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Klimawissen: Unerlässlich, aber nicht genug

Victoria Brandemann

/ 8 Minuten zu lesen

Dass sich die Erde erwärmt und der Mensch darauf Einfluss hat, wissen wir schon sehr lange. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen den Klimawandel seit etwa 200 Jahren und haben eine solide Wissensgrundlage geschaffen. Warum fällt das Handeln in der Klimakrise so schwer?

Das Schiff Polarstern des deutschen Alfred-Wegener-Instituts ermöglichte es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, wichtige Informationen über die Auswirkungen der globalen Erwärmung in der Arktis zu sammeln. Das Team von mehreren hundert Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus 20 Ländern konnte sich von den dramatischen Auswirkungen der globalen Erwärmung auf das Eis in der Region überzeugen, die laut Missionsleiter Markus Rex als "Epizentrum des Klimawandels" gilt. (© picture alliance / abaca | ABACA)

Was würde Joseph Fourier zu dem heutigen Wissensbestand über den Klimawandel sagen? Der französische Mathematiker kam 1824 zu der Erkenntnis, dass bestimmte atmosphärische Gase eine isolierende Wirkung haben und somit die Erdtemperatur beeinflussen. Dieses Phänomen wurde später als natürlicher Treibhausgaseffekt bezeichnet. 1895 erkannte Svante Arrhenius als Erster, dass dieser natürliche Effekt, der das Leben auf der Erde erst möglich macht, von den Menschen beeinflusst werden kann. Der schwedische Physiker und Nobelpreisträger für Chemie errechnete für den Fall der Verdopplung des Kohlendioxids in der Atmosphäre einen Temperaturanstieg von vier bis sechs Grad. In den letzten beiden Jahrzehnten konnte Dank des Einsatzes zahlreicher Wissenschaftler*innen und deren Zusammenarbeit im Rahmen des Interner Link: Weltklimarats inzwischen der letzte Zweifel ausgeräumt werden, dass der Mensch Hauptverursacher des Klimawandels seit Beginn der Industrialisierung ist.

Woher kommt das Klimawissen?

Wenn wir morgens nach draußen schauen, können wir meist abschätzen, wie das Wetter in den nächsten Stunden sein wird. Das (langfristige) Klima ist allerdings schwieriger zu messen und vorauszusagen, dazu bedarf es spezieller Instrumente und Methoden. Dafür befinden sich auf der ganzen Welt Wetterstationen, die Wetterdaten sammeln und dabei helfen, das sich verändernde Klima der Erde zu überwachen. Zusätzliche Daten liefern Satelliten im Weltraum, die mit Messinstrumenten ausgestattet sind. Sie können Bilder der Erdoberfläche aufnehmen und Temperaturen messen. Anhand der Daten sehen Wissenschaftler*innen beispielsweise, wie viel Meereis noch vorhanden ist oder wie hoch die Meerestemperaturen sind.

Durch die Wetteraufzeichnungen haben wir solide Kenntnis darüber, wie sich die globalen Temperaturen in den letzten anderthalb Jahrhunderten verändert haben. Seit dem Jahr 1881 können für Deutschland Mittelwerte für die Temperatur berechnet werden. Aber wie lassen sich Rückschlüsse über die Erdatmosphäre und Umweltbedingungen aus Zeiten ziehen, die noch viel weiter zurückliegen?

Ein gerade entnommener Eisbohrkern bei der Katalogisierung am Kaunertaler Gletscher am Freitag, 4. März 2022. Aufgrund der Einschlüsse in Eisbohrkernen kann eine Geschichte des Klimas und dessen Veränderung rekonstruiert werden. (© picture-alliance, ROLAND SCHLAGER / APA / picturedesk.com | ROLAND SCHLAGER)

Tatsächlich hat die Natur ihre eigenen Aufzeichnungen geführt. Schon vor Jahrtausenden hat das Klima Spuren in der Umwelt hinterlassen, die heute noch ausgewertet werden können. Bereits Leonardo da Vinci hatte vermutet, dass die Jahresringe von Bäumen die klimatischen Wachstumsbedingungen widerspiegeln. Diese indirekten Datenquellen über das Klima werden Proxys genannt. So können neben Baumringen, z.B. aus Eisbohrkernen, Korallen und Sedimenten, Rückschlüsse auf das Klima oder die Umweltbedingungen vergangener Zeiten gezogen werden.

