werkstatt.bpb.de: Die Erinnerungskultur an den Nationalsozialismus und den Holocaust verändert sich durch die digitale Transformation. Wo stehen wir heute?
Steffen Jost: Das Feld der digitalen Erinnerungskultur befindet sich an einer wichtigen Schwelle. Neben den etablierten Institutionen der Erinnerungskultur spielen bei der Vermittlung des Gedenkens an den Holocaust neue Akteure im digitalen Raum eine entscheidende Rolle. Die Frage, wie sich kollektive Erinnerung insbesondere durch mediale Vermittlung verändert, beschäftigt die Forschung schon lange. Unsere kollektive Erinnerung ist schließlich nicht immer gleich: Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg war der Umgang damit ein anderer als heute.
Historiker und Historikerinnen beschreiben verschiedene Zeitabschnitte des Erinnerns oft als Ära (engl. era).
Historische Zeitabschnitte (Ären) des Erinnerns
Ab den 1990er Jahren wurde das Erinnern vor allem medial vermittelt, weil viele Überlebende des Holocaust bereits verstorben waren oder ein hohes Alter erreichten. In dieser Zeit begann beispielsweise Steven Spielberg mit seiner Externer Link: Shoah Foundation,
Eine weitere Phase begann ab den 2000er Jahren mit der globalen Verbreitung des Internets. Diese Phase hat die niederländische Historikerin Susan Hogervorst als „Era of the user“ (Ära der Nutzer und Nutzerinnen) beschrieben. Sie stellte fest, dass die Erinnerungskultur nicht mehr nur durch die Überlebenden, sondern auch durch die Nutzerinnen und Nutzer mitbestimmt wird, indem sie etwa in Kommentarspalten mitreden oder Fotos von Gedenkstättenbesuchen in sozialen Medien teilen.
Der ukrainische Historiker Mykola Makhortykh hat diese Beobachtung erweitert und spricht von der „Era of the platform“ (Ära der Plattform). Er argumentiert, dass die Nutzer und Nutzerinnen nur eine gewisse Macht über die Inhalte haben, weil diese stark durch die Plattform-Algorithmen bestimmt werden – wie wir es heute beispielsweise auf TikTok oder in Google-Suchen erleben.
Durch diese von den Plattformökonomien bestimmten Notwendigkeiten kommen in der Erinnerungsarbeit verstärkt digitale Akteure wie Creator und Creatorinnen ins Spiel. Interviewpartner Steffen Jost argumentiert daher, dass wir inzwischen in einer „Era of the creator“ (Ära der Creators und Creatorinnen) angelangt sind.
In der Erinnerungsarbeit kommen heute verstärkt digitale Akteure wie Creators und Creatorinnen ins Spiel. Den Begriff "Creator" fasse ich dabei weit. Er beschreibt sogenannte Influencer und Influencerinnen, aber beispielsweise auch jemanden wie Luc Bernard, ein französischer Spieleentwickler, der das „Fortnite Holocaust Museum“
Was diese Creators und Creatorinnen eint, ist, dass sie nicht mehr als Nutzende agieren, aber eben auch nicht aus den klassischen erinnerungskulturellen Institutionen kommen. Sie sind nicht an Gedenkstätten oder Universitäten angebunden. Von der historischen Forschung aus gesehen würde man sie sogar eher als Amateure bezeichnen.
Sie nutzen als digitale Akteure die Plattformökonomien, um ihre Inhalte zu platzieren.
werkstatt.bpb.de: Wer sind diese Akteure und was produzieren sie für Inhalte?
Steffen Jost: Die neuen Akteure der digitalen Erinnerungskultur sind sehr vielfältig. Sowohl die Art und Weise der Inhalte als auch ihre Qualität variieren. Grundsätzlich kann man sagen, dass sie Content produzieren, der stark Trends unterworfen ist und sich den Plattformlogiken anpasst.
Ein Beispiel ist das "Fortnite Holocaust Museum": Zu der Zeit der Entwicklung war Fortnite ein großer Trend. Heute findet viel auf TikTok statt und Creators und Creatorinnen arbeiten mit KI-generiertem Content.
Qualitativ sind diese Inhalte sehr unterschiedlich. Es gibt zum einen Holocaust-Überlebende, die mit ihren Enkeln zusammen TikTok-Accounts betreiben oder eine Creatorin wie Susanne Siegert, die unter dem Handle @keine.erinnerungskultur
werkstatt.bpb.de: Schließen sich die Logik moderner digitaler Plattformen und eine ernsthafte Erinnerungskultur an den Holocaust aus Ihrer Sicht aus?
Steffen Jost: Nein, überhaupt nicht. Das Spannende ist, dass sich die Erinnerung an den Nationalsozialismus und den Holocaust geschichtlich immer wieder verschiedenen Medienformen angepasst hat.
