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Hamas

Guido Steinberg

/ 14 Minuten zu lesen

Die Hamas ist eine palästinensische terroristische Organisation, hervorgegangen aus der Muslimbruderschaft. Die Islamisten wollen Israel gewaltsam zerstören und durch einen islamischen Staat ersetzen.

Hamas-Terroristen am 8. Februar 2025 in Gaza. (© picture-alliance, Middle East Images)

Die Hamas, so die arabische Abkürzung von „Bewegung des Islamischen Widerstands“ (Haraka al-Muqawama al-Islamiya), ist eine palästinensische terroristische Organisation, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Israel gewaltsam zu zerstören und durch einen islamischen Staat im Gebiet des historischen Palästina zu ersetzen. Heute ist die Hamas der stärkste Vertreter einer gewaltsamen Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts auf palästinensischer Seite und wichtigster Konkurrent der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), die für eine friedliche Zweistaatenlösung eintritt, aber seit fast drei Jahrzehnten keine Fortschritte in Richtung eines palästinensischen Staates mehr vorweisen kann.

Entstehung und Aufstieg gegen die PLO (bis 1993)

Die Hamas ist aus dem palästinensischen Ableger der Muslimbruderschaft hervorgegangen, der Mitte der 1940er Jahre in Gaza entstand und seitdem dort besonders stark ist. Nach dem Vorbild ihrer ägyptischen Mutterorganisation konzentrierte sich die Hamas bis in die frühen 1980er Jahre auf Predigten und religiöse Bildungsarbeit – was sie meist den „Aufruf zum Glauben“ (da’wa) nannte. Bis 1967 stand der Gazastreifen unter ägyptischer Verwaltung und Kairo engte den Handlungsspielraum der Muslimbruderschaft stark ein. Erst als Israel das Gebiet im Sechstagekrieg besetzte, konnte die Organisation ihre Aktivitäten ausweiten. Zum Nukleus der Hamas wurde das „Islamische Zentrum“ (al-Mujamma‘ al-Islami), das 1973 von dem Intellektuellen und Prediger Ahmad Yassin (1936-2004) gegründet wurde. Es beschränkte sich zunächst auf karitative und erzieherische Aktivitäten und richtete vor allem in den Flüchtlingslagern des Gazastreifens Hospitäler, Schulen, Kindergärten und Jugendzentren ein.

Gegen Ende der 1970er Jahre wuchs der Unmut vieler Palästinenser, die gegen die fortdauernde Besatzung und gegen den ägyptisch-israelischen Friedensvertrag von 1979 protestierten. Eine erste organisatorische Reaktion im islamistischen Lager war die Gründung der Organisation Islamischer Jihad in Palästina (Harakat al-Jihad al-Islami fi Filastin), die mit Unterstützung des revolutionären Iran den bewaffneten Kampf gegen Israel aufnahm. In den frühen 1980er Jahren brachen weitere Muslimbrüder aus dem Umfeld von Ahmad Yassin mit der bis dahin friedlichen Strategie der Muslimbruderschaft und bewaffneten sich. Unter Yassins Ägide bildeten sich in Gaza kleine Vorfeldorganisationen, die in erster Linie vorgebliche Informanten des israelischen Militärs und der Geheimdienste des jüdischen Staates aufspürten und ermordeten.

Gegründet wurde die Hamas am 14. Dezember 1987. Nur sechs Tage zuvor war ein Volksaufstand gegen die israelische Besatzung ausgebrochen, der als „erste Intifada“ (intafada ist ein arabisches Verb, das in der Politik so viel heißt wie „sich erheben“) bekannt wurde. Viele jüngere Muslimbrüder schlossen sich den Protesten an und zwangen ihre Führung so, sich ebenfalls zu beteiligen, um nicht die Kontrolle über die eigenen Anhänger zu verlieren. Rasch wuchs die junge Organisation zum stärksten Konkurrenten der Fatah (der Mehrheitsfaktion in der PLO) an, die parallel zur Intifada bereits Kompromissbereitschaft gegenüber Israel gezeigt hatte. Die Hamas hingegen setzte kompromisslos auf den bewaffneten Kampf bis zur Zerstörung des jüdischen Staates und schrieb dies auch in ihrer Charta von 1988, in der sie ihre Weltanschauung, ihre Ziele und ihre Strategien einer breiteren Öffentlichkeit vorstellte. Bis zum Ende des Aufstands 1993 verübte die Hamas erste Attentate, wobei sie israelische Soldaten entführte und/oder ermordete. 1992 gründete die Organisation zu diesem Zweck ihren bewaffneten Arm, den sie Izz-ad-Din-al-Qassam-Bataillone (Kata’ib Izz ad-Din al-Qassam) nannte.

