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Analyse: „Bedeutende Details“. Polnische Literatur der letzten zwanzig Jahre | Polen-Analysen | bpb.de

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Analyse: „Bedeutende Details“. Polnische Literatur der letzten zwanzig Jahre Polen-Analysen Nr. 317

Prof. Dr. Renata Makarska

/ 13 Minuten zu lesen

Oberschlesien als mehrsprachiger Mikrokosmos? Die bäuerliche Herkunft der polnischen Bevölkerung? Migrationsgeschichten an der polnischen Grenze? Die polnische Gegenwartsliteratur spiegelt das Leben.

Der Autor Szczepan Twardoch stellt in Kattowitz seinen Roman "Cholod" vor. (2022) (© picture-alliance/dpa, CTK | Klatka Grzegorz)

Zusammenfassung

In der Übersicht über die Tendenzen der polnischen Literatur der letzten zwanzig Jahre wird insbesondere die Genre-Heterogenität der mit verschiedenen Preisen ausgezeichneten Titel ins Visier genommen, wobei im Zentrum die nachhaltig große Popularität der Non-Fiction-Literatur, darunter die sog. literarische Reportage, steht. Ebenso wird die Entwicklung des relativ neuen Genres der Graphic Novel berücksichtigt. Thematische Schwerpunkte bilden u. a. die (ober)schle­sische Kultur und Geschichte, Herstory und „bäuerliche Genealogie“ des heutigen Polen.


Ein Übersetzer, eine Kunstkritikerin, ein Architekturhistoriker, eine Fotografin und eine Journalistin standen 2023 auf der Shortlist des wichtigsten polnischen Literaturpreises NIKE. Der Preis wird seit 1996 jährlich verliehen, unter den Ausgezeichneten sind u. a. Czesław Miłosz, Wisława Szymborska und Olga Tokarczuk, die bereits lange zuvor erfolgreich und einem breiten Publikum bekannt waren. Für viele Autor:innen wurde er jedoch zum wahren Karrieresprungbrett, so für Dorota Masłowska, Marcin Wicha, Radek Rak oder Zbigniew Rokita. Nominiert und ausgezeichnet werden mittlerweile Texte unterschiedlicher Genres, die jedoch gleichermaßen einem literarischen Anspruch genügen: Romane, Gedichtbände, Reportagen, (Auto)Biografien, Essays, historische Studien – die Heterogenität der letzten Shortlist ist daher keine Ausnahme. So hat die NIKE-Jury in den vorigen Jahren verschiedene Gattungen prämiert: 2021 eine Reportage (von Zbigniew Rokita), 2022 einen Gedichtband (von Jerzy Jarniewicz) und 2023 doch einen Roman (von Zyta Rudzka). Die Lesenden feiern Romane ebenso wie Non-Fiction-Literatur. Die letzten zwanzig Jahre sind aber nicht nur von einer wachsenden Heterogenität der literarischen Texte geprägt, sondern auch von der boomenden Landschaft neuer Literaturverlage und -festivals.

Reportage als literarische Gattung

Als die belarussische Autorin Swetlana Alexijewitsch 2015 den Literaturnobelpreis erhielt, machte sich Staunen im deutschsprachigen Literaturfeuilleton breit: „Der Literaturnobelpreis sollte große Literatur auszeichnen, nicht großartigen Journalismus“, war u. a. zu lesen. Derartige Stimmen konnte man in Polen kaum wahrnehmen, denn dort haben Hanna Krall (geb. 1935) und Ryszard Kapuściński (1932–2007) dieses Genre stark vorgeprägt und zum wesentlichen Teil der Literaturszene gemacht. „Ich bin eine Reporterin“, sagt Hanna Krall wiederholt über ihre Arbeit. Sie fühlt sich ihren Protagonist:innen verpflichtet und erreicht durch die Wahl der Themen und ihren minimalistischen Stil eine besondere literarische Qualität. So auch in ihrer letzten Reportagesammlung Szczegóły znaczące (2022) [Bedeutende Details], deren Texte 2021/22 in der Wochenzeitung Tygodnik Powszechny erschienen sind.

