Die Debatte in der Öffentlichkeit und der Fachwelt ist geteilt: Während Befürworter das Format als wegweisenden Versuch loben, Jugendliche über eine hohe Reichweite direkt in ihrer Lebenswelt abzuholen, sehen Kritiker in der Nutzung von Instagram-Filtern und Emojis eine unzulässige Verkürzung, die das Grauen der Shoah popkulturell banalisiert.

  3. Vgl. Folge 3 des Podcasts „Werkstatt-Gespräch“, in der Susanne Siegert mit Leonie Schöler über das Thema Interner Link: „Geschichte(n) im Kurzformat - Wissensvermittlung auf TikTok“ spricht.

  4. The Darkest Files ist ein im Jahr 2025 veröffentlichtes historisches Kriminal- und Investigativspiel des Berliner Indie-Studios Paintbucket Games. In der Rolle einer jungen Staatsanwältin unter der Leitung von Fritz Bauer ermitteln Spielerinnen und Spieler in der Nachkriegszeit basierend auf echten Akten gegen NS-Verbrecher. Das Spiel gilt in der Geschichtsdidaktik als innovatives, interaktives Format, um die juristische Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und das System der NS-Justiz einer jüngeren Zielgruppe nahezubringen. Mehr Information zu dem Spiel im Dossier Interner Link: „Games zur politischen Bildung“

  5. Vgl. Externer Link: „Das verborgene Kapital: Vertrauen in Museen in Deutschland Wie die Menschen in Deutschland auf eine Kultureinrichtung im Wandel blicken.“

  6. Das Externer Link: „Ilios Experiment“ ist ein im Jahr 2024 veröffentlichtes, interaktives Serious Game der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA e.V.). Das als Serious-Game-App konzipierte Projekt richtet sich an Jugendliche ab 14 Jahren und thematisiert über eine fiktive, detektivische Storyline moderne Erscheinungsformen von Antisemitismus, Verschwörungserzählungen und digitalem Hass. In der politischen Bildung und Pädagogik wird das Spiel als innovativer Ansatz genutzt, um Medienkompetenz zu stärken und Jugendliche spielerisch für Diskriminierungsmechanismen im digitalen Raum zu sensibilisieren.

  7. Bei „Der Junge im gestreiften Pyjama“ (OT: The Boy in the Striped Pajamas, Großbritannien/USA 2008, Regie: Mark Herman) handelt es sich um die Verfilmung des gleichnamigen Romans von John Boyne. Der Film thematisiert den Holocaust aus der fiktiven Perspektive zweier Kinder – des Sohnes eines KZ-Kommandanten und eines jüdischen Jungen im Lager. Das Werk steht in der Geschichtsdidaktik aufgrund historischer Ungenauigkeiten und einer potenziellen emotionalen Verzerrung in der Kritik. Vgl. dazu: Externer Link: „Das Undarstellbare zeigen – Kinobilder aus den Konzentrationslagern“

  8. „Memory media literacy“ ist ein Fachbegriff, der sich an der Schnittstelle von Geschichtsdidaktik, Erinnerungskultur und Medienwissenschaft bewegt. Er wurde geprägt, um die Kompetenzen zu beschreiben, die man im Umgang mit historischen Inhalten auf digitalen Plattformen (wie TikTok, Instagram oder KI-Tools) benötigt.

  9. Vgl. Offener Brief von Einrichtungen der historisch-politischen Bildung vom 13. Januar 2026: Externer Link: „Konsequentes Vorgehen gegen KI-generierte Holocaust-Verfälschungen auf Social-Media-Plattformen“.

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-SA 4.0 - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International" veröffentlicht. Autoren/-innen: Steffen Jost, Philine Janus für bpb.de

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Steffen Jost ist Historiker und leitet den Bereich Digital & Publishing am Jüdischen Museum in Berlin. Neben Websites, Bildungsplattformen, Katalogen und der Museumsapp verantworten er und sein Team die digitale Transformation des Museums. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit innovativen und digitalen Formaten zur Geschichte des Holocaust und des Nationalsozialismus, u.a. als Leiter der Bildungsabteilung der KZ-Gedenkstätte Dachau und Programmdirektor der Alfred Landecker Foundation.

Philine Janus ist seit August 2022 Redakteurin für werkstatt.bpb.de. Sie studierte Literaturwissenschaft und Soziokulturelle Studien in Berlin und Frankfurt Oder. Nach 2013 arbeitete sie für verschiedene Bildungsträger an Schulen in ganz Berlin, in der Dramaturgie des Berliner Maxim Gorki Theaters und als freie Redakteurin unter anderem für das Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG).