Vier Machtzentren
Die symbiotische Verbundenheit der CSU mit Bayern fußt organisatorisch auf ihrer Doppelrolle als Landes- und Bundespartei. Einerseits bildet sie mit der CDU im Bundestag eine gemeinsame Fraktion, was möglich ist, weil beide Parteien bei Wahlen nicht gegeneinander antreten. Andererseits unterhält sie jenseits der Fraktionsgemeinschaft eine von der CDU getrennte Parteiorganisation und pocht auch innerhalb der gemeinsamen Fraktion auf ihre formale Eigenständigkeit. Ihre privilegierte Stellung zeigt sich unter anderem daran, dass der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe automatisch stellvertretender Vorsitzender der Gesamtfraktion ist. Auch die übrigen Ämter werden nach einem vorgegebenen Schlüssel zwischen CDU und CSU verteilt. Zudem müssen alle Anträge und Beschlüsse der Fraktion vom Vorsitzenden der CSU-Landesgruppe gegengezeichnet werden, was auf ein faktisches Vetorecht des bayerischen Unionsteils hinausläuft. Dies gibt der CSU die Möglichkeit, ihre Interessen gegebenenfalls auch gegen eine Mehrheit der größeren Schwesterpartei durchzusetzen (Buchstab 2009).
Die Doppelrolle als Landes- und Bundespartei führt zu einer komplexen Machtarchitektur, die sich um vier Zentren gruppiert: die Landesleitung mit dem Parteivorsitzenden, die bayerische Staatsregierung mit dem Ministerpräsidenten, die Landesgruppe - in Regierungszeiten zusammen mit den CSU-Bundesministern - und die CSU-Landtagsfraktion. Zu diesen gesellt sich als "Nebenzentrum" die CSU-Gruppe im Europäischen Parlament (Sebaldt 2025: 252 f.). Blieb der Einfluss der Staatsregierung und CSU-Landtagsfraktion auf die Landesgruppe bis zur Übernahme des Ministerpräsidentenamtes durch Franz Josef Strauß eher gering, so haben sich die Gewichte seither nach München verlagert. Dies geht soweit, dass die bayerischen Ministerien und die Staatskanzlei sogar an der Ausarbeitung von Gesetzentwürfen der CSU-Bundesminister beteiligt sind.
Am stärksten entfaltet sich die Dominanz der Staatsregierung, wenn der Ministerpräsident zugleich Parteivorsitzender ist. Dies war bei sieben der zehn von der CSU seit 1945 gestellten Ministerpräsidenten der Fall. Besonders groß geriet die Machtkonzentration unter Franz Josef Strauß (1978 bis 1988) und Edmund Stoiber (1999 bis 2007). In beiden Fällen wurden die Ämter nach ihrem Ausscheiden wieder getrennt. Unter Strauß‘ Nachfolgern Max Streibl bzw. Edmund Stoiber und Theo Waigel bewährte sich das mehr als zehn Jahre lang. Bei Günther Beckstein und Erwin Huber, die nach dem erzwungenen Rückzug Stoibers gemeinsam die Führung übernahmen, scheiterte es dagegen frühzeitig, weshalb die CSU nach der Landtagswahl 2008 mit Horst Seehofer zur Ämterverbindung zurückkehrte. Daran hielt sie auch unter Markus Söder fest. Charakteristisch für dessen Amtsverständnis ist die Kombination straffer Führung mit einer demonstrativ selbstbewussten öffentlichen Inszenierung und einem starken Fokus auf die eigene persönliche Präsenz. Dass dies an der Basis nicht überall auf Wohlgefallen stößt, zeigte Söders mäßiges Ergebnis bei der Wiederwahl zum Vorsitzenden auf dem Parteitag im Januar 2026. Dort erreichte er lediglich 83,6 Prozent der Stimmen.
Die Konkurrenz der Machtzentren wird durch die hegemoniale Stellung der CSU in Bayern befördert, die dazu führt, dass sie teilweise auch typische Verhaltensweisen einer Oppositionspartei übernimmt. Symptomatisch dafür ist ihre Neigung, Volksbegehren, deren Inhalte sich gegen die eigene Politik richten, ganz oder teilweise zu übernehmen. Sieht man von den Auseinandersetzungen um den Kreuther Trennungsbeschluss 1976 und die Flüchtlingspolitik 2018 ab, die vor allem das Verhältnis zur CDU betrafen, konnte die CSU ihre Geschlossenheit über alle Konflikte hinweg bisher bewahren. Dazu trägt eine disziplinierende Organisationskultur bei, die das innerparteiliche Wetteifern dem Gesamterfolg unterordnet und illoyales Verhalten entsprechend hart sanktioniert (Kießling 2004: 346 ff.).
