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Einführung

Klaus Farin

/ 4 Minuten zu lesen

Techno begann nicht erst 1989 mit der ersten "Love Parade", bei der 150 halbnackte Jugendliche auf dem Berliner Kurfürstendamm einem Lieferwagen hinterherhüpften, in dessen Inneren drei junge DJs – Dr. Motte, Jonzon, Kid Paul – mit selbstproduzierten Tapes saßen, um ihr Publikum mit lautstarker, extrem schneller Musik zu beschallen, was die meisten flanierenden Berliner Passanten und Touristen allerdings nicht sehr beeindruckte – auf dem Kudamm springen häufig lärmende Verrückte herum.

Die deutsche Gruppe Kraftwerk gilt als Pionier der elektronischen Musik. (© AP)

Techno hat eine Vorgeschichte, zahlreiche Wurzeln und Pioniere, denn Techno entstand nicht plötzlich aus der Luft: Da wäre zum Beispiel der Komponist Karlheinz Stockhausen zu nennen, der schon seit den 50er-Jahren gemäß seiner Überzeugung "Alle Klänge und Geräusche sind Musik" die elektronische Musik revolutionierte. Oder die Minimalisten Steve Reich und Philip Glass, die bereits in den 60er-Jahren Strukturprinzipien des Techno entwickelten. Oder die Berliner Band Tangerine Dream, deren psychedelische Synthesizersoundlandschaften bereits Anfang der 70er-Jahre Ambient vorwegnahmen. Oder die 1968, zu Hochzeiten der Hippiebewegung, in Köln gegründete Trance-Rockband Can, die nicht zufällig Ende der 90er-Jahre von der Techno-Community wiederentdeckt und -belebt wurde. Und natürlich Kraftwerk. Die 1970 von den Düsseldorfer Musikstudenten Ralf Hütter und Florian Schneider gegründete Band gilt seit ihrem vierten Album "Autobahn" (1974), bei dem sie – anders als die übrigen deutschen "Krautrocker" – den Synthesizer nicht nur als Orchester-Ersatz benutzten, sondern als eigenständiges Popinstrument entdeckten, als die wichtigste "Inspirationsquelle" heutiger Technoproduzenten.

"Alle wollen Computer haben, keiner weiß genau, wieso", sangen Der Plan schon wenige Jahre später. Die gewaltigen technologischen Sprünge in der Elektronik (und damit auch die rasanten Preissenkungen) ließen die Maschinenmusik boomen: Bands wie Human League, New Order, Yello, DAF und vor allem Depeche Mode etablierten elektronische Musik in den Charts und auf den Dancefloors der Welt. Wirklich tanzbar war der Sound, den Bands wie Throbbing Gristle, Cabaret Voltaire oder die Berliner Einstürzende Neubauten aus Industrielärm und sonstigen Umweltgeräuschen mit elektronischen Hilfsmitteln collagierten, anfangs wahrlich nicht, doch nach und nach eroberte auch der "Industrial" die Tanzflächen, um schließlich als Electronic Body Music (EBM) eine eigene Techno-Spielart zu kreieren.

Der Begriff "Techno" geht auf den 1970 in den USA erstveröffentlichten Buchtitel "Future Shock" von Alvin Toffler zurück, in dem von "Techno-Rebellen" gesprochen wird, die modernste Technologien nutzen, um subversiv das System zu bekämpfen, das diese Technologien hervorgebracht hat. Seit Anfang der 80er-Jahre taucht der Begriff häufiger in Interviews auf, und 1984 veröffentlichen Cybotron (Juan Atkins und Richard Davis) aus Detroit auf einem "Electro"-Sampler den Titel "Techno City". Bereits zwei Jahre zuvor brachte HipHop-Pionier Afrika Bambaataa mit "Planet Rock" einen Electro-Klassiker auf den Markt. Die Basis des Songs bildeten die Melodie von "Trans Europa Express" und der Rhythmus von "Numbers", beides Kraftwerk-Stücke. Die Folge: Electro eroberte die HipHop-Szene, der "Electric Boogie", ein Breakdancestil, bei dem zuckende Roboter imitiert wurden, wurde geboren.

