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Mitgliederentwicklung der Parteien

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Mitgliederentwicklung der Parteien

Oskar Niedermayer

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Nach Hochzeiten der Mitgliedergewinnung entwickelten sich die Mitgliederzahlen der Parteien unterschiedlich. Nach der Wiedervereinigung verloren viele Parteien mehr oder minder stark an Mitgliedern.

Die Hochzeiten der Gewinnung neuer Mitglieder durch die Parteien in der alten Bundesrepublik lagen zum einen in den ersten Nachkriegsjahren und zum anderen in der Zeit von Ende der 1960er bis zur Mitte der 1970er-Jahre.

Die CDU hatte 1948 etwa 360.000 Mitglieder. Danach setzte ein Abschwung ein und erst in den 1960er-Jahren begann ein kontinuierlicher Aufschwung, der Ende der 1960er-Jahre in einen regelrechten Mitgliederboom überging. Von Ende 1968 bis Ende 1976 konnte die CDU ihre Mitgliederzahl um 128 Prozent steigern. Danach verlangsamte sich der Zuwachs und 1983 wurde mit 734.555 Mitgliedern der Höhepunkt erreicht. Danach ging der Bestand bis auf 662.598 im Jahr 1989 zurück.

Die SPD hatte ihre erste Mitgliederhochphase 1947 mit 875.479 Mitgliedern. Im nächsten Jahrzehnt gingen die Zahlen zurück und erreichten 1954 mit 586.143 Mitgliedern ihren Tiefststand. Danach folgte ein mehr oder minder kontinuierlicher Aufschwung, der sich ab Ende der 1960er-Jahre deutlich beschleunigte. Von Ende 1968 bis Ende 1976 gewann die SPD 40 Prozent neue Mitglieder hinzu. Ihren Höhepunkt erreichte sie 1976 mit 1.022.191 Mitgliedern. Danach ging der Bestand mit Ausnahme von 1980 und 1988/89 bis zur Wiedervereinigung jedes Jahr weiter zurück; 1989 gab es noch 921.430 Mitglieder.

Die anfängliche Mitgliederentwicklung von CSU und FDP lässt sich aufgrund der schlechten Datenlage für die Zeit bis Mitte der 1960er-Jahre schwerer nachvollziehen. Auch hier gab es jedoch in den ersten Nachkriegsjahren eine Hochzeit der Mitgliedergewinnung. Die CSU erreichte 1948 mit 85.247 Mitgliedern ihren ersten Höhepunkt, danach gingen die Zahlen bis 1953 auf unter 33.000 zurück. Nach einem Aufschwung in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre kehrte sich die Mitgliederentwicklung in der zweiten Hälfte wieder um. Auch in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre erlebte die CSU einen Mitgliederboom, der danach zwar abebbte, jedoch nicht in einen Abschwung überging. 1989 erreichte die CSU daher mit 185.703 ihren Mitgliederhöchststand in der alten Bundesrepublik.

Die FDP hatte 1952 über 66.000 Mitglieder, 1971 waren es nur noch 53.986. Danach begann ein Mitgliederaufschwung, der in abgeschwächter Form auch noch in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre anhielt und 1981 zum Höchststand von 86.073 Mitgliedern führte. Danach gingen die Mitgliederzahlen bis 1989 auf 65.150 zurück.

Die Grünen hatten nach ihrer Gründung 1980 einen Mitgliederstand von 20.520. Im Folgejahr mussten sie einen deutlichen Mitgliederrückgang auf knapp 18.200 hinnehmen, danach stieg die Mitgliedschaft jedoch kontinuierlich bis zum Höchststand 1987 (42.419) und fiel bis 1989 (41.171) nur leicht zurück.

Die Wiedervereinigung 1990 bescherte den Parteien zunächst, wenn auch in sehr unterschiedlichem Ausmaß, neue Mitglieder. In den nächsten drei Jahrzehnten gingen die Mitgliederzahlen jedoch bei allen Parteien außer den Grünen und der 2013 gegründeten AfD zum Teil deutlich zurück. Die CDU konnte durch den Beitritt der CDU der ehemaligen DDR, der sich kurz zuvor noch der Demokratische Aufbruch (DA) und die Demokratische Bauernpartei Deutschlands (DBD) angeschlossen hatten, ihre Mitgliederschaft um gut 20 Prozent auf 789.609 steigern. Seither gehen die Mitgliederzahlen jedoch - mit Ausnahme von 1999 - kontinuierlich zurück. Ende 2021 hatte die CDU nur noch 384.204 Mitglieder, d.h. sie musste seit 1990 einen Mitgliederverlust von über 51 Prozent hinnehmen.