Ein gutes Beispiel ist die Fernsehserie
Ähnlich verhält es sich mit der großen Debatte darüber, ob man den Holocaust in Computerspielen verhandeln darf. Dieses Jahr hat das Spiel „The Darkest Files“
Insofern würde ich sagen: Es gibt immer einen Wandel – unbenommen bleibt aber, dass es qualitativ guten und schlechten Content gibt.
werkstatt.bpb.de: Wenn Content Creators und Creatorinnen eine immer wichtigere Rolle in der Geschichtsvermittlung einnehmen: Stehen sie in einem direkten Konkurrenzverhältnis zu etablierten Gedenkstätten und Institutionen?
Steffen Jost: Ich glaube, man kann es schon als eine Konkurrenz bezeichnen. Am Ende ist zwar der Speicherplatz unbegrenzt, aber die Aufmerksamkeit der Nutzer und Nutzerinnen ist es nicht. Wenn beispielsweise auf TikTok 500 Accounts Inhalte zur Geschichte des Holocausts machen, ist klar, dass nicht alle gesehen werden können.
werkstatt.bpb.de: Und wie verschiebt sich dadurch die Deutungshoheit über das historische Wissen?
Steffen Jost: Ich glaube, dass die beschriebenen digitalen Akteure oft schneller und unbefangener agieren können. Institutionen wie Gedenkstätten unterliegen häufig hierarchischen Strukturen und erstellen Inhalte beispielsweise mit längeren Abnahmeschleifen. Gleichzeitig ist auch die Erwartungshaltung, die die Öffentlichkeit an die Inhalte solcher Institutionen hat, eine andere. Erinnerungskulturelle Institutionen können vielleicht nicht so frei agieren wie andere Accounts, aber sie haben teils auch unterschiedliche Zielsetzungen mit ihren Inhalten.
werkstatt.bpb.de: Institutionelle Glaubwürdigkeit ist das eine, die Logik von Social Media das andere: Warum stoßen Gedenkstätten auf diesen Plattformen mit ihrer wissenschaftlichen Autorität allein an Grenzen?
Steffen Jost: Erinnerungskulturellen Institutionen wird grundsätzlich eine hohe Autorität und Glaubwürdigkeit zugeschrieben. Eine Umfrage des Deutschen Museumsbundes zeigt beispielsweise, dass Museen in der Gesellschaft als sehr glaubwürdig wahrgenommen werden
Glaubwürdigkeit allein reicht aber nicht aus, zumindest nicht für den Algorithmus. In der Plattformlogik zählen andere Aspekte wie Authentizität. Susanne Siegert beispielsweise nimmt ihre Videos in ihrem Wohnzimmer auf, trägt ganz normale Kleidung und vermittelt das Bild einer authentischen Creatorin. Aber natürlich versuchen das auch viele Gedenkstätten auf TikTok, indem sie jüngere Personen vor die Kamera treten lassen. Das wirkt ganz anders, als wenn sich der Gedenkstättenleiter selbst vor die Kamera stellt.
Diese Authentizität ist für die Vermittlung auf Social Media enorm wichtig. Auf der eigenen Webseite hingegen ist das weniger relevant. Dort zählen weiterhin primär Glaubwürdigkeit und Autorität: Wenn solche Institutionen dort etwas veröffentlichen, vertrauen die Menschen darauf.
werkstatt.bpb.de: Wie lässt sich dieses Spannungsfeld auflösen – und an welchen Punkten ergibt hier eine konkrete Zusammenarbeit mit Creators und Creatorinnen Sinn?
Steffen Jost: Ich halte es für eine relevante Überlegung, dass Einrichtungen schauen, wie sie die eigene Glaubwürdigkeit und Autorität mit der vielleicht höheren Reichweite von Creators und Creatorinnen kombinieren könnten. Dadurch ergeben sich auch Möglichkeiten, verstärkt Communities außerhalb der „klassischen Zielgruppe“ zu erreichen.
Wenn eine Gedenkstätte mit Creators und Creatorinnen, die Geschichts- oder Wissenschaftscontent produzieren, zusammenarbeitet, erreicht sie natürlich keine wirklich neue Zielgruppe. Hier könnten Institutionen auch mal mehr Mut beweisen und zum Beispiel mit Lifestyle-Creatorinnen und Creators zusammenarbeiten.
Die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus hat ihr Spiel „Das Ilios Experiment”
werkstatt.bpb.de: Über Social Media werden Jugendliche oft beiläufig mit historischen Inhalten konfrontiert und bringen diese Bilder im Kopf beispielsweise mit in die Gedenkstätten. Mit welchem Vorwissen kommen sie dadurch vor Ort an – und wie können die Institutionen das pädagogisch auffangen?