Nach der Wende setzten sich einige neu gegründete Verlage für Non-Fiction ein: In der Serie „Reportage“ des 1996 gegründeten Verlags Czarne sind bisher ca. 200 Bücher erschienen, polnische wie übersetzte Titel, u. a. von Paweł Smoleński, Cezary Łazarewicz, Wojciech Tochman, Jacek Hugo-Bader sowie von den jüngeren Ilona Wiśniewska, Michał Książek oder Michał Kącki. Bald folgte die zweite Reihe – „Sulina“, die sich der Non-Fiction-Literatur in extenso widmet – neben der Reportage auch Reiseliteratur oder Essayistik. Hier erschienen u. a. die meisten Titel von Ziemowit Szczerek, das unlängst in Deutschland breit rezipierte Buch von Karolina Kuszyk „In den Häusern der anderen“ (2019; 2022 auf Deutsch, Übers. Bernhard Hartmann), aber auch Übersetzungen der Reportagen von Martin Pollack oder Wolfgang Büscher.

Der Boom der Reportage-Literatur geht im Polen der Nachwendezeit Hand in Hand mit der Etablierung der journalistisch-literarischen Ausbildung der Nachwuchsautor:innen: 2009 wurde in Warschau die Stiftung Reportage-Institut (Fundacja Instytut Reportażu) ins Leben gerufen, die seitdem reguläre Reportage-Kurse anbietet. Zu den Gründern gehören u. a. Mariusz Szczygieł, Wojciech Tochman und Wojciech Jagielski. Den (künftigen) Autor:innen wird hier nicht nur eine Ausbildung, sondern auch berufliche Vernetzung und der Druck der ersten Arbeiten ermöglicht. Seit 2014 führt das Reportage-Institut daher den institutseigenen Verlag Dowody (wörtl. Beweise, zuerst hieß er Dowody na Istnienie/“Existenzbeweise“ nach dem bekannten Buchtitel von Hanna Krall), wo sowohl erfahrene Autor:innen als auch Debütant:innen publiziert werden. Kürzere Reportagen erscheinen bis heute in der Beilage Duży Format [Großformat] der Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Seit 2010 wird jährlich der namhafte Ryszard-Kapuściński-Preis für die „literarische Reportage“ verliehen, seit 2020 können Autor:innen auch zum Grand-Press-Preis für das beste Reportage-Buch des Jahres nominiert werden, einem der wichtigsten journalistischen Preise im Land.

Als ein Teil des erwähnten Reportage-Instituts fungiert seit Kurzem die „Schule der Ökopoetik“, welche sich für die Ökokompetenz unter Kulturschaffenden einsetzt: Sie konzentriert sich nicht zentral auf die Schreibkompetenz, sondern auf die Wahrnehmung der Klimakrise, die sich vor unseren Augen abspielt. Die Studierenden erwerben diese Kompetenz direkt in der Natur und reflektieren sowohl wissenschaftliche Texte als auch aktuelle Beispiele literarischer Öko-Narrationen, so z. B. „Straße 816“ von Michał Książek (2015; 2018 auf Deutsch, Übers. Renate Schmidgall) oder Dwanaście srok za ogon [etwa „Eine Taube auf dem Dach“] von Stanisław Łubieński (2016). Diese Initiative wird u. a. von den Autor:innen Filip Springer und Julia Fiedorczuk geleitet.

