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EU-Übersetzerin für die Region Einblick: Arbeitstagebuch einer Europa-Korrespondentin

Katrin Teschner

/ 3 Minuten zu lesen

Rund 1.200 Journalisten sind in Brüssel eingeschrieben – mehr als bei den Vereinten Nationen in New York. Die meisten arbeiten für Nachrichten-Agenturen, Fernsehsender oder große nationale Zeitungen. Korrespondenten für Regional- oder Lokalzeitungen sind dagegen rar. Obwohl sich Europa-Politik bis auf die Städte- und Gemeindeebene auswirkt, leisten sich noch wenige Redaktionen eigene Korrespondenten in der EU-Hauptstadt. Wer doch vor Ort ist, versteht sich oft als Übersetzer komplizierter EU-Entscheidungen. Wie ein typischer Arbeitstag in Brüssel aussieht, beschreibt Katrin Teschner in einem fiktiven Tagebuch. Die Journalistin war mehrere Jahre Korrespondentin fürs Lokale in Brüssel.

Den Überblick behalten in EU-Entscheidungen: Allein das Parlament fasst 754 Abgeordnete, hinzu kommen weitere Institutionen, Ausschüsse und Anlaufstellen. (European Union 2011 PE-EP/Pietro Naj-Oleari/ flickr.com) Lizenz: cc by-nc-sa/2.0/de

9 Uhr: Die Frau kann es nicht glauben. "Sind Sie freiwillig nach Brüssel gegangen?", fragt sie am Telefon. Ich erfahre, dass sie Leserin der Zeitung ist, einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb in der Nähe von Braunschweig hat und sich maßlos ärgert über die EU-Bürokratie. "Ich bin gerne hier", kann ich sie beruhigen. Solche Fragen sind keine Seltenheit: Wenn ich in Deutschland bin, werde ich immer wieder nach meinem Leben in der EU-Hauptstadt gefragt und oft schwingt Erstaunen und Mitleid mit – als sei es unvorstellbar, dass es sich bei meinem Job in Brüssel nicht um eine Strafversetzung handelt. Doch als es eine neue Korrespondentenstelle in Brüssel zu besetzen galt, hatte ich sofort den Finger gehoben: Zu erleben, wie politische Entscheidungen zustande kommen, die Akteure aus nächster Nähe zu beobachten – und das auch noch in einem internationalen Umfeld – das reizte mich. Zu Unrecht leidet Brüssel immer noch an dem grauen Image, das die Stadt als Sitz der Europäischen Union hat. Die meisten schätzen Europa als Idee, verabscheuen aber die Verwaltung dieser Idee. Meine Aufgabe ist es, die EU den Menschen in meiner Heimat näher zu bringen, zu erklären, welche Auswirkungen die politischen Entscheidungen auf ihr Leben haben. Und dazu gehört auch das direkte Gespräch mit den Lesern am Telefon.

9.30 Uhr: Ich treffe mich mit meinen Kollegen zur Morgen-Konferenz. Wir arbeiten im Team für verschiedene Regionalzeitungen; das hat den Vorteil, dass sich jeder Korrespondent auf bestimmte Themen konzentrieren kann. Ich bin auf die Bereiche Innenpolitik, Umwelt, Gesundheit, Regionalförderung und Verbraucherschutz spezialisiert. An diesem Vormittag wird die EU-Kommission europaweit einheitliche Standards für die Organspende vorstellen.

10 Uhr: In einer E-Mail an die Redaktionen stellt jeder sein Tagesthema vor. In den vorigen Tagen war durchgesickert, dass die EU so genannte Transplantationsbeauftragte für jedes Krankenhaus vorschlagen wird. Also füge ich noch einige Tipps und Fragen für die lokale Recherche an: Gibt es im örtlichen Krankenhaus schon solche Beauftragte und wie arbeiten sie? Wie geht es Menschen, die auf eine Niere oder Lunge warten? Mit den praktischen Tipps und dem direkten Link in die Region ist die Chance größer, dass der Bericht auch Beachtung findet und nicht nur als kleine Meldung in der Randspalte landet.

12 Uhr: Um die 1.200 eingeschriebenen Journalisten mit Informationen zu versorgen, bittet die EU-Kommission jeden Mittag zum sogenannten Briefing. Der Pressesaal liegt im Erdgeschoss des Berlaymont-Gebäudes, dem zentralen Sitz der Europäischen Kommission, von jedem der 27 EU-Kommissare ist ein Sprecher vertreten. In Englisch oder Französisch beantworten sie Fragen zu den Themen des Tages, in diesem Fall zur neuen Transplantationsrichtlinie – meist sind es knappe Sätze, mit denen sie den Inhalt von Pressemitteilungen zusammenfassen. Wer kritischer nachhaken will, muss sich andere Kanäle suchen – die Sachbearbeiter in den Generaldirektionen zum Beispiel – Menschen, die hinter den Kulissen arbeiten, die niemals mit Namen zitiert werden dürfen, aber eine wertvolle Informationsquelle sind.

Journalisten während einer Pressekonferenz im Justus-Lipsius-Gebäude. (European Union 2011 PE-EP/Pietro Naj-Oleari/flickr.com) Lizenz: cc by-nc-sa/2.0/de

15 Uhr: Gegenüber der EU-Kommission liegt das Justus-Lipsius-Gebäude, ein Granitblock in Braun. Hier tagen die Fachminister der 27 EU-Länder, hier kommen die Staats- und Regierungschefs viermal im Jahr zu ihren Gipfeltreffen zusammen. Auch sie informieren in Pressekonferenzen über die Ergebnisse der Beratungen. An diesem Tag sind die EU-Innenminister zusammengekommen. Es geht um das geplante Fluggastdaten-Abkommen mit den USA. Die EU soll US-Fahndern Zugriff auf sensible Passagier-Daten erlauben, die Diskussion ist seit Monaten festgefahren. Aber man kann nicht wissen, ob es nicht möglicherweise doch noch eine Einigung gibt. Die Heimatredaktionen wollen genau wissen, welche Auswirkungen das Abkommen für Fluggäste hat und welche Daten gespeichert werden sollen. Ein EU-Beamter nennt mir am Rande der Sitzungen einige Details, aber die Recherche ist noch nicht rund – ich werde sie vertagen müssen.

18 Uhr: Den angekündigte Bericht über die Transplantations-Richtlinie habe ich an die Zeitungen geschickt – und auf Bitten einiger Redaktionen auch noch einen Kommentar zu dem Thema geschrieben.

19.30 Uhr: In einer Kneipe treffen sich EU-Abgeordnete zum Hintergrund-Gespräch über EU-Vorgaben zum Klimaschutz. Auch wenn man nur einen Bruchteil der Informationen später einmal für seinen Artikel verwenden kann, Kontaktpflege ist wichtig. Feste Zeiten gibt es für EU-Korrespondenten nicht, ein Arbeitstag kann mal um 18 Uhr enden, mal erst weit nach Mitternacht – aber langweilig wird es nie.

Katrin Teschner war von 2007 bis 2010 Korrespondentin in Brüssel für die WAZ-Mediengruppe, heute ist sie leitende Redakteurin in der Chefredaktion der Braunschweiger Zeitung. Außerdem ist sie Mitglied des Projektteams des bpb-Lokaljournalistenprogramms.