Steffen Jost: Das lässt sich leider nicht verallgemeinern. Grundsätzlich sollten Institutionen wissen, was auf Social Media passiert. Aber auch hier gilt wieder: Dass Besucherinnen und Besucher von Gedenkstätten mit einem möglicherweise problematischen Vorwissen kommen, ist nicht neu. Viele Jahre war es beispielsweise so, dass Schulklassen vor dem Besuch von KZ-Gedenkstätten den Film „Der Junge im gestreiften Pyjama”
Heute wird das Vorwissen von Jugendlichen stark durch TikTok geprägt. Während früher Schule und Elternhaus entscheidend waren, haben 15- bis 16-Jährige heute via Smartphone Zugriff auf eine riesige Bandbreite an Inhalten. Damit steigt auch die Gefahr, auf holocaustleugnenden Content zu stoßen. Mit etwas Glück haben sie vorher Kanäle wie den von Susanne Siegert oder Inhalte von Gedenkstätten gesehen. Es kann aber auch sein, dass sie gar nichts davon in ihren Feed gespült bekommen, weil der Algorithmus ihnen kein Interesse an Geschichte zuschreibt.
werkstatt.bpb.de: Social Media lebt von leicht konsumierbarem, sogenanntem „Snackable Content“. Welche Herausforderungen birgt diese Verknappung für die Vermittlung komplexer historischer Inhalte?
Steffen Jost: Ein wichtiger Punkt sind die kurzen Aufmerksamkeitsspannen. Wenn man sich alle kurzen Videos eines Accounts nacheinander anschaut, sammelt man viel Wissen an. Schaut man jedoch nur ein oder zwei Videos, bleibt das Wissen oberflächlich und es bleiben am Ende sehr verkürzte Takes stehen.
Ein weiteres, oft unterschätztes Risiko betrifft die Emotionalisierung und das, was in den Kommentarspalten passiert. Mit der Veröffentlichung eines Videos ist es nicht getan. Anders als klassische Printmedien, die sozusagen eine Einbahnstraße der Kommunikation darstellen, bieten soziale Medien in den Kommentaren sowohl eine Chance als auch eine Gefahr: Man kann eine Community aufbauen, aber ohne Moderation können sich dort auch Dynamiken verselbstständigen.
Das hat sich beispielsweise bei dem Projekt
werkstatt.bpb.de: Was macht eine verkürzte Form der Darstellung mit unserem gesellschaftlichen Wissen über den Holocaust?
Steffen Jost: Das kann ich nicht abschließend beantworten. Sicher ist jedoch, dass es theoretisch ein breiteres und diverseres Wissen ermöglicht. Die Zeit im Schulunterricht ist begrenzt und die Themen in den Lehrplänen sind gesetzt. Nicht alle Lehrkräfte haben die Zeit, in die Breite zu gehen oder sich ganz speziellen Themen anzunehmen. Einige Inhalte auf den verschiedenen sozialen Plattformen ermöglichen es, dass auch unbekanntere, kleinere Geschichten, die sonst eher Spezialwissen waren, plötzlich einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich werden. Das ist ein spannendes Potenzial.
Gleichzeitig kommt es zu einer Verengung auf bestimmte Symboliken. Der Holocaust wird meist gleich dargestellt: durch das Tor von Auschwitz, gestreifte Uniformen und abgemagerte Häftlinge, die in der Regel männlich und jüdisch konnotiert sind.
Diese Fokussierung auf solche „Superzeichen“ oder Ikonen führt dazu, dass viele andere Opfer des Nationalsozialismus gar nicht vorkommen. Es ist im Grunde widersprüchlich, dass man theoretisch Zugriff auf eine riesige Bandbreite an Quellen und Materialien hat, sich gleichzeitig aber alles wieder auf bestimmte einzelne Symboliken konzentriert.
werkstatt.bpb.de: Wie ist die Verengung auf bestimmte Symbole zu erklären? Geht es darum, über die Bildsprache sofortige Assoziationen und einen hohen Wiedererkennungswert zu erzielen?
Steffen Jost: Genau. Man muss sich das so vorstellen: Beim Scrollen durch Instagram und andere Soziale Netzwerke muss das erste Bild sofort klarmachen, worum es eigentlich geht, um überhaupt Aufmerksamkeit zu generieren.
werkstatt.bpb.de: Und welche Geschichten fehlen durch diese Fokussierung auf einzelne Symboliken?
Steffen Jost: Ein Beispiel sind die Geschichten außerhalb der Vernichtungslager. Dazu gehören Themen wie Zwangsarbeit oder das Schicksal von Kriegsgefangenen sowie von Personen, die als sogenannte „Asoziale“ oder „Berufsverbrecher“ verfolgt wurden. Auch die Euthanasie-Morde zählen dazu. Durch die schiere Größe des Internets und der digitalen Erinnerungskultur ist der Holocaust ein unglaublich populäres Thema geworden, was sich beispielsweise auch am aktuellen KI-Content zeigt.
Gleichzeitig gibt es die absurde Situation, dass KI-generierte Fotos zu den unbekanntesten Lagern auf Facebook auftauchen. Ich vermute, dass eine KI automatisierte Wikipedia-Listen nutzt, um zu jedem Ort Postings zu generieren. So bekommen vollkommen unbekannte Lager – etwa in der besetzten Ukraine, Orte der Euthanasie-Morde oder Kriegsgefangenenlager, die in der Bevölkerung kaum eine Rolle spielen – plötzlich eigene Facebook-Beiträge. Das geschieht allerdings mit vielen irreführenden und falschen Geschichten. Abseits der Tatsache, dass diese Orte überhaupt genannt werden, wird dort nichts Gutes vermittelt.