Oberschlesien auf (polnischen) Bestsellerlisten

Das Thema der oberschlesischen Kultur und Geschichte hat in den letzten zehn Jahren Szczepan Twardoch auf die ersten Seiten der Feuilletons gebracht. Sein Roman Drach (2014; 2016 auf Deutsch, Übers. Olaf Kühl), der mehrere Schlesier:innen-Generationen vom Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart ins Visier nimmt, wurde breit diskutiert und hat deutlich die Grenzen des lokalen Interesses überschritten. Neben der Handlung ist hier die Sprache ein wichtiges Textmerkmal: Der Roman verbindet kreativ das Polnische mit dem Oberschlesischen und dem Deutschen und konfrontiert so die Lesenden mit der lokalen Mehrsprachigkeit. Dies war eine wichtige Stimme in der bis heute andauernden Diskussion um den Status der oberschlesischen Sprache in Polen, die nicht als Regionalsprache anerkannt wird. Der Literaturhistoriker und -kritiker Ryszard Koziołek wies damals darauf hin, dass das Oberschlesische bei Twardoch „die Spur der menschlichen Stimme gegenüber der unmenschlich sauberen [fehlerfreien – RM] polnischen Sprache der Bestie“ bedeutet. „In dem Streit über den Status der schlesischen Sprache macht der Autor das einzig Sinnvolle – er zeigt die literarische Kraft dieser Sprache“, so Koziołek.

Twardoch bewegte sich mit seinem Thema keineswegs in einem kulturellen Vakuum, sondern trat zum Teil in die Fußstapfen solch namhafter Kulturschaffender wie u. a. Kazimierz Kutz (seine oberschlesische Filmtrilogie ist in Deutschland bestens bekannt) oder Małgorzata Szejnert („Der schwarze Garten“, Übers. Benjamin Voelkel, 2015), die bereits viel früher die schlesische Geschichte, Sprache und Kultur zu ihrem Thema machten. Während sich aber Twardochs Roman vor allem auf männliche Protagonisten konzentrierte, griff die ebenso aus Schlesien stammende Journalistin und Schriftstellerin Anna Dziewit-Meller in ihrem autofiktionalem Buch Od jednego Lucypera (2020) [Vom gleichen Teufel stammend] das Thema der oberschlesischen Herstory auf. Ihre Familiensaga, die nach 1945 einsetzt, handelt von Frauen in Schlesien während der Zeit des Sozialismus, von der scheinbaren Gleichberechtigung und der schwierigen Emanzipation. Eine unbestrittene Stärke von Dziewit-Meller ist, dass sie genauso stark aus dem familiären Gedächtnis wie aus lokalen Archiven schöpft und eine bisher ausgebliebene Perspektive auf Oberschlesien liefert.

Gefeiert wurde auf dem Buchmarkt in den letzten Jahren ebenso die (auto)biogra­fische Reportage Kajś. Opowieść o Górnym Śląsku [Irgendwo. Erzählung von Oberschlesien] von Zbigniew Rokita, in welcher der Autor die verwobene Geschichte seiner Familie zum Thema macht: als Pars pro Toto der Narration über das heutige Schlesien oder sogar Ostmitteleuropa. In der bereits erwähnten Buchreihe „Sulina“ des Verlages Czarne erschienen, verbindet Kajś das Genre der Reportage mit Essayelementen, Interviews und reichert es mit Fotos an. Für diesen Titel erhielt Rokita 2021 den NIKE-Preis, in der Laudatio hieß es, das Buch entdecke eine Atlantis, die bisher – obwohl in Europas Mitte gelegen – uns, Nicht-Schlesier:innen, unzugänglich war. Bemerkenswert ist, dass sowohl Kajś (2020) als auch das zuvor breit rezipierte Drach (2014) ins Oberschlesische übersetzt wurden, was eine doppelte Nobilitierung – für die Sprache und für die Texte – bedeutet. Die oberschlesische Fassung der beiden Bücher (Übers. Grzegorz Kulik) bereichert einen mittlerweile umfangreichen Fundus der Literatur in dieser Sprache; sie macht darüber hinaus die polnische Mehrheitsgesellschaft auf das Phänomen der Literaturen, die in Polen in Minderheitensprachen erscheinen, aufmerksam.

Der oberschlesische Kulturraum bleibt ein fester Bestandteil von Twardochs Schaffen, so auch in seinem neuesten Roman Cholod (2022): Zum einen stammt sein Protagonist Konrad Widuch aus Oberschlesien, zum anderen wird hier die u. a. für diesen Raum typische Mehrsprachigkeit noch intensiver betrieben als dies in Drach der Fall ist: Das Polnische vermischt sich mit dem Russischen, Schlesischen, Deutschen, Jakutischen und dem für die Zwecke des Romans „rekonstruierten“ Baltoslavischen. Was mit einer solchen Sprachmischung im Prozess der Übersetzung passieren kann, können deutsche Lesende schon 2024 erfahren; das Buch soll in der Übersetzung von Olaf Kühl bei Rowohlt erscheinen.

Bäuerliche Genealogie des heutigen Polen: Blick auf Bücherregale

Die Genre-Heterogenität der polnischen Literatur heute – da wo bisher Belles Lettres herrschten, treffen sich heute auf postmoderne Weise ein Roman mit einem Essay, eine wissenschaftliche Abhandlung mit einer Reportage – zeigt sich auch bei anderen Themen, und zwar besonders prägnant bei der „bäuerlichen Genealogie“ der heutigen polnischen Gesellschaft. Als erster machte Andrzej Leder mit „Polen im Wachtraum. Die Revolution 1939–1956 und ihre Folgen“ (Prześniona rewolucja , 2014; 2019 Übers. Sandra Ewers) auf dieses Thema aufmerksam. „Leder legt darin die polnische Gesellschaft kollektiv auf die Couch und stellt bis dahin nicht bekannte Diagnosen“, stellte ein Rezensent fest. Die im Titel genannte Revolution betraf den Umbruch innerhalb der gesellschaftlichen Struktur: Den leeren Platz nach den ermordeten polnischen Juden und Teilen des Bürger- und Kleinbürgertums nahm vor allem die bäuerliche Bevölkerung ein, die auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben immer häufiger in die Städte zog. Die Paradoxie der gesellschaftlichen Situation im heutigen Polen besteht darin, dass die Kräfte, die die rechtskonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość – PiS) unterstützen und sich als „Opfer der Geschichte“ sehen, zu den eigentlichen Profiteuren der Geschichte von damals zählen, so kurz gefasst Leders Diagnose, der als Kultursoziologe an der Polnischen Akademie der Wissenschaften (Polska Akademia Nauk – PAN) forscht. Diese wissenschaftliche Arbeit wird hier genannt, weil sie ungewöhnlich breit diskutiert wurde und weitere (auch literarische) Stimmen nach sich zog. Auch der deutschen Übersetzung widmeten sich mehrere Rezensionen, z. B. in der ZEIT oder der NZZ. So erschien 2020 Ludowa historia Polski. Historia wyzysku i oporu. Mitologia panowania [Volksgeschichte Polens. Eine Geschichte der Ausbeutung und des Widerstandes. Mythologie der Herrschaft] von Adam Leszczyński, die 2021 für den NIKE-Preis nominiert war und anschließend Theaterschaffende inspirierte (z. B. im Teatr Nowy in Lodz/Łódź). Diese soziohistorische Studie widmet sich der langsamen Emanzipation der bäuerlichen und – später – proletarischen Schichten (also gefühlt ca. 90 Prozent der Gesellschaft), die oft ethnisch heterogen waren. Leszczyński, Soziologe und Historiker, der dazu noch journalistisch arbeitet, schrieb ein Buch, das jede und jeden erreichen sollte, deswegen überraschte seine Anwesenheit auf der Liste der „20 besten Bücher des Jahres“ niemanden.

