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30.4.2020 | Von:
Samuel Salzborn

Was ist moderner Antisemitismus?

Als kognitives und emotionales Weltbild bietet der moderne Antisemitismus ein allumfassendes System von Ressentiments und (Verschwörungs-)Mythen. Wie sind die Hintergrundbedingungen des modernen Antisemitismus zu begreifen und in welchen Dimensionen äußert er sich?

Das Büro der Zivilaktion Obywatele RP (Bürger Polens) wurde von Unbekannten mit antisemitischen Symbolen beschmiert.Das Büro der Zivilaktion Obywatele RP (Bürger Polens) wurde von Unbekannten mit antisemitischen Symbolen beschmiert. (© picture-alliance)

Antisemitismus ist nicht einfach eine Form von Diskriminierung neben anderen, nicht einfach ein Vorurteil wie viele andere. Zwar mag es zwischen Rassismus und Antisemitismus als gewalttätige soziale Praktiken Überschneidungen in den Mechanismen der Ausgrenzung geben. Aber Antisemitismus ist eine grundlegende Haltung zur Welt, die gewiss mit anderen Diskriminierungsformen wie Rassismus, Sexismus oder Homophobie verbunden auftreten kann, aber in ihrer Konstituierung grundlegend von diesen unterschieden ist: Antisemitismus ist eine Verbindung aus Weltanschauung und Leidenschaft, wie Jean-Paul Sartre bereits 1945 schrieb, eine grundlegende Haltung zur Welt, mit der sich diejenigen, die ihn als Weltbild teilen, alles in Politik und Gesellschaft, das sie nicht erklären und verstehen können oder wollen, zu begreifen versuchen. Antisemitische Einstellungen sind geprägt von einer wechselseitigen Durchdringung von bestimmten, gegen Jüdinnen und Juden gerichteten Ressentiments und einer hohen Affekthaftigkeit, die vor allem von Projektion, kognitiver Rigidität, Faktenresistenz und Hass geprägt ist. Der Antisemit glaubt sein Weltbild nicht obwohl, sondern weil es falsch ist: es geht um den emotionalen Mehrwert, den der antisemitische Hass für Antisemit(inn)en bedeutet.

Unabweisbar ist in der Shoah die Differenz des Antisemitismus zu Rassismus und anderen Vorurteilen zum Ausdruck gekommenen. Die qualitative Unterscheidung zum rassistischen Vorurteil – in dem die dem Anderen zugeschriebene potenzielle Macht konkret (materiell und sexuell) artikuliert wird und die Objekte des Hasses mit Animalität, Primitivität, Mangel an Intelligenz assoziiert werden – besteht in der Abstraktheit der Zuschreibung beim Antisemitismus, der als "mysteriöse Unfaßbarkeit, Abstraktheit und Allgemeinheit" (Postone 1982: 15) fantasiert wird. Antisemitismus zielt als kognitives und emotionales System auf einen weltanschaulichen Allerklärungsanspruch: Er bietet als Weltbild ein allumfassendes System von Ressentiments und (Verschwörungs-)Mythen, die in ihrer konkreten Ausformulierung wandelbar waren und sind. Sie richten sich immer gegen Jüdinnen und Juden, da der Antisemitismus auf Projektionen und, wie Theodor W. Adorno (1951: 125) es formuliert hat, "Gerüchten über die Juden" basiert. Deshalb muss man den Blick auch auf die antisemitischen Unterstellungen richten. Denn das reale Verhalten von Jüdinnen und Juden hat ebenso wenig Einfluss auf das antisemitische Weltbild, wie sich eben dieses Weltbild aus den emotionalen Bedürfnissen der Antisemit(inn)en selbst konstruiert. Antisemitismus ist zu verstehen als eine Verbindung aus Weltanschauung und Leidenschaft, also eine spezifische Art zu denken und zu fühlen – genau genommen ist der moderne Antisemitismus die Unfähigkeit und Unwilligkeit, abstrakt zu denken und konkret zu fühlen: Der Antisemitismus vertauscht beides, das Denken soll konkret, das Fühlen aber abstrakt sein, wobei die nicht ertragene Ambivalenz der Moderne auf das projiziert wird, was der/die Antisemit/in für jüdisch hält (vgl. hierzu ausführlich Salzborn 2010).