Im Kampf gegen den Oslo-Friedensprozess (1993-2000)

Die erste Intifada endete faktisch mit dem ersten Oslo-Abkommen vom 13. September 1993, in dem Israel und die PLO sich gegenseitig formal anerkannten und eine begrenzte Selbstverwaltung palästinensischer Gebiete verabredeten. Es handelte sich um den Auftakt für weitere Verhandlungen und Abkommen, die auch „Oslo-Friedensprozess“ genannt werden, und in denen weitere Details wie die Gründung der Palästinensischen Autonomiebehörde im Jahr 1994 verabredet wurden. Die Hamas hingegen lehnte territoriale Kompromisse und sogar Verhandlungen mit Israel ab und verweigerte eine Zusammenarbeit mit der Autonomiebehörde. Stattdessen setzte die Organisation weiter auf den bewaffneten Kampf gegen Israel. Das erste Selbstmordattentat verübten die Qassam-Bataillone im April 1994 in Hadera.

In den 1990er Jahren baute die Hamas auch Strukturen für eine wachsende Organisation auf. Im Mittelpunkt stand ab Spätsommer 1993 ein fünfzehnköpfiges Politbüro (al-Maktab as-Siyasi), dessen Vorsitzende die Gruppierung nach außen vertraten und zu bekannten Persönlichkeiten der Regionalpolitik wurden. Auf Mussa Abu Marzuq (geboren 1951), der das Politbüro von 1992 bis 1996 anführte, folgte Khalid Mishal (geboren 1956), der das Amt von 1996 bis 2017 innehatte. Außerdem öffnete die Hamas Büros in Amman, Damaskus, Beirut, Teheran, Khartum und Sanaa, von denen aus sie ihre Beziehungen zu den jeweiligen Staaten und zur palästinensischen Diaspora managte. Ab 1993/1994 etablierte die Hamas erste Bindungen an die libanesische Hisbollah und Iran, die vor allem militärisch-terroristisches Training anboten.

In den Jahren 1994 bis 1996 verübte die Hamas zahlreiche Anschläge auf israelische Ziele, die hunderte meist zivile Todesopfer forderten. Die schlechte Sicherheitslage trug dazu bei, dass der Friedensprozess nach dem Mord am israelischen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin durch einen jüdischen Rechtsextremisten am 4. November 1995 ins Stocken geriet. In der Folge verlor Shimon Peres, der Architekt des Friedens mit der PLO, bei den israelischen Wahlen im Mai 1996. Der Wahlsieger, der Likud-Politiker Benyamin Netanjahu (der in seiner ersten Amtszeit bis Mai 1999 amtierte), war ein Gegner eines territorialen Ausgleichs mit den Palästinensern, so dass weitere Fortschritte zunächst ausblieben. Die Hamas konnte die Anschlagswelle ab 1997 aber nicht mehr aufrechterhalten. Hierzu trug auch die Bekämpfung durch die Sicherheitskräfte der Palästinensischen Autonomiebehörde bei, die im Westjordanland und in Gaza auf einen harten Kurs gegen die Hamas setzten.

Die Hamas und die zweite Intifada (2000-2005)

Nachdem weitere Verhandlungen im Juli 2000 scheiterten, begann im September ein neuer palästinensischer Aufstand, der als zweite Intifada oder „al-Aqsa-Intifada“ bekannt wurde. Anlass war ein Besuch des konservativen israelischen Oppositionsführers Ariel Sharon auf dem Tempelberg, der von Palästinensern als Provokation gewertet wurde, weil sich dort auch die al-Aqsa-Moschee und der Felsendom befinden. Daraufhin brachen Proteste aus, die in einen bewaffneten Aufstand mündeten. Die Autonomiebehörde gab damals ihren harten Kurs gegenüber der Hamas auf und ließ viele Hamas-Mitglieder aus palästinensischer Haft frei. Obwohl sich die Fatah am Aufstand beteiligte, erstarkte die Hamas. Die Folge waren erneut zahlreiche Anschläge auf israelische Militärs und Zivilisten, die sich oft durch besondere Brutalität auszeichneten. Das bekannteste Attentat jener Jahre war das auf das Park-Hotel in Netanja, wo ein Hamas-Selbstmordattentäter am Pessach-Fest am 27. März 2002 30 Menschen tötete – vor allem Ältere, unter ihnen Holocaust-Überlebende. Die Hamas verübte rund 40 Prozent der insgesamt 142 Selbstmordattentate zwischen 2000 und 2005 (es folgten der Islamische Jihad mit 27 Prozent und die Fatah mit 23 Prozent).