Die SPD gewann durch ihr im Rahmen der Wende in der DDR neu gegründetes Pendant nur 2,5 Prozent Mitglieder hinzu, sodass sie 1990 auf 943.402 Mitglieder anwuchs. Seitdem gehen die Mitgliederzahlen der SPD - mit Ausnahme des Bundestagswahljahres 2017 - Jahr für Jahr zurück, und seit 2008 liefert sie sich mit der CDU einen Kampf um Platz 1 beim Mitgliederstand. Ende 2021 lag sie mit 393.727 Mitgliedern knapp vor der CDU. Seit 1990 hat sie allerdings über 58 Prozent ihrer Mitglieder verloren.

Bei den kleineren Parteien haben die CSU, die FDP und DIE LINKE seit 1990 in unterschiedlichem Maße Mitglieder verloren. Die CSU konnte, da sie nur in Bayern verankert ist, als einzige von der Wiedervereinigung nicht profitieren. Im vereinten Deutschland ging ihre Mitgliedschaft fast kontinuierlich von 186.198 (1990) auf 130.379 (2021) zurück. Sie verlor in diesem Zeitraum daher 30 Prozent ihrer Mitglieder.

Der Mitgliederbestand der FDP wuchs 1990 durch den Beitritt mehrerer Parteien der ehemaligen DDR um fast 160 Prozent auf 168.217. Vor allem durch einen dramatischen Mitgliederrückgang in den neuen Bundesländern war der enorme Zuwachs jedoch bald wieder aufgezehrt: Bis Ende 2015 (Stand: 53.197) hatte die FDP über 68 Prozent ihrer Mitglieder verloren. Danach gingen die Mitgliederzahlen wieder leicht - in den beiden Bundestagswahljahren 2017 und 2021 mit jeweils 17 Prozent sehr stark - nach oben und erreichten 2021 den Stand von 77.276. Dennoch hat die FDP von Ende 1990 bis Ende 2021 gut 54 Prozent ihrer Mitglieder verloren.

Im Rahmen der Wiedervereinigung blieben die westdeutschen Grünen als einzige Partei von ihrem ostdeutschen Pendant, der Listenvereinigung Bündnis 90/Grüne-BürgerInnenbewegung, zunächst noch getrennt und vereinigten sich erst im Jahre 1993 mit dem zur Partei umgewandelten, mitgliederschwachen Bündnis 90. Die Mitgliederentwicklung von Bündnis 90/Die Grünen war in der Folgezeit durch Auf- und Abschwungphasen gekennzeichnet. Seit 2016 gingen die Zahlen jedoch kontinuierlich nach oben, und das Jahr 2019 war mit einem Zuwachs von 28 Prozent - einer in ihrer gesamten Geschichte nur 1983 übertroffen Steigerung - für die Grünen extrem erfolgreich. Nach einem weiteren Rekordzuwachs von über 17 Prozent 2021 konnten die Grünen seit Ende 1990 ihre Mitgliederschaft um über 200 Prozent steigern.

Die PDS als Nachfolgerin der DDR-Staatspartei SED, die 1989 noch ca. 2,3 Mio. Mitglieder hatte, startete Ende 1990 mit etwa 281.000 und verlor bis Ende 2006 fast vier Fünftel ihrer Mitgliederschaft. Nach der Vereinigung mit der WASG zur Partei DIE LINKE 2007 hatte sie 71.711 Mitglieder, Ende 2021 stand sie bei 60.607. Dies bedeutet im Vergleich zu 1990 einen Mitgliederverlust von über 78 Prozent.

Die erst im Februar 2013 gegründete AfD hatte Ende 2013 schon 17.687 Mitglieder, verlor 2015 durch die Abspaltung der Anhänger des ausgetretenen Parteigründers Bernd Lucke etwa ein Fünftel ihrer Mitgliederschaft und steigerte sich danach wieder bis Ende 2019 auf 34.751 Mitglieder. Danach gingen die Zahlen bis Ende 2021 wieder auf 30.125 zurück. Insgesamt konnte sie damit ihre Mitgliederschaft gegenüber ihrem Gründungsjahr um gut 70 Prozent steigern.

Eine lange Historie besitzt der seit 2021 im Bundestag vertretene SSW als Partei der dänischen und der friesischen Minderheit in Schleswig. Anfang der 1990er-Jahre lagen ihre Mitgliederzahlen über 5.000, gingen dann aber zurück und Ende 2021 hatte die Partei nur noch knapp 3.200 Mitglieder.

Die Gesamtzahl der Mitglieder der im Bundestag vertretenen Parteien stieg im Bundestagswahljahr 2017 um 1,8 Prozent. Das war der erste deutliche Zuwachs seit 1990. Der langfristige Trend des Abschmelzens der Parteimitgliedschaften wurde dadurch jedoch nicht umgekehrt: In den nächsten vier Jahren - auch im Bundestagswahljahr 2021 - sank die Gesamtzahl wieder leicht. Im gesamten Zeitraum seit Ende 1990 ist die Gesamtzahl der Parteimitglieder trotz des Hinzukommens der AfD um die Hälfte gesunken.

Bei den nicht im Bundestag vertretenen Parteien ist die Mitgliederentwicklung sehr unterschiedlich verlaufen. Parlamentarische Relevanz erlangten die aufgeführten Parteien seit 2007 durch Einzug in ein Landesparlament (BIW: 2007, Bremen; FREIE WÄHLER: 2008 Bayern; PIRATEN: 2011, Berlin) bzw. seit 2014, wo sieben der zehn aufgeführten Parteien bei der Europawahl durch den Wegfall der Fünfprozenthürde ein Mandat erhielten.

Die mitgliederstärkste der aufgeführten Parteien ist die 2005 gegründete "Die PARTEI". Im Jahr ihres ersten Einzugs ins Europäische Parlament 2014 hatte sie bereits über 14.000 Mitglieder. Bis Ende 2020 stieg die Mitgliederzahl auf 48.602 an. Zu denken gibt jedoch, dass - bei einem Jahresmitgliedsbeitrag von 10 € - laut Rechenschaftsbericht 2020 nur 111.823 € an Mitgliedsbeiträgen eingenommen wurden.

Die seit Ende 2006 existierende Piratenpartei konnte im Rahmen ihrer Erfolge bei den verschiedenen Wahlen bis 2012 ihre Mitgliederzahl deutlich steigern. Den Höhepunkt erreichte sie 2012 mit 25.548 Mitgliedern. Danach setzte jedoch eine Marginalisierung der Partei in den Umfragen ein, was sich auch negativ auf die Mitgliederzahlen auswirkte. Ende 2020 gehörten ihr nur noch 6.318 Mitglieder an, davon waren nur 3.776 stimmberechtigt.

Seit den frühen 1980er-Jahren ist die ÖDP aktiv. Die Zahl der rund 6.100 Mitglieder aus dem Jahr 2014 konnte sie bis Ende 2020 auf knapp 8.100 steigern. Die Mitgliederschaft der FREIEN WÄHLER erhöhte sich 2011 durch die Verschmelzung mit den FW Bayern und Schleswig-Holstein drastisch. Ende 2020 hatten die FREIEN WÄHLER gut 6.200 Mitglieder.

Eine deutlich ansteigende Kurve gibt es dagegen bei der Partei Volt, die ihre Mitgliederzahl von ihrem Gründungsjahr 2018 bis 2020 auf fast 2200 Mitglieder verzehnfachen konnte. Zuwächse gab es auch bei der Tierschutzpartei: Hatte sie 2014 noch etwas weniger als 1.200 Mitglieder, so konnte sie die Zahl bis 2020 auf etwa 2.000 steigern.

Deutlich niedrigere Zahlen führt die BVB/FREIE WÄHLER, die seit 2014 im Landtag von Brandenburg vertreten ist, an. Seit dem Einzug in das Parlament bewegen sich ihre Mitgliederzahlen um 700-800. In einer ähnlichen Größenordnung ist auch die FAMILE einzuordnen: Seit 2014 konnte sie ihre Mitgliederanzahl von knapp 600 auf gut 700 im Jahr 2020 steigern. Die hauptsächlich in Bremen aktive Partei BIW hatte dort 2019 nach eigenen Angaben 100 Mitglieder.

Begriffe, methodische Anmerkungen oder Lesehilfen

In den Grafiken werden die Mitgliederzahlen jeweils zum 31.12. eines Jahres wiedergegeben. Die Daten für die CDU sind bis zum Beginn der 1960er-Jahre lückenhaft und beruhen zum Teil auf Schätzungen. Bei der SPD sind durch eine EDV-Umstellung Anfang 1998 insgesamt 5.240 Mitglieder verlorengegangen. Für die CSU liegen von 1954 bis 1959 und für 1962 keine Daten vor, Daten für die FDP gibt es - mit Ausnahme von 1951 und 1952 - erst ab 1967. Bei der Linkspartei (PDS) bestanden 1990 noch keine westdeutschen Landesverbände, daher Schätzung der westdeutschen Mitgliederzahl (etwa 600).

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Prof. Dr. Oskar Niedermayer ist emeritierter Professor und ehemaliger Leiter des Otto-Stammer-Zentrums an der Freien Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind Parteien und Wahlen der Bundesrepublik Deutschland.