Wie hängen Moderne und Antisemitismus zusammen?

Wo der Gedanke der Aufklärung das Individuum zur Freiheit verpflichtete und die Aufklärung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien soll(te), ward in diesen emanzipativen Gedanken auch das Gegenteil eingeschrieben: einerseits, weil der neue Rationalismus von unhinterfragten Autoritäten (wie der Kirche) befreite, er aber nicht in der Lage war ein Sinnstiftungsangebot ähnlich des theologischen zu formulieren; andererseits, weil diese Emanzipation auf naturwissenschaftlichen Prämissen gründete, die den irrationalen Glauben an Gott durch einen irrationalen Glauben an die Natur ersetzen. Der Glaube wurde durch das empirisch Mess- und Beobachtbare ersetzt, d.h. durch ein auf Erfahrungen, Skeptizismus und Wahrscheinlichkeitsannahmen gegründetes Wissenschaftsverständnis.

Mit Blick auf das Soziale, mithin auf Gesellschaften, wurden im Geiste dieses neuen Rationalismus Differenzen in der Entwicklung unterschiedlicher Gesellschaften nicht etwa historisch erklärt, sondern "unter Rückgriff auf natürliche Gesetzmäßigkeiten" (Lentz 1995, S. 58). Es entstand ein Bild des Anders-Sein von Menschen, das zu Klassifizierungen und Hierarchisierungen führte. In diesem Sinne war der modernen (Natur-)Wissenschaft in ihrer Dialektik auch mit der Fundierung von Ordnungssystemen ethnologischen und rassistischen Zuschnitts verknüpft: zu dem Gleichheitspostulat mit universellen Anspruch gesellten sich ideologische Argumentationsmuster, die Ungleichheit legitimierten. Diese Ungleichheitsmuster beinhalteten im Denken der Aufklärung neben dem Ausschluss von Frauen oder der Aufrechterhaltung der Sklaverei eben auch Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne.

So paradox es klingen mag: der moderne Antisemitismus hat Aufklärung gleichermaßen zu Bedingung wie zur Limitierung. Der durch die naturwissenschaftliche Emanzipation geschaffene Rationalismus beinhaltete die Möglichkeit zur (und: Realität der) Barbarei. Gleichzeitig ist es angesichts des mit der Aufklärung einhergehenden Potenzials zur Selbstreflexion und kritischen Aufhebung der (selbstverschuldeten) Unmündigkeit stets die freie Wahl der Antisemit/innen, sich auf diese Weise die Welt zu erklären. Dies lässt sich in psychologischer als auch gesellschaftsstruktureller Hinsicht beobachten:

Als psychologisch zu begreifendes Phänomen hängt der Antisemitismus wesentlich mit der modernen Kulturentwicklung zusammen, die notwendig auf der "Unterdrückung von Trieben" (Freud 1908: 149) und deren Sublimierung aufbaut – d.h. geschichtlich und gesellschaftlich Hervorgebrachtes (Kultur, Zivilisation) erscheint als natürlich, während es lediglich die bloß mangelhafte Ausstattung der menschlichen, triebhaften Natur kompensiert. Dieses dialektische Verhältnis von Zivilisation und Natur fassten Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in dem Satz "Zivilisation ist der Sieg der Gesellschaft über die Natur, der alles in bloße Natur verwandelt"; 1947, S. 219). So erkennen Horkheimer und Adorno (1947: 203) den Kern des Antisemitismus in einem "unerhellte[n] Trieb" – einem sich individuell manifestierenden, aber überindividuell generierten und kollektiv ausagierten Wunsch nach Identität der psychischen Instanzen ("Es", "Ich", "Über-Ich"), der angesichts der Triebbeschränkungen der bürgerlichen Gesellschaft unerfüllt bleiben muss. Der Antisemitismus ermöglicht es der Leidenschaft, den eigenen Emotionen freien Lauf lassen zu wollen. Bei dieser Leidenschaft, die Antisemit(inn)en gegenüber Jüdinnen und Juden entwickeln, handelt es sich um Hass- bzw. Wutaffekte, die der gesellschaftlichen Realität vorausgehen und vermeintliche soziale oder historische Belege für das antisemitische Ressentiment zur Selbstlegitimation nutzen (Sartre 1994, S. 14). Das Ziel ist ein Zustand heftiger Erregung, wie Sartre (ebd.: 14f.) schrieb, wobei die Antisemit(inn)en selbst und freiwillig gewählt haben, sich in einen solchen Zustand heftiger Erregung – den der Wut und der Aggression – zu versetzen. Insofern ist der Antisemitismus