Verbindungen in den vorpolitischen Raum
Der früh eingeleitete Ausbau des Parteiapparates und einer flächendeckenden Mitgliederorganisation trug zur starken strukturellen Verankerung der CSU in Bayern bei. Hinzu kamen eng geknüpfte Netzwerke im „vorpolitischen“ Raum. Neben die territoriale Gliederung in Bezirks-, Kreis- und Ortsverbände tritt dabei die sektorale Gliederung in Arbeitsgemeinschaften und Arbeitskreise, die auch Nicht-Mitgliedern offen stehen. Dem Vorstand der Partei gehören 42 gewählte sowie bis zu zehn weitere Mitglieder kraft Amtes, dem häufiger tagenden Präsidium - als engstem Führungszirkel - 20 Mitglieder an. Höchstes Organ ist der einmal im Jahr zusammentretende Parteitag, der aus Amtsträgern sowie Delegierten der zehn Bezirks- und 106 Kreisverbände besteht.
Bezogen auf die Zahl ihrer Wähler ist die CSU nicht nur die mitgliederstärkste Partei Bayerns, sondern der ganzen Bundesrepublik. Die Mitgliederentwicklung ist allerdings – wenn auch weniger stark als bei der CDU – seit dem Höchststand 1990 (186.000) rückläufig. 2024 lag ihre Zahl nur noch bei gut 125.000. Den bisherigen Höchststand erreichten die Austritte 2021 mit 5.900 Fällen. Der Rückgang geht mit einer zunehmenden Überalterung der Mitglieder einher. Mehr als die Hälfte von ihnen sind über 60. Der Anteil der unter 30-Jährigen ist mit 4,4 Prozent der niedrigste unter allen im Bundestag vertretenen Parteien.
Ein offenkundiges Rekrutierungsproblem hat die CSU bei den Frauen, deren Anteil sich unter den Mitgliedern in den letzten Jahren nur marginal (auf 22,2 Prozent 2024) erhöht hat, womit sie auch hinter der CDU liegt (26,6 Prozent). Noch weniger Frauen sitzen in der Landtagsfraktion (18,8 Prozent), während der Anteil unter den Bundestagsabgeordneten der Landesgruppe zuletzt auf 25,0 Prozent angestiegen ist – hier schneidet die CSU besser ab als die Schwesterpartei (22,6 Prozent). Bemerkenswert ist zugleich, dass die weiblichen Abgeordneten der CSU im Bundestag trotz der zunehmend überalternden Mitgliederschaft unter allen Fraktionen das niedrigste Durchschnittsalter (43 Jahre) aufweisen. Für die Besetzung der Vorstände auf Landes- und Bezirksebene gilt seit 2010 eine Frauenquote von 40 Prozent. Der Versuch der Parteiführung, sie auch auf die Kreise auszudehnen, scheiterte auf dem Parteitag 2019 am Einspruch der Basis.
Modernisierung und gesellschaftliche Verwurzelung
Mit der abnehmenden Mitgliederdichte verlieren auch die Verbindungen in den vorpolitischen Raum an Durchschlagskraft, wenngleich die CSU im Rahmen der Staatsregierung weiter enge Beziehungen zu den Interessenverbänden unterhält (Weigl 2013: 481 ff.). Nach dem Wahlschock von 2008 versuchte die CSU, dem drohenden Verlust ihrer bis dahin unangefochtenen Stellung durch eine organisatorische Neuaufstellung entgegenzuwirken. Durch „grünere“ Themen, professionellere Internetkommunikation und die Einbindung externer Expertise sollen mehr jüngere Wähler und Mitglieder erreicht, die weibliche Präsenz in der Partei erhöht und die Inhalte und Darstellungsformen in das digitale Zeitalter überführt werden. Gleichzeitig will die CSU die Bürgerinnen und Bürger besser in die politischen Diskurse und Entscheidungsprozesse einbinden. Dazu dienen Online-Dialoge und Zukunftsforen, Mitgliederbefragungen in Personal- und Sachfragen sowie mehr direktdemokratische Beteiligungsformen auf Landes- wie Bundesebene. Symbolhaft markiert wurde die Modernisierung 2015/2016 durch den Umzug der Landesleitung in ein neues Gebäude im Münchener Norden (inmitten eines Hightech-Viertels) und die Einstellung der legendären Parteizeitung „Bayernkurier“ im Jahr 2019.