Israel reagierte mit gezielten Tötungen von Hamas-Anführern, darunter im März 2004 die ihres Gründers und spirituellen Kopfes Ahmad Yassin. Im Folgemonat kam auch der Hamas-Mitbegründer und Yassin-Stellvertreter Abd al-Aziz ar-Rantisi zu Tode. Was zunächst als israelischer Erfolg gewertet werden konnte, erwies sich als höchst problematisch. Denn die Hamas vertiefte nach 2004 ihre Beziehungen zu Iran, was vor allem Yassin – der den iranischen und libanesischen Schiiten aus religiös-ideologischen Gründen mit Misstrauen begegnete – bis dahin verhindert hatte, und wurde zu einem noch gefährlicheren Gegner Israels, als dies bis dahin der Fall gewesen war. Zunächst jedoch hatten die israelischen Gegenmaßnahmen Erfolg; schon ab 2002 ließ die Zahl der Anschläge stark nach.

Herrscherin von Gaza (2005/2007-2023)

Im August 2005 zog sich das israelische Militär vollständig aus dem Gazastreifen zurück und räumte auch die 21 Siedlungen dort, in denen damals etwas mehr als 8000 Israelis lebten. Die Kontrolle ging auf die Palästinensische Autonomiebehörde über, die sich jedoch nicht gegen die vor Ort deutlich stärkere Hamas durchsetzen konnte.

Machtübernahme im Gazastreifen

Im Januar 2006 nahm die Hamas erstmals an palästinensischen Parlamentswahlen teil, nachdem sie diese 1996 noch boykottiert hatte. Sie gewann die Wahlen und bildete im März eine Regierung unter Ministerpräsident Ismail Haniya. Diese wurde aber international und von Israel nicht anerkannt, und es entspann sich ein zäher Machtkampf zwischen Hamas und Fatah, der im Juni 2007 in einen kurzen Bürgerkrieg mündete. Während die Fatah im Westjordanland die alleinige Kontrolle übernahm, erkämpfte die Hamas die Macht im Gazastreifen. Dabei tötete sie zahlreiche Fatah-Funktionäre und -Sicherheitskräfte, und auch willkürliche Verhaftungen und Folter waren an der Tagesordnung.

Die Übernahme der alleinigen Macht in Gaza führte zu keiner Mäßigung der Hamas, sondern mündete in erneute Auseinandersetzungen mit Israel. Erster Auslöser war die Entführung des israelischen Soldaten Gilad Shalit am 25. Juni 2006, der anschließend fünf Jahre lang im Gazastreifen gefangen blieb. Israel riegelte den Gazastreifen ab 2007 ab und startete eine Blockade des Gebiets. Die Hamas setzte damals auf den Bau von Tunneln, durch sie sie auf israelisches Gebiet vordringen konnte. Außerdem weitete sie Angriffe mit einfachen Raketen ab Juni 2007 deutlich aus. Nach Attacken auf die Stadt Sderot startete die israelische Armee im Dezember 2008 eine 22-tägige Offensive gegen die Hamas, die häufig als erster Gaza-Krieg bezeichnet wird.

Einmal an der Macht, ließ die Hamas im Gazastreifen keine Wahlen mehr zu. Sie installierte ein autoritäres Ein-Parteien-Regime, das die öffentliche Verwaltung kontrollierte und auch den überwiegenden Teil des Personals dort stellte. Ein deutlicher Schwerpunkt lag auf den starken Sicherheitsbehörden, die vor allem die Fatah und ihre Anhänger bekämpften. Sonstige Oppositionelle hatten etwas mehr Freiräume, solange sie ihre Aktivitäten nicht in die Öffentlichkeit trugen. Gewalt verübte die Hamas vor allem gegen tatsächliche und vorgebliche Kollaborateure Israels, die routinemäßig gefoltert und hingerichtet wurden. Die Organisation verzichtete auf eine allzu entschlossene Islamisierung, setzte aber doch einige Grundsätze durch – wie zum Beispiel eine weitgehende Geschlechtertrennung im Erziehungssystem. Schon nach wenigen Jahren waren kaum noch unverschleierte Frauen mehr zu sehen, und Alkohol verschwand aus der Öffentlichkeit.

