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Die Clique

Klaus Farin

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Die Bedeutung der Freunde für das Leben der Jugendlichen hat weiter zugenommen. Die Eltern kommen nur dann ins Spiel, wenn man in eine wirklich schwierige Lage gerät und es um existentiell tiefgreifende Probleme geht.

Mit Freuden oder in der Clique kann man über fast alles reden. Foto: Cristiano Betta - cc/licenses/by/2.0 (flickr.com) (© Foto: Cristiano Betta - cc/licenses/by/2.0 (flickr.com) )

"Führten früher die Älteren die Jüngeren in die Gesellschaft ein, so führen sich heute die Jugendlichen selbst ein", stellt eine Hamburger Marktstudie im Frühjahr 2004 fest (tfactory 2004). "Die Bedeutung der Freunde für das Leben der Jugendlichen hat weiter zugenommen. Die Eltern kommen nur dann ins Spiel, wenn man in eine wirklich schwierige Lage gerät, wenn es um existentiell tiefgreifende Probleme geht. In erster Linie sind das finanzielle Fragen und Probleme, die die Gesundheit betreffen. In allen anderen Bereichen (Beziehung, Schule, Beruf, Mode, Styling etc.) ist es angesagt, zuerst die Freunde um Rat zu fragen" (a.a.O.).

Ein Leben ohne ihre Freunde und Freundinnen, ohne die Clique der Gleichaltrigen, ist für die Mehrzahl der Jugendlichen kaum denkbar. Alleine ins Kino oder in die Disco, zum Konzert oder Sportereignis, in der vagen Hoffnung, dort vielleicht eine/n Bekannte/n zu treffen, alleine irgendwo herumzusitzen, während sich drumherum überall kleine Grüppchen oder Pärchen köstlich miteinander amüsieren - eine Horrorvorstellung für 90 Prozent aller 11-19-Jährigen. (Danach übernimmt häufig der Partner/ die Partnerin die Funktion der Peergroup, und auch die Faszination des gemeinsamen Auftretens in großen Rudeln lässt meistens nach.)

Rund 40 Prozent der Jugendlichen suchen den Kontakt zu Gleichaltrigen immer noch auf traditionellen Wegen: Sie werden Mitglied eines Sportvereins, schließen sich einer kirchlichen Jugendgruppe an, engagieren sich an ihrem Arbeitsplatz (beziehungsweise in der Schüler- und Studentenvertretung oder Gewerkschaftsjugend), in einem politischen Jugendverband oder - vor allem in ländlichen Regionen - im Schützenverein und bei der Freiwilligen Feuerwehr. Die übrigen bevorzugen informellere Wege und erwachsenenfreie Zonen: die Clique. (Und natürlich gehören viele traditionell Organisierte und Engagierte parallel ebenso einer Freizeitclique an: Punk und zugleich Juso oder PDS-Mitglied, Skateboarder und Mitglied im Fußballverein, Gothic und engagiertes Mitglied der christlichen Jungen Gemeinde.)

Die Freizeit in der Clique bedeutet zunächst, für wenige Stunden frei zu sein von den Anforderungen der Erwachsenenwelt, eine Atempause zwischen Schulpflichten, Arbeitsplatzsorgen und elterlichen Stressfaktoren.

Natürlich ist auch die Freizeit kein Paradies ohne Sorgen. Die alte Regel "Ohne Moos nix los" gilt immer noch, und unter den markennamen- und konsumverliebten Jugendlichen heute vermutlich mehr denn je. Doch viele Verlockungen und notwendige Accessoires sind einfach zu teuer, die Mode, die Eintrittspreise in die Disco, das Kino. "Sie wünschen sich mitunter Steigbügel aus Gold und haben kaum Geld in der Tasche: Junge Menschen im Alter von 21 bis 30 Jahren sind am stärksten von Armut betroffen. Keine andere Altersgruppe (auch die über 60-Jährigen nicht) ist einem solchen Armutsrisiko ausgesetzt" (Opaschowski 2000, S. 31). Jeder zehnte Jugendliche in Deutschland erhält heute bereits Sozialhilfe, etwa 40 Prozent der 13-16-jährigen Schüler jobben heute gelegentlich oder sogar regelmäßig neben der Schule. So wird aus Konsum- und Freizeitlust Stress.

