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Rekrutierungsfähigkeit der Parteien

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Rekrutierungsfähigkeit der Parteien

Oskar Niedermayer

/ 5 Minuten zu lesen

Die Parteien beziehen sich bei der Rekrutierung ihrer Mitglieder auf unterschiedliche Teile der Bevölkerung. Zwischen den Parteien und den Bundesländern unterscheidet sich die Rekrutierungsfähigkeit der Parteien beträchtlich. Die Rekrutierungsfähigkeit des gesamten Parteiensystems hat in den letzten Jahrzehnten deutlich abgenommen.

Will man die Parteien im Hinblick auf ihre Fähigkeit zur Mitgliedergewinnung vergleichen, dann helfen die absoluten Mitgliederzahlen nicht weiter. Dies liegt daran, dass die einzelnen Parteien ihre Mitglieder aus einer unterschiedlich großen Zahl von Personen rekrutieren, die zum Parteibeitritt berechtigt sind.

Die SPD kann ihre Mitglieder in ganz Deutschland aus der Bevölkerung ab 14 Jahren rekrutieren. Bei CDU und CSU liegt die Altersgrenze jedoch bei 16 Jahren und zudem kann die CDU nur außerhalb Bayerns und die CSU nur in Bayern Mitglieder gewinnen. Damit ist die Zahl der Parteibeitrittsberechtigten bei der CDU und vor allem der CSU geringer und damit ihre Rekrutierungsfähigkeit, also ihre Fähigkeit zur Gewinnung von Mitgliedern aus dem Kreis der jeweils Beitrittsberechtigten, bei gleicher absoluter Mitgliederzahl höher als bei der SPD.

SPD und CDU haben in den letzten zehn Jahren um Platz 1 bei den absoluten Mitgliederzahlen gekämpft, wobei mal die eine, mal die andere Partei vorne lag. In Bezug auf die Fähigkeit zur Mitgliederrekrutierung wurde die SPD aber schon 1999 von der CDU überholt und seither hat die CDU ihren Vorsprung auch aufrechterhalten. Ende 2019 waren knapp 0,7 Prozent der Bevölkerung außerhalb Bayerns ab 16 Jahren CDU-Mitglied, während knapp 0,6 Prozent derer, die die SPD ansprechen konnte - also der gesamten Bevölkerung ab 14 Jahren - den Weg in die SPD fanden. Beide Parteien wiederum lagen weit hinter der CSU zurück, in der Ende 2019 über 1,2 Prozent der bayerischen Bevölkerung ab 16 Jahren organisiert waren.

Betrachtet man das Parteiensystem insgesamt, so hat die Rekrutierungsfähigkeit in den letzten Jahrzehnten deutlich abgenommen. Ende 1980, nach dem Hinzukommen der Grünen, waren in der Bundesrepublik insgesamt fast vier Prozent der beitrittsberechtigten Bevölkerung in einer der fünf Bundestagsparteien organisiert. Ende 1989 waren es in der alten Bundesrepublik noch knapp 3,6 Prozent. Nach der Vereinigung 1990 und dem Hinzukommen der PDS konnten die Bundestagsparteien im gesamten Deutschland knapp 3,7 Prozent der Bürgerinnen und Bürger rekrutieren. Ende 2019 waren - trotz des Hinzukommens der AfD - nur noch 1,7 Prozent der beitrittsberechtigten Bevölkerung in einer der sieben Bundestagsparteien Mitglied. Allerdings ist die gesamte Rekrutierungsfähigkeit in den letzten vier Jahren nicht mehr weiter gesunken.

Die Rekrutierungsfähigkeit der einzelnen Parteien unterscheidet sich regional, d.h. zwischen den Bundesländern, beträchtlich. Alle Parteien haben bezüglich ihrer Mitgliederrekrutierung Hochburgen und Regionen, in denen sie schwach vertreten sind. Bei der SPD und den Grünen bilden die fünf ostdeutschen Bundesländer das Schlusslicht. In Ostdeutschland rekrutiert die SPD nur zwischen 0,1 Prozent (Sachsen) und knapp 0,3 Prozent (Brandenburg) der jeweils beitrittsberechtigten Bevölkerung. Im Saarland hingegen sind über 1,8 Prozent, in Rheinland-Pfalz und Hessen etwa 0,9 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren Mitglied der SPD. Zu den Grünen fanden Ende 2019 in den ostdeutschen Bundesländern nur zwischen 0,05 Prozent (Sachsen-Anhalt) und 0,09 Prozent (Brandenburg) der Beitrittsberechtigten. In Berlin hingegen rekrutierte die Partei fast 0,3 Prozent und in Hamburg 0,2 Prozent der Beitrittsberechtigten.