Parallel zu der wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema erfolgte eine literarische Auseinandersetzung, die in dem märchenhaften Roman über den Bauernführer des 19. Jahrhunderts Jakub Szela (1787–1860) kulminierte: Baśń o wężowym sercu [Märchen über ein Schlangenherz] von Radek Rak (2019). Für dieses in der Ästhetik alter Volkslegenden und des magischen Realismus konzipierte Werk, in dem sich ein Mensch in einen Wolf, Baum oder Stein verwandeln und magische Kräfte entwickeln kann, erhielt der hauptberuflich als Tierarzt tätige Autor ein Jahr später den NIKE-Preis. In dem Roman, der aus ethnografischen Quellen, Volkslegenden und Phantastik konzipiert wurde und fabelhafte Elemente mit der Geschichte der Leibeigenschaft konfrontiert, begleiten die Lesenden die innere Entwicklung des Volkshelden. Szela wird zu einer halb realen, halb mythischen Gestalt wie die bisher aus der Ethnografie und Literatur bekannten Figuren eines (slowakischen) Janošik oder eines (huzulisch-ukrainischen) Dovbuš.

Interessanterweise werden diese drei Titel – Leder, Leszczyński und Rak – unabhängig von ihrer Gattungsheterogenität oft zusammen bzw. parallel gelesen und als Ausdruck einer sich im Wandel befindenden Reflexion über die gesellschaftlichen Prozesse der letzten Jahrhunderte rezipiert.

Es wundert daher nicht, dass sich zu diesen drei Titeln neue gesellen. 2023 erscheint eine „bäuerliche“ Herstory : die historische Reportage von Joanna Kuciel-Frydryszak Chłopki. Opowieść o naszych babkach [Bäuerinnen. Erzählung über unsere Großmütter]. Kuciel-Frydryszak, Journalistin und Reporterin, hat zuvor über Dienstmädchen und marginalisierte Frauen im Polen der Zwischenkriegszeit geforscht, beide lassen sich als eine „Sozialgeschichte von unten“ lesen.

Wie die Graphic Novel nach Polen kam

Bis zur Wende galt in Polen der Comic als ein Genre, das sich vor allem an Kinder richtet. Diese Wahrnehmung war die Folge der verhinderten Entwicklung dieses Mediums in der Zeit der Volksrepublik Polen, ähnlich wie in anderen „Volksdemokratien“. Nach 1989 und nach der ersten Zeit der Restrukturierung des Buchmarktes und der anfänglichen Überflutung durch die Übersetzungen von ausländischen (vor allem US-amerikanischen) (Superhelden)Comics, konnte sich ein ausdifferenziertes Verlagssystem entwickeln, das polnische Produktionen in großer Bandbreite förderte. Mittlerweile hat sich dieses Medium weitgehend emanzipiert und nimmt an vielen gesellschaftlichen Diskursen „gleichberechtigt“ teil. Im Folgenden möchte ich auf drei markante Beispiele hinweisen.

Eine Signalwirkung hatte für die breite Leserschaft das Werk von Maciej Sieńczyk Przygody na bezludnej wyspie [Abenteuer auf einer einsamen Insel] (2013), Abenteuergeschichte, Comic ohne Comicpanels und surreale Story zugleich. Bis dato ist dies die einzige Comicarbeit, die eine Nominierung zum NIKE-Preis erhielt. Diese Nominierung hatte eine nachhaltige Wirkung: Seitdem kämpft der polnische Comic, d. h. die Comicschaffenden, Verlage und Rezensent:innen, immer sichtbarer um einen gleichberechtigten Platz unter den Künsten. In Wochenzeitungen erscheinen immer häufiger Comicrezensionen (ähnlich wie Film-, Musik-, Theater- und Buchbesprechungen) und in Buchhandlungen fallen polnische Comics zunehmend ins Auge. Zu der wichtigsten polnischen Buchmesse in Warschau gesellte sich ihr Comicpendant – Komiksowa Warszawa (ähnlich wie die Comic- und Mangamesse als Teil der Leipziger Buchmesse). Przygody von Sieńczyk blieb kein Einzelfall. So wie in Deutschland oder in der Tschechischen Republik entstanden in Polen erste Werke, die als „Wendecomics“ betrachtet werden können, allen voran Totalnie nie nostalgia [Gar keine Nostalgie] (2017) von Wanda Hagedorn (Skript) und Jacek Frąś (Zeichnung). Die Autorin selbst bezeichnete ihre Arbeit als Memoiren. Totalnie nie nostalgia ist ein gutes Beispiel der polnischen Graphic Novel, die als „Emanzipationsgeschichte polnischer Frauen nach 1945“ beworben wurde, aber auch als Kindheitsgeschichte einer kleinen Wanda gesehen werden kann: Katholische Übermacht, dysfunktionale Familie, Staatspropaganda prägen ihre Kindheit. „Totalnie nie nostalgia ist ein Beweis für zwei Dinge: Dass eine Mikrogeschichte eine Quelle des Wissens über eine Epoche sein kann und dass ein Comic durchaus als Mikrogeschichte fungieren kann“, hieß es in einer Rezension.

