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Love, Peace & Happiness

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Love, Peace & Happiness

Klaus Farin

/ 4 Minuten zu lesen

Eine familiäre Atmosphäre prägte die Partys jener Zeit. Obwohl sich beim Techno oft genug (ehemalige) Hooligans und Punks, Skinheads und Autonome, drogenverachtende Straight Edger und Pillenschlucker gegenüberstanden.

Größte Deutsche Techno-Party 1995: 26.000 Raver tanzen in der "Festhalle" in Frankfurt. (© AP)

Obwohl sich beim Techno oft genug (ehemalige) Hooligans und Punks, Skinheads und Autonome, drogenverachtende Straight Edger und Pillenschlucker gegenüberstanden, sich in der Kleidungsstilsammlung einer durchschnittlichen Techno-Party vom Heavy-Metal-Outfit über Post-Hippies und Girlies bis zum Christopher-Street-Day-Fummel Dutzende eigentlich konträre und einander ausschließende Lebensstile vereinten (eine multikulturelle Szene im wahrsten Sinne), gab es in den ersten Jahren praktisch keine Gewalt. "Von Massenveranstaltungen ist man diese Einzeller-Serie gewohnt, die durchs Volk rempelt, als wäre sie motorisch schwer geschädigt. Nichts davon. Es fehlten die vor Testosteron und Virilität kribbligen Exemplare, die nur auf einen scheelen Blick warten, um sich schwer in der Ehre gekränkt und zum Zuschlagen verpflichtet zu fühlen" (Thomas Haemmerli über seinen ersten Techno-Rave, in: Anz/Walder 1999, S. 249). Die "Friede, Freude, Eierkuchen"-Stimmung auf Techno-Partys lässt sich durchaus als Folge des weit verbreiteten Ecstasy-Konsums interpretieren. Ecstasy bewirkt eine höhere Ausschüttung des körpereigenen Hormons Serotonin. Die Folge: Der Konsument wird von Glücksgefühlen überschüttet und will dies mit allen Mitmenschen teilen.

Ecstasy-Konsumenten reden gerne, tanzen gerne, suchen den Körperkontakt – und all das ausdauernd. Nur mit dem Sex klappt es – zumindest bei männlichen Wesen – meist nicht mehr so richtig. So garantieren Techno-Partys ein – besonders auch für Frauen attraktives – gewaltfreies, nicht-sexistisches Klima, obwohl die Inszenierung von Lust, die Zurschaustellung des Körpers als erotisches Objekt ein wesentliches Moment der Szene ausmachte. "Love, Peace & Happiness", die alte Flower-Power-Spiritualität der Blumenkinder, erlebte im neuen musikalischen Gewand des Techno nach zwanzig Jahren ein Comeback. "Es war eine schöne Zeit, so unschuldig", erinnert sich motik im Tübinger Techno-Fanzine ouk:

"Es gab weder Stars noch VIPs, weder Unter- noch Überordnung. Die Namen der DJs waren auf den schlecht kopierten Schwarz-weiß-Flyern nicht vermerkt, viele Platten waren Weißmuster ohne jeglichen Hinweis auf ihre Herkunft, weil es nicht um credibility oder um Geld ging, sondern einfach nur um eine große Menge Spaß und Freude an innovativer Musik und den dazugehörigen Partys. Auf letzteren konnte man sich in meist dunklen, nur von Stroboskopblitzen und ein paar Lampen erhellten Gewölben an einer unbeschreiblichen Stimmung und pumpenden 4/4-to-the-floor-Tracks erfreuen. Die Szene war klein und überschaubar und gerade aus diesem Grund fühlte man sich verbunden. Man hielt zusammen gegenüber der großen bösen Popwelt. Am auffälligsten war die Friedfertigkeit des Ganzen. Gewalt war ein Fremdwort, einfach undenkbar, und das trotz der Tatsache, dass sich die Raver aus allen Bevölkerungsschichten mit den verschiedensten Ideologien rekrutierten" (ouk 1, Tübingen Juni/Juli 1996).

Politische Losungen finden sich in den Fanzines und auf den T-Shirts und Buttons der Raver selten, am häufigsten wohl noch Drogenlegalisierungswünsche und die Forderung nach einem "Recht auf Spaß". Mit darüber hinausgehenden Statements zu politischen Fragen halten sich Technofans wie -künstler meist auffällig zurück. Und tun sie es nicht, wie etwa der Love-Parade-Mitbegründer und DJ Dr. Motte bei seiner alljährlichen Abschlussrede, so wünschte man sich, sie hätten besser geschwiegen.

