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Techno wird Pop

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Techno wird Pop

Klaus Farin

/ 4 Minuten zu lesen

1994 sind die Sounds aus der Berliner Techno-"Hitfabrik" Low Spirit "allgegenwärtig, ob beim Baden im Baggersee oder frühmorgens an der Bushaltestelle. Sie dröhnten aus jedem Autoradio: Marusha, Mark Oh, Westbam, Members of Mayday, RMB usw.

Techno auf dem Eurovision Song Contests 2004: DJ Westbam hat sich als Popact gehalten. (© AP)

Luftige Kindertechno-Lieder, nicht besonders schrill, die als bleibende Monumente für einen rückwärtsgewandten, nicht progressiven Techno-Pop stehen" (Buschmann 1999, S. 101). Das Erfolgsrezept ist einfach und seit Marushas Technoschlager "Somewhere over the rainbow" immer das gleiche: "Es sind Songs, nicht Tracks, bei denen man einen eingängigen Refrain, eine zum Mitpfeifen einladende Hookline oder direkt das Hauptthema eines weltbekannten Musicals, Kinofilms oder einer Fernsehserie nimmt und drumherum die geknechteten Maschinen munter ihren Beat rattern und stampfen lässt: nicht zu schräg, nicht zu brav. Nicht zu hart, nicht zu soft. Natürlich gibt es auf diesen Platten hin und wieder auch etwas Lärm, aber nicht um des Lärms willen oder um einen apokalyptischen Hörsturz auszulösen, sondern mehr als ein Alibi-Zwischenspiel, damit der gleich darauf folgende Schlagerpart als eine scheinbar allmächtige Erlösung offeriert werden kann. Das funktioniert" (a.a.O., S. 102).

Techno verschlumpft

Mitte der 90er-Jahre ist Techno ein Massenphänomen, die größte Jugendkultur der Gegenwart. Frontpage, das Techno-Zentralorgan, erscheint ab März 1995 in einer Auflage von 100000 Exemplaren. Marktforscher zählen zwei Millionen Unter-Dreißigjährige mit einer jährlichen Kaufkraft von fünf Milliarden DM zum Kern der Technoszene, weitere zwei Millionen besuchen gelegentlich Techno-Events. In Umfragen geben sogar bis zu 60 Prozent der 12-18-Jährigen an, dass Techno ihre Lieblingsmusik sei.

"It's cool man!" - der Mann aus der Milka Werbung wird vertont und dann zum Techno-Hit. (Cool & Fröhlich Man Peter Steiner) (© AP)

An Techno, summiert Ende 1994 Horizont, das Blatt der Werbebranche, werde "kein Produzent von trendrelevanten Produkten mehr vorbeikommen". "Technoisierte" Popmusik erobert die Charts (Scooter u.ä.) und abgehalfterte Kinderstars und Volksmusiker von Heintje bis Heino recyceln ihre zwanzig Jahre alten Hits in neu abgemischten Techno-Versionen. Das bestverkaufte Album des Jahres 1995 wird mit 800000 Stück die Schlümpfe-Compilation "Tekkno ist cool". 1994 kommen 100000 Menschen zur Love Parade, 1995 sind es bereits 400000, ab 1996 wird die Millionengrenze überschritten und Dutzende Fernsehsender übertragen die schrillsten Szenen und Outfits ins abgelegenste Dorf. Die einst illegal selbst eroberten und organisierten Party-Locations werden durch Angebote der Freizeitindustrie ersetzt: Raves als Pauschalreise, Unterkunft, Verpflegung und garantiert pausenlose Happiness mit prominenten DJs inklusive, zu buchen im Reisebüro nebenan. "Nie zuvor gab es dermaßen viele Raves, die an Niveaulosigkeit schwerlich zu unterbieten sein werden", kritisiert das Dresdener Zine sch!cht auf dem Höhepunkt der Technowelle im Januar 1996. "Man nehme ein Bierzelt auf der Wiesn, stelle einen der Berliner Superkasper in die Mitte, brülle dreimal kräftig 'Love, Peace, Unity‘ in die Gegend und schon ziehen Tausende 'Techno ist cool‘ grölende Raveschlümpfe durch den Saal."