"[…] eine freie und totale Wahl, eine umfassende Haltung, die man nicht nur den Juden, sondern den Menschen im allgemeinen, der Geschichte und der Gesellschaft gegenüber einnimmt; er ist zugleich eine Leidenschaft und eine Weltanschauung." (ebd. S. 14)

In gesellschaftsstruktureller Hinsicht wird das in modernen, hochgradig ausdifferenzierten Gesellschaften als Abstrakt erscheinende (z.B. der Ware, des Geldes, ihres Gebrauchs- und Tauschwertes) im antisemitischen Weltbild in manichäischer Weise mit dem Juden/Jüdischen verknüpft. Auch hier tritt die Unfähigkeit oder Unwilligkeit, abstrakt zu denken, offenkundig zum Vorschein – wo doch das geschichtlich und gesellschaftlich Hervorgebrachte in keiner Weise natürlich, sondern stets von Menschen hergestellt wird und damit weder zwingend noch unvermeidbar ist. Zwar mögen sich mit den Vergesellschaftungsprozessen in der Moderne und ihren hochkomplexen Ausdifferenzierungsformen durchaus Gefühle omnipotenter Ohnmacht einstellen, weil es immer schwerer wird, klare Ursache-Wirkungszusammenhänge in gesellschaftlichen Zusammenhängen zu erkennen. Doch diese objektivierenden Prozesse entlasten niemanden, wenn diese Form omnipotenter Ohnmacht unreflektiert adaptiert wird. Es ist und bleibt die freie Wahl des Individuums, seine Unmündigkeit aufzugeben, weil sie eben selbst verschuldet war und ist, und genau hierfür hat die Aufklärung ja auch die Ermöglichungsräume und (Selbst-)Reflexionspotenziale geschaffen. Insofern ist es unvermeidbar, soll die Dialektik der Aufklärung nicht (wieder) in Barbarei umschlagen, sein "Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe" (Adorno 1966: 358), indem jedes einzelne Individuum genau jenen Prozess der Selbstreflexion durchleben muss – um sich von der ohnmächtigen Allmachtsphantasie zu emanzipieren, die der Antisemitismus blind verspricht. Genau deshalb ist der Kampf gegen Antisemitismus auch einer, der stets die gesamte Gesellschaft betrifft, weil es ein Kampf gegen die in der gesellschaftlichen Totalität liegenden Inhumanitätspotenziale ist, die der/die Antisemit/in in ihrer/seiner blinden Wut auf Jüdinnen und Juden projiziert.

In dieser Dialektik liegt auch die eigentlich naheliegende und doch so oft übersehene Antwort auf die Frage, warum Antisemitismus (freilich in unterschiedlicher Ausformulierung und differenter Radikalität) in allen politischen Spektren anzutreffen ist (vgl. Ionescu/Salzborn 2014): er ist Teil der objektiven Struktur der Vergesellschaftung in der Moderne, es liegt aber in der subjektiven Potenzialität, ob ein Individuum diese Struktur internalisiert oder sie reflektiert und dann kritisiert. Genau deswegen sind manche politische Bewegungen auch affiner für Antisemitismus, als andere – gerade in der sozialistischen oder feministischen Bewegung ist Antisemitismus die Ausnahme, nicht die Regel, weil sie Strukturdimensionen bürgerlicher Vergesellschaftung grundsätzlich mehr hinterfragen und reflektieren, als konservative oder religiöse Bewegungen.