Führung in Gaza und Doha

Innerhalb der Hamas entwickelte sich rasch ein ausgeprägter Dualismus zwischen der Führung in Gaza – in der zwischen 2007 und 2017 Ismail Haniya dominierte, und jener im Ausland, wo Khalid Mishal der starke Mann war. Dieser hatte seinen Sitz bis 2012 in Damaskus und anschließend in Doha im Golfemirat Katar, das die Hamas großzügig unterstützte. Während Mishal und seine Gefolgsleute im Politbüro der Organisation lange die Oberhand hatten, erstarkte die Führung in Gaza in den 2010er Jahren, bis Haniya 2017 zum Vorsitzenden des Politbüros gewählt wurde und Mishal verdrängte. Dies wies auch auf einen Konflikt zwischen zwei widerstreitenden Visionen für die Gegenwart und Zukunft der Hamas hin. Während Haniya für ein enges Bündnis mit Iran und der Hisbollah warb, vertrat Mishal eine engere Einbindung in die arabische Welt und die Suche nach Allianzen dort.

Hinzu kam, dass Vertreter der Izz-ad-Din-al-Qassam-Bataillone zeitgleich mächtiger wurden. Ein Grund war der Geisel- und Gefangenenaustausch vom Oktober 2011, bei dem Gilad Shalit gegen 1.027 palästinensische Häftlinge ausgetauscht wurde. Unter den freigelassenen Palästinensern waren mehrere Vertreter eines radikal gewaltsamen Kurses, darunter mit Yahia as-Sinwar ihre Führungsfigur. Die Hamas-„Militärs“ forderten ebenfalls eine enge Bindung an die Hisbollah und Iran, um auf diese Weise ihre militärisch-terroristischen Fähigkeiten auszubauen.

Erstmals trat dieser Konflikt in den Jahren 2011/2012 zutage, als Mishal sich gegen den Willen seiner Konkurrenten auf die Seite der sunnitischen Aufständischen in Syrien und gegen das Regime von Bashar al-Assad stellte – und damit auch gegen Iran und die Hisbollah. Damals konnte sich Mishal noch durchsetzen, worauf Iran seine Unterstützung auf ein Minimum verringerte und die Hamas Damaskus verlassen musste. Mit der Wahl Haniyas zum Politbüro-Chef im Mai 2017 gewann die proiranische Faktion in der Hamas aber an Einfluss; zeitgleich wurde Yahia as-Sinwar zum neuen starken Mann der Hamas in Gaza (während Haniya nach Doha umzog).

In der Achse des Widerstands

Im Jahr 2017 zeigte sich der Dualismus in der Hamas-Führung in aller Deutlichkeit. Die Pragmatiker um Khalid Mishal konnten damals eine „Prinzipienerklärung“ durchsetzen, die im Mai 2017 veröffentlicht wurde, und als Beleg für eine Mäßigung der Hamas gelesen werden konnte. In dem Text wurde die Rhetorik der Gründungscharta von 1988 deutlich entschärft – vor allem indem der Text einen palästinensischen Staat in den 1967 von Israel besetzten Gebieten als Zwischenlösung zu akzeptieren schien und besonders antisemitische und judenfeindliche Passagen gestrichen wurden. Gleichzeitig setzten sich innerhalb der Organisation jedoch die Vertreter einer iranfreundlichen und damit radikaler antiisraelischen Politik durch. Angetrieben von Ismail Haniya in Doha und Yahia as-Sinwar in Gaza wurden die Beziehungen zur Islamischen Republik erneuert und rasch ausgebaut.