Mit diesen Proxys können wir unser Wissen über das Klima der Vergangenheit um Hunderte von Millionen von Jahren erweitern. Je mehr Proxydaten in einer Region vorhanden sind, desto verlässlicher ist dort die Rekonstruktion der Klimadaten. Proxydaten wurden auch verwendet, um nachzuweisen, dass die letzten Jahrzehnte die heißesten der letzten 1000 Jahre sind.

Um Aussagen über das Klima der Zukunft treffen zu können, erstellen Forscher*innen Klimaprojektionen. Anhand von Externer Link: Klimamodellen, die das Klimasystem der Erde simulieren, können vergangene Klimaentwicklungen verlässlich rekonstruiert werden und künftige Entwicklungen projiziert werden. Die Projektionen basieren auf verschiedenen Zukunftsszenarien, also Annahmen über die zukünftige Entwicklung von Faktoren, die das Klima beeinflussen. Projektionen sind "Wenn-Dann-Aussagen". Allgemein gesagt: Wenn die Annahmen der ⁠Szenarien eintreffen, dann könnte das Klima sich wie mit dem Klimamodell berechnet ändern.

In den 1960er Jahren steckten Klimamodelle noch in den Kinderschuhen. Sie wurden aber seitdem kontinuierlich weiterentwickelt und verbessert. Die Qualität der Klimamodelle zeigt sich unter anderem daran, wenn einstige Projektionen mit der später beobachteten Realität weitestgehend übereinstimmen. Dies funktioniert inzwischen sehr gut. Natürlich handelt es sich bei den Ergebnissen von Klimamodellen trotzdem nicht um Zukunftsprognosen, sondern um Klimaprojektionen, die meist den Mittelwert von mehreren berechneten Szenarien darstellen. Durch die Komplexität des Klimasystems können Abweichungen nie vollkommen ausgeschlossen werden. Dennoch können Computermodelle inzwischen globale, langfristige Externer Link: Klimatrends zuverlässig simulieren.

Wissenschaftliche Politikberatung durch den Weltklimarat

Dass die Bekämpfung des Klimawandels weltweit hoch auf der politischen Tagesordnung steht, ist unter anderem auf die Arbeit des Externer Link: Weltklimarats (IPCC - Intergovernmental Panel on Climate Change) zurückzuführen. Dieses wissenschaftliche Gremium wurde 1988 von der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) und dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) gegründet, um den politischen Entscheidungsträgern regelmäßig wissenschaftliche Einschätzungen zum aktuellen Wissensstand über den Klimawandel zu liefern. Der IPCC ist gleichzeitig ein wissenschaftliches und zwischenstaatliches Gremium. Mitglieder des Weltklimarats sind Staaten, die entweder Mitglieder der Vereinten Nationen oder der Welt-Meteorologie-Organisation WMO sind.

Externer Link: Zum PDF (CC, Neuer UN-Klimabericht: mehr Daten, besseres Wissen © 2021 von Bernd Hezel, Philip Hillers, Toralf Staud | Gestaltung: Climate Media Factory | Herausgeber: Deutsches Klima-Konsortium, klimafakten.de, Climate Change Centre Austria and MeteoSwiss) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Die Berichte des IPCC werden aber ausschließlich ehrenamtlich von Wissenschaftler*innen Externer Link: nach strengen Vorgaben verfasst. Sie tragen aktuelle Forschungsergebnisse zusammen, die weltweit publiziert worden sind. Dabei stützen sich die Autor*innen vor allem auf Studien, die vor ihrer Veröffentlichung von Fachkolleg*innen begutachtet und akzeptiert worden sind (Interner Link: Open Access ). Neben wissenschaftlichen Fachzeitschriften werden auch andere Veröffentlichungen ("graue Literatur") herangezogen, wobei diese dann besonders sorgfältig geprüft werden. Auf Basis der Auswertungen wird der Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse über Ursachen, Folgen sowie Risiken des Klimawandels in sogenannten Sachstandsberichten zusammengefasst. Diese zeigen zudem Möglichkeiten auf, wie die Menschheit den Klimawandel bremsen und wie sie sich daran anpassen kann.