Der normale Discosound der 70er-Jahre galt da schon allgemein als tot. Doch nicht in den Undergroundclubs der afroamerikanischen Schwulenszene von New York oder Chicago. Dort wurden Philly-Soul und Munich-Disco (Donna Summer) allabendlich – bzw. -nächtlich – in abgefahrenen, schnellen Mixes durch DJs wie Larry Levan oder Frankie Knuckles neu zum Leben erweckt. Knuckles legte damals in einer alten Lagerhalle (Warehouse) in Chicago auf. "Dieser Gay-Club war nicht herausgeputzt, die Lightshow war äußerst simpel, das Soundsystem dafür um so intensiver", erinnert sich Knuckles. "In den Plattenläden sprachen die Leute bald von "that sound they play down the house". House music was born" (Anz/Walder 1999, S. 21f.).

Chicago wurde schließlich auch der Geburtsort einer weiteren frühen Techno-Spielart, des Acid, der 1987 als Acid House nach Großbritannien (und von dort aufs Festland) überschwappte und – wenn auch nur für eine Saison – dank einer gewaltigen Explosion illegaler Partys 1988 zur "größten Jugendkultur Englands seit Punk" (a.a.O., S. 24) wurde. 1989 ebbte die Welle wieder ab – und mit ihr das allgegenwärtige Erkennungszeichen der Fans: die Smileys –, doch der "Summer of Love" war der Beginn einer neuen Clubkultur, die die Schicki-Micki-Atmosphäre der üblichen Discotheken verdrängte und durch offenere, hedonistischere Umgangsformen ersetzte. Wichtig war nicht, wo man herkam, ob man reich oder arm, schwarz oder weiß, hetero- oder homosexuell orientiert war, sondern ob man bereit war, seinen Anteil zum Gelingen der Party beizusteuern: Spaß, Sex und Drogen.

John Cages Credo von 1937:
"Ich glaube, dass die Verwendung
von Geräuschen, um Musik zu machen,
so lange andauern und zunehmen wird,
bis wir zu einer Musik gelangen,
welche mit Hilfe elektrischer
Instrumente produziert wird."
(Zitiert nach Kemper 2004, S. 37)

Der erste deutsche "Technoclub" eröffnete 1984 innerhalb der Disco "Dorian Gray" auf dem Gelände des Frankfurter Flughafens. Zum fünfjährigen Bestehen startete der "Technoclub Frankfurt" übrigens im Mai 1989 ein eigenes Kundenmagazin: Frontpage, das sich fast ausschließlich EBM und Industrial widmet – Techno ist noch immer nicht in Deutschland angekommen. Doch in diesem Jahr geschieht etwas, das der Technoszene mächtig Aufwind gibt und dabei Berlin neben Frankfurt als Deutschlands Partyhauptstadt etabliert: Die Mauer fällt. "Das große Bedürfnis der Ost-Kids, sich auch selbst zu feiern, entlud sich auf gigantischen Raves und unzähligen Partys an merkwürdigen Orten. Alles war plötzlich möglich: Der Osten entdeckte den Westen und der Westen untersuchte den Osten. Es gab die abwegigsten Partyideen, die tatsächlich realisiert wurden. Man lud alle überallhin ein, ob es in ausgediente Bunker auf irgendwelchen verlassenen Truppenübungsplätzen, auf lustigen Bootsfahrten oder im 14. Stock im Kontrollzentrum des alten E-Werks abging – kein Ort wurde ausgelassen." (Kemper 2004, S. 49f.) Hässliche Betonwüsten wurden illegal zweckentfremdet und für wenige Stunden oder Nächte in wilde Partystätten verwandelt, anschließend wieder aufgeräumt, verlassen und nie wieder benutzt. Es gab keine öffentlichen Ankündigungen; Termine und Orte werden nur im engeren Freundeskreis und mit Hilfe winziger, kleinauflagiger "Flyer" weitergereicht.

Quellen / Literatur

Anz, Philipp/Walder, Patrick (Hrsg.): techno. Reinbek 1999.

Kemper, Christian: mapping techno. Jugendliche Mentalitäten der 90er. Frankfurt am Main 2004.

Fussnoten

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ist Fachautor, Dozent und Leiter des Externer Link: Archiv der Jugendkulturen sowie des gleichnamigen Verlages.