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Einführung

Klaus Farin

/ 5 Minuten zu lesen

Wo immer sie auftauchen, brennt die Luft. Neulich zum Beispiel, in der U-Bahn. Der letzte Waggon kommt direkt vor einer Gruppe Kurzhaariger zum Stillstand. Sechs grüne und schwarze Bomberjacken über Jeans oder buschgrün gesprenkelten Militärhosen, die Beine versinken in schweren Boots, in den Händen der meisten Bierdosen.

Skinheads in Brighton, England 2006. (CC, annodam ) Lizenz: cc by/2.0/de

Kaum hat das halbe Dutzend, mit einer Ausnahme auffallend kräftig gebauter Gestalten den Wagen geentert, werden die Gespräche der anderen Fahrgäste leiser, konzentrieren sich alle Augen auf einen Punkt. Lässt einer der Geschorenen seinen Blick in die Runde schweifen, senken sich die Köpfe der Mitreisenden wie bei der La-Ola-Welle im Stadion. Während Bettlerinnen ein paar Stationen zuvor neben wenigen klingenden Münzen und reichlich stummer Missbilligung auch aggressive Raus!Raus!Raus!- Sprüche zu hören bekamen, werden die Skinheads demonstrativ ignoriert, gibt es plötzlich für die Mitreisenden scheinbar nichts Wichtigeres in der Welt als die Lektüre der soeben am Bahnhofskiosk erstandenen Zeitung oder die Trauerränder unter den Fingernägeln. Dieses scheinbare Desinteresse ändert sich selbst dann nicht, als die Skins so lautstark miteinander reden, dass alle übrigen Fahrgäste der feuchtfröhlichen Runde lauschen können und müssen, als sie immer lustvoller über die "Spießer" lästern, ihre Körper dabei wie die halbvollen Bierdosen bedrohlich schwenkend, in ihre Witzeleien schließlich rechtsradikale Sprüche einflechten. Als buhlten sie um die Aufmerksamkeit eines desinteressierten Publikums, werden Tonfall und Mimik der Gruppe immer ungezügelter, besoffener, prolliger; ihr Lieblingskommentar zu allem und jedem lautet jetzt: "Schwule Scheiße!" Fahrgäste, die einander zuvor nicht beachteten, suchen nun den Blickkontakt. Eine Schande, dass dieser Dreck hier frei herumlaufen darf. Gut, dass wir besser sind als die, erzählen ihre Augen, was die Münder erst später, zu Hause, auszusprechen wagen. Gut, dass es außer diesen ganzen Kanacken und Pennern in Deutschland auch noch solche Jungs gibt, denken andere, schweigen aber ebenso, denn man weiß ja nie, wie die Mehrheitsverhältnisse hier so sind ... und außerdem: Ein wenig unheimlich sind diese Kurzgeschorenen ja doch.

Wer genauer hinsähe, aber das wagt natürlich niemand, würde seltsame Ungereimtheiten bemerken. Zum Beispiel die, dass der Prozess der eskalierenden Alkoholisierung sich innerhalb von wenigen Minuten entwickelte und längst Slapstick-Ausmaße angenommen hat. Und: Warum tragen Skinheads, die sich rassistische Witze erzählen, T-Shirts mit "Neger"-Musikern und "Gegen Nazis"-Aufnäher an ihren Jacken?