Auch der weitgehende Verzicht auf Texte in der Musik ist nicht nur der Schnelligkeit des Rhythmus geschuldet, sondern durchaus Programm. Zum einen unterstreicht er den Anspruch von Techno, eine Weltmusik zu sein. Der Verzicht auf den die Kommunikation einschränkenden Ballastfaktor Text macht Techno universell verständlich. Technoproduzenten haben oft mehr Freunde in Tokyo und Detroit, Tel Aviv und Barcelona als in der direkten Nachbarschaft. Zum anderen entzieht sich Techno mit seiner Vermeidung textlicher Aussagen der Gefahr, sein eigentliches und einziges Ziel – die Wiederentdeckung des Körpers – durch unnötige Sinngebungen zu unterlaufen. Denn Techno bedeutet den Ausstieg aus dem Alltag und damit auch der Politik. Zumindest am Wochenende.

In Zeiten, in denen der bürgerlich-linksliberale Mainstream Lustfeindlichkeit zur Ideologie, "Spaßgesellschaft" zum Schimpfwort und politisch korrektes Bewusstsein zum Pflichtprogramm erhebt, kann eine Partykultur, deren ganzes Programm sich mit dem Wort Ekstase zusammenfassen lässt, natürlich schon wieder als politisch empfunden werden. Und wirklich tummeln sich auf Techno-Partys reichlich Leute, die man auch aus politischen Zusammenhängen kennt. Vor Techno gab es etwa für junge Linke/ Autonome/Antifas kaum Freiräume, politikfreie Räume. Die Stammkneipen, die Konzerte und Partys, selbst die Freundschaften und Liebesbeziehungen waren zumeist politisch codiert, entstammten Szene-Zusammenhängen. So wurde Techno für viele "zum wochenendlichen Notausgang: Beim Raven schien der Druck, die Krise der Linken, die durch die politisch korrekten Endlosdebatten erzeugt worden war, von einem abzufallen" (Hillenkamp 2001, S. 193).

1992 erlebt Techno einen zukunftsweisenden Einschnitt: Das Konzept des "immer härter, immer schneller" scheint "ausgereizt und an seine Grenzen gestoßen. Das sinnlose Brettern aus Prinzip kann heutzutage nicht mehr überzeugen" (Jürgen Laarmann im Editorial zu Frontpage 5/93). "Trance" erobert die Tanzflächen, Techno wird deutlich langsamer, harmonischer, sphärischer. Cosmic Baby, Jahrgang 1966, ein musikalisches Wunderkind, das mit sieben Jahren am Nürnberger Konservatorium seine Ausbildung zum klassischen Konzertpianisten startete, wird zum neuen Star des Techno, absolviert manchmal an einem Wochenende zwei Auftritte in zwei Städten und landet mit "Loops of Infinity" sogar in den deutschen Charts. Sven Väth, Jahrgang 1964, gelingt es mit seinem Album "Accident in Paradise" als erstem Discjockey überhaupt, einen weltweiten Plattenvertrag abzuschließen.

Nicht nur die Musikindustrie, sondern auch andere Branchen beginnen sich für Techno zu interessieren. Techno scheint ideal geeignet für den Markt. Das identitätsspendende Image der Szene ist bewusst "unpolitisch". Man will "Friede, Freude, Eierkuchen" und Dr. Mottes ökologisches Mineralwasser "Licht und Liebe". Und die Technokids mögen Werbung. Sie gehen bisweilen zwar etwas respektlos mit Firmenwahrzeichen um, fälschen und verfremden Logos und Werbesprüche, doch gerade das zeigt den hohen Aufmerksamkeits- und Unterhaltungswert, den sie der bunten Warenwelt zumessen. Welcher Firmenpromoter hätte vor zwanzig Jahren auch nur davon zu träumen gewagt, dass man Jugendliche dereinst nicht mehr überreden müsste, ein T-Shirt mit aufgedrucktem Firmenlogo wenigstens zu akzeptieren, sondern dass sie sogar Geld dafür bezahlen werden, dass T-Shirts ohne Werbelogo den Langweiler identifizieren.

Quellen / Literatur

Anz, Philipp/Walder, Patrick (Hrsg.): techno. Reinbek 1999.

Frontpage 5/1993

Hillenkamp, Sven: Glatzköpfe und Betonköpfe. Skinheads und Autonome. In: Farin, Klaus (Hrsg.) 2001, S. 173 – 208.

ouk 1/1996

Fussnoten

Weitere Inhalte

ist Fachautor, Dozent und Leiter des Externer Link: Archiv der Jugendkulturen sowie des gleichnamigen Verlages.