Ungeachtet der Außenwelt und ohne die eigene Weltsicht mit der Realität abzugleichen und auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu prüfen, wird das antisemitische Weltbild manichäisch auf Juden/das Jüdischen projiziert. Antisemit(inn)en (schein-)reagieren auf eine nicht vorangegangene Aktion oder Äußerung (die eben lediglich von ihnen phantasiert wurde bzw. wird), wobei als "Jude" oder "jüdisch" auch Menschen oder Eigenschaften deklariert werden können, die es real nicht sind. Hier findet also eine Formierung einer Idee des Jüdischen statt, für die jüdische Kultur, Religion oder Geschichte zwar als Transparenzfolie dienen, aber letztlich willkürlich entstellt oder auch neu generiert werden. Der moderne Antisemitismus hat im Unterschied zum vormodernen Antijudaismus eine sich historisch entwickelnde und im 20. Jahrhundert weiter zuspitzende Abstraktionsleistung vollzogen: weg von realen Jüdinnen und Juden als Projektionsobjekte, hin zum fiktiven, völkisch fremd und als "das Andere" bestimmten "Juden", der lediglich durch die Antisemit(inn)en definiert wird und für den es keine hypothetische Möglichkeit mehr gibt, sich dem antisemitischen Wahn zu entziehen. Damit handelt es sich Hannah Arendt (1951) folgend in der Entwicklung des modernen Antisemitismus seit dem 18. und 19. Jahrhundert um einen sich radikalisierenden Prozess, bei dem antijüdische Vorurteile und Ressentiments zunehmend von der Realität gesellschaftlicher Provenienz entkoppelt werden, bis sie schließlich in der totalen Ideologie des Nationalsozialismus zur vollkommenen Abstraktion geworden sind, die "keiner Juden, sondern nur Judenbilder bedarf, um den Haß auf sie loszulassen" (Schulze Wessel/Rensmann 2003: 128).

In diesem Sinne sind für den Antisemitismus nicht historische Tatsachen, historische Konflikte und/oder gesellschaftliche Differenzen zwischen Juden und Nicht-Juden von Bedeutung, sondern die Vorstellung, die sich die Akteure "vom Juden" machen: "Die Erfahrung ist also weit davon entfernt, den Begriff des Juden hervorzubringen, vielmehr ist es dieser, der die Erfahrung beleuchtet; existierte der Jude nicht, der Antisemit würde ihn erfinden." (Sartre 1994: 12) Insofern ist für Sartre der Antisemitismus nicht von einem äußeren Faktor (der sozialen oder historischen Erfahrung) her erklärbar, sondern lediglich durch die formulierte und phantasierte Idee vom Juden. Nicht der reale Jude, nicht das reale Verhalten von Jüdinnen und Juden, sondern die Vorstellung, die sich die Antisemit(inn)en vom Juden machen, ist entscheidend.

Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne

Auf politischer und gesellschaftlicher Ebene hat der Antisemitismus in der aufkommenden Moderne sich insbesondere gegen die rechtliche und politische Emanzipation von Juden gerichtet. Der Radikalisierungsprozess hat dann durch die immer stärker werdende Betonung allgemeiner politischer Fragen über den Antisemitismus stattgefunden – einen Prozess, den Shulamit Volkov (1978) mit dem Begriff des cultural code, zu dem der Antisemitismus in diesem Prozess geworden ist, präzise gefasst hat. In Anlehnung an Reinhard Rürup (1975) und Norman Cohn (1967) charakterisierte Volkov Antisemitismus als umfassende alternative Weltanschauung, in der Juden zum Symbol der modernen Welt geworden seien und Antisemitismus insofern mit einer Vielzahl modernefeindlicher Einstellungen verbunden sei (vgl. Volkov 1978: 29f.). Volkov beschreibt einen kultursoziologischen Prozess der gesellschaftlichen Segmentierung und Homogenisierung, der zu einer symbolischen wie realen Polarisierung führte und antisemitische Denk- und Weltbilder als grundsätzliche Weltanschauung der Moderne charakterisiert, die zur Gegenbewegung von Aufklärungs- und Demokratisierungsvorstellungen wurde.