Techno ist Mainstream geworden, eine Abteilung der Popmusikbranche mit all ihren Nachteilen: Starkult und -gehabe (VIP-Lounges auf Techno-Events!), Abzocken und sogar Gewalt. "Der 'family-spirit‘ ist einer gleichgültigen, oftmals gar feindseligen Atmosphäre gewichen, die nicht selten in Schlägereien und ähnliche Unerfreulichkeiten ausartet", klagt motik im schon zitierten ouk im Sommer 1996. "Viele E-music-user ertragen ihre Szene-Zugehörigkeit nur unter Einwirkung synthetischer und natürlicher Suchtstoffe. Ja um Himmels Willen, dann bleibt doch bei euren Heavy-Metal- oder Rockfesten und kokst euch dort die Nase zu. Wer Drogen braucht, um Techno auszuhalten, sollte sich überlegen, ob es das wert ist. Da war doch was, music is the drug, abgedroschen, nicht?"

Techno ist nun ein Tanzstil für jedermann, der halbwegs körperlich fit ist, in jeder Kleinstadtdisco zu bekommen und damit nicht mehr hip. "Die Szene ist ausgereizt, abgedriftet und ausverkauft. Und das Image der Techno-Jugendlichen ist – man kann es ganz offen sagen – richtig mies. Techno ist von einer schillernden und kreativen Jugendkultur zu einem Synonym für oberflächliche Konsumkids aus unteren Sozial- und Bildungsschichten geworden" (Großegger/Heinzlmaier 2002, S. 52). So wandern viele Aktive und Kreative der ersten Technogeneration weiter, auf der Suche nach neuen Nischen jenseits der ausgetretenen Kommerzpfade. "Einige ziehen sich ganz zurück, andere versuchen unter Einsatz aller Energien und Vernachlässigung jeder Prinzipien ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Es herrscht ein Klima zwischen aufrechter Depression und hektischem Ausverkaufsfeeling", stellt selbst Frontpage im November 1994 im redaktionellen Teil zwischen Anzeigen von Low Spirit, MTV und Edel fest.

Je größer und breiter die Technoanhängerschaft wird, desto mehr differenziert sich auch der Stil aus. Von Euro-Dancefloor à la Scooter oder Dr. Alban bis zur mit wenigen Samplern aufgemotzten NDW- oder Karnevalslieder-Compilation, "vom superharten 250-BPM-Gabbersound, der vollständig aus Pressluftbohrern besteht, bis zum zuckersüßen, aus Delphinbabygeräuschen generierten Ambient-Muzak kann heute alles dem Begriff Techno zugeordnet werden" (Frontpage 11/1994, S. 6). Der Begriff "Deppentechno" wird geboren, und unter Alt-Technoiden macht beim Anblick begeisterter Teenager-Scharen auf jedem größeren Rave der Scherz von der "3. Generation" die Runde: Die erste Techno-Generation, die alle Techno-Lieder, die sie kennt, mitsingen kann.

Zum Ende des alten Jahrtausends hat auch die Technoszene ihren Höhepunkt überschritten. Die Zeiten, in denen in jeder deutschen Großstadt am Wochenende Raves stattfanden, sind vorbei. Nachdem selbst die Love Parade, die sich ab Mitte der 90er-Jahre vom Techno-Szenefestival zum touristisch-kommerziellen Partyspektakel für jedermann gewandelt hatte, den Veranstaltern nicht mehr lukrativ erschien und deshalb zwei Jahre pausierte, konnten sich nur noch wenige Großevents wie die "Mayday" mit jährlich rund 25000 Teilnehmern etablieren.

Die "echten" Technofans, angewidert von der großen Zahl "normaler" Mitläufer und Sympathisanten, Deppentechno und "Technodeppen", sind abgetaucht in artverwandte Szenen (back to the roots: House) oder haben sich abgespalten in weitere subkulturelle Strömungen (Goa).

Quellen / Literatur

Anz, Philipp/Walder, Patrick (Hrsg.): techno. Reinbek 1999.

Buschmann, Uwe: Westbam. In: Anz/ Walder (Hrsg.) 1999, S. 96 – 103.

Frontpage 5/1993

Großegger, Beate/Heinzlmaier, Bernhard: Jugendkultur-Guide. Wien 2002.

Hillenkamp, Sven: Glatzköpfe und Betonköpfe. Skinheads und Autonome. In: Farin, Klaus (Hrsg.) 2001, S. 173 – 208.

ouk 1/1996

Fussnoten

Weitere Inhalte

ist Fachautor, Dozent und Leiter des Externer Link: Archiv der Jugendkulturen sowie des gleichnamigen Verlages.