Jeder IPCC-Bericht enthält eine Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger, die als letzter Schritt der Berichtserstellung auf einer Plenarsitzung verabschiedet wird. Nur diese Zusammenfassung können Regierungen direkt beeinflussen. Schlagen Regierungen Umformulierungen vor, werden diese von den Autor*innen auf wissenschaftliche Korrektheit überprüft. Tatsächlich wird die Zusammenfassung Satz für Satz durchgegangen und bei strittigen Formulierungen so lange nach einer Lösung gesucht, bis alle Mitgliedsstaaten einverstanden sind.

Der Vorteil dieses Verfahrens ist, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse durch die Regierungen explizit anerkannt werden. Die Einbindung der Regierungen trägt somit zu der besonderen politischen Legitimität des IPCC insgesamt bei. Die Erkenntnisse des Weltklimarats haben auch deshalb großen Einfluss auf Interner Link: Internationale Klimakonferenzen und die öffentliche Meinung.

Da wissenschaftliche Erkenntnisse oft mit bestimmten Unsicherheiten behaftet sind, stellen die Berichte konträre Ansichten, Wissenslücken und das wissenschaftliche Vertrauen in die Korrektheit von Aussagen transparent dar. Dafür wurde eigens ein Kommunikationsleitfaden entwickelt, um das wissenschaftliche Vertrauen einheitlich darzustellen. Grundsätzlich gilt: Je mehr Belege für eine Aussage vorliegen und je stärker sie übereinstimmen, desto robuster ist diese Aussage. So können Erkenntnisse mit einem unterschiedlichen Vertrauensniveau (sehr gering, gering, mittel, hoch und sehr hoch) versehen werden oder es wird sogar – bei ausreichend hohem Vertrauensniveau – eine statistische Wahrscheinlichkeit beziffert. Die Vorgaben der Sprachregelung um die Wahrscheinlichkeit von Erkenntnissen anzugeben reicht von "praktisch sicher" (99–100 % Wahrscheinlichkeit) bis "besonders unwahrscheinlich" (0–1 % Wahrscheinlichkeit).

So steht im Externer Link: sechsten IPCC-Sachstandsbericht von 2021 beispielsweise, dass "jedes zusätzliche 0,5°C globaler Erwärmung zu deutlich erkennbaren Zunahmen der Intensität und Häufigkeit von Hitzeextremen [führt], einschließlich Hitzewellen (sehr wahrscheinlich), und Starkniederschlägen (hohes Vertrauen) sowie landwirtschaftlichen und ökologischen Dürren in manchen Regionen (hohes Vertrauen)" (Intergovernmental Panel on Climate Change, 2021).

Im Jahr 2007 erhielten der IPCC und der amerikanische Vizepräsident Al Gore gemeinsam den Friedensnobelpreis für ihre Bemühungen, mehr Wissen über den vom Menschen verursachten Klimawandel aufzubauen und zu verbreiten. In der Begründung des Nobelkomitee heißt es: "Während die Erderwärmung in den achtziger Jahren noch eine interessante Hypothese zu sein schien, brachten die neunziger Jahre mehr sichere Beweise zu ihrer Erhärtung. In den letzten Jahren sind die Verflechtungen noch deutlicher und die Konsequenzen noch offensichtlicher geworden."

Die unterschätzte Kraft der Zweifel

Die Tatsache, dass der Klimawandel präventives Handeln erfordert, hat Politiker*innen vor besondere Herausforderungen gestellt. Trotz des wissenschaftlichen Konsenses zweifeln bis heute Menschen an dem menschengemachten Klimawandel. Das Phänomen reicht von Unwissenheit über Skepsis bis zu wissentlicher Leugnung der Fakten. Schließlich gibt es Menschen und Gruppierungen, die die mit dem Klimawandel verknüpften Unsicherheiten gezielt ausnutzen, um aus unterschiedlichen Motiven heraus Zweifel zu säen. Desinformationskampagnen zu entlarven, ist für Laien angesichts des komplexen Themas nicht leicht.