Ebenfalls eine Kindheitsgeschichte steht in der Graphic Novel Pan Żarówka (2018) [Herr Glühbirne] von Wojtek Wawszczyk im Zentrum, mit dem Unterschied, dass sich diese Arbeit einer Anti-Ästhetik wie aus dem Comicunderground bedient und weitgehend auf eine realistische Narration verzichtet. Kindheitsgeschichte bedeutet in diesem Fall die Geschichte einer psychischen Krankheit. „Betroffen“ sind in der Graphic Novel alle: Der Vater erleidet einen Arbeitsunfall und wird seitdem – als ein übergroßer Pfannkuchen dargestellt – zum Pflegefall für die Familie. Die Mutter zerbricht, nicht nur unter den häuslichen Aufgaben, sondern auch wörtlich unter einer zu schweren physischen Last. Der Erzähler – zu Beginn der Narration ein sechsjähriger Junge – kann wie eine Glühbirne leuchten bzw. in der Wand verschwinden. Diese surreale und symbolische Arbeit kann auch als Beitrag zu dem breit diskutierten Thema der Parentifizierung gelesen werden. In Polen hoch gefeiert, wurde die Graphic Novel 2022 von Antonia Lloyd Jones ins Englische übersetzt und in dem bekannten US-amerikanischen Verlag Fantagraphics veröffentlicht.

Neue Verlage, neue Lesefestivals

Literatur braucht einen gut funktionierenden Literaturmarkt, d. h. ein dichtes Netz von Verlagen, die Gespür für literarische Tendenzen, Visionen für die Zukunft und Mut zur Innovation haben. Hinter den Verlagen stehen konkrete Personen: Beispielhaft dafür ist der 1996 von dem Autorenduo Andrzej Stasiuk und Monika Sznajderman gegründete Verlag Czarne, der den Charakter des polnischen Literaturmarkts, aber auch der polnischen Literatur verändert hat. Bei fast jedem Literaturpreis stehen Czarne-Autor:innen auf der Short-List.

Das letzte Jahrzehnt brachte die Gründung weiterer Verlage mit sich, die schnell die Anerkennung der Kritik und der Lesenden gewonnen haben: Seit 2007 besitzt die linke Zeitschrift „Krytyka Polityczna“ ihren eigenen Verlag, der sich dem (populär)wissenschaftlichen Buch verschrieben hat. Hier erschienen u. a. Oni. Homoseksualiści w czasie II wojny światowej von Joanna Ostrowska [Sie. Homosexuelle während des Zweiten Weltkrieges], das den NIKE-Preis der Lesenden 2022 verliehen bekam, und Gotowi na przemoc. Mord, antysemityzm i demokracja w międzywojennej Polsce [Zur Gewalt bereit. Mord, Antisemitismus und Demokratie im Polen der Zwischenkriegszeit] von Paweł Brykczyński (2018). Seit 2008 ist der Verlag Karakter (Krakau/Kraków) auf dem Markt, der sich neben der Belletristik und der Non-Fiction der Illustration und Buchtypographie verschrieben hat: Die dort herausgegebenen Bücher sind zu typographischen Geheimtipps geworden, so z. B. die Publikationen von Patryk Mogilnicki über die „neue“ Illustration in Polen und über Buchtypographie. Der dort veröffentlichte Essayband Rzeczy, których nie wyrzuciłem [Sachen, die ich nicht wegwarf] von Marcin Wicha wurde 2018 mit dem NIKE-Preis ausgezeichnet. Neue/junge Verlage ermöglichen den Debütant:innen, schneller ihr Publikum zu erreichen, so beispielsweise die jungen Verlage Cyranka (gegründet 2020), hier werden u. a. Autoren wie Dorota Kotas und Łukasz Barys publiziert, und Filtry (ebenso 2020) mit Titeln u. a. von Piotr Siemion und Maciej Górny.

