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Merle Tilk am 08.04.2016

Interview: "Digitale Medien haben eine Eisbrecher-Funktion"

Welche Bedeutung haben digitale Medien für Geflüchtete? Wie kann man digitale Medien im Integrationsprozess sinnvoll einsetzen? Und worauf sollte bei der Entwicklung neuer digitaler Angebote für Geflüchtete geachtet werden? bpb.de hat Henning Wötzel-Herber vom ABC Bildungs- und Tagungszentrum e.V. gefragt.

Syrischer Flüchtling mit Handy in Erding (Bayern).Syrischer Flüchtling mit Handy in Erding (Bayern). (© picture-alliance/dpa)

Digitale Medien und Integration von Geflüchteten. Wie passt das zusammen?

Digitale Medien spielen heute im Leben der meisten Menschen eine große Rolle, unabhängig von der Herkunft und davon, ob sie in einem sicheren Land leben oder eine Fluchtgeschichte hinter sich haben. Dadurch allein ist in der Arbeit mit heterogenen Zielgruppen bei vielen schon mal ein gemeinsamer Nenner vorhanden. Für Geflüchtete haben digitale Medien zudem oft eine wesentlich existenziellere Bedeutung als für Menschen, die in sicheren Verhältnissen leben. Digitale Medien sind die Brücke zu entfernten Verwandten und Freunden_innen. Diese Brückenfunktion kann aber auch zwischen Menschen genutzt werden, die zwar örtlich dicht bei einander sind, deren Lebensalltag aber getrennt voneinander stattfindet.

Sie arbeiten vor allem mit jungen Menschen. Welche digitalen Angebote helfen jungen Geflüchteten, sich in Deutschland zurechtzufinden? Kennen Sie Beispiele aus der Praxis?

An erster Stelle fallen mir da Übersetzungs-Apps und -webdienste ein. Das Smartphone ist hierbei viel schneller und flexibler als ein Wörterbuch. Solche Apps können über Texterkennung abfotografierte Schilder oder andere abfotografierte Texte unmittelbar übersetzen. Sprachlern-Apps fallen in eine ähnliche Kategorie. Vor allem aber die sozialen Netzwerke helfen, tatsächlich Kontakte aufzubauen oder sich über das Geschehen im neuen Sozialraum zu informieren.

Was können digitale Bildungsangebote im Kontext von Integration leisten, was analoge Praktiken der Bildung nicht können?

Im ABC Bildungs- und Tagungszentrum e.V. nutzen wir digitale Tools hauptsächlich als Ergänzung zur klassischen außerschulischen Bildungsarbeit und als Werkzeug innerhalb von Präsenzseminaren und -projekten. Durch den außerschulischen Lernort sowie die intensive Zusammenarbeit werden, neben der Beschäftigung mit politischer Bildung, auch interkulturelle Kompetenzen geschult.

Gleichzeitig haben beteiligte Geflüchtete durch den Ansatz des immersiven Lernens [freies Lernen in einer fremden Sprache, Anm. d. Red.] in unseren Seminaren die Chance, einen schnellen Einstieg ins Sprachlernen und einen ersten Zugang zu (lokalen) politischen Diskursen zu finden. Digitale Medien haben dabei unter anderem eine Eisbrecher-Funktion. Über die gemeinsame Begeisterung an der digitalen Filmarbeit oder dem Erstellen eines Blogs oder Hörspiels kommen die Teilnehmenden zusammen. Oft entstehen hier sogar Freundschaften, die über den Projektverlauf hinaus erst über soziale Netzwerke und im nächsten Schritt dann auch im "analogen Raum" gepflegt werden.

Henning Wötzel-HerberHenning Wötzel-Herber ist pädagogischer Geschäftsführer und Jugendbildungsreferent im ABC Bildungs- und Tagungszentrum e.V. (© privat)
Wie setzen Sie digitale Bildungsangebote in Ihrer Arbeit mit Geflüchteten konkret ein?