Skinheads lieben dieses provokante Spiel mit ihrem Medien-Image, die Vorurteile in den Köpfen ihrer Mitbürger sind ein integraler Bestandteil ihrer Spaßkultur. Stärker als bei den meisten anderen Jugendkulturen bedeutet Skinhead zu sein zunächst, Grenzen zu ziehen, "gemeinsam sich vom Rest der Welt distanzieren. Eine Subkultur (gehasst und stolz), die aus der Reihe tanzt und sich nicht vom Staat in irgendwelche Discos schließen lässt, um brav dem Allgemeinheitstrend zu folgen." (Georg, 19 Jahre) Auch für Ralf (26) bedeutet Skinhead zu sein, "mich stilvoll von der konsumorientierten MTV-Jugend abzuheben. Gehasst zu werden und das gut zu finden." – "Ich bin stolz auf den Kult und das müssen andere nicht verstehen oder akzeptieren. Ich scheiß´ auf deren Meinung", erklärt Oliver (26), der es längst leid ist, sich immer für etwas rechtfertigen zu müssen, was er als Antirassist gar nicht ist. "Skinhead sein heißt immer, sich abzuheben von den Langhaarigen (bäh), den Faschos (ihr begreift´s nie), den so genannten Individualisten, den schlaffen Kids von heute, die nur abhängen und Bands hören, die nur für Geld, aber nicht für sie spielen, den Angepassten, die ihr ganzes Leben mit eingezogenen Schultern bewältigen, eben allen, die sich nicht trauen, ihre Meinung zu sagen und dafür einzustehen."

Skinheads hassen vor allem "Spießer" (bzw. jeden, den sie für einen solchen halten, also vorzugsweise alle Andersaussehenden), und ein nicht zu unterschätzender Lustfaktor der Skinhead-Kultur ist der, den Verhassten ihre volle Verachtung bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu zeigen. Ist die bevorzugte Waffe des Spießers zur Konfliktvermeidung die Höflichkeit, so ist die Waffe des Skinheads zur Sprengung der Gesichtsfassaden die inszenierte Unhöflichkeit, die kontinuierliche Provokation. Wer seine Stimme über Gebühr erhebt, gilt gewöhnlich als peinlich. Skinheads dagegen lieben es geradezu, lautstark alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die öffentliche Inszenierung des Skinhead-Daseins ist Teil ihres identitätsstiftenden Programms, dessen erster Punkt lautet: Wir sind anders – sprich: besser – als die normierte Mehrheit. "Es gibt doch wohl nichts Geileres, als mit ´ner großen Gruppe, fröhliche Lieder singend, nahrhafte Getränke in der Hand, mitten durch die Altstadt zu ziehen und dabei die Gesichter der Leute zu beobachten, diese ganzen blöden Spießer, die in ihrem Leben noch nie aufgefallen sind, sich immer angepasst haben, für ihre Karriere oder sonst was, und dann kommen wir und führen ihnen vor, was sie eigentlich auch schon immer wollten, sich aber nie getraut haben. Was meinst du, warum die bei uns in der Gegend [Köln, kf] das ganze Jahr lang schon so geil auf Karneval warten? Weil sie da endlich mal so richtig die Sau rauslassen dürfen. Wir machen das das ganze Jahr über. Da kommt natürlich Neid auf. Und das find´ ich auch super so. Je mehr die sich über mich ärgern, desto besser. Denn in dem Moment spür´ ich, ich hab´ was als Skinhead, was die nicht haben."

Skinheads sind eine "Randgruppe mit Stolz". Agents provocateurs wider die bürgerliche Langeweile. Anständige Bürger leeren keine Bierdosen in der Fußgängerzone, belästigen keine Kaufwütigen mit schmutzigen Gesängen, schlagen sich und ihre Familienangehörigen niemals in der Öffentlichkeit. Und außerdem "kann man doch über alles reden" ... – Skinheads hassen diese Höflichkeitsrituale der Mittel- und Oberschichten, halten sie ebenso wie die Sensibilität dieser Irgendwie-Typen, die immer alles verstehen wollen und zwanghaft jede ihrer Ansprachen mit einem herzzerreißenden "du" am Satzende entschärfen müssen, für Strategien der Konfliktumgehung, die vorhandene Aggressionen und Hierarchien nur hinter einer Maske der Höflichkeit verstecken. Skinheads bevorzugen die direktere Art der Auseinandersetzung. "Lieber mal eine Prügelei als ständige Schleimerei." Skinhead sein bedeutet, "jedermann offen und direkt die Meinung ins Gesicht zu sagen". Oder auch zu schlagen. "Hart, aber ehrlich." Ein Männerkult der proletarischen Art.

Fussnoten

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ist Fachautor, Dozent und Leiter des Externer Link: Archiv der Jugendkulturen sowie des gleichnamigen Verlages.