Eine wichtige Institution für die Popularisierung der neu verlegten Titel sind die Literaturfestivals, die insbesondere im Sommer das Publikum magnetartig anziehen. Zu den wichtigsten gehören derzeit das BigBook-Festival im Juni in Warschau (Warszawa), das Miłosz Festival im Juli in Krakau, die „Literaturberge“ (Góry Literatury) im Juli im Glatzer Land (Kotlina Kłodzka), die „Hauptstadt der Polnischen Sprache“ (Stolica Języka Polskiego) im August in Szczebrzeszyn und Zamość, das „Literarische Zoppot“ (Literacki Sopot) im August und das Zygmunt-Haupt-Festival im November in Gorlice. So können die Lesenden in fast allen Regionen Polens die Neuerscheinungen und ihre Autor:innen unmittelbar erleben.

Jesus starb in Polen

Die Non-Fiction-Literatur scheint derzeit in Polen die Oberhand zu gewinnen. Eins der am häufigsten kommentierten Bücher im Sommer und Herbst 2023 ist die Reportage von Mikołaj Grynberg – Fotograf, Psychologe und Schriftsteller – über die Migrationskrise an der polnisch-belarussischen Grenze Jezus umarł w Polsce [Jesus starb in Polen]. „Ich habe ein Buch geschrieben, damit keiner sagen kann, dass es dies nicht gibt“, unterstreicht der Autor. Er wurde von Aktivist:innen, die seit 2021 den Geflüchteten an der Grenze helfen und sie nach Möglichkeit vor Pushbacks der polnischen und belarussischen Beamt:innen schützen, zur Zusammenarbeit eingeladen. Ursprünglich sollte er sich nur ihre Geschichten anhören. Aus diesen Begegnungen und Gesprächen entstand dieses Buch, das um Vielstimmigkeit und verschiedene Perspektiven bemüht ist. Grynbergs Narration liefert ähnliche Schilderungen und Reflexionen wie der Film Zielona granica [Die grüne Grenze] von Agnieszka Holland, der im Herbst 2023 in die Kinos kam, es ist dabei noch „dokumentarischer“ und deutlich differenzierter. Das Buch schließt mit einer Liste von zig Namen der Geflüchteten, die seit 2021 an der polnisch-belarussischen Grenze ums Leben kamen. Ca. 300 Personen gelten derzeit als verschollen.

Bei einer Übersicht wie dieser muss immer eine (nolens volens subjektive) Auswahl getroffen werden. Es fehlen hier Kinderbücher, deren Markt sich in den letzten Jahrzehnten in Polen außergewöhnlich gut entwickelt und die in Deutschland wahrgenommen, geliebt und prämiert werden (man denke nur an die Titel des Autorenehepaars Aleksandra und Daniel Mizieliński und an Piotr Socha). Verzichtet wurde aus Platzgründen auf das Genre der Dichtung, obwohl auch hier derzeit eine neue Generation zu Wort kommt; es bleibt zu hoffen, dass wichtige Namen und Titel (allen voran Justyna Bargielska und Małgorzata Lebda) demnächst auf Deutsch erscheinen.

Fussnoten

Weitere Inhalte

lehrt am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim. Sie beschäftigt sich mit Kulturen Ostmitteleuropas. Mitherausgeberin von Handbuch. Polnische Comickulturen nach 1989 (2021), Autorin im Germersheimer Übersetzerlexikon (UeLEX).