Projekt KlassenCheckUp

1.10.2008 | Von:
Wolfgang Sander
Julia Haarmann
Sabine Kühmichel

Sachanalyse

Klima auf Individualebene und auf Klassenebene

Zwei Schüler lösen am 27. November 2007 während einer Physikstunde einer 10. Klasse in Bremen eine Aufgabe. Im Hintergrund ein Poster Albert Einsteins mit dem Zitataufdruck "Wichtig ist, dass man nicht aufhört zu fragen".Das aggregierte Klima beschreibt hingegen die durchschnittliche Klimawahrnehmung in einer Gruppe (Mittelwerte). (© AP)
Nach dem sozial-kognitven Modell nach Dreesmann wird Unterricht und Klassenklima von den Schülerinnen und Schülern individuell wahrgenommen. Durch Interaktion, Kommunikation und durch Rekurs auf einen gemeinsamen Erfahrungsschatz wachsen die Schülerinnen und Schüler partiell zu einer Gruppe zusammen und bauen gemeinsame Erlebnis- und Verarbeitungsstrukturen auf. Im Laufe dieses Prozesses gleichen sich diese Wahrnehmungen partiell an und das Klima setzt sich dann zusammen aus kollektiven Wahrnehmungen/Erfahrungen der Klasse und einer Reihe von Einzel- und Untergruppenerfahrungen. Man denke nur an die Sichtweise der guten und der schlechten Schüler in einer Klasse. Dies dynamische Wechselspiel der Konstruktion von sozialer Wirklichkeit bestimmt neben den objektiven Gegebenheiten das Handeln der Schülerinnen und Schüler (Dreesmann 1979 und 1982).

Es kann also zwischen dem Klima auf Individualebene und dem Klima auf Klassenebene unterschieden werden. Das aggregierte Klima beschreibt hingegen die durchschnittliche Klimawahrnehmung in einer Gruppe (Mittelwerte). Wichtig ist daher bei Klassenmittelwerten die Streuung der Klimawahrnehmungen zu beachten und für die Analyse hinzuzuziehen (Janke 2006).

Zwei zentrale Dimensionen: Solidarität und Konkurrenz

In einer zusammenfassenden Definition von Matthias von Saldern (von Saldern 1987, S.17) kann man von einem Klima sprechen, wenn die Aspekte der Klassenatmosphäre relativ konstant feststellbar sind und nicht nur eine Extremsituation wiedergeben. Befragungen sind immer Momentaufnahmen. Daher ist zu beachten, ob Einflussfaktoren zu berücksichtigen sind, die die Befragungssituation verzerrt haben könnten (eine schlecht ausgefallene Klassenarbeit; großer Konflikt mit einem Lehrer oder Ärger innerhalb der Klasse oder Rivalitäten mit einer anderen Klasse). Eine Reihe von Untersuchungen zusammenfassend kommen S. Maschke und L. Stecher (2010) zu dem Ergebnis, "dass die Qualität der sozialen Beziehungen – deren atmosphärische 'Grundtönung' (Eder) – eine der zentralen Dimensionen mit Blick auf die Erlebnisqualität schulischer Situationen und Ereignisse für die SchülerInnen darstellt und nicht nur das unmittelbare Wohlfühlen der Heranwachsenden in der Klasse bzw. der Schule beeinflusst, sondern mittelbar auch die Entwicklung der Schulleistungen und anderer Verhaltensmerkmale der SchülerInnen in der Klasse" (Machke/Stecher 2010, S. 53).

Die Qualität der sozialen Beziehung lässt sich in zwei Dimensionen unterscheiden: das Ausmaß an Solidarität und als Gegenstück dazu das Ausmaß an Konkurrenz zwischen den Schülern und Schülerinnen. In beiden Dimensionen kommt die besondere Verfasstheit und Gruppendynamik einer Schulklasse zum Ausdruck, da hier zum einen das für eine Klasse typische Moment des Strebens nach Zusammenhalt und Solidarität dem anderen Moment gegenübersteht, in dem das Ausmaß an Leistungsorientierung, schulische Bewertung, Individualisierung und Rivalität der Schüler untereinander zum Ausdruck kommen. Es ist nicht zu erwarten, dass beide Momente sich gegenseitig ausschließen, vielmehr ist zu erwarten, dass z.B. hohe Solidarität in der Klasse auch in Teilen individuelle Konkurrenz zulässt und umgekehrt Rivalität unter einigen Schülerinnen und Schülern durchaus solidarisches Handeln in der Klasse erforderlich sein lässt. Wegen der Bedeutung dieser beiden Dimensionen gilt es für Befragungen zum Klassenklima geeignete Erhebungsinstrumente zu nutzen, in denen diese beiden Dimensionen Solidarität und Konkurrenz berücksichtigt werden. Ein solches Instrument liegt bereits vor und wurde mehrfach erfolgreich genutzt (vgl. Tilmann 2000, Maschke/Stecher 2010, S. 56).

Musterfragebogen mit verschiedenen Kategorien

In dem hier entwickelten Musterfragebogen wurde das Klassenklima unter mehreren Aspekten betrachtet, in denen sich auch die beiden Dimensionen Solidarität und Konkurrenz bzw. Konfliktkultur wiederfinden. Nur auf ein erprobtes Messinstrument zu zwei Bereichen zurückzugreifen, würde die Präzision erhöhen, aber die Untersuchungsperspektive zu sehr einengen.

Mit Hilfe des Online-Fragebogens können Sie die Befragung schnell und unkompliziert in der Klasse durchführen.In unserem Musterfragebogen wurde das Klassenklima unter sieben Aspekten betrachtet. (© BpB)
Daher haben wir einen Mittelweg gewählt und gezielt Sondierungsbereiche und die dazugehörigen Items ausgewählt, die relevante Informationen zu Bereichen liefern, in denen Maßnahmen ergriffen werden können. Sieben Bereiche werden in dem Musterfragebogen vorgeschlagen und operationalisiert:
  1. Lern- und Arbeitsatmosphäre (Regeln, Störungsvermeidung etc.)
  2. Soziale Kompetenz und Soziale Interaktion innerhalb der Klasse
    • Streit-/Konfliktkultur
    • Meinungspluralität/ Ausgrenzung
    • Minderung von Konkurrenzdruck / Neid
    • Förderung der Hilfsbereitschaft
  3. Kommunikation
  4. Klassenzusammenhalt
  5. Schulangst /-stress
  6. Partizipation und demokratische Strukturen innerhalb der Klasse
  7. Lehrerbild/Lehrerverhalten

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