Gemessen an Wahlerfolgen und Regierungsbeteiligungen ist es den Grünen schon in den 1990er-Jahren gelungen, der FDP die Position als dritte Kraft im deutschen Parteiensystem streitig zu machen. Diese Stellung konnten sie auch in der Konkurrenz mit der 2007 entstandenen gesamtdeutschen Linken behaupten. Erst durch das Erstarken der AfD am rechten Rand des Parteiensystems wurde und wird sie wieder gefährdet.
Die Hochburgen der Grünen befinden sich in den urbanen Zentren der alten Bundesrepublik und hier vor allem in den Universitätsstädten. In Stuttgart, Hannover, Wuppertal, Aachen, Bonn, Darmstadt, Freiburg und anderen Städten stellen sie oder stellten sie zwischenzeitlich die Oberbürgermeister. Bei der Bundestagswahl 2021 errangen die Grünen erstmals eine größere Zahl (16) von Direktmandaten. 2025 büßten sie vier davon wieder ein. In den Ländern waren sie Ende 2022 an mehr Regierungen beteiligt als SPD oder Union. Seit dem Verlust ihrer Regierungsbeteiligungen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg nach den dortigen Landtagswahlen im Spätsommer 2024 befinden sich die von den grün mitregierten Länder allesamt in Westdeutschland.
Wahlergebnisse
In Ostdeutschland schneidet die Partei traditionell schlechter ab als im Westen. Dass sie dort zwischen 2019 und 2024 außer in Mecklenburg-Vorpommern überall in den Regierungen saßen, war vor allem der Konstellation der Parteiensysteme geschuldet. Bei der Bundestagswahl 2025 erreichten die Grünen im Osten nur noch zwischen 4,2 und 6,6 Prozent der Stimmen, was den seit Mitte der 2000er Jahre einsetzenden Aufwärtstrend beendete. Landtags- und Bundestagswahlergebnisse liegen im Osten wie im Westen in etwa gleichauf. Im Westen befinden sich die Hochburgen der Partei in den Stadtstaaten. Unter den westdeutschen Flächenländern schneidet sie am besten in Baden-Württemberg ab, am schlechtesten in Rheinland-Pfalz und im Saarland, wo sie 2022 sogar den Einzug in den Landtag verfehlte.
Sozialwissenschaftler haben die Entstehung der Grünen auf die Herausbildung einer neuen Konfliktlinie in den westlichen Gesellschaften zurückgeführt, die durch den Gegensatz zwischen Ökonomie und Ökologie und einen Bedeutungsanstieg nicht-materieller („post-materialistischer“) Werthaltungen bestimmt sei. Im Unterschied zu ihren später entstandenen und weniger erfolgreichen Schwesterparteien in anderen Ländern konnten die deutschen Grünen dabei auf dem Fundament eines durch die Studenten- und Alternativbewegungen formierten Milieus aufbauen, dessen Kern die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer-Generation bildeten (Walter 2010: 73 ff.).
Wählerschaft
Vergleicht man die heutige Wählerschaft der Grünen mit ihrer Wählerschaft in der Entstehungs- und Etablierungsphase, so fällt zuerst der Altersanstieg ins Auge. Waren im Jahre 1980 fast 80 Prozent der Grünen-Wähler jünger als 35, so lag deren Anteil vierzig Jahre später nur noch etwas über 30 Prozent. Wahlforscher sprechen mit Blick auf diese Entwicklung vom „Ergrauen“ der Grünen. Viele Wähler, die die Partei in ihrer Entstehungsphase unterstützten, hielten ihr auch später die Treue (Klein 2022). Dieser Generationeneffekt wird allerdings durch ein lebenszyklisches Muster überlagert, das den Grünen in den nachwachsenden Alterskohorten der Jungwähler bis heute überdurchschnittliche Ergebnisse sichert. Hatte die Partei bereits bei der Bundestagswahl 2017 die prozentual größte Unterstützung mit knapp 15 Prozent von den 18- bis 24-jährigen Wählern erfahren und dort gegenüber 2013 am stärksten zugelegt, verbuchte sie nach einem erneut überproportionalen Zuwachs 2021 in dieser Gruppe mit 24 Prozent mehr Stimmen als Union und SPD zusammengenommen. In der nächstälteren Gruppe der 25- bis 34-Jährigen landete sie ebenfalls auf dem ersten Platz und konnte ihren Stimmenanteil gegenüber 2017 auf 22,9 Prozent verdoppeln. Am schwächsten blieb der Wählerspruch mit neun Prozent bei den über 60-Jährigen (Zahlen der repräsentativen Wahlstatistik).
