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Risse im Wirtschaftswunderland

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Risse im Wirtschaftswunderland

Klaus Farin

/ 3 Minuten zu lesen

In den Sechzigern wird die bundesdeutsche Gesellschaft spürbar offener, internationaler. Der Autoboom erzeugt eine hohe Mobilität, die Urlaubswelle zieht die Deutschen in ihre europäischen Nachbarländer.

"Vater des Wirtschaftswunders" Ludwig Ehrhard 1957 - Deutscher Wirtschaftsminister und Bundeskanzler. (© AP)

Migranten kommen nun verstärkt ins Land, um hier als "Gastarbeiter" eine Zeit lang zu arbeiten, doch viele bleiben. Familien reisen nach oder entstehen hier, und die deutsche Alltagskultur vom Speiseplan bis zum Konzertereignis bekommt ein internationales Flair. In Berlin wird der Döner Kebab erfunden. Der kulturelle Aufbruch erreicht allerdings zunächst nur Minderheiten der Gesellschaft. So befürworteten noch 1967 46 Prozent der westdeutschen Erziehungsberechtigten gelegentliche, 36 Prozent regelmäßige Schläge in der Kindererziehung – nur 16 Prozent waren prinzipiell dagegen (Jahrbuch 1965/67, S. 2). Die Mehrheit fühlte sich durchaus durch die CDU und ihre christlich-konservativen Ideen vertreten, die nahezu unumschränkt seit 1949 die politische, wirtschaftliche und kulturelle Richtung vorgab: Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus wurde weiterhin verdrängt bzw. zahlreiche ehemalige Nazis wurden sogar zu Repräsentanten demokratischer Institutionen ernannt. Staatliche und andere Autoritäten forderten und genossen eine unhinterfragte Akzeptanz; ein ungebrochenes Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung waren "die Garanten für eine Phase allgemeinen Wohlstands, die sich auf eine fraglos akzeptierte Arbeits- und Konsumorientierung nebst breiter Entpolitisierung der Bevölkerung stützte" (Lindner 1996, S. 91). Zehn Jahre lang, seit Beginn des "Wirtschaftswunders", wurde die Bonner Politik "mit der Gürtelschnalle gemessen" (Ulrike Meinhof, in: konkret Nr. 11/1963, zitiert nach Meinhof 1980/1995, S. 34). Umfragen jener Jahre zeigen allerdings, dass es im Untergrund gärt – so spricht sich die Mehrheit der Bevölkerung gegen die von Bundeskanzler Konrad Adenauer forcierte atomare Aufrüstung der Bundeswehr aus und 40 Prozent fordern zur Wiedervereinigung Deutschlands "Verhandlungen mit der DDR". Die Demoskopie verzeichnet seit den frühen Sechzigerjahren eine steigende Politisierung der Bevölkerung: "Bei den Bundestagswahlen von 1953 und 1957 dominierten die wirtschaftlichen und sozialpolitischen Motive. Schon 1961 hatte eine Umschichtung der Werte stattgefunden. Die elementaren wirtschaftlichen Bedürfnisse traten in den Hintergrund. Wir erleben den Übergang zu einer Wohlstandsgesellschaft mit den ihr eigenen politisch-psychologischen Gesetzmäßigkeiten. Die Atmosphäre wird auf eine interessante Weise politischer. Die Bevölkerung greift in ihren Wünschen über die primären Bedürfnisse hinaus. Sie interessiert sich für Gesundheitsfragen, Arbeitsbedingungen, für den Schutz der Landschaft und der Wasserläufe, für klare Luft. Der Blick für nationale Fragen und für die Außenpolitik wird frei. Die Frage der Wiedervereinigung stand bisher im Schatten elementarer wirtschaftlicher Probleme. Jetzt ist es für die Deutschen das Problem Nummer 1, an zweiter Stelle allerdings die Preisentwicklung. Dann geht der Wunsch auf Abrüstung, Reduzierung der Kriegsgefahr, Verminderung der Atomrüstung, Zusammenschluss Europas." (Schmidtchen 1965, S. 108 u. 112)

Noch überdeckt der wachsende Wohlstand die Widersprüche zur herrschenden Politik. Doch 1965 zeichnen sich erste Risse in der identitätsstiftenden Kraft der Wirtschaftswunderideologie ab. Die Bauindustrie schwankt, der Boom der Wiederaufbaujahre ist vorbei. Ein Jahr später kriselt es auch spürbar in der Eisen- und Stahlindustrie, im Bergbau und in der Landwirtschaft. Das "Zechensterben" im Ruhrgebiet stürzt die bevölkerungsreichste Region Westdeutschlands in eine tiefe Krise. Der "Weltmarkt" formiert sich, die deutsche Wirtschaft sieht sich plötzlich in Konkurrenz zu Anbietern aus anderen Ländern und entdeckt auch selbst andere Märkte. Die Deutschen lernen ein neues Wort: "multinationale Konzerne". Preissteigerungen verunsichern und verärgern die Bevölkerung. "Gelingt es der CDU nicht, den Wunsch der Bevölkerung nach umfassender sozialer Sicherung und wirtschaftlicher Stabilität zu erfüllen, schwingt das Pendel zur SPD", analysiert der Sozialforscher Gerhard Schmidtchen im Frühjahr 1965 (a.a.O., S. 116). 1966 gibt es erstmals seit Jahren wieder Arbeitslose in Deutschland, "nur" 600000 (ein Prozent), doch das Wirtschaftswachstum verlangsamt sich weiter und technische Innovationen – Computer, Mikroelektronik, Automation – künden Umbrüche an. Die Rezepte der CDU wirken nicht mehr. Nach dem Scheitern der Regierungskoalition von CDU/CSU und FDP tritt am 1. Dezember 1966 eine "Große Koalition" aus CDU/CSU und SPD an, um die Krise zu meistern – und löst damit jedoch ein Beben aus, das an den Universitäten beginnt und drei Jahre lang als "außerparlamentarische Opposition" (APO) ganz Deutschland in Atem halten wird.

Quellen / Literatur

Lindner, Werner: Jugendprotest seit den fünfziger Jahren. Dissens und kultureller Eigensinn. Opladen 1996.

Meinhof, Ulrike Marie: Die Würde des Menschen ist antastbar. Aufsätze und Polemiken. Berlin 1980/1995.

Schmidtchen, Gerhard: Die befragte Nation. Über den Einfluss der Meinungs-forschung auf die Politik. Frankfurt am Main 1965.

Fussnoten

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ist Fachautor, Dozent und Leiter des Externer Link: Archiv der Jugendkulturen sowie des gleichnamigen Verlages.