Die Hamas wurde damals erneut zu einer wichtigen Kraft in der „Achse des Widerstands“ (Persisch mehwar-e moqawamat, Arabisch mihwar al-muqawama). Dabei handelte es sich um einen um das Jahr 2004 aufgekommenen Begriff, mit dem die Islamische Republik Iran ihr Bündnis mit einer Reihe von antiwestlichen und antiisraelischen Gruppierungen im Nahen Osten beschrieb. Der mit Abstand wichtigste Alliierte Irans war die libanesische Hisbollah, hinzu kamen irakische Schiitenmilizen wie die Hisbollah-Bataillone, der Islamische Jihad in Palästina und Ansarallah (= die Huthis) im Jemen. Der einzige Staat in diesem Bündnis war Syrien unter Bashar al-Assad. Das Qods-Korps der Revolutionsgarden – eine Art Auslandsarm dieser iranischen Streitkraft in den Ländern des Nahen Ostens – schickte der Hamas und den Qassam-Bataillonen viel Geld, Waffen und Waffenbestandteile, und die Hisbollah bildete (gemeinsam mit den Iranern) Hamas-Kommandeure und Personal im Libanon und in Iran aus.

Es war vor allem diese Unterstützung, die die Hamas zwischen 2007 und 2012 und erneut ab 2017 erstarken ließ. Trotz der zwischenzeitlich fehlenden iranischen Hilfe profitierte die Hamas von den iranischen Hilfen der Vorjahre und setzte immer weiter reichende Raketen ein. Schon während des zweiten Gaza-Kriegs 2012 konnte sie Tel Aviv und Jerusalem beschießen. Im Sommer 2014 kam es zu erneuten Kämpfen, die die verlustreichsten zwischen der Hamas und Israel vor 2023 waren. Zum Wendepunkt aber wurde ein Waffengang im Mai 2021, den die Hamas „Schwert von Jerusalem“ und die israelische Regierung „Guardian of the Walls“ nannte. Als es auf dem Tempelberg in Jerusalem zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und der israelischen Polizei kam, intervenierte die Hamas mit Raketenbeschuss – woraufhin Israel mit Luftangriffen auf Gaza antwortete, die massive Zerstörungen verursachten.

Der Angriff vom 7. Oktober 2023

Im Anschluss an die Hamas-„Prinzipienerklärung“ von 2017 kamen viele israelische Politiker, Militärs und Geheimdienstler zu dem Schluss, dass die Hamas sich auf die Verwaltung des Gazastreifens konzentriere und zumindest vorübergehend kein Interesse an einer größeren militärischen Konfrontation habe. Diese Position schien durch die Zurückhaltung bestätigt zu werden, die die Hamas im Mai 2023 übte, als der Islamische Jihad (der sich damals zu einer Art Juniorpartner der Hamas entwickelt hatte) Raketen auf den israelischen Süden abschoss und Israel mit Luftangriffen und gezielten Tötungen von Jihad-Anführern antwortete. Diese Sicht der israelischen Politik auf die Hamas war schon deshalb überraschend, weil viele Fachleute den Aufstieg der iranloyalen – und deshalb besonders aggressiven – Führungsriege in der Hamas um Haniya und Sinwar deutlich wahrnahmen. Trotzdem setzte sich diese Position durch, und der israelische Ministerpräsident Netanjahu (amtierte in seiner zweiten bis fünften Amtszeit von März 2009 bis Juni 2021 und erneut seit Dezember 2022 bis heute (September 2026)) wurde zu ihrem mächtigsten Vertreter. Er ließ sogar zu, dass Katar ab 2017/2018 in Absprache und Koordination mit Israel dreistellige Millionensummen in den Gazastreifen schickte – die zumindest indirekt auch der Hamas zugutekamen. Netanjahus Ansicht nach kam diese Situation Israel zugute, weil – solange die Hamas in Gaza herrsche und die Autonomiebehörde im Westjordanland – an die von der israelischen Rechten abgelehnte Zweistaatenlösung nicht zu denken sei.

Ab spätestens 2021 begann die Hamas mit den Vorbereitungen für einen groß angelegten Angriff auf Israel. Hisbollah und Qods-Korps waren zwar über die Planungen informiert, nicht aber über Datum und Zeit des Angriffs. Die Zurückhaltung der Hamas während des Waffengangs zwischen dem Islamischen Jihad und Israel im Mai 2023 erwies sich als geschickte Täuschung; Israel wurde von dem Angriff am 7. Oktober 2023 vollkommen überrascht. An jenem Tag überwanden mehrere tausend Hamas-Kämpfer die Grenzanlagen um den Gazastreifen und drangen auf israelisches Territorium vor. Sie und Kämpfer mehrerer verbündeter Gruppierungen töteten mehr als 1200 Israelis (darunter auch einige ausländische Staatsbürger) und nahmen 251 Geiseln, die sie in den Gazastreifen verschleppten.