Auch die Rekrutierungsfähigkeit der CDU ist im Ostteil des Landes - mit Ausnahme von Thüringen - am geringsten, wobei hier die Stadtstaaten Bremen, Berlin und Hamburg ähnlich niedrige Rekrutierungsgrade aufweisen. Am geringsten ist die Rekrutierungsfähigkeit in Brandenburg ausgeprägt, wo die CDU nur knapp 0,3 Prozent der Beitrittsberechtigten gewinnen kann, während in den Mitgliederhochburgen Saarland und Rheinland-Pfalz 1,9 Prozent bzw. 1,1 Prozent der Bevölkerung über 16 Jahre Mitglied der CDU sind. Die hohe Rekrutierungsfähigkeit der CSU in Bayern (1,24 Prozent) wird nur noch von der CDU und der SPD im Saarland übertroffen.

Die FDP ist in den fünf ostdeutschen Ländern sowie in Bayern und Bremen rekrutierungsschwach. In Mecklenburg-Vorpommern gehörten Ende 2019 nur 0,05 Prozent der Bevölkerung ab 16 Jahren der FDP an, während die Partei in Rheinland-Pfalz und Hessen über 0,1 Prozent der Beitrittsberechtigten rekrutieren konnte.

Die Linke bleibt auch 2019 von ihrer Mitgliederverankerung her noch eine ostdeutsche Regionalpartei, die im Westen - außer Berlin - eine deutlich geringere Organisationsbasis aufweist. Das gilt mittlerweile auch für das Saarland - die Heimat von Oskar Lafontaine - das 2017 mit knapp 0,3 Prozent noch das rekrutierungsstärkste Bundesland war, bis 2019 jedoch auf den 6. Platz zurückgefallen ist. Hervorzuheben ist, dass die Linkspartei auch in ihren ostdeutschen Hochburgen - mit höchstens 0,25 Prozent der Beitrittsberechtigten in Brandenburg - nirgendwo auch nur annähernd die Rekrutierungsfähigkeit der CDU, SPD und CSU in ihren westdeutschen Hochburgen erreicht.

Bei der AfD kommen die rekrutierungsschwächsten Bundesländer alle aus dem Westen. Schlusslicht ist Bremen mit gut 0,02 Prozent, während - nachdem Sachsen-Anhalt einen weiten Sprung nach vorne gemacht hat - die vier Länder mit dem höchsten Rekrutierungsgrad im Osten liegen. Am rekrutierungsstärksten ist die Partei in Brandenburg, wo knapp 0,08 Prozent der Bevölkerung ab 16 Jahren Mitglied der AfD sind.

Betrachtet man das Parteiensystem insgesamt, dann ist die Rekrutierungsfähigkeit im Saarland am höchsten. Hier waren Ende 2019 insgesamt 4,3 Prozent der beitrittsberechtigten Bevölkerung in einer der Bundestagsparteien organisiert. Den zweiten Platz nimmt - mit großem Abstand - Rheinland-Pfalz mit 2,4 Prozent ein. Das Schlusslicht bilden die fünf ostdeutschen Bundesländer, in denen zwischen 0,9 Prozent (Sachsen) und 1,1 Prozent (Thüringen) der jeweils Beitrittsberechtigten Mitglied in einer der Parteien sind.

Begriffe, methodische Anmerkungen oder Lesehilfen

Unter der Rekrutierungsfähigkeit wird der Anteil der Parteimitglieder an den Parteibeitrittsberechtigten verstanden. Für die Grafiken wurde daher für das gesamte Bundesgebiet sowie für jedes Bundesland und für jede Partei die Anzahl der Beitrittsberechtigten ermittelt und zur Anzahl der Parteimitglieder in Beziehung gesetzt. Ende 2019 lebten z.B. in Brandenburg 2.208.632 Bürgerinnen und Bürger ab 14 Jahren und die Linkspartei hatte dort zu dieser Zeit 5.527 Mitglieder. Da man ab 14 Jahren Mitglied der Linken werden kann, waren damit 0,25 Prozent der Beitrittsberechtigten Mitglied der Linkspartei, d.h. die Rekrutierungsfähigkeit der Partei betrug 0,25 Prozent.

Quellen / Literatur

Mitgliederdatenbank des Verfassers. Exakte Zahlen ab 1990 sind enthalten in: Niedermayer, Oskar, 2020: Parteimitglieder in Deutschland: Version 2020, Arbeitshefte aus dem Otto-Stammer-Zentrum, Nr. 31, Berlin.

Fussnoten

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Oskar Niedermayer für bpb.de

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Prof. Dr. Oskar Niedermayer ist emeritierter Professor und ehemaliger Leiter des Otto-Stammer-Zentrums an der Freien Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind Parteien, Wahlen und Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland.