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Gangs

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Gangs

Klaus Farin

/ 3 Minuten zu lesen

Ab 1982 gründen sich bundesweit in den Arbeiter- und Einwanderervierteln westdeutscher Städte so genannte "Streetgangs". Der Film "Warrior" und die neue US-amerikanischen Ghetto-Kultur HipHop setzten sie in Bewegung.

New York City im Sommer 1980 - Flint und seine Gang die "Ching-a-Lings". (© AP)

So stecken sie auch in Deutschland überall ihre Reviere mit Graffiti ab und prügeln sich wie ihre acht Ghetto-Heroen aus "Warrior" mit Baseballschlägern, Butterfly-Messern, Fahrradketten und asiatischen Kampfhölzern bewaffnet durch die Stadt, gejagt von rivalisierenden Gangs oder auf der Suche nach "Glatzen", deutschen Rechtsradikalen. Das Ziel: den eigenen Wohnbezirk wieder "sicher" zu machen. Mit einer zweifelhaften, aber offenbar erfolgreichen Methode drängen die Gangs die "Skins" aus ihrem Kiez. Ein Gangmitglied der Berliner Türkiye Boys: "Wenn irgendwo ein Skin auftauchte, haben wir ihm die Zähne eingeschlagen, den Ausweis abgenommen und gesagt, wir wissen jetzt, wo du wohnst; wenn du noch mal hier auftauchst, besuchen wir dich zu Hause."

Die Gewalt in den Straßen ist auch das Ergebnis einer Politik, die seit Mitte der Siebzigerjahre Einwanderer nur noch als Erblast aus den Zeiten des "Wirtschaftswunders" betrachtete, die man nun möglichst bald loswerden möchte. So wird ein Bündel von Sondergesetzen verabschiedet, etwa die "Zuzugssperre" vom 1. April 1975, die Einwanderer als soziale Belastung für Wohngebiete stigmatisiert und gleichzeitig suggeriert, es gebe eine "natürliche Grenze" des vertretbaren Anteils von Einwanderern in einer Region: Wohngebiete mit einem Ausländeranteil von mehr als zwölf Prozent werden für nicht-deutsche Wohnungssuchende gesperrt. Im Herbst 1983 versucht Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU), türkische Einwanderer mit einer "Prämie" zur Rückkehr zu bewegen. "Ein konfliktfreies Zusammenleben wird nur möglich sein, wenn die Zahl der Ausländer bei uns begrenzt und langfristig vermindert wird, was vor allem die großen Volksgruppen (Türken) betrifft", hatte Zimmermann schon im Mai 1983 geäußert. Auch nachfolgende Kampagnen zur Einschränkung des Asylrechts ermutigen neonazistische Gewalttäter, denen der offizielle Weg zu langsam geht. Vor allem der 20. April 1989 wird für viele Einwanderer in der Bundesrepublik zum traumatischen Erlebnis: Anlässlich des 100. Geburtstages von Adolf Hitler hatten Neonazis in Flugblättern Überfälle auf türkische Geschäfte und Einzelpersonen angekündigt. In Städten wie Hamburg und Berlin blieben ein Drittel der Einwandererkinder aus Angst dem Unterricht fern. Für die Gangs wird das Ereignis zum Fanal: Bundesweit organisieren sie in jenen Tagen und Wochen die Selbstverteidigung ihrer Wohnbezirke.

Trotz alledem sind die Gangs mehr als eine Reaktion auf neonazistische Übergriffe und eine verfehlte Einwanderungspolitik. Sie markieren auch einen Bruch zwischen den Einwanderergenerationen. Während die Eltern immer noch auf gepackten Koffern sitzen, sich ihre Zukunft nur in der alten Heimat vorstellen können, ist die Mehrheit der Jungen in Deutschland geboren und nur mit einem sehr dünnen Faden mit den Herkunftsländern der Eltern verbunden. Sie wissen: Wenn sie in Deutschland keine Zukunft haben, haben sie gar keine. Nicht zufällig gründeten sich viele Gangs, um sich so mit geballter Macht Zutritt zu Diskotheken und Jugendklubs zu erobern.

Allerdings sind viele Gangmitglieder nicht nur Opfer, sondern auch Täter - vor allem in den Bezirken bundesdeutscher Großstädte, in denen Einwandererjugendliche keine Minderheit, sondern eine auf Schulhöfen und Straßen dominierende Macht darstellen. Bei genauer Beobachtung lassen sich erstaunliche Verwandtschaften zwischen ihnen und ihren rechtsradikalen Gegnern entdecken: Männlichkeitswahn und Sexismus, rassistische Sichtweisen, die die moralische Überlegenheit des eigenen Volkes oder der "Rechtgläubigen" unterstreichen, Betonung des Rechtes des Stärkeren, eine hohe Gewaltbereitschaft, die beinahe reflexhaft beim Anblick eines vermeintlichen Gegners in Taten umschlägt, der Hass auf alles Fremde und Unbekannte.

Die Bundesrepublik Deutschland ist Ende der Achtzigerjahre faktisch ein multikulturelles Land, auch wenn viele es immer noch nicht wahrhaben wollen und in der öffentlichen Debatte weniger die Vorzüge als die Probleme daraus erörtert werden. Doch vor allem die jungen Einwanderer fordern ihren gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft und entwickeln ein neues, interkulturelles Selbstbewusstsein.

Dann fällt die Berliner Mauer. Die Bundesrepublik Deutschland hat über Nacht rund 18 Millionen Bürger mehr - neue Einwanderer in die bisweilen raue Wirklichkeit der real existierenden Marktwirtschaft. Die Karten für die besseren Plätze in der Gesellschaft werden neu gemischt. Zwischen die Chöre der Leipziger Montagsdemonstrationen "Wir sind ein Volk" mischen sich bald andere Stimmen. "Wir sind das Volk" rufen sie und "Ausländer raus". Die Neunzigerjahre werden in vielerlei Hinsicht zu einer Bewährungsprobe für das "neue Deutschland" ...

Fussnoten

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ist Fachautor, Dozent und Leiter des Externer Link: Archiv der Jugendkulturen sowie des gleichnamigen Verlages.