Gaza-Krieg und Internationalisierung

Israel reagierte auf die Attacke mit einer breit angelegten Militärkampagne im Gazastreifen, die Ende Oktober 2023 begann und mit einigen Unterbrechungen zwei Jahre dauerte. Die Hamas setzte auf einen Guerillakrieg, in dem sie nur wenige Erfolge erzielen konnte, aber als Gruppierung überlebte. Mehr als 70.000 Einwohner des Gebiets wurden im Verlauf des Gaza-Kriegs getötet und große Teile der Wohnbebauung zerstört oder schwer beschädigt. Kritiker warfen Israel Kriegsverbrechen vor; einige sprachen sogar von einem „Völkermord“.

Die Hamas erlitt im Verlauf der zwei Jahre schwere Verluste. Das israelische Militär sprach von mehr als 20.000 getöteten Kämpfern dieser Organisation, des Islamischen Jihad und kleinerer Gruppen. Hinzu kam, dass die Hamas fast ihre gesamte militärische und politische Führung im Gazastreifen verlor. Mit Yahia as-Sinwar, Muhammad ad-Daif und Marwan Issa starben die drei Hauptverantwortlichen für den Angriff vom 7. Oktober. Israel tötete aber auch Hamas-Führer im Ausland, darunter vor allem den Politbürovorsitzenden Haniya im Juli 2024 in Teheran und mehrere wichtige Funktionäre und „Militärs“ im Libanon, wo die Hamas seit 2021 erstarkt war.

Mehrfach wurde der Gaza-Krieg von Waffenstillständen unterbrochen, bei denen Geiseln gegen palästinensische Insassen in israelischen Gefängnissen ausgetauscht wurden. Im Oktober 2025 trat eine dauerhafte Waffenruhe in Kraft, obwohl es in den folgenden Monaten weiter zu vereinzelten Kämpfen kam. Die Hamas konnte sich bis dahin halten und übernahm sofort wieder die Macht in den städtischen Zentren des Gazastreifens. Doch Israel hatte weiter die Kontrolle über zunächst etwas mehr als 50 und Mitte 2026 60 Prozent des Gebietes und über alle seine Grenzen.

Innerhalb der Hamas-Führung setzte sich der Streit der Vorjahre fort. Dies zeigte sich bei den organisationsinternen Wahlen im Februar 2026. Statt Sinwar und Mishal konkurrierten nun Khalil al-Hayya – der zuvor als Stellvertreter Sinwars im Gazastreifen fungiert hatte – und erneut Mishal um die Position des Politbüro-Vorsitzenden. Erst im Juni 2026 wurde Hayya als neuer Hamas-Chef bestätigt. Dies dürfte einem Etappensieg des proiranischen Lagers gleichkommen, doch zeigte die Führungskrise, dass seine Vertreter gegenüber den Jahren 2017 bis 2023 geschwächt waren. Ähnliches gilt für die Achse des Widerstands insgesamt, die in den Auseinandersetzungen der Jahre 2023 bis 2026 viele militärische Rückschläge hinnehmen musste, aber im Libanon, im Irak und im Jemen weiter Präsenz zeigte.

Die proiranischen Hamas-Führer, die seit 2024 von Khalil al-Hayya angeführt werden, könnten die Geschichte der Hamas noch auf ganz andere Weise geprägt haben. Zwischen 2023 und 2025 gab es mehrere Hinweise auf Planungen der Hamas für Attacken auf israelische und jüdische Ziele in Europa. Neben Dänemark, Schweden, Griechenland und Zypern war auch Deutschland betroffen, wo die Strafverfolgungsbehörden erklärten, einen oder mehrere Anschläge zum zweiten Jahrestag des 7. Oktober 2023 im Herbst 2025 verhindert zu haben. Bei dem Gesamtkomplex handelte sich um die ersten Planungen der Hamas für Attentate jenseits der palästinensischen Gebiete und Israels. Es bleibt abzuwarten, ob es sich dabei nur um eine zeitlich begrenzte Reaktion auf den Druck in den Jahren nach dem Angriff auf Israel oder eine umfassende und längerfristige Strategieänderung handelt, die aus der Hamas eine internationale Terrororganisation macht.

Dr. Guido Steinberg ist Islamwissenschaftler und arbeitet für die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Von 2002 bis 2005 war er Terrorismusreferent im Bundeskanzleramt.