Wir nutzen digitale Medien als Werkzeug zur Erstellung von "Seminarprodukten", oftmals Filme, da der digitale Filmentstehungsprozess besonders gut als Gruppenaufgabe für sprachlich vielfältige Gruppen ist. In unserem Projekt Connecting arbeiten wir crossmedial mit Tablets. Die Teilnehmenden lernen hier verschiedene digitale Werkzeuge (z.B. Social Media, Film, Audio, Storytelling) kennen und können sie ausprobieren.

Unsere Erfahrung der vergangenen Jahre im ABC zeigt, dass der aktive Einsatz von Medien in der politischen Bildung sich hervorragend eignet, um Meinungen zu diskutieren, Standpunkte zu entwickeln, sie zu verdeutlichen, medial zu verarbeiten, zu veröffentlichen und zu präsentieren. Wichtig sind uns dabei auch vorzeigbare Projekte wie das Bildungs- und Filmprojekt Hotel California, bei dem uns wichtig war, dass der entstehende Film tatsächlich Kinoqualität hat. Er sollte nicht nur eine Botschaft für eine offenere Gesellschaft transportieren, sondern auch gerne gesehen werden. Ab Mai wird der Film auch in der Mediathek der Bundeszentrale für politische Bildung als Stream verfügbar sein.

Wo sehen Sie weiteren Bedarf an digitalen Angeboten für Geflüchtete?

Die meisten Bildungsanbieter können – vor allem auf Grund mangelnder Ressourcen – nur punktuell und projektbezogen arbeiten. Regelmäßige, breite Angebote vor Ort sowie infrastrukturelle Maßnahmen wären sehr wünschenswert. In diesem Sinne leisten etwa "Freifunk"-Initiativen mit ihrer Bereitstellung von WLAN-Routern und Internetverbindungen vorbildliche Arbeit, die aber öffentlich bisher zu wenig Unterstützung findet.

Worauf sollte man bei der Entwicklung digitaler Bildungsangebote für Geflüchtete, vor allem für jüngere Geflüchtete, achten?

Vor allem darauf, auf allen Seiten Horizonte zu öffnen. Digitale Bildungsangebote sollten nicht nur darauf zielen, Marginalisierte aus der Isolation zu bewegen, sondern auch darauf hinwirken, Ausgrenzende zur Reflexion ihrer Vorurteile anzustoßen. Dazu kann auch ein Rollenwechsel beitragen, wenn zum Beispiel Geflüchtete Medien produzieren statt Objekt der Medienberichterstattung zu sein. Ein großes Ziel und eine schwierige Herausforderung (nicht nur bei unserer) Arbeit mit Geflüchteten ist auch, geschlechtliche und sexuelle Orientierung betreffende Differenzierungen und Machtverhältnisse stärker anzugehen. Bei bisherigen Seminaren waren geflüchtete junge Frauen noch stark unterrepräsentiert. Derzeit bemühen wir uns um die Finanzierung eines langfristigen Projektes, um genau hier Fortschritte zu erzielen.

Ist die Integration der vielen jungen Geflüchteten zurzeit eine Chance für eine nachhaltigere Digitalisierung von Bildungsarbeit allgemein?

Auch als absoluter Geek und Verfechter digitaler Bildung muss ich sagen, dass das für meine und unsere Arbeit nachrangig ist. Wenn es gelingt, Bildungsarbeit inklusiver, emanzipatorischer, teilnehmendenorientierter und im Sinne von Empowerment zu gestalten, halte ich es für unwichtig, welche Rolle Digitalisierung dabei spielt. Das Eintreten für eine offene, demokratische Gesellschaft und die Arbeit gegen Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Homophobie und anderen Hass sollte in der außerschulischen Bildungsarbeit nachhaltig vorangebracht werden. Egal ob digital oder analog.



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