GrafStat Fußball

20.6.2014 | Von:
Wolfgang Sander

Sachinformationen: Deutsches Nationalbewusstsein, „unsere“ Fußballnationalmannschaft und die WM 2014 in Brasilien

Die Identifikation der Deutschen mit ihrer Nation ist im Vergleich zu anderen Nationen seit Jahren eher gering. Empirische Befunde aus internationalen Untersuchungen belegen dies seit Jahren: Ganz unten auf der weltweiten Patriotismus-Skala befindet sich Deutschland, wobei sich die Menschen aus den neuen Bundesländern noch weniger stolz zeigten als die Westdeutschen.

Identifikation mit der Nation oder Partypatriotismus?

Zur Einordnung des Themas
Die Identifikation der Deutschen mit ihrer Nation ist im Vergleich zu anderen Nationen wie z.B. USA, Venezuela, Großbritannien, Österreich und Niederlanden seit Jahren eher gering. Empirische Befunde aus internationalen Untersuchungen belegen dies seit Jahren: „Ganz unten auf der weltweiten Patriotismus-Skala befindet sich Deutschland, wobei sich die Menschen aus den neuen Bundesländern noch weniger stolz zeigten als die Westdeutschen. Wenig Nationalgefühl empfinden außerdem Letten, Schweden, Slowaken, Polen, Taiwaner, Franzosen und Schweizer. Möglicherweise identifizierten sich insbesondere junge Europäer genauso stark mit ihrem Kontinent wie mit ihrem eigenen Land, erklären Smith und Kim den schwächeren Nationalstolz in Europa. Außerdem sei Patriotismus in Ländern wie Deutschland aufgrund der Vergangenheit negativ besetzt.“ (Pressemitteilung der Universität Chicago, Smith, Tom und Kim, Seokho, International Journal of Public Opinion Research, Bd. 18, 2006, S. 127 zit. nach Bild der Wissenschaft 1.3.2006, http://www.wissenschaft.de/home/-/journal_content/56/12054/1028222 Abruf vom 18.6.2014)

Historiker, Politologen und Sozialpsychologen haben immer wieder deutlich gemacht, dass Menschen nach einer positiven kollektiven Identität streben, mit der sie Sicherheit, Wohlbefinden, Wohlfahrt, kulturelle und soziale Gemeinsamkeiten in Verbindung bringen.
Mehrere zehntausend sind zusammengekommen, um die Begegnung Deutschland gegen Ghana auf Videoleinwänden zu verfolgen.Deutschland - Ein Fahnenmeer (© picture-alliance/dpa)
Bisher bildeten die Nation, der Nationalstaat und auch regionale Einheiten wie Bundesländer (Bayern, Berlin, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen) solche Bezugsgrößen. Es steht außer Frage, dass neuerdings auch sportliche Großveranstaltungen wie im Fußball auf Grund der hohen emotionalen Ansprache und der massenmedialen Kommunikation – zumindest für eine gewisse Dauer – diese Identifikationsfunktion in unterschiedlicher Weise übernehmen (vgl. Haberecht /Herrmann 2009), wobei die mediale Berichterstattung über die Spiele sich in der Selbst- und Fremdwahrnehmung doch lange Zeit noch weitgehend an bestehenden Stereotypen orientierte (vgl. Hoffmann 2009). Zugleich ist seit Mitte der 1990er Jahre bei den wichtigen Akteuren durchaus auch ein „Bewusstsein für die zunehmende Entgrenzung der Fußballwelt und die Etablierung eines globalen Beobachtungs- und Vergleichszusammenhangs, der sich sowohl auf Wettkämpfe als auch auf die Leistungen einzelner Spieler bezog“, erkennbar (Müller 2009, S. 264). Im Zusammenhang mit dem Fußballspiel und insbesondere in Bezug auf die Nationalmannschaft signalisieren viele Deutsche nun wieder eine gewisse Bereitschaft, ihre Verbundenheit mit der Nation kundzutun, „Farbe“ zu bekennen und „Flagge“ zu zeigen. Wie die stimmungsmäßig erfolgreiche WM 2006 und das damit verbundene „Sommermärchen“ in Deutschland dokumentieren, haben die Deutschen an diesem Partypatriotismus Gefallen gefunden. Fußball wurde zu einem Ankerpunkt für nationale Identifikation. (vgl. Mutz 2013, S. 521; vgl. M 02.25) Eine gewandelte Form der TV-Berichterstattung über den Fußball, die stärker auf Emotionen setzt, dürfte die Bereitschaft, die Identifikation mit den nationalen Symbolen auch zu zeigen, verstärkt haben. (vgl. Ismer 2011) Die öffentlichen Sympathieerklärungen waren überraschend stark und haben alle in positives Erstaunen versetzt, was auch international zu einem erheblichen Imagegewinn von Deutschland geführt hat (vgl. HWWI 2014 M 04.02.04). Dass der Patriotismus während der WM und EM anstieg, „weil beim Zuschauen kollektive Emotionen erlebt und nationale Symbole angeeignet werden“ (Mutz 2013, S 531), aber dann nur für drei Wochen anhielt, scheint geradezu typisch für das Lebensgefühl in der „flüchtigen Moderne“ zu sein: Feste, dauerhafte und unhinterfragte Bezugspunkte von Zugehörigkeit werden teilweise ersetzt durch episodenhafte, expressive und emotionale Formen von Vergemeinschaftung.

Im Public Viewing erleben die Menschen diese neue Form der kollektiven Euphorie, sie findet hier ihren sichtbaren und wirksamen Ausdruck. Auch jetzt zu Beginn der WM 2014 warten schon wieder viele Menschen auf willkommene Anlässe, um ihre (Fußball-)Begeisterung öffentlich zeigen und mit anderen teilen zu können.
Zum WM-Spiel Deutschland gegen Ghana fanden sich viele Fans zum Public Viewing in der Hafenarena ein.Public Viewing, Hafenarena Münster 21.6.2014 (© W. Sander)
„Keine andere Großveranstaltung auf der Welt verfügt über eine solche Anziehungskraft bei ihrer Zielgruppe. Insgesamt wurden für die 64 Spiele des Turniers fast drei Millionen Eintrittskarten verkauft. Das WM-Spektakel ist wie gemacht für die Nutznießer des globalen Wirtschaftsbooms, ihre ausgeprägte Konsumbereitschaft und den Trend zum Eventtourismus. Das gilt für die aufstrebenden Mittelschicht in den Schwellenländern, aber auch den tourismusorientierten Fußballanhänger aus Europas.“ (M. Ashelm 2014) Neben den 1,5 Millionen Ticketbestellungen aus Brasilien werden 230.000 aus den USA, 62.000 Karten aus Argentinien und 60.000 Karten aus Deutschland registriert. Die identitätsstiftende Funktion dieser sportlichen Großereignisse wird durch die preisgünstige Partizipationsform des Public Viewing deutlich verstärkt. Diese mediale Plattform und Bühne wird anlässlich der WM 2014 mittlerweile in fast allen größeren deutschen Städten angeboten. Nirgendwo sonst zeigt man sich so häufig mit nationalen Symbolen wie bei Spielen der deutschen Fußballnationalmannschaft: Schwarz-Rot-Gold findet sich in der Gesichtsbemalung, im Nagelschmuck, im patriotischen Kopfschmuck, bei den bunten Trikots und Kopfbedeckungen, in den Fähnchen am Auto nebst zahlreichem Zubehör, in den Bundesflagge auf dem Balkon und in den Wandbehängen. Auch bei der WM 2014 hält dieser Trend an, auch wenn die WM im fernen Brasilien stattfindet und wegen der Zeitverschiebung viele Spiele erst übertragen werden, wenn in Europa schon Nacht ist. Damit trotz der Lärmschutzbestimmungen auch bei der WM 2014 wieder gemeinschaftlich gejubelt (und getrauert) werden kann, hat das Bundeskabinett im April diesen Jahres für die Zeit der WM vorsorglich eine Verordnung beschlossen, die den Betrieb von öffentlichen TV-Darbietungen im Freien (unter Beachtung bestimmter Auflagen) „ausnahmsweise“ erlaubt. (vgl. M 02.23)

Alle großen Städte haben zur WM 2014 schon Fan-Meilen eingerichtet. So wird es in Berlin wieder Deutschlands größte Fan-Meile zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor mit geschätzten 100.000 Menschen geben. In der Alten Försterei, dem Stadion von Zweitligist Union Berlin, durften die Fans vor der WM ihre Couch hinstellen, um die Spiele in ihrem „Wohnzimmer“ verfolgen zu können. 750 Sofas wurden aufgestellt, 3.000 Fans kamen. Der Eindruck hatte etwas Kurioses: „Ein Fußballstadion in ein Wohnzimmer verwandeln, das ist schließlich nichts anderes als Public Viewing in seiner konsequentesten Form. Raus aus den einsamen Muffbuden mit Couchtisch und Glotze! Feiern auf der Straße! Das war doch vor acht Jahren ein Heidenspaß, das war ein soziales Erweckungserlebnis. Deutschland kann nicht nur kleinbürgerliches Einigeln im Privaten. Deutschland kann auch spontan und öffentlich, Deutschland kann Party. Das war die herrliche WM-Erfahrung von 2006, als das Sommermärchen aus den Wolken kam und ein Land sich selbst entdeckte, das den verschlabberten Kindernamen Schland trug.“ (U. März 2014)

Deutschland gegen Ghana, das 1:0Public Viewing, Hafenarena Münster am 21.6.2014: M. Goetze köpft das erste Tor im Spiel gegen Ghana
In Hamburg fand das Spektakel beim ersten Spiel der deutschen Mannschaft 2014 auf dem Heiligengeistfeld im Schatten des Millerntor-Stadions am Ende der Reeperbahn statt, 40.000 Fans kamen. In Frankfurt a.M. fand das Public Viewing auf der Galopprennbahn statt, mit 1.000 Fans hatte man gerechnet, 4.000 kamen. Das Ergebnis: Würstchen und Bier reichten nicht bis zur ersten Halbzeit. In Essen kam es nach dem Public Viewing zu einem Streit zwischen Fans, der von der Polizei beigelegt werden musste. (vgl. SZ vom 18.6.2014). In Münster verfolgten mehrere Tausend begeisterte Fans den Sieg der deutschen Mannschaft gegen Portugal und einige Tage später das Unentschieden gegen Kamerun auf zwei Großleinwänden in der MZ-Hafenarena.


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