Es gibt nur wenige öffentliche Treffs ohne Konsumzwang, Freiräume, wo jugendliche Cliquen einfach nur abhängen, reden, ihre Musik hören können. Besonders im kalten Winter wird das zu einem Problem. Aber auch im Sommer fehlen Parks und andere "Ruhezonen", so müssen Bushaltestellen, Bahnhofsanlagen, Rathausplatzbrunnen und andere innerstädtische Verkehrsknotenpunkte und Fußgängerzonen als Ersatz herhalten; diese "Zweckentfremdung" provoziert wieder die Älteren, selbst wenn sich die Lautstärke der Clique in Grenzen hält. "Früher waren die Alten toleranter. Heute wird man überall weggejagt." (m, 16 Jahre)

Auch viele Jugendklubs sind fest in der Hand einer einzigen Clique, der "Rechten" oder der "Linken", der "Türken" oder der "Russen". Alle Jugendlichen friedlich vereint in einem Raum, wie sich das manche Politiker so vorstellen, das funktioniert in der Realität selten. Es müssen nicht einmal ethnische Grenzen oder politische Extreme sein, die da aufeinanderprallen. Das Problem beginnt häufig schon bei der Gestaltung des Raumes und der Auswahl der Musik. Ein Punk braucht nun einmal, um sich wohl zu fühlen, ein anderes Ambiente als ein Raver, ein Heavy-Metal-Fan möchte in seiner kostbaren Freizeit nicht unbedingt genötigt werden, zwischen Postern von Britney Spears und Wolfgang Petry zu sitzen und dabei HipHop zu lauschen, und selbst Skateboarder und Inline-Skater sind nicht unbedingt die besten Freunde. Also warum sollten sie gemeinsam ihre Freizeit verbringen wollen? Jugendklubs sind schließlich häufig die (Ersatz-)Wohnzimmer der Jugendlichen, und Erwachsene laden ja auch nicht Menschen in ihre Wohnungen ein, die sie nicht leiden können.

Diese Aufsplitterung in verschiedene Gruppen, das teilweise Fehlen von Toleranz untereinander, der Konformitätsdruck innerhalb vieler Cliquen nerven sogar zahlreiche Jugendliche selbst. "Das größte Problem sehe ich darin, dass viele kein Selbstbewusstsein entwickeln und sich dadurch einfach anderen anschließen." (w, 15 Jahre) "Einige Leute betreiben Persönlichkeitsverstümmelung, nur um sich anzupassen, halt "in" zu sein. Sie können nicht sie selber sein. Alle anderen sind Outsider, mit denen sie sich nicht abgeben." (m, 17 Jahre) Da gibt es Bekleidungs- und andere Konsumvorschriften und -verbote, da gilt es, jederzeit "cool" zu sein. Wer dazugehören, mitmachen will, muss in vielen Cliquen nirgendwo niedergeschriebene, aber doch sehr genaue Spielregeln kennen und befolgen. Warum tun sich so viele Jugendliche das an? Was erhalten sie dafür als Gegenwert? Was ist so attraktiv an den Cliquen und Szenen?

"Neben der Musik faszinierte mich die Kleidung und die Möglichkeit, durch das Äußere Leute in extreme Aufregungszustände zu versetzen. Das Unverständnis der Öffentlichkeit war herrlich." - Ingo, Skinhead (in: Farin 1999, S. 42ff.).

"Da ist für mich das rausgekommen, was schon vorher in mir drin war, die Einstellung, anders sein zu wollen als die anderen Leute von der Straße, anders als die meisten. Außenseiter war ich von Anfang an." - Zotty, Punk (in: Penth/Franzen 1982, S. 176).

"Also mit zwölf fing das schon an, dass so merkwürdige Stimmungen und Sehnsüchte nach Schwarz auftraten. Ich hatte so ein tiefes Bedürfnis, mich nur noch schwarz zu kleiden, irgendwo mich schon abzugrenzen von anderen, und ich denke, dieses Schwarz hat vor allen Dingen bedeutet: Sprecht mich nicht an, lasst mich in Ruhe mit eurer Dummheit, mit eurem lauten Geprolle. Irgendwann bin ich auf der Straße beschimpft worden: ey, Gruftiesau! Ich dachte, was wollen die von mir, Gruftie, das Wort hatte ich noch nie gehört. Irgendwann habe ich dann mal auf dem Alexanderplatz auf einer Treppe Grufties herumsitzen sehen, mit toupierten Haaren und in schwarze Gewänder und Talare gekleidet, da wusste ich, alles klar, da gehörst du hin." - Andrea, Gothic (in: Farin/Wallraff 2001, S. 107f.).

Quellen / Literatur

Farin, Klaus: Skinhead - A Way Of Life. Eine Jugendbewegung stellt sich selbst dar. Bad Tölz 1999; Neuauflage Archiv

Farin, Klaus/Wallraff, Kirsten: Die Gothics. Berlin 2001.

Opaschowski, Horst W.: Das Erlebnis- zeitalter. In: Becker/Bolz/Bosshart u. a. 2000, S. 9 - 43.

Penth, Boris/Franzen, Günther: Last Exit. Punk - Leben im toten Herzen der Städte. Reinbek 1982.

Fussnoten

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ist Fachautor, Dozent und Leiter des Externer Link: Archiv der Jugendkulturen sowie des gleichnamigen Verlages.