Vor diesem Hintergrund nimmt sich der Absturz dramatisch aus, den die Grünen seit 2023 gerade in der Jungwählerschaft verzeichnen. Bei den Europawahlen fielen sie hier im Vergleich zu 2019 um mehr als 23 Prozentpunkte auf nurmehr 11,4 Prozent zurück, was sogar unter ihrem Gesamtergebnis lag. Bei der vorgezogenen Bundestagswahl 2025 schnitten sie in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen nur minimal besser ab als insgesamt (11,8 gegenüber 11,6 Prozent) – im Vergleich zu 2021 hatte sich ihr Wähleranteil damit mehr als halbiert. In der ältesten Wählergruppe blieb das Ergebnis dagegen konstant (8,9 Prozent).
Die Grünen werden häufiger von Frauen gewählt als von Männern. Bei der Bundestagswahl 2025 betrug das Verhältnis 12,5 zu 10,7 Prozent. Die Geschlechterlücke, die sich im Osten genauso zeigt wie im Westen, ist bei allen Bundestagswahlen seit 2002 feststellbar. In ihr spiegelt sich auch die feministische Ausrichtung der Partei, die den Kampf für die Gleichberechtigung von Anfang an auf ihre Fahnen geschrieben hatte.
Infolge des Generationeneffekts haben sich die Wähler der Grünen in ihrer sozialen Zusammensetzung stark verändert (Klein 2022). Die Jungwähler aus den 1980er-Jahren sind heute beruflich, familiär und gesellschaftlich arriviert. Die „Verbürgerlichung“ der Grünen ist daran ablesbar, dass ihre Wähler nicht nur über die höchsten Bildungsabschlüsse verfügen, sondern auch überdurchschnittlich verdienen. Viele von ihnen stehen deshalb nur noch in gesellschaftspolitischen Fragen klar links, nicht mehr dagegen in der Sozial- und Wirtschaftspolitik. Ein überraschend hoher Anteil der Wähler versteht sich sogar als unpolitisch und präferiert die Partei vor allem aus Lifestyle-Gründen – etwa beim Kauf von Bio-Lebensmitteln (Walter 2010: 80 ff.).
Vornehmlich im Dienstleistungs- und Bildungsbereich beschäftigt, lässt sich die Grünen-Wählerschaft sozialstrukturell überwiegend den neuen Mittelschichten zuordnen. Unter Arbeitern und gering Qualifizierten konnte die Partei bisher nur wenig Unterstützung verbuchen. Bei den Arbeitslosen erreichte sie 2021 allerdings einen deutlichen Zuwachs, der auf die wieder stärker links ausgerichteten Forderungen im Wahlprogramm zurückzuführen sein dürfte und sich zugleich in der Wählerwanderung widerspiegelt. Laut dieser gewannen die Grünen bei der Bundestagswahl 2021 in etwa gleich viel Stimmen von früheren Linken-, SPD- und Nichtwählern wie von Unions- und FDP-Wählern. Bei der Bundestagswahl 2025 kehrten ihr die meisten davon wieder den Rücken zu. Der größte Abfluss ging dabei in Richtung der Linken, die hier vor allem in den jüngeren Alterskohorten massiv von enttäuschten Grünen-Wählern profitierte (Zahlen von Infratest dimap).