Externer Link: Zum PDF (klimafakten.de) Lizenz: cc by-nd/4.0/deed.de

Um Bürger*innen dabei zu helfen, die Taktiken von Klimaleugner*innen zu enttarnen, hat der Externer Link: Kognitionspsychologe John Cook die fünf gängigsten Kommunikationstricks auf den Punkt gebracht. Im deutschen ergeben diese das Akronym Interner Link: "PLURV", zusammengesetzt aus den Anfangsbuchstaben von "Pseudo-Experten", "Logik-Fehler", "Unerfüllbare Erwartungen", "Rosinenpickerei" und "Verschwörungsmythen". So sind beispielsweise verfälschte Darstellungen oder falsche Schlussfolgerungen aus korrekten Informationen von Laien schwierig zu identifizieren und werden deshalb oft kommuniziert um Zweifel zu erzeugen (Logik-Fehler).

Angesichts der dramatischen Zunahme extremer Wetterereignisse scheinen die wissenschaftlichen Beweise allerdings nicht mehr so leicht zu bestreiten zu sein. Expert*innen befürchten deshalb, dass Klimaschutzgegner*innen in Zukunft ihre Strategie ändern und sich darauf fokussieren, politisches Handeln zu verzögern. Während früher der wissenschaftliche Konsens angezweifelt wurde, scheint nun die Vertrauenswürdigkeit von Expert*innen oder der Klimabewegung insgesamt in Frage gestellt zu werden.

Eine andere Taktik besteht darin, Zweifel an der Effektivität vorgeschlagener Klimaschutzmaßnahmen zu schüren oder zu behaupten, dass eh alles zu spät sei. Gängiges Mittel sind auch Ablenkungsmanöver, wie die übertriebene Betonung, dass jeder einzelne*r Bürger*in für den Klimawandel verantwortlich ist, um von systemischen Lösungen abzulenken.

Brauchen wir eine neue Klimakommunikation?

Große Überraschungen haben die letzten Berichte des Weltklimarats nicht enthalten. Schon lange ist klar, dass dringend gehandelt werden muss. Viele Menschen kennen die Fakten, werden aber trotzdem nicht aktiv. Was hindert uns daran? Wie kann die gesellschaftliche Akzeptanz für Klimaschutzmaßnahmen gefördert werden? Auf viele Menschen wirken die Berichte des Weltklimarats bedrückend. Zu viele negative Nachrichten auf einmal können lähmen. Deshalb beschäftigen sich immer mehr Expert*innen mit dem Thema Klimakommunikation. Dabei geht es nicht nur darum, Klimawissen anschaulicher zu kommunizieren, sondern auch Lust auf den Wandel hin zu einer klimaneutralen Zukunft zu machen. Ein Beispiel für Ersteres ist die Sprachwahl. Carel Mohn, der Chefredakeur von klimafakten.de, erzählt in einem Externer Link: Interview beispielsweise, dass er inzwischen häufiger von "Erdüberhitzung" statt von Klimawandel spricht. Auch eine zielgruppengerechte Ansprache sei wichtig.

Dank Erkenntnissen aus der Psychologie und Sozialforschung ist klar, dass neben Fakten auch andere Faktoren zum Handeln motivieren. Die besten verfügbaren Forschungsergebnisse sind zwar wichtig für die politische Entscheidungsfindung, aber positive Botschaften können effektiver sein, um Menschen für Klimaschutz zu motivieren. Deshalb sollte die Kommunikation über den Klimawandel lösungsorientiert sein. Messbare Erfolge zum Beispiel wirken sehr motivierend. Vorbilder und gelungene Projekte laden zum Nachahmen ein. Die Vorteile von Klimaschutzmaßnahmen sollten stärker im Vordergrund stehen, sagen Expert*innen. Ein Beispiel dafür sind neue Jobs, die durch den Wandel entstehen werden. Welche Vorteile in der Lebensqualität kann beispielsweise ein Stadtviertel mit weniger Autos bringen? Erfolgreiche Kommunikation gelingt laut Expert*innen, wenn sie lebensnah ist und Emotionen anspricht.

Weitere Inhalte

B.A in Politikwissenschaft und M.Sc. in Umweltmanagement, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Forschungsbereichs Internationale Klimapolitik am Wuppertal Institut. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Klimapolitik und internationale marktbasierte Klimaschutzmechanismen