Das Wahnhafte an dem Prozess der antisemitischen Projektion konkretisierte und konkretisiert sich in einem Vorgang wechselseitiger Verkehrung der Relationen zwischen Individuum und Gesellschaft, einer Umkehrung des Innen und des Außen, von Psyche und Sozialität. In Anlehnung an Max Horkheimers und Theodor W. Adornos (1947: 220ff.) Ausführungen in der Dialektik der Aufklärung über Mimesis und falsche Projektion lässt sich dabei Folgendes sagen: die antisemitische Weltauffassung ist an einer projektiv-wahnhaften Transformation der äußeren Wirklichkeit interessiert, mit dem Ziel die gesellschaftliche Umwelt an die wahnhafte Triebstruktur des Individuums anzugleichen. Denn der moderne Antisemitismus vollzieht im Unterschied zum vormodernen Antijudaismus zwar eine Abstraktionsleistung, sucht dann aber wahnhaft nach konkreten Projektionsflächen und macht den Jüdinnen und Juden zum Vorwurf, nicht konkret, sondern abstrakt zu sein – etwa in Form der Ware oder des Geldes.

Damit werden in der antisemitischen Phantasie Juden zum Symbol für das Abstrakte als solches, was den höchst widersprüchlichen Gehalt antisemitischer Ressentiments begreifbar macht: den Juden wird die Abstraktheit und damit die Moderne zum Vorwurf gemacht, was Sozialismus wie Liberalismus, Video-Icon Kapitalismus wie Aufklärung, Urbanität, Mobilität oder auch Intellektualität gleichermaßen umfasst
Antisemitische Karikatur aus dem Jahre 1932Antisemitische Karikatur aus dem Jahre 1932 (© picture-alliance)
(vgl. Schoeps/Schlör 1995a). Einzig das Konkrete und im Politischen das Völkische werden nicht von der antisemitischen Phantasie erfasst: sie bilden den Gegenpol der Differenzierung zwischen allgemeiner und konkreter Denk- und Warenform und der daraus resultierenden Dichotomie von Weltgewandtheit und Bodenverbundenheit.

Moishe Postone (1982) hat betont, dass bestimmte Aspekte der Ausrottung des europäischen Judentums so lange unerklärlich bleiben müssten, wie der Antisemitismus als bloßes Beispiel für Vorurteile, Fremdenhass und Rassismus im Allgemeinen behandelt werde – also so lange, wie der Glaube fortbesteht, dass Antisemitismus lediglich ein Beispiel für Sündenbockstrategien sei, deren Opfer auch Mitglieder irgendeiner anderen Gruppe hätten gewesen sein können. Doch da die phantasierte Macht im Antisemitismus keinen identifizierbaren Träger hat, wird sie als wurzellos, ungeheuer groß und unkontrollierbar, vor allem aber als hinter der Erscheinung stehend und somit konspirativ, unfassbar empfunden – eben als abstrakt. Der nationalsozialistische Antisemitismus hat dabei versucht, dieses Abstraktum in der antisemitischen Vernichtung personifiziert zu konkretisieren, wobei die Shoah keine funktionelle Bedeutung gehabt hat, die Ausrottung der Jüdinnen und Juden kein Mittel zu einem anderen Zweck als der Vernichtung gewesen ist.

Bei dem antisemitischen Wahn hat es sich historisch nicht um ein individuelles, sondern ein über-individuelles Phänomen gehandelt, bei dem es nicht um einzelne Paranoiker/innen ging, sondern darum, dass die gesamte Gesellschaft das Wahnhafte des Antisemitismus sich zur Norm verklärte und somit historisch betrachtet das Phantasma der gesellschaftlichen Normalität durch den antisemitischen Wahn strukturiert wurde. Die Antisemit(inn)en entstellten sich ihren Wahn zur Wirklichkeit und versuchten die Wirklichkeit ihrer eigenen psychischen Devianz anzupassen. Der antisemitische Wahn steigerte sich dabei von einem nationalen Konzept der negativen Integration (vgl. Wippermann 1987: 36f.) hin zur Vernichtung der als nicht-identisch phantasierten Menschen mit dem konkreten Ziel der Herstellung von völkischer Homogenität und der Vernichtung der abstrakten Möglichkeit von Nicht-Identität und Ambivalenz. Die vom Nationalsozialismus exekutierte antisemitische Wahnstruktur ist dabei die deutlichste Hervorkehrung der gesellschaftlichen Wirklichkeit antisemitischer Phantasien, die Massenvernichtung der Jüdinnen und Juden die Utopie des modernen Antisemitismus, die in der Shoah auf barbarische Weise Wirklichkeit wurde – und deren Wiederholung in der Gegenwart neben dem rechtsextremen vor allem vom islamischen Antisemitismus erstrebt wird. Die Antisemit(inn)en wollen vernichten, was sie begehren, aggressiver Vernichtungswunsch und narzisstische Identifizierung gehören zusammen, der phantasierte Neid generiert den omnipotenten Wahn.

Der Beitrag basiert auf Überlegungen, die in "Globaler Antisemitismus. Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne" (Beltz Juventa, 2. Aufl., 2020; eine Lizenzausgabe ist bei der Bundeszentrale für politische Bildung als Band 10368 erschienen) entwickelt wurden.

Literatur

Adorno, Theodor W. 1951: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, in: Ders.: Gesammelte Schriften Bd. 4, Frankfurt 1997.

Adorno, Theodor W. 1966: Negative Dialektik, in: Ders., Gesammelte Schriften Bd. 6, Frankfurt 1997.

Arendt, Hannah 1951: The Origins of Totalitarianism, New York.

Cohn, Norman 1967: Warrant for Genocide. The Myth of the Jewish World Conspiracy and the Protocols of the Elders of Zion, London.

Freud, Sigmund 1908: Die "kulturelle" Sexualmoral und die moderne Nervosität, in: Ders.: Gesammelte Werke Bd. VII, Frankfurt 1999, S. 141–167.

Horkheimer, Max/Theodor W. Adorno 1947: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Amsterdam.

Ionescu, Dana/Samuel Salzborn (Hg.) 2014: Antisemitismus in deutschen Parteien, Baden-Baden.

Lentz, Astrid 1995: Ethnizität und Macht. Ethnische Differenzierung als Struktur und Prozeß sozialer Schließung im Kapitalismus, Köln.

Postone, Moishe 1982: Die Logik des Antisemitismus, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, H. 1, S. 13–25.

Rürup, Reinhard 1975: Emanzipation und Antisemitismus. Studien zur "Judenfrage" der bürgerlichen Gesellschaft, Göttingen.

Salzborn, Samuel 2010: Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich, Frankfurt/New York.

Salzborn, Samuel 2020: Globaler Antisemitismus. Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne, 2. überarb. u. erg. Aufl., Weinheim.

Sartre, Jean-Paul 1945: Portrait de l’antisémite, in: Les Temps modernes 1, H. 3, S. 442–470.

Sartre, Jean-Paul 1994: Überlegungen zur Judenfrage. Deutsch von Vincent von Wroblewsky, in: Ders.: Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Politische Schriften Bd. 2, Reinbek b. Hamburg.

Schoeps, Julius H./Joachim Schlör (Hg.) 1995: Antisemitismus – Vorurteile und Mythen, Frankfurt.

Schulze Wessel, Julia/Lars Rensmann 2003: Radikalisierung oder "Verschwinden" der Judenfeindschaft? Arendts und Adornos Theorien zum modernen Antisemitismus, in: Dirk Auer/Lars Rensmann/Julia Schulze Wessel (2003) (Hg.), Arendt und Adorno, Frankfurt.

Volkov, Shulamit 1978: Antisemitism as a Cultural Code. Reflections on the History and Historiography of Antisemitism in Imperial Germany, in: Yearbook of the Leo Baeck Institute XXIII, S. 25–46.

Wippermann, Wolfgang 1987: Probleme und Aufgaben der Beziehungsgeschichte zwischen Deutschen, Polen und Juden, in: Stefi Jersch-Wenzel (Hg.): Deutsche – Polen – Juden. Ihre Beziehungen von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert, Berlin.

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