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Projekt Mobbing - bei uns nicht ?!

1.10.2008 | Von:
Wolfgang Sander

Sachanalyse: Mobbing

Mobbing – begriffliche Differenzierungen

Der Begriff "Mobbing" hat sich im deutschen Sprachraum weitgehend durchgesetzt, um damit alle unfeinen Formen des Fertigmachens und Anpöbelns bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu bezeichnen - entsprechend dem englischen Wort "to mob" = fertigmachen, anpöbeln. (In der Wissenschaft wird auch der englische Begriff "Bullying" gebraucht.) Dan Olweus, schwedischer Psychologe und Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Universität Bergen war einer der ersten, der sich seit Beginn der achtziger Jahren wissenschaftlich mit Mobbing und der Gewaltproblematik an Schulen beschäftigt hat. Er definiert Gewalttätigkeit und Mobben wie folgt:

"Ein Schüler oder eine Schülerin ist Gewalt ausgesetzt oder wird gemobbt, wenn er oder sie wiederholt und über eine längere Zeit den negativen Handlungen eines oder mehrerer anderer Schüler oder Schülerinnen ausgesetzt ist." (Olweus, 1986, 1991)

Dabei spezifiziert Olweus "negative Handlungen" als Handlungen bei denen einem anderen Verletzungen oder Unannehmlichkeiten zugefügt werden, was sowohl verbal (Drohen, Spotten, Hänseln, Beschimpfen) als auch körperlich (Treten, Stoßen, Festhalten, Kneifen etc.) oder gar ohne Worte und ohne jeglichen Körperkontakt (Fratzenschneiden, schmutzige Gesten zeigen, jemanden ausschließen etc.) der Fall sein kann.

Olweus hat in seinen frühen Untersuchungen zu Beginn der 80er Jahre die begrifflichen Grenzen bewusst weit gezogen und schon kleine Gewaltanwendungen wie z.B. das Auslachen von Mitschülern, das Beleidigen oder Beschimpfen, das Verbreiten von Unwahrheiten, das Verstecken von Sachen, die Zerstörung von persönlichem Eigentum, das Anrempeln, Herumstoßen, Erniedrigen, Ausschließen etc. hinzugezählt. Erst am Ende dieser Tathergänge könnte dann schwere körperliche Gewalt stehen. Zu Recht heißt es daher bei Jannan (2008, S. 22): "Nicht jede Gewalt ist Mobbing, aber Mobbing ist immer Gewalt," denn Mobbing zielt systematisch darauf ab, das Opfer zu demütigen, sein Selbstwertgefühl zu beeinträchtigen und es sozial zu isolieren.

Was sind die typischen Kennzeichen von Mobbing?

Für eine genaue Identifikation von Mobbing sind diese vier Merkmale (nach Jannan 2008, S. 26) recht brauchbar:
  1. "Kräfteungleichgewicht: Das Opfer steht einem bis mehreren Tätern und deren Mitläufern alleine gegenüber. Damit unterscheidet sich Mobbing klar von dem "rough and tumble play". Hanewinkel und Knaack verdeutlichen dies in ihrer Definition: "Der Begriff des Mobbens wird nicht gebraucht, wenn zwei Schüler bzw. Schülerinnen, die körperlich bzw. seelisch etwa gleich stark sind, miteinander kämpfen oder streiten" (Hanewinkel/Knaack 2004, S. 300).
  2. Häufigkeit: Die oben beschriebenen Übergriffe kommen mindestens einmal pro Woche oder häufiger vor. Diese zahlenmäßige Einordnung beruht auf Analysen von Olweus, der viele tausend Mobbing-Fälle ausgewertet und nach Gemeinsamkeiten untersucht hat.
  3. Dauer: Die Übergriffe erfolgen über einen längeren Zeitraum (Wochen oder Monate). Ein Konflikt, der erst seit einer Woche besteht, ist also kein Mobbing. Diese Unterscheidung spielt für die Einschätzung durch die Lehrkraft eine große Rolle.
  4. Konfliktlösung: Das Opfer ist aus eigener Kraft nicht in der Lage, das Mobbing zu beenden.


Neuere Untersuchungen zeigen, dass in den letzten Jahren möglicherweise eine fünfte Qualität hinzugekommen ist: Das Ziel, das Opfer um jeden Preis aus der Lerngruppe zu vertreiben" (Jannan 2008, S. 26).

Mögliche Folgen von Mobbingattacken bei Schülern

Da die für das Mobben typischen Aktivitäten häufig verdeckt und nicht direkt beobachtbar geschehen (z.B. in Pausen, auf dem Schulweg, in den Klassen, wenn der Lehrer gerade wegschaut) ist es daher wichtig, die Reaktionen und Veränderungen im Verhalten einzelner Schüler genau zu beobachten. Denn diese veränderte Verhaltensweise könnte auf Mobbing zurückzuführen sein. Auf folgende Verhaltensweisen sollten Eltern und Lehrer daher nach Jannan besonders achten (s. a. Info 02.03).

Auffällige Verhaltensweisen von Jugendlichen als Folgen von Mobbing (aus: Jannan 2008, S. 27):
  • "Das Kind kommt bedrückt nachhause.
  • Es spricht leise, schweigt häufig, kann andererseits aber unerwartet aggressiv oder übellaunig reagieren.
  • Es ist nervös und angespannt.
  • Es erfindet Ausreden, z.B. für zerstörte oder verloren gegangene Gegenstände.
  • Das Kind wirkt unsicher, sein Selbstwertgefühl nimmt immer mehr ab (erkennbar z.B. bei der Erledigung von Hausaufgaben, die plötzlich "unlösbar" sind).
  • Das Kind zieht sich immer mehr in sich zurück, sowohl in der Schule als auch zuhause.
  • Es kommt zu einem starken Abfall in den schulischen Leistungen.
  • Die Konzentration im Unterricht lässt nach.
  • Vor allem zuhause, vor dem Weg zur Schule zeigt das Kind immer häufiger unspezifische körperliche Beschwerden wie z.B. Bauchweh, Kopfschmerz oder Appetitlosigkeit.
  • Das Kind will nicht mehr in die Schule gehen, kommt auffällig oft zu spät, geht Aktivitäten mit Mitschülern aus dem Weg.
  • Das Kind erhält keine Einladungen zu Kindergeburtstagen.
  • Schüler bleiben nach Unterrichtsende oder in der Pause länger im Klassenzimmer.
  • Das Kind will nicht mehr mit dem Bus zur Schule fahren, es möchte von den Eltern gefahren werden.
  • Albträume treten immer häufiger auf. Das Kind ist müde und schläft schlecht.
  • Das Kind beginnt zu stottern. Das Kind verliert angeblich immer wieder Geld. (Das Geld wird verwendet, um den Täter zu bezahlen)."
Wenn solche auffällige Befunde auftreten, ist es geraten, mit dem Schüler und den Eltern ein Erstgespräch zu führen, um allgemein zu eruieren, worauf diese Symptome des Unwohlseins zurückzuführen sein könnten. Nicht immer liegt Mobbing vor, aber Mobbing könnte eine Ursache für diese auffälligen Verhaltensweisen sein.

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