GrafStat Fußball

10.6.2014

M 03.06 Das Ende der Isolation

Aus eigener Kraft gewann die deutsche Nationalmannschaft das WM-Turnier 1954 und brachte Deutschland (sportlich) internationale Anerkennung. Sport und Nationalgefühl werden in diesem Text gegenüberstellt. Die Schülerinnen und Schüler erarbeiten welchen Einfluss der Sieg bei einem internationalen Turnier auf das Nationalbewusstsein hat.

1954 wurden die Deutschen erstmals Fußballweltmeister

Es war ein großer Tag. Als die deutsche Fußballnationalmannschaft, angeführt von Trainer Sepp Herberger und Spielführer Fritz Walter, die deutsche Grenze passierte, begann ein Triumphzug, wie ihn die Deutschen lange nicht erlebt hatten. Hunderttausende bereiteten den Helden von Bern einen begeisterten Empfang. Das lag auch am Überraschungseffekt des Turniers. Tatsächlich hatte ja kaum jemand damit gerechnet, dass die Deutschen es bis ins Endspiel schaffen und dann die hochfavorisierten Ungarn knapp mit 3:2 besiegen würden.

Aber das allein erklärte die Begeisterung nicht. Mindestens so wichtig wie der sportliche Durchbruch war die internationale Anerkennung, die der Titel eines Weltmeisters mit sich brachte. Endlich war man wieder Wer, war angesehen und respektiert - und zwar aus eigener Kraft. Hier, auf dem politisch und weltanschaulich neutralen Terrain des Sports, hatte sich für die Deutschen unerwartet die Möglichkeit aufgetan, Erfolge zu erringen und an die Spitze vorzustoßen, ohne gleich unangenehme Assoziationen und Erinnerungen zu provozieren.

Man darf ja nicht vergessen, dass nicht einmal zehn Jahre vergangen waren, seit deutsche Generäle am 7. beziehungsweise 9. Mai 1945 mit ihren Unterschriften die bedingungslose Kapitulation Deutschlands bestätigt und damit das Ende der Kampfhandlungen in Europa eingeläutet hatten. Damit war ein Krieg zu Ende gegangen, wie ihn die Welt bis dahin nicht gesehen hatte. Bis zu sechzig Millionen Menschen waren ihm zum Opfer gefallen, die allermeisten von ihnen in Europa, wo der Krieg am 1. September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen ausgelöst worden war. Dass er durch Hitler von Anfang an auch als rassenideologischer Vernichtungskrieg, insbesondere gegen die Juden Europas, geplant und spätestens mit dem Überfall auf die Sowjetunion, also seit dem Sommer 1941, auch als solcher geführt worden war, konnten und wollten die Opfer und Gegner der deutschen Politik und Kriegführung nicht vergessen.

Daher musste es nach der Kapitulation und der Übernahme der obersten Regierungsgewalt durch die Alliierten als äußerst unwahrscheinlich gelten, dass Deutschland und die Deutschen in absehbarer Zeit wieder von sich Reden machen könnten - im negativen Sinne nicht, und im positiven auch nicht. Es lag am sowjetischen Diktator Josef Stalin und seinen Statthaltern in Europa und Asien, dass es anders kam. Denn ohne die Vorgänge in Griechenland und Finnland, in Polen und der Tschechoslowakei, aber auch in China und Vietnam, hätten sich die Westmächte wohl kaum dazu durchgerungen, bis zum Mai 1949 auf dem Territorium der drei westlichen Besatzungszonen in Deutschland ein staatliches Gebilde zu installieren. So aber erhielten die Deutschen von außen, wozu sie aus eigener Kraft nicht in der Lage gewesen waren. Nach der Befreiung von der Hitler-Diktatur brachten ihnen die Alliierten die Demokratie. [...]

Sport und Nationalgefühl

Was die Verträge auf der politischen und militärischen Ebene bedeuteten, das bedeutete der Fußball auf der sportlichen: Dass sich beide Ereignisse fast zeitgleich abspielten, verschaffte ihnen zusätzlich Gewicht. Vor allem auch in den Augen der Bundesbürger. Der Sieg von Bern war deshalb von so großer Bedeutung, weil er aus eigener Kraft errungen worden war. Bei den politischen Verhandlungen war man von anderen, allen voran von den alliierten Siegern des Krieges abhängig. Auf dem Fußballplatz zählten vor allem die eigene Leistungsfähigkeit, aber auch das Glück, das der Tüchtige nun einmal braucht.

Vieles hat sich seither nicht geändert. Zweimal noch, 1974 und 1990, konnte die deutsche Nationalmannschaft den begehrten Titel holen. Dass ihr das 1974, zwanzig Jahre nach Bern, im eigenen Land gelang, war ein besonderer Erfolg; dass der Weg ins Endspiel ausgerechnet über ein Vorrundenspiel gegen die DDR führte und dieses durch ein legendäres Tor von Jürgen Sparwasser verloren ging, gab dem Ganzen eine besondere Note. Denn das Ereignis stellte das Nationalgefühl im geteilten Deutschland auf die Probe. Gab es dieses überhaupt noch, nachdem der deutsche Nationalstaat nach Ende des Zweiten Weltkrieges durch die Alliierten aufgelöst worden war?

Es mag an dieser Geschichte liegen, dass nur wenige Ereignisse das Nationalgefühl der Deutschen so zu mobilisieren vermögen wie der Sport. Das gilt für einzelne Sportarten, wie das Tennis oder die Formel 1, soweit hier Deutsche erfolgreich antreten; es gilt in aller Regel für die Olympischen Spiele; und es gilt immer: für den Fußball. Weil das so ist, und weil sportliche Großereignisse eine wohl einzigartige Gelegenheit bieten, das Land im besten Licht erscheinen zu lassen, ist es 2006 wieder so weit: Zum zweiten Mal wird eine Fußballweltmeisterschaft in der Bundesrepublik ausgetragen, zum ersten Mal im vereinigten Deutschland. Ob am Ende ein Erfolg steht, hängt von vielen Faktoren ab, nicht zuletzt vom Glück der Tüchtigen. Das weiß man, seit die deutschen Fußballer vor mehr als einem halben Jahrhundert in Bern den Titel holten.

Prof. Dr. Gregor Schöllgen ist seit 1985 Inhaber des Lehrstuhls für Neuere Geschichte II am Institut für Geschichte der Universität Erlangen-Nürnberg.

Aus: Schöllgen, Gregor: Das Ende der Isolation, in: Flanke, Kopfball, Tor! Wissenschaft rund um den Fußball, uni.kurier.magazin 106 (Juni 2005), http://www.uni-erlangen.de/einrichtungen/presse/publikationen/unikurier-magazin/uk106/fussball_%20uk106.pdf (24.05.2014).


Arbeitsaufträge:
Einzelarbeit
  1. Lies den Text und markiere wichtige Aussagen.
  2. Erkläre mit eigenen Worten, warum sich mit dem Sieg der Deutschen Nationalmannschaft 1954, das Nationalgefühl änderte bzw. wieder gezeigt wurde.
Partnerarbeit
  1. Suche dir einen Partner (anderer Text) und stellt euch gegenseitig eure Text vor.
  2. Erstellt gemeinsam eine Übersicht mit Gründen zur Frage: „Was trug der Weltmeistersieg 1954 zum Nationalgefühl bzw. zum Nationalbewusstsein bei?“.


Eine Druckversion des Arbeitsblatts steht als PDF-Icon PDF